Stalinismus und Umgebung (6) – Kommen die Diskutanten B und O allmählich zum Kern?

Die Wendung „Stalinismus und Umgebung“ taucht hier nicht zum ersten Mal auf.

Die Postings 4 und 5 dieser Reihe sind davon geprägt, dass B und O, die sich beide um FREIES DENKEN bemühen (das sie offenbar auch als FREIE ÖFFENTLICHE ÄUßERUNG verstehen!), ihre komplexen Argumente vorbringen und austauschen bzw. messen.

Im Posting 4 hat B eingangs darauf hingewiesen, wie diffus und unbestimmt-vielfältig die Formulierung „Verbrechen Stalins“ ist, und O hat erläutert, dass die Fokussierung auf „Verbrechen Stalins“ zum guten Teil diskussionstaktisch bestimmt war und es eigentlich darum geht, viel grundsätzlicher an das Problem heranzugehen.

Im Posting 5 kamen B und O (und Kommentator Karsten Seel) an Hand statistischer Daten über politisch motivierte Todesurteile des Stalin-Regimes durchaus zu verurteilenden Einschätzungen (das ist der augenblickliche, noch nicht von allen Diskutanten bestätigte Stand). Auch wurde begonnen, das Verhältnis Lenin/Stalin konkreter zu betrachten. Darüber hinaus weitete sich die Fragestellung in Richtung: „Was ist und wie entsteht das Recht der Revolution?“

Hier hat wieder B das Wort:
„4. Auf einer Konferenz zur Oktoberrevolution hätte es tatsächlich nahegelegen, diese Frage zu diskutieren: Was ist revolutionäres Recht? Was ist eine Revolution? Im Sinne von Systemen ist Revolution ein Sprung. Das alte Recht gilt nicht mehr, das neue Recht noch nicht. Revolutionäres Recht ist also nur ein anderer Ausdruck für Recht des Stärkeren in einer Umbruchsphase. Wenn man die Analogie zur Oktoberrevolution haben will, dann ist diese mit den Lynchmorden der Soldaten an ihren Offizieren im wesentlichen eine Revolution von unten, während die Jahre 1936/37 eine Revolution (oder meinetwegen Konterrevolution) von oben sind.

Es ist also vollkommen sinnlos, sich über Rechtsverletzungen in einer Revolution zu ereifern. Es ist zweitens vollkommen sinnlos, auf Stalin als Person – im guten wie im bösen – zu fokussieren, da kein einzelner Mensch 11 Millionen Menschen repressieren oder den Krieg gewinnen kann. Das können nur Systeme, Organisationen. Die Person an der Spitze ist „Repräsentant“ des Systems und entspricht dem System durch seine Charaktereigenschaften, käme andernfalls nicht an dessen Spitze. Gilt für die UdSSR wie für den Freidenkerverband.Eine Bewertung der Repressalien ist also im Kern eine Bewertung des sowjetischen Systems. 

5. Jetzt diskutiere ich das Vorzeichen, indem ich die Rahmenbedingungen referiere…“

O: Die „Diskussion der Vorzeichen“ leitet bereits zum nächsten Posting über…

Zunächst möchte ich beim oben Gesagten verweilen, bei den ersten drei Zeilen: Die Argumentation gleitet ganz schnell von einem historischen Ereignis „Oktoberrevolution“ (das nicht Wenige zum größten Faktum der Weltgeschichte erklärten) ins Allgemeine „eine Revolution“ (unter anderen) und noch abstrakter ins Systemtheoretische oder abstrahiert (Schein-)Dialektische: „Sprung“; kommt sozusagen zum „Alles und Nichts“. In dieser dünnen Luft herrscht Spekulation. Irgend etwas gilt nicht mehr, irgend etwas gilt noch nicht, woran bloß festhalten? Richtig: Am Recht des Stärkeren! Wer am besten draufhaut, ist der Revolutionär (oder Konterrevolutionär – ist eh dasselbe) und hat Recht.

Tatsächlich aber ist die Große Sozialistische Oktoberrevolution (und ihr gleich die „Pariser Commune“, hier am 17., 18. oder 19.11. erneut zu besichtigen) von ihrer ersten Stunde an wesentlich eine POSITIVE SETZUNG. Darin unterscheiden sich beide qualitativ von jeder anderen Revolution. Bezüglich Frauen hat das in der erwähnten Freidenkerkonferenz Helga Hörz gut herausgearbeitet.

Jede Handlung Lenins, des Führers der Revolution, ist von diesem GEIST DES POSITIVEN – nicht nur Geist, von diesem Programm – erfüllt. Natürlich hatte die Oktoberrevolution, wie jede Revolution, auch die Aufgabe der Zerstörung. Viele (auch Parteiführer) haben an dem Zerstörungswerk mitgewirkt, ohne von Anfang an die ganze Tragweite der Revolution begriffen zu haben. Die Arbeiter, die werktätigen Bauern, die unterdrückten Völker, so Lenins geistig-moralische Gewissheit und praktische Politik, können sich zur historischen Perspektive der Oktoberrevolution voll und ganz hinaufarbeiten. Diesen „Hinaufarbeitsprozess“ zu organisieren – einen wahrhaft umfassenden Prozess der menschlichen Selbstermächtigung – das war die Aufgabe der Bolschewiki und ihrer Führer. Diese Politik hat Lenin ohne jedes Schwanken verfolgt. Deshalb ist er einer der größten Humanisten. Zu dieser allumfassenden Aufgabe, so scheint mir, hatte Stalin keinerlei Zugang. Bestenfalls Teilfragen dieses Prozesses traten in seinen Horizont. Das erwies sich mit der ersten Stunde, in der er Verantwortung für das Ganze übernommen hatte. Das ist der tiefe Inhalt von Lenins Forderung, Stalin aus der übergreifenden Verantwortung zu entfernen.

Es versteht sich dass die Aufgabe der Revolution im hier skizzierten Sinn weit, weit über eine juristische Fragestellung hinausgeht. Aber natürlich hat sie auch die juristische Seite, und speziell der Alltag der 10, 20 oder gar 30 Jahre alten Revolution hatte Anspruch auf ein bis ins Feinste ausgearbeitetes, jeden sowjetischen Menschen schützendes und förderndes, uneingeschränkt wirksames Rechtssystem. Es gab keine historische Gesetzmäßigkeit eines „revolutionären“ Rechtsnihilismus, noch gab es die historische Vorbestimmung, dass der „Rechtsstaat“ von Bürgerlichen erfunden werden musste. Ich halte es deshalb keineswegs für sinnlos, sowohl über Gerechtigkeit, als auch über Recht in den Jahren und Jahrzehnten der Sowjetunion zu streiten.

Das all das ohne „Fokussierung“ auf Personen zu diskutieren sei, weil diese ja nur „Repräsentanten“ von Systemen seien, scheint mir eine recht schematische Sicht auf historische Prozesse. Doch die Dialektik von „Persönlichkeit und Geschichte“ ist ein weites Feld, das ich jetzt nicht betreten möchte.

Dass die Debatte fortgesetzt wird, zumindest mit der „Diskussion der Vorzeichen“, ist ja oben bereits angekündigt.

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