Stalinismus und Umgebung (7) – Forschungsfragen?

Nach dem letzten Posting  von B und O nun also zur angekündigten  „Vorzeichenproblematk“, aus der B „Forschungsfragen“ableitet:

B: „… Jetzt diskutiere ich das Vorzeichen, indem ich die Rahmenbedingungen referiere. 12 Jahre nach dem Sieg im dreijährigen Bürgerkrieg kommt in Deutschland der Faschismus an die Macht und beginnt mit zielstrebigen Kriegesvorbereitungen gegen die UdSSR. Daß er sich wird auf die mit Mühe geschlagenen konterrevolutionären Kräfte im Krieg stützen können, ist klar.

Der Krieg kommt, und man kann konstatieren: Es gab im sowjetischen Hinterland keine wirkungsvolle Kollaboration, Zersetzung, Sabotage, Diversion, nicht einmal eine halbwegs taugliche Spionage. Ausnahme: Baltikum und Westukraine, also gerade diejenigen Gebiete, die 1937/38 nicht repressiert wurden, weil sie nicht Bestandteil der UdSSR waren.

Ich glaube, folgendes feststellen zu können: Selbst wenn vielleicht 99% der Opfer der Repressalien im Sinne der Anklage unschuldig waren, so haben die Repressalien die deutsche Kriegsführung hinter den feindlichen Linie quasi ausgeschaltet.

Somit müßte man meines Erachtens einige Forschungsfragen wie folgt formulieren: 

– Wieviel Prozent der Opfer waren wirklich Parteigänger der Konterrevolution?

– Wieviel Schaden bringt ein unerkannter Spion/Diversant etc. im Krieg?

Hier ist zu beachten, daß der Schaden im allgemeinen um so höher sein wird, je höher er in der Hierarchie steht. Innerhalb der Repressalien beobachte ich folgende Gesetzmäßigkeit: Der Anteil der Opfer ist umso höher, je weiter man in der Hierarchie nach oben kommt. Daraus erklärt sich automatisch die von Dir benannte Tatsache, daß die meisten Opfer der Repressalien Mitglieder der KPdSU gewesen seien, was ich nicht überprüft habe, aber für plausibel halte. …

– Wieviel Schaden entstand der Revolution durch die Repressalien? (Wobei moralischer Niedergang durch massenhaftes Unrecht in die Betrachtung einzubeziehen ist.)

– Wäre es möglich gewesen, im Rahmen der bestehenden Rechtsordnung der Sowjetunion die präventive Kollaboration mit dem Feind annähernd ebenso wirksam zu bekämpfen wie durch die Säuberungen/Repressalien?

Erst wenn man solche Dinge untersucht, wird man m.E. einer historisch angemessenen Einschätzung näherkommen, wie sich die Säuberungen/Repressalien real ausgewirkt haben. Denn daß Unschuldige umkommen, trifft ja im Krieg sowieso zu. Und der einzige Maßstab, Unrecht zu bewerten, ist ja wohl der quantitative….“

O entgegnet:

B, der Historiker, kündigt an, „Rahmenbedingungen zu referieren“, vielleicht kann danach ein „Vorzeichen“ vergeben werden. Wer nun den Ansatz einer historisch-konkreten, genauer: historisch-materialistischen Analyse der Bedingungen, der Wurzeln und des Verlaufs des Stalinschen Terrors erwartet, wird enttäuscht.

„… 12 Jahre nach dem Sieg im dreijährigen Bürgerkrieg kommt in Deutschland…“ (Hervorhebung von mir). Welch ein gedankenloses (und in Wahrheit verfälschendes) „Referat“! Kein Blick auf die historischen Kämpfe dieser 12 Jahre, noch überhaupt auf das Land der Revolution.* Damit fehlen elementare Voraussetzungen für die wissenschaftliche Einschätzung der historischen Entwicklung.

*Ergänzung am 2.11.2017:

Nicht 1933 ist das Schlüsseljahr für Russland und Stalinismus, und, bei aller Bedeutung, nicht Deutschland ist der Schlüssel. 1927 bricht Stalin die NÖP ab, die er nie verstanden hatte. 1928 zündet er gegen die Bauern die erste Stufe des Massenterrors. Faschismus wird zwar frühzeitig als vom Imperialismus ausgehende Gefahr wahrgenommen, doch ich bezweifle/mir ist nicht bekannt, dass die „faschistische Gefahr“ Stalins Entscheidungen 1927/1928 zugrunde gelegen hätte. Gegenbeweis erwünscht.  

Stattdessen diese Erzählung: Das absolute Böse, der deutsche Faschismus, drohte mit Krieg. „Der Krieg kam.“ Stalin siegte. Nicht zuletzt deshalb, weil er rechtzeitig alle diejenigen repressierte, von denen er annahm, dass sie sich eventuell gegen ihn wenden könnten. Unterm Strich also ein positives Vorzeichen. Forschungsaufgabe für humanistische Optimierer (Vorsicht Ironie!): Hätte er mehr totschlagen sollen – zur Steigerung des Siegeswillens der Übrigen? Hätte er weniger totschlagen sollen – zwecks Lobpreiß der Stalinschen Verfassung? Waren Unschuldige und Böse gut genug verrechnet?

Maßstab ist dem Stalinisten (auch dem weiblichen) die Macht. Stalin herrschte Dank der gewaltigen Macht, die er, arbeitsteilig mit seiner Clique, in seinen Händen konzentrieren konnte. Die Ausdehnung dieser Herrschaft bemisst dem Stalinisten die historische Größe. Der Charakter dieser Macht, ihr Inhalt, interessieren nicht. Oder doch? – ‚hat sich behauptet im Kampf gegen das absolut Böse‘. So liefert der deutsche Faschismus, eines der verbrecherischsten Regime der Weltgeschichte, die Folie, auf der der Generalissimus entschuldigt wird und letztlich zu bewundern ist. So beziehen Leute, die zu Recht die Gleichsetzung von Sozialismus und Faschismus ablehnen, ihr Idol auf Hitler! Das Verfahren wird „Komparatistik“ genannt, und das klingt wissenschaftlich.

Stalin war Aktiver und Beauftragter der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution. Niemand und nichts anderes als die Oktoberrevolution liefert die Maßstäbe für das politische Handeln der kommunistischen Führer.

B unterliegt der Versuchung, die sozialistische Revolution an dem Negativen zu messen, das sie zu zerstören hat. Und je „schlimmer“ dieses Negative ist, umso erhabener ist jeder Revolutionär und sei er der größte Schurke. Diese Herangehensweise ist zweifach falsch und das Gegenteil von radikalem sozialistischem Humanismus:

Die VIEL größere Aufgabe der sozialistischen Revolution gegenüber ihrem Zerstörungswerk ist das Aufbauen; ja, der Fabriken und Eisenbahnen, aber noch mehr das „Ermächtigen“ der wichtigsten Kraft (Produktivkraft. Und mehr.), nämlich des sozialistischen Individuums. Dieses Werk muss vollbracht werden, während gleichzeitig „das Böse“ existiert und agiert. Und dieses Böse darf nicht dualistisch (das Gegenteil von „dialektisch“) zu einem Absolutum aufgeblasen werden, dem nur mit Terror begegnet werden kann. Nein, es ist vom „Guten“ einzukreisen, in Kooperation zu ziehen, „auszutrocknen“, aufzulösen. Denn die Kunst der siegreichen Revolution ist das Allmähliche! Das Allmähliche ist keineswegs „Tabu der Linken“, wie Rainer Thiel in seinem verdienstvollen Buch fälschlich behauptet. Es ist im Gegenteil nachdrücklichste Handlungsanweisung an die radikale Linke. ‚Wir brauchen die geduldigste Arbeit mit den Bauern, unseren Bundesgenossen, „viele, viele, viele Jahre“‚, sagte Lenin.

Geringere Maßstäbe hat die Sozialistische Revolution nicht, und Führer, die sie nicht erfüllen können, gehören rechtzeitig abgelöst. Sogar den Zeitraum, in dem Stalin hätte abgelöst werden müssen, hatte der Weltgeist eindeutig bestimmt. Am 4. Januar 1923 hatte er diese Aufgabe mit Lenins Worten formuliert (Lenin, Werke, Band 36, Seite 580), und spätestens im Mai 1924 hätte der XIII. Parteitag der KPR (B) die Entscheidung fällen und durchsetzen müssen.

Doch Lew B. Kamenew griff in die Speichen des berühmten Rades, wie uns Wikipedia mitteilt: „Auf dem 13. Parteitag 1924 setzte er sich dafür ein, dass der Rat Lenins in dessen „Testament“, Stalin abzulösen, nicht in die Tat umgesetzt wurde. Zusammen mit Sinowjew arbeitete er lediglich ein Dokument aus, in dem Stalin aufgefordert wurde, die kritischen Anmerkungen Lenins zu respektieren.“ (Knappe zwei Jahre später war Kamenew selbst abgelöst.)

Nach alldem bezweifle ich sehr, dass die von B oben formulierten Fragen, die Forschung weiterbringen. Oder hat irgendwo irgendeine Pol Pot-Akademie Bedarf? Eher möchte ich sie als (vermutlich ungewollt) zynische Gedankenspiele ablehnen. Jedoch hat B mit einigen zugespitzten Äußerungen „nachgelegt“. Und so besteht Anlass, noch auf einige grundsätzliche Fragen der marxistischen Theorie und auch tatsächlich notwendiger Forschung einzugehen.

Das passiert unter „Stalinismus und Umgebung (8)“.

*******

Und hier mal ‚was Anderes, nicht so Dröges wie das ewige Stalin-Bewunderungs-Gewürge:

DER TRAUM VOM FREIEN MENSCHEN

Es gibt Träume, die vergehn,

noch eh du aufgewacht.

Aber mancher Traum, der ist viel stärker,

als diese lange Nacht.

Den Traum vom freien Menschen,

den Träum ich auch am Tag.

Solange mein Kopf noch gerade sitzt

und ich zu hoffen und zu träumen wag.

Ja Zeiten gibt es des Zweifels

und Fragen ohne Zahl.

Ich bin oft genug nicht mehr zu hause

im deutschen Wartesaal.

Aber heißt eine alte Wahrheit

wer sich nicht rührt, bleibt stehen.

Und wer den Herren den Arsch küsst,

wird mit ihnen untergehen.

Den Traum vom freien Menschen,

den träum ich auch am Tag.

Solange mein Kopf noch gerade sitzt

und ich zu hoffen und zu träumen wag.

Es gibt Träume die vergeh’n,

noch eh du aufgewacht.

Aber mancher Traum ist stärker,

als diese lange, lange Nacht.

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4 Antworten zu Stalinismus und Umgebung (7) – Forschungsfragen?

  1. willi uebelherr schreibt:

    Lieber Klaus-Peter, meinen grossen dank, dass du das buch von Rainer Thiel „Allmaehliche Revolution“ referenzierst. Warum du da auch gleich diese behauptung aufstellst, solltest du doch mal erklaeren.
    Aber mir geht es auch um etwas anderes:
    „.. 12 Jahre nach dem Sieg im dreijährigen Bürgerkrieg kommt in Deutschland der Faschismus an die Macht und beginnt mit zielstrebigen Kriegesvorbereitungen gegen die UdSSR“.
    Ich weiss nicht, wie tief (B) in der geschichte verankert ist. Die NSDAP kam an die macht, weil sie vom deutschen kapital gebraucht wurde. Und dabei ging es um die erweiterung in den Osten. Und dafuer war die NSDAP am besten geeignet. Und dieses programm existierte bereits 1926.
    mit lieben gruessen, willi, Asuncion, Paraguay

    • kranich05 schreibt:

      Hallo Willi,
      zum Zeitraum 1927/28 in Russland habe ich das Posting ergänzt.
      Der Hinweis auf Existenz und Programm der NSDAP 1926 sind noch kein Beweis dafür, dass dies für Stalins Strategie (exakter: fehlende Strategie/Zickzackkurs) bestimmend gewesen sei.
      Bezüglich „Allmählichkeit“ oder Rainer Thiel weiss ich nicht, was Du mit „diese Behauptung“ meinst, die erklärungsbedürftig wäre.
      Gruß

      • willi uebelherr schreibt:

        Lieber Klaus-Peter, ich bezog mich auf diesen satz. Vielleicht habe ich ihn auch falsch interpretiert:
        „Das Allmähliche ist keineswegs „Tabu der Linken“, wie Rainer Thiel in seinem verdienstvollen Buch fälschlich behauptet.“
        Es koennte auch sein, dass du Rainer hier falsch interpretierst.
        mit gruessen, willi

        • kranich05 schreibt:

          Ich glaube Rainer Thiel brauchte ’nen griffigen Titel, vielleicht auch ’nen bissel reißerischen.
          Im Buch selbst, gibt er einige schöne Beispiele, wie Marx und Engels Allmählichkeit hochschätzten. Auch Lenin wird diesbezüglich erwähnt aber da läßt sein Blick große Lücken. Und irgendwie Stalin als Meister des Allmählichen zu bezeichnen (wenn ich das richtig verstanden habe), ist schon ein wenig skurril.

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