Stalinismus und Umgebung (4) Man staune: Freidenker B und O treten in Dialog

Im Dezember 2016 hatte ich mit der Beitragsfolge „Stalinismus und Umgebung“ begonnen. Im Geleittext dazu hieß es:

„Über den Stalinismus und ebenso über den Realsozialismus, zu dem der Stalinismus als ein wesentliches Moment gehörte, ist längst nicht alles gesagt. Im 100. Jahr der Oktoberrevolution und damit in Zeiten, die eine erneuerte sozialistische Perspektive brauchen, möchte ich kleine, konkrete Diskussionsbeiträge leisten. Ich bin nicht „vom Fach“, schreibe nicht als Historiker, sondern als interessierter Laie. Dabei bemühe ich mich Freidenker zu sein.“

Heute bin ich um zehn Monate schlauer.

Die Absicht, im 100. Jahr der Oktoberrevolution zu diesen Fragen einen kontinuierlichen progressiven Dialog anzustoßen, wurde herb enttäuscht. In aller Naivität hatte ich mitten ins Wespennest gestochen. Es kam zum „Konflikt mit Konsequenzen“. Doch neben allem Konflikthaften mit viel Schweigen gibt es auch Dialogansätze zwischen Leuten sehr unterschiedlicher Meinung. Z. B. zwischen B und mir (O, wie Opablogger).

B schreibt: Lieber O,

ich muß zugeben, daß ich tatsächlich erst auf der Konferenz in Berlin mitbekommen habe, daß Du ein Problem mit der Art und Weise hast, wie das Thema Stalin im Freidenker-Verband behandelt wird. Wenn es Dir auf eine „unzweideutige VERURTEILUNG DER VERBRECHEN STALINS“ durch den DFV ankommt, dann wäre doch der richtige Weg gewesen, dies bei den zuständigen Gremien zu beantragen. Denn eine Konferenz ist eine Konferenz. Die könnte, selbst wenn sie wollte, aus formalen Gründen eine solche Verurteilung gar nicht im Namen des Verbandes vornehmen.“

O: Dass ich die VERURTEILUNG DER VERBRECHEN STALINS derart nachhaltig in den Vordergrund der sog „Stalin-Kontroverse“ gerückt habe, hat sich erst in den Auseinandersetzungen NACH der Konferenz ergeben. Auf die „Stalin-Würdigung“ während der Konferenz haben sich die Freidenker-Verantwortlichen sehenden Auges und viele Mitglieder hörenden Ohres stumm (nicht Wenige aber auch Beifall klatschend) eingelassen. Meine Intervention hatte den Hauptzweck, abzublocken, dass „wissenschaftliche“ und „kulturvolle“ Stalin-Relativierung die ferneren Debatten bestimmt und den Nebenzweck, den Freidenkern eine unzweideutige Minimal-Positionierung zu entlocken. (Ich konnte mir anfangs gar nicht vorstellen, dass das ein Problem sein würde.)

B: „Ich persönlich würde dann erstmal die Frage aufwerfen, welche „VERBRECHEN STALINS“ Du unzweideutig verurteilt haben möchtest. Denn darunter können ganz verschiedene Dinge gefaßt werden: Die alten Monarchisten werden ihm schon die Teilnahme an der Oktoberrevolution vorwerfen, die Trotzkisten in der Regel das Abwürgen der Weltrevolution und alles weitere nur als notwendige Folge erachten. Fidel Castro monierte, nach seiner Einschätzung gefragt, seinerzeit komischerweise nicht die Säuberungen/Repressalien 1937/38, sondern den Nichtangriffspakt mit Deutschland vom August 1939. Die Titoisten schließlich fokussieren auch nicht auf 1937/38, sondern auf die Verwandlung des Revolutionärs Stalin in den Großmachtpolitiker Stalin. Ihre Vorwürfe gegen Stalin referieren in der Regel frühestens auf 1943. Die wachsende Bedeutung der Jahre 1937/38 in den Vorwürfen gegen Stalin datiert tatsächlich erst relativ spät, nämlich nach seinem Tod, soweit ich es überblicke…“

O: Anknüpfend an das oben Gesagte aber noch mehr aus meinem GESAMTEN UMGANG mit der „Stalin-Thematik“ ergibt sich mein Standpunkt. Ich halte ihn für klar und konstruktiv und wiederhole ihn gern:

Zu Stalin muss ein historisch-materialistischer Standpunkt erarbeitet werden. Das kann a) nur gelingen, wenn die Position Lenins in allem Grundsätzlichen UND IN EINER FÜLLE VON DETAILS herausgearbeitet und von uns umfassend angeeignet wird. (Der vielleicht merkwürdig anmutende Hinweis auf die Rolle von Details deshalb, weil Lenins Wirken allzu früh abbrach und manche Linien aus wenigen Einzelpunkten „konstruiert“, sozusagen „verlängert“ werden müssen.) Das erfordert b) den welthistorischen Untergang des Realsozialismus aus primär inneren Ursachen ohne Wenn und Aber aufzudecken und anzuerkennen, um Raum für theoretische Weiterentwicklung des M-L zu schaffen und c) manche Grundpositionen des dialektischen und historischen Materialismus von Marx, Engels und Lenin zur Disposition im Sinne einer kritischen Prüfung („An allem zweifeln“) zu stellen.

Würden wir so vorgehen, würde sich ein Großteil des Stalin-Quatsches erledigen, und wir gewännen Bewegungsfreiheit.

Nach dieser meiner „Grundsatzerklärung“ wird es Dich wohl kaum verwundern, wenn ich mein weitgehendes Desinteresse für die  von Dir aufgezählten ganz verschiedenen Dinge bekunde. Die Liste solcher Fragestellungen kann nahezu beliebig verlängert werden. Man kann dazu Kolloquium auf Tagung, Konferenz auf Talkshow veranstalten, und der wissenschaftliche Ertrag bleibt trotzdem minimal. (Lenin, 16 Elemente der Dialektik: „1) die Objektivität der Betrachtung (nicht Beispiele, nicht Abschweifungen, sondern das Ding an sich selbst.“ Werke Band 38, Seite 212.)

Den Stalinschen Thermidor (diese Bewertung musst du nicht teilen) historisch-konkret betrachtet, klärt sich die Frage seiner verschiedenen Verbrechen (auch im juristischen Sinne) von selbst aber vor allem: Sie wird zweitrangig.

Soviel für den Anfang. Der Dialog wird fortgesetzt.

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2 Antworten zu Stalinismus und Umgebung (4) Man staune: Freidenker B und O treten in Dialog

  1. Pingback: Stalinismus und Umgebung (5) – Freidenker B und O in fortgesetztem Dialog(versuch) | opablog

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