Stalinismus und Umgebung (5) – Freidenker B und O in fortgesetztem Dialog(versuch)

Fortsetzung von „Stalinismus und Umgebung (4):

B: Drittens bist Du darüber gestolpert, daß Michael Kubi nicht richtig auf Deine Aussage reagiert hat, von 1936 auf 1937 sei die Zahl der Verurteilung auf das 300-fache gestiegen.

Hier wird es interessant. Was wolltest Du denn damit aussagen? Ich könnte daran eine interessante Aussage anschließen, denn mir scheint, daß eine wissenschaftliche Herangehensweise an diese Frage sich nicht darin erschöpfen darf, irgendwelche Opferzahlen zu berechnen, sondern zum Wesen des Prozesses vordringen muß.

Denn in der Tat reden wir, wenn wir über Repressalien/Säuberungen reden, eigentlich nur über 1937/38, was die von Dir gebrachte Steigerung innerhalb eines Jahres eindrucksvoll belegt.

Was kaum jemand erwähnt, wenn es darum geht, ist, daß in dieser Zeit die sowjetische Verfassung, Strafprozeßordnung usw. offiziell suspendiert wurden! Mit anderen Worten: Es wurde für einen begrenzten Zeitraum, der dann verlängert wurde, erneut revolutionäres (oder meinetwegen konterrevolutionäres) Recht gesetzt. (Das Vorzeichen ist erst mal egal. Wir kommen da gleich drauf.)

O: Ich stimme Dir zu, wenn Du sagst, daß eine wissenschaftliche Herangehensweise an diese Frage sich nicht darin erschöpfen darf, irgendwelche Opferzahlen zu berechnen, sondern zum Wesen des Prozesses vordringen muß.

Dieses Anliegen hatte ich bereits in meinen „Persönlichen Eindrücken“ von der bewussten Konferenz zum Ausdruck gebracht (die inzwischen von der Freidenker-Webseite gecancelt wurden, vermutlich, um so die „wissenschaftliche“ oder „kulturvolle“ Diskussion zu fördern).

Ich schrieb damals (Das Internet vergisst nichts, deshalb hier die Quelle): „Ich erlaubte mir, auf … wenig bekannte Tatbestände hinzuweisen, punktuelle Informationen, die keine systematische Diskussion ersetzen, für Nachdenkliche aber beachtenswert sein mögen“ und weiter: „Die Anzahl der aus politischen Gründen Verurteilten im allgemeinen und der Erschießungen im besonderen weist eine eindrucksvolle Dynamik über die Jahre 1921 bis 1954 auf. Nur die drei markantesten Jahre herausgegriffen…“.

Die Berechnung von Opferzahlen halte ich zwar für unverzichtbar (Du sicherlich auch, trotz Deiner etwas legeren Formulierung „irgendwelche“) aber auf dieser Basis geht es dann tatsächlich darum, zum Wesen des Prozesses vorzudringen.

Deshalb mein ausdrücklicher Bezug auf den gesamten Zeitraum 1921 bis 1954. Ich reiche einige Zahlen lt. der von mir angeführte Quelle* nach.

Zahl der vollstreckten Todesurteile aus politischen Gründen:

1922-1928 – 11.271

1930 – 20.201

1931 – 10.651

1932-1936 – 9.285, davon 1936 – 1.118

1937 – 353.074

1938 – 328.618

1939 und 1940 – 4.201

1941-1953 – etwa 50.000

Die Tabelle zeigt die kontinuierliche Anwendung der Todesstrafe über die drei Jahrzehnte Stalinscher Herrschaft.

Die Sowjetunion befand sich im scharfen innerem und äußerem Klassenkampf und es darf unterstellt werden, dass tatsächlich auch konterrevolutionäre und staatsfeindliche Aktionen nach geltendem Recht mit der Todesstrafe geahndet wurden. In welchem Zahlenverhältnis diese Art rechtmäßige Todesstrafen (nach geltendem sowjetischen Recht) zu willkürlichen, terroristischen Todesstrafen standen (die es auch vor 1930 und nach 1940 gegeben hat), weiß ich nicht. Untersuchungen dazu sind mir nicht bekannt.

Dieses sozusagen „übliche Todesstrafenniveau“ (immerhin etwa 3 pro Tag in den „guten Jahren“) erklärt aber nicht die Vervielfachung der Exekutionen in den Jahren 1930/31, 1937/38 und nach 1945.

Die Standardbegründung für Todesurteile besonders der Jahre 1937/38 „Verschwörung im Auftrag ausländischer Geheimdienste“ wird allein durch die Zahlendynamik ad absurdum geführt. Die Steigerung der Angriffe ausländischer Geheimdienste innerhalb eines Jahres auf mindestens das 300-fache (und die 300-fache Steigerung der erfolgreichen Abwehr durch sowjetische Organe!) sind Märchen, die den Verstand beleidigen. (Propaganda dieser Art machte in den 50-er Jahren in der DDR den Spruch populär: „Das gibt’s in keinem Russenfilm!“)

Nur nebenbei: Dem erneuten Anstieg der Repression Ende der 40-er und Anfang der 50-er Jahre wird m. E. zu wenig Beachtung geschenkt.

Der Hinweis, „daß in dieser Zeit die sowjetische Verfassung, Strafprozeßordnung usw. offiziell suspendiert wurden!“ erklärt wenig, kann aber zu den richtigen Fragen führen.

„Es wurde für einen begrenzten Zeitraum, der dann verlängert wurde, erneut revolutionäres (oder meinetwegen konterrevolutionäres) Recht gesetzt.“

Warum wurde „suspendiert“? Welcher Souverän hatte das Recht, zu „suspendieren“? Aus welchem Interesse? Wer begrenzte Zeiträume und verlängerte sie dann und warum?

Vor allem aber muss ich fragen: Wer SETZT REVOLUTIONÄRES RECHT?

Hat jemals Lenin, Trotzki oder irgendein Bolschewik X „revolutionäres Recht gesetzt“; eingesetzt, nach 20 Jahren ausgesetzt, erneut gesetzt? Dank welcher Eingebung? Haben ein paar Führer am Ende die ganze Revolution „gesetzt“?

Offenbar führt uns die Frage nach dem Recht zur Frage der Revolution und das ist keine Frage von Führern oder Führercliquen und ihren „außerordentlichen Maßnahmen“. Es ist eine Frage der Klassen, aller Klassen, und ihrer Interessen und Kämpfe. Diese Kämpfe spielen sich im Leben ab. Dort sind sie empirisch nachweisbar. Z. B. sind der Abbruch der NÖP 1928/29 und die Zwangskollektivierung der empirischen Analyse und theoretischen Verallgemeinerung zugänglich. Heute ist niemand mehr darauf angewiesen, Versatzstücke des damaligen Kultes aufzuwärmen. Wie lebte die Revolution in der Zwangskollektivierung? Oder wie nicht?

Soviel für heute. Der Dialog wird fortgesetzt.

 

* Diese Quelle, ich sage es nicht zum ersten Mal, ist Rogowin, ein – Oh Graus! – Trotzkist. Vermutlich bin ich der einzige Freidenker, der Rogowin gründlich liest (Gegenbeweis erwünscht!). Den Leuten, die von Kubis Auswertung neuester Quellen schwafeln (dazu hier oder hier), teile ich nur diese Kleinigkeit mit: Die o.g. Zahlen stammen aus der Anlage II „Statistische Angaben über die Opfer der Massenrepressalien“ seines Buches „Die Partei der Hingerichteten“, Essen 1999. Diese Anlage enthält auf elf Buchseiten 42 Quellennachweise. Davon sind (nach flüchtiger Zählung) 30 bis 35 Quellen, die erst ab 1990 zugänglich waren.

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5 Antworten zu Stalinismus und Umgebung (5) – Freidenker B und O in fortgesetztem Dialog(versuch)

  1. Karsten Seel schreibt:

    Guten Abend,

    weder (dazu hier oder hier – aus deinem Text oben) „schwafelt jemand“ über Kubis – zumindest finde ich in den Verlinkungen nichts davon.
    Ich empfehle – als Gegengewicht vielleicht – die Lektüre Gossweilers und Hesses um in „heimischen“ Gefilden zu bleiben …
    Noch einmal zu Furr – die deutliche Abwertung (ohne auf konkrete Inhalte einzugehen) bei Prof. Karl z.B., ist keine Argumentation sondern lediglich Verriss …
    Ich halte die Diskussion zum Thema für sehr notwendig, brachte sie doch mich (als völlig verunsicherten „Beobachter“) dazu, mich eingehender mit dem Tabu Stalinismus zu beschäftigen.
    Gossweiler zum Komplex Stalin – Trotzki usw. http://kurt-gossweiler.de/?p=852#more-852,
    in meinem Blog ein wenig „aufbereitet“ als PDF (lediglich die Form betreffend).
    Im Übrigen – „Trotzkist“ – ja, „Oh Graus“ …

    Grüße

    • kranich05 schreibt:

      Hallo Karsten,

      hier schwafelt Rupp in aller Öffentlichkeit:

      https://deutsch.rt.com/inland/58433-2017-hundert-jahre-oktoberrevolution/

      Klaus v. Raussendorff haut in dieselbe Kerbe:

      https://deutsch.rt.com/inland/58344-100-jahre-oktoberrevolution-russland-deutschland-freidenker/

      „Schwafeln“ hin oder her: Die schlichte Wahrheit all dieser Polemik ist, dass Kubi neuere Primärquellen weitgehend ignoriert (während Interessierte das Gegenteil behaupten) und Rogowin sich systematisch auf Primärquellen, nicht zuletzt neuere, stützt. 

      Wenn Du schreibst: „Ich empfehle – als Gegengewicht vielleicht – die Lektüre Gossweilers und Hesses…“ läuft das eher auf Dialogverhinderung hinaus, denn:

      Ich mache in dem Beitrag, den Du kommentierst, ganz konkrete Ausführungen. (Mit denen wiederum habe ich mich konkret auf B. bezogen.) Du aber weichst in Namen aus. Haben Gossweiler oder Hesse Konkretes zu dem im Beitrag dargelegten Problemen geforscht/gesagt? Wenn ja, dann führe das bitte konkret an, damit ich darauf eingehen kann.

      Zu Furr habe ich in dem Beitrag zwar nichts gesagt. Ich stimme Dir aber zu, dass Prof. Karl „keine Argumentation sondern lediglich Verriss “ liefert. Ein Verriss kann berechtigt sein, überzeugt aber sicherlich keinen oder keine, der/die Furr schätzt.

      Den Gossweiler-Text, den Du verlinkt hast, habe ich gelesen, immerhin auf 31 Seiten ein Rundumschlag XX. Jahrhundert. Der knapp 90-Jährige erzählt aus der Geschichte seines Lebens und Denkens. Dabei geht er mit dem, was er zum Bestandteil dieser Geschichte macht und ebenso mit dem, was Nichtbestandteil wird, so um, dass die Geschichte für ihn stimmig ist. Ich kann nachvollziehen, dass eine so ausgebreitete, durchaus detailreiche Lebenserzählung auf einen „völlig verunsicherten „Beobachter““ Überzeugungskraft ausübt. Wenn ich versichere, kein „völlig verunsicherten „Beobachter““ zu sein und dass auf mich diese Geschichte gruselig wirkt, so bringt das wenig.

      Mein Vorschlag bei solch gegensätzlicher Wahrnehmung und Positionierung wie bei uns beiden ist, ins Detail zu gehen und zu prüfen. Dafür bieten sich sehr viele Punkte an. Ein Vorschlag wäre z. B. das, was mit den letzten Arbeiten und überhaupt den letzten Handlungen Lenins zusammen hängt, genauer zu betrachten. 

      Mein Glückwunsch zu  „Trotzkist“ – ja, „Oh Graus“. Wenn ich Dich richtig verstehe, wirst Du dort bestimmt nicht eintreten und Dir somit viel Kummer ersparen. Man muss nicht dem „großen Florentiner“, wie Marx sagte, folgen. („Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“)

      Gruß meinerseits

      kranich05

  2. Karsten Seel schreibt:

    Hallo Kranich,

    deinen Vorschlag zur Prüfung von Details nehme ich gerne an. Womit beginnen wir unsere Betrachtungen?

    Grüße

    • kranich05 schreibt:

      Zunächst möchte ich doch daran erinnern, dass ich im Posting mit der Zahlenreihe über Todesurteile aus politischen Gründen doch einige konkrete Details vorgelegt habe. Natürlich sind diese Zahlen nicht ausreichend – nicht vollständig, nicht differenziert genug, mit Ungenauigkeiten behaftet. Mehr Konkretheit und Tatsachenfülle wäre wünschenswert. Ob aber wir das leisten können und leisten wollen, bezweifle ich.
      Dennoch meine ich, dass schon diese begrenzten Zahlen die Aussage erlauben, dass Stalin und sein Regime kontinuierlich und bei zeitbegrenzten extremen Häufungen Menschen aus politischen Motiven hingerichtet haben. Das erfolgte zumindest zeitweise unter massenhafter Verletzung nicht nur der Menschenrechte, sondern auch der Gesetze des Sowjetstaates. Stalin und seine Clique tragen die Verantwortung für einen Massenterror der sich nicht zuletzt gegen bewährte Bolschewiki und auch ausländische Kommunisten richtete und dem Sozialismus schweren Schaden zufügte.

      Unter den möglichen Themen im Zusammenhang mit Stalinismus interessieren mich besonders die Divergenzen bzw. der Bruch zwischen Lenin und Stalin. Besondere Bedeutung haben dafür natürlich die letzten Arbeiten Lenins. Dazu habe ich hier
      https://opablog.net/2016/12/22/stalinismus-und-umgebung-2-die-letzten-arbeiten-lenins-und-der-umgang-mit-ihnen/
      und hier https://opablog.net/2016/12/27/stalinismus-und-umgebung-3-das-jahr-1923/
      bereits einige Details aufgeschrieben. Vielleicht siehst Du da Diskussionsbedarf?
      Gruß
      kp

  3. Pingback: Stalininismus und Umgebung (6) – Kommen die Diskutanten B und O allmählich zum Kern? | opablog

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