Freidenkerkonferenz zum hundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution – persönliche Eindrücke. Mit Update am 22.10.2017

Der folgende Text bis zum „Update“ wurde am 2.10.2017 gepostet:

Vier Vorträge der gestrigen Konferenz konnte ich verfolgen. Drei davon, die von Bruno Mahlow, Prof. Dr. Helga Hörz und Andreas Wehr, brachten mir interessante und zum Weiterdenken anregende Informationen und  Einschätzungen.

Den Vortrag von Michael Kubi mit dem Thema: „Stalin, Repressionen, Sowjetdemokratie: UdSSR – eine Kriminalgeschichte?“ kann ich, sehr freundlich ausgedrückt, nur als „Schlag ins Wasser“ bezeichnen. Der bekennende Stalinbewunderer – darob aus dem Auditorium mit kräftigem Beifall bedacht – zeigte sich nicht nur handwerklich-methodisch vom Thema überfordert, sondern überbrachte auch inhaltlich eine schlichte Kernbotschaft: Die Angriffe gegen Stalin beruhen im wesentlichen auf Propagandalügen des Klassenfeinds und seiner Helfershelfer.

Die vorgetragene Unternullqualität bot keinerlei Basis für eine problemorientierte Sachdiskussion, der knappe Zeitplan tat ein Übriges.

Ich erlaubte mir, auf drei wenig bekannte Tatbestände hinzuweisen, punktuelle Informationen, die keine systematische Diskussion ersetzen, für Nachdenkliche aber beachtenswert sein mögen:

  1. Etwa die Hälfte der Opfer des Stalinschen Großen Terrors waren Kommunisten, Mitglieder oder Kandidaten der KPdSU (einschließlich kurz zuvor Ausgeschlossene). Kubi bestritt diese Tatsache rundheraus und begründungslos. Hier die Quelle meiner Angabe: Wadim S. Rogowin: „Die Partei der Hingerichteten“, Essen 1999, Anhang II: „Statistische Angaben über die Opfer der Massenrepressalien“, 8. Abschnitt: „Die Anzahl der repressierten Parteimitglieder“, Seite 486-488. (Weitere Informationen zu Rogowin z. B. hier.)
  2. Die Anzahl der aus politischen Gründen Verurteilten im allgemeinen und der Erschießungen im besonderen weist eine eindrucksvolle Dynamik über die Jahre 1921 bis 1954 auf. Nur die drei markantesten Jahre herausgegriffen, ergibt sich, dass die Zahl der Erschießungen 1936 1118 betrug, 1937 353.074 und 1938 328.618. Das ist eine Steigerung auf das mehr als 300fache pro Jahr gegenüber 1936 (Quelle: Rogowin, a.a.O., S. 480-486). Herr Kubi machte daraus eine Steigerung auf 300% – vielleicht ein Versehen, vielleicht eines seiner chronischen Versehen? In der Tat handelt es sich um eine Steigerung auf 30.000 (dreißigtausend!) Prozent.
  3. Im Februar 1954 – zwei Jahre bevor Chrustschow das Idol Stalin böswillig lügnerisch beschmutzte und verleumdete, wie alle Bewunderer des USA-Historikers Grover Furr wissen – berichteten Generalstaatsanwalt Rudenko, Inneminister Kruglow und Justizminister Gorschenin an das Politbüro, dass knapp 80% aller in den Jahren 1921 bis 1954 wegen konterrevolutionärer Verbrechen Verurteilten (nach damaliger Zählung 2,9 Mio von 3,8 Mio Personen) durch außergerichtliche Organe (Sonderkonsilien, „Troikas“ usw), also außerhalb der Gesetzlichkeit des sozialistischen Staates, verurteilt worden waren (Quelle: „Istorija SSSR“, 5/1991, S. 152f, zitiert bei: Rogowin, a.a.O., S. 481).

Weiter hier.

Update am 22.10.2017 

Oben stehender Link führt seit kurzem ins Leere. Die Leitung der Berliner Freidenker hat in Übereinstimmung mit dem Bundesvorstand meinen dortigen Beitrag gelöscht; offenbar im Interesse einer „kulturvollen Debatte“.

Um den Text vollständig zu dokumentieren, reiche ich jetzt das Stück nach, auf das ich ursprünglich nur verlinkt hatte (weil ich damals die direkte Ansprache der Freidenker nicht unbedingt im opablog „breittreten“ wollte):

Uns Freidenkern ist meines Wissens noch keine produktive öffentliche Diskussion zum grob als „Stalinismus“ bezeichneten Problemkomplex gelungen (also eine Diskussion jenseits des moralischen Antagonismus „Verdammung/Glorifizierung“). Doch es geht um nicht weniger als die Frage, wie der Realsozialismus (des sowjetischen Machtbereichs) den Leninschen Weg verlassen hat und schließlich in den Untergang taumelte. Der Elefant steht in der Küche. Die Verwandlung der Freidenker in Wunschdenker (oder andere Kunststückchen) werden das dicke Ding nicht ins Mauseloch beamen.

Ein Weg (aber nur EINER), um mit dem Problem historisch-materialistisch umzugehen, ist die neuartige gründliche Beschäftigung mit Lenin und seinem Lebenswerk. Nach 76 Jahrgängen Freidenkerheften (also irgendwo bei dreihundert Ausgaben) mag auch der Bescheidenste ein Lenin-Heft für denkbar halten (nicht erst zu seinem hundertsten Todestag).

Ich möchte nicht ausschließen, dass auch der junge Biologe Michael Kubi daraus Nutzen ziehen kann.

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11 Antworten zu Freidenkerkonferenz zum hundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution – persönliche Eindrücke. Mit Update am 22.10.2017

  1. Rheinlaender schreibt:

    Bei Stalin Fans (besonders beim youtube kanal the finnish bolshevik) frage ich immer, nach Stalins Fehler.
    Bei Ihnen frage ich : Was hat Stalin so gut gemacht, dass ihn alle Grosskapitalisten noch heute so hassen !?
    Frage : Was sehen Sie an Stalins Politik positiv ?

    • kranich05 schreibt:

      Danke Rheinländer,
      das ist eine anregende Fragestellung, auf die ich – nach etwas Nachdenken – gerne antworten werde.
      kranich05

    • kranich05 schreibt:

      „Was sehen Sie an Stalins Politik positiv ?“
      Ich lasse mich uneingeschränkt auf Ihre Art der Frage ein, versuche ausschließlich positive Momente zu benennen. Von einer differenzierten, historisch-konkreten Einschätzung kann also nicht die Rede sein.
      Stalins Leistung besteht in der Erhaltung und dem (in gewissem Maße) Ausbau des Machtpols Russland.
      Mit der Oktoberrevolution und dem Sieg in den nachfolgenden Kriegen unter der Führung der Bolschewiki mit Lenin und Trotzki an der Spitze wurde die Souveränität und Einheit Russlands als Sowjetrussland, später Sowjetunion bei sozialistischer Fundamentierung und Orientierung gesichert.
      Die Aufgabe, die Souveränität und Einheit Sowjetrusslands/der Sowjetunion zu behaupten, bestand fortlaufend auch nach Lenins Tod. Diese Aufgabe wurde unter Stalins Führung gelöst und zwar mittels eines Gewaltsystems, das die Gefahr des Untergangs der sozialistischen Fundamentierung und Orientierung in sich trug. Das hat Trotzki frühzeitig richtig eingeschätzt und letztlich die Geschichte bestätigt.
      Zwar erforderte Stalins Gewaltsystem den Untergang der bolschewistischen (leninschen) Partei (dieser war 1938 vollzogen), konservierte aber zugleich (bzw. führte in verzerrter Form fort) Elemente der sozialistischen Revolution. Diese Bewahrung von Elementen der sozialistischen Revolution unter Stalins Führung erlaubte eine starke Produktivkraftentwicklung (wenn auch in widersprüchlichster Form), die entscheidend dazu beitrug, den Sieg gegen die deutschen Faschisten und damit die weitere Behauptung Russlands/der Sowjetunion in der nationalen Frage zu erringen. (Versteht sich, dass die nationale Frage für einen „echten Russen“ und noch mehr für einen „Beuterussen“ die Frage nach „Großrussland“ ist.)
      Das klassische Stalinsche Gewaltsystem brach zwar unmittelbar nach seinem Tode zusammen. jedoch die erwähnte „Bewahrung von Elementen der sozialistischen Revolution“ brachte ein erheblich modifiziertes Stalinismus-System hervor („Realsozialismus“), das weitere Jahrzehnte mehr oder weniger erfolgreich existierte und auch große Leistungen hervorbrachte, bevor es endgültig zusammenbrach.
      Der Zusammenbruch des sowjetischen Realsozialismus stellte erneut mit aller Schärfe die nationale Frage für Russland, und wer mag, kann in der bislang positiven Lösung dieser Frage durch Putin/die Silowiki (erklärte Nicht- oder Antileninisten) eine weitere positive Fernwirkung des Wirkens Stalins sehen.

  2. Theresa Bruckmann schreibt:

    Hier d a s VIDEO, ein Top-Banker und ein Top Ökonom
    zu den wesentlichen Themen dieser Zeit, gefunden in Weltnetz tv:
    https://weltnetz.tv/video/1317-russlandsanktionen-geopolitik

    aber auch via NachDenkSeiten – Videos der Woche:
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=40461#h05

    Vorteil: höchstaktuelle Themen, und so vorgebracht, dass
    zum Verständnis kein spezielles Vorwissen nötig ist.

  3. Dian schreibt:

    „Dass der amerikanische Präsident feixend und lachend mit der Vernichtung von Millionen Menschen droht, ist bereits Beweis genug, dass das politische System in den USA unheilbar krank und zu jedem Verbrechen fähig ist.“ – mehr hier: http://www.wsws.org/de/articles/2017/10/10/pers-o10.html

    • Joachim Bode schreibt:

      Die US-Eliten sind nicht nur „zu jedem Verbrechen fähig“, nein, sie sind – seit mehreren Jahrhunderten – ständig dabei, Verbrechen jeglicher Art und Größe zu begehen.
      Das beweisen der Völkermord an den Indianern, der damit bezweckte Landraub, die Sklavenhalterei, die unzähligen Kriege einschließlich atomarer Vernichtung mehrerer Städte samt Bewohner, die groß angelegte Verseuchung riesiger Landschaften z.B. im Vietnamkrieg, die Zerstörung nicht genehmer, aber funktionierender Staaten, die perfektionierte und systematische Folterei, die Förderung übelster Diktatoren, die völlige Mißachtung der Persönlichkeitsrechte aller Menschen auf dem Globus, und nicht zuletzt die durch all diese Verbrechen bezweckte gigantische Ausbeutung der meisten Völker …

      Spannend nachzulesen u.a. in dem vorzüglichen Buch „Der Moloch“ von Karl-Heinz Deschner, das im Netz kostenlos und problemlos als pdf-Datei herunter geladen werden kann.

      Alle Richter dieser Welt wären schon zahlenmäßig nicht in der Lage, auch nur die wichtigsten der US-Untaten abzuurteilen, geschweige denn dafür zu sorgen, dass die Urteile auch vollstreckt werden.
      Sie sind übrigens zu sehr mit der Aburteilung des kleinen Diebes beschäftigt, der im Supermarkt einen billigen Schnaps geklaut hat.

      • kranich05 schreibt:

        „Aburteilung des kleinen Diebes beschäftigt, der im Supermarkt einen billigen Schnaps geklaut hat.“
        Kleines Erlebnis heute nachmittag im Lidl-Markt in Berlin.
        Vor mir wurden gerade zwei türkische Schulmädchen (schätze 12 bis 13 J. alt) abkassiert. Sie wenden sich schon zum Gehen, da sagt die Kassiererin, eine junge Frau (ohne Aufregung). „Und das Brot?“ Die Kleine hatte eine Portion Schnittbrot im Beutel neben der Kasse mitgehabt. Die Kleine: „Das hatte ich schon woanders gekauft.“ Die Kassiererin: „Das musst Du beim Reinkommen anzeigen.“ Die Kleine guckt etwas schuldbewusst aber unaufgeregt. Die Kassiererin: „Hast du den Kassenzettel?“ (Sie fragt es in müdem Ton, sie kennt die Antwort.“) Die Kleine (verlegen, ruhig): „Nein, den hab ich nicht.“ Die Kassiererin läßt die Kleine laufen.

        Ich fand das alles traurig. Resignation lag über der Szene.
        Wahrscheinlich hatte die Kleine geklaut. Wenn ja: Sie klaute Brot. Ihre Routine, zurückhaltende Dreistigkeit.
        Die müde wirkende Kassiererin, die alles das Wahrscheinliche durchschaute. Sie wollte nicht kämpfen. Wofür auch?

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