Ohne Worte

via: Colonel Cassad

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Gegen das Vergessen 1/6

Erzählungen zum Kriegsende 1945 in Oranienburg

von

Mathilda Seithe

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Teil 1- Das Haus mit dem spitzen Dach

Bisher erschienen: Kapitel 1 bis 5

6. Das alte Foto

Doch, tatsächlich: Jetzt, wo wir auf das Museums-Haus zugingen, konnte ich mich wieder genau erinnern. Damals war ich nicht so richtig bei der Sache. Irgendein Ausflug war das an diesem Tag für mich, den Papa und Mama mit uns machen wollten, damit wir was lernen. Das kam öfter vor, und wir spielten geduldig mit. Ich glaube, ich habe damals während des ganzen Besuches nur darüber nachgedacht, was ich meiner Freundin am nächsten Freitag zu ihrem Geburtstag schenken könnte.

Heute aber spürte ich vom ersten Moment an, dass es hier in diesem Museum um den Tod ging. Alle Besucher schauten so schrecklich ernst. Und sobald man sich die Bilder und Auslagen näher ansah, erkannte man sofort, dass hier versucht wurde, etwas unerträglich Schreckliches festzuhalten. Da waren Bilder von ausgemergelten Menschen, Fotos von Leichenhaufen, die die Russen damals gemacht haben, als sie das KZ Sachsenhausen befreiten. Und überall gab es Notizen, Erklärungen und Zeittafeln, die Schlimmstes enthüllten. Es war unerträglich, was wir sahen und lesen mussten. Später gingen wir auch raus auf das Gelände des KZs. Das war noch schlimmer.

Ich kann, wo alle Erinnerungen noch so frisch sind, jetzt nicht mehr darüber nachdenken, vielleicht später einmal. Wir wurden alle drei immer schweigsamer, je länger wir dort herumliefen. Vergessen werde ich es nie. Da bin ich sicher. Ich verstehe gar nicht, warum es mich vor zwei Jahren so kalt gelassen hat.

„Aber über die KZ-Aufseher haben wir bisher nur ziemlich allgemeine Informationen erhalten“, meinte Elke nach einiger Zeit. „Schade!“ Auch sie sah mitgenommen und aufgewühlt aus.

Sie hatte Recht. Das war ja schließlich der Anlass für unseren Besuch hier gewesen. Wir, vor allem ich, wollten ja wissen, was das für Menschen waren, die da vor uns gelebt, geschlafen, gegessen haben, ihre Kinder erzogen und sich und ihre Kinder vermutlich sogar geliebt haben.

Elke ging zurück an den Eingang. Dort fragte sie die Museumswärterin nach irgendwelchen Hinweisen über die KZ-Wärter. Die wies uns an eine Stelle ziemlich am Rande des Ausstellungsraumes. Dort fanden wir dann auch, was wir suchen: Namen und Fotos von KZ-Wärtern. Zu meinem Entsetzen waren auch zwei Frauen dabei. KZ-Wärterinnen. Ich versuchte, in ihren Gesichtern zu lesen. Sie sahen weder brutal noch teuflisch aus, ganz normale Frauen, ein wenig herbe Züge vielleicht. Aber vermutlich war das meine Fantasie. Einmal mehr fragte ich mich, wie Menschen mit anderen Menschen so umgehen können. Und dann gehen sie nach Hause zum Abendbrot und die Frau erzählt, was heute beim Einkaufen passiert ist. Die Kinder berichten über ihre Klassenarbeiten und Mathematik-Noten, oder sie fragen, ob sie morgen bei ihren Freunden übernachten dürfen. Ich bekam plötzlich Magenschmerzen.

Elke entdeckte einen kleinen Stapel alter Fotos und Postkarten. Wir nahmen sie aus dem Kasten heraus, blätterten die Bilder durch. Portraits, auch wieder die beiden Frauen darunter, dann mehrere Fotos, die eine Gruppe Menschen am Ufer eines Sees zeigten: im Gras sitzend, die Picknickkörbe zwischen sich.

Auf einem Foto stand eine Notiz auf der Rückseite, mit Tinte geschrieben, verblasst aber noch lesbar. „Unser Betriebsausflug am 27.7.1944 am Lehnitz-See.“

„Schaut mal, hier ist der KZ-Wärter, der mit dem Bart, den haben wir vorhin schon gesehen auf einem anderen Foto.“

Tatsächlich, sie saßen alle um den Picknick-Korb herum, auch die beiden Frauen waren dabei. Im Hintergrund erkannte man den See. Die Gruppe hatte es sich zwischen zwei umgekippten Baumstämmen im Ufergras gemütlich gemacht. Wenn man genauer hinsah, konnte man erkennen, dass sie fröhlich waren, einige der Gesichter lachten.

„Die haben ihren Betriebsausflug gemacht wie irgendeine andere Kollegengruppe, wie Leute aus der Stadtverwaltung oder aus dem Chemiewerk“, stellte Elke fest. Ihre Stimme klang erregt.

Ich starrte die Fotos fasziniert an, entsetzt zugleich: Ich konnte diese Menschen lachen hören: Sie flirten mit einander und reißen Witze, sie toben wie die Kinder, einige der Männer sitzen abseits und spielen Karten. Eine Frau geht herum und versorgt alle mit Bier.

„Herrliches Wetter heute. Klasse für ’nen Betriebsausflug!“, sagt einer.

„Haben wir uns wahrhaftig verdient. Die letzte Woche war doch ziemlich anstrengend. Und nächste Woche kommt schon wieder so ein großer Transport aus Theresienstadt. Ich finde, sie sollten die Arbeit mal ein bisschen gerechter aufteilen. Bei uns landen eindeutig zu viele.“

„Ach komm, wir schaffen das doch. Und die verlausten russischen Gefangen , die da jetzt bei uns untergebracht sind, die machen schließlich nicht so viel Arbeit. Für die muss ja nicht mal die Küche was tun.“

„Ja, Recht hast du. So kann man es auch sehen.“

„Und die halten das auch nicht lange aus, so ganz ohne was zum Fressen, dann sind wir sie schnell wieder los.“

„Ach, mal was Anderes: Nächste Woche ist Sommerfest am Schloss. Unser Chor tritt wieder auf. Kommt ihr?“

„Mal sehen, wir wollten am Wochenende eigentlich mit den Kindern zu den Großeltern nach Berlin.“
Dann hörte ich nichts mehr. Die Figuren auf den Fotos schienen wieder erstarrt, eine Momentaufnahme, mit mäßig guter Foto-Technik vor 70, 80 Jahren aufgenommen.

Ich begriff das nicht. Das Foto zeigt, dass sie sich wie ganz normale Leute verhalten haben. Wahrscheinlich sprachen sie auch von ihrer Arbeit, als würden sie Bratpfannen herstellen oder Nähmaschinen.

„War denen wirklich nicht klar, was sie taten“, fragte ich schließlich in das Schweigen hinein.

Elke schaute mich an. Dann sagte sie langsam:

„Wir wissen es nicht. Aber man kann es sich einfach nicht vorstellen!“

„Nun wie war es im Museum?“, empfing uns Mama.

„Ziemlich beeindruckend.“

„Und habt ihr was gefunden, ich meine über das Haus hier?“

„Nicht direkt, aber über die KZ-Wächter allgemein gab es schon einige Informationen dort. Fotos konnten wir auch anschauen. Es waren auch zwei Frauen dabei.“

Ich erzählte es mit müder Stimme. Ich wollte mit Mama eigentlich nicht darüber reden, merkte ich.

Trotzdem musste ich viele Tage lang noch immer darüber nachdenken. Wenn ich das Haus betrat, stellte ich mir vor, wie es gewesen sein könnte, als Lucie damals – so hieß doch das kleine Mädchen – aus der Schule kam. Wahrscheinlich nicht viel anders als heute bei uns? Lucie war ja noch ein richtiges Kind. Aber der Bruder, der bekam schon so Einiges mit. Natürlich musste er zu seinem Vater halten. Was sonst hätte er denn machen sollen? Wie hieß er gleich? Ich überlegte, ob Lucie ihren Bruder beim Namen genannte hatte. Ja, Werner. Sie nannte ihn Werner.

Die Kinder kamen aus der Schule, legten ihre Ranzen im Flur ab und schauten erst mal in der Küche nach, was die Mutter gekocht hatte. Und diese Frau stand am Herd und wusste die ganze Zeit, dass ihr Mann wenige hundert Meter weiter damit beschäftigt war, Menschen zu schikanieren, ihren Tod vorzubereiten, sie als Ungeziefer zu behandeln. Fand sie das gut? Dachte sie auch so? Oder ging es ihr vielleicht schlecht, weil sie es nur schwer ertragen konnte.

„Wann kommt Vater nach Hause?“, fragte vielleicht Lucie. Sie waren schon mit der Suppe fertig. „Heute wird es sicher wieder spät“, könnte die Mutter geantwortet haben. „Es gibt im Moment so viel zu tun drüben im Lager.“ Und Werner hätte seine Mutter vielsagend angesehen. Aber sie würden schweigen. Und Lucie hätte vielleicht noch gesagt: „Doofe Arbeit. Die sollen unseren Vater mal mehr nach Hause schicken. Die Arbeit können doch die anderen auch machen.“ Und die Mutter würde ihr daraufhin übers Haar gestrichen haben: „Lass mal, Vater wird eben gebraucht. Aber am Sonntag, da gehen wir alle zusammen zum See, ja?“

Diese Geschichten verfolgen mich.

Aber ich bin trotzdem froh, dass ich es nun weiß, und man mir nichts vormachen kann. Elke fährt morgen wieder nach Hause. Mit wem kann ich jetzt darüber sprechen? Nicht mit Mama. Die kriegt doch nur Angst um uns.

7. Die Beerdigungsgesellschaft

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„dekadent“

Ich hab‘ keine Ahnung. Ist „dekadent“ ein echter Begriff oder nur eins der vielen Quatsch-Wörter?

Das Wort kam mir in den Sinn als ich hörte, dass der bekannte Direktor einer jüdischen Studieneinrichtung unter Druck geraten sei, weil er Vorfälle sexueller Belästigung in seiner Einrichtung unter den Tisch gekehrt hatte. Sein Ehemann war der Akteur des Schweinkrams.

Auch dekadent? Dass homosexuelle Fußballreporter kein gemeinsames Hotelzimmer in Katar kriegen.

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Realistische Traumtänzer?

Was meint die komische Überschrift?
Sie erkennen zwar wirkliche Gefahren aber – sie tanzen dagegen.

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Über Faschismus (2)

Faschismus, wie erwähnt, wird oft auf ein Teil oder ein Muster reduziert. Der Klassiker: Faschismus = Holocaust. Wechselt der Faschismus seine Schlangenhaut, wird er plötzlich unkenntlich oder scheint ganz zu verschwinden.

Die Hartnäckigkeit der ganzen Verstellungsindustrie, ist ein indirekter Beweis für die enorme Bedeutung, die die „faschistische Frage“ in unserem alltäglichen Leben hat.

F. ist kackbraun, wie die SA, schwarz, wie die SS oder auch steingrau, wie die Wehrmacht. Mit solcher Farbakrobatik wird man Baerbock nie mit Faschismus in Verbindung bringen.

B. sagt, dass man Russland ruinieren werde. Hört da keiner, dass sie von „verbrannter Erde“ spricht? Sie verkündet dass Ende jeder Kooperation mit Russland „für immer“. Also bis zum „Endsieg“ oder „bis zur Endlösung“? Faschistisch ist die Dämonisierung des Feindes – „Putin lässt die Kinder Afrikas verhungern“. Und der durch nichts begründete Glaube an die eigene Höherwertigkeit.

B. ist eine Funktionärin des zeitgemäßen, deutsch-us-amerikanischen NATO-Faschismus.

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Gegen das Vergessen 1/5

Erzählungen zum Kriegsende 1945 in Oranienburg

von

Mathilda Seithe

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Teil 1- Das Haus mit dem spitzen Dach

Bisher erschienen: Kapitel 1 bis 4

5. Moderne Geister

Als ich abends schlafen gehen wollte – wir hatten sehr lange zusammengesessen, ich durfte heute bis nach 22.00 Uhr aufbleiben und war nun hundemüde – da kamen mir die Geschichten von damals wieder in meinen Kopf. Ich öffnete die Tür zu meinem kuscheligen Zimmer und prompt überfiel mich die Frage, wer wohl in diesem Raum gewohnt hatte. Die Kinder des KZ-Wärters? Wussten sie, welchen Beruf ihr Vater hatte? Ich legte mich aufs Bett, sah beunruhigt die Wände an. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Mir kam es so vor, als wäre ich nicht allein, als läge ich hier und beobachtete die Familie des KZ-Wärters, ihn, also den Vater, seine Frau, die Kinder. Wie war es damals? Ich belauschte, was sie sagten, wie sie sich bewegten. Und auf einmal konnte ich ihre Gedanken hören.

Ich stand auf und trat ans Fenster. Draußen war es stockdunkel. Ich sah geradeaus in die Dunkelheit hinter unserem Garten. Da also war das KZ gewesen. So nah! Ob man die Menschen bis hierher hatte schreien hören? Und: Wussten die Kinder, wer schrie und warum?

Vorsichtig schlich ich mich ins Wohnzimmer nach unten, wo Tante Elke auf dem Sofa schlafen sollte. Sie hörte mich kommen und richtete sich auf. Ich denke, sie hatte schon geschlafen, war aber trotzdem ganz freundlich zu mir.

„Karola, was ist? Kannst du nicht schlafen?“.

Ich nickte.

„Ich muss immerzu an die Familie denken, die damals hier … du weißt schon, …,“

Elke seufzte tief.

„Meine Güte, was habe ich angerichtet! Das wollte ich nicht. Deine Mutter wird mir böse sein.“

„Aber ich finde das richtig, das zu wissen. Mama will uns immer nur schonen. Dabei müssen wir doch mit der Realität klarkommen lernen, oder? Aber ich bin tatsächlich total schockiert.“

„Tut mir leid Karola, vielleicht sollten wir einfach nicht mehr über all das sprechen?“

„Doch, Tante Elke, ich möchte, ich muss darüber reden. Ich kriege es sonst nicht mehr aus dem Kopf. Was waren das für Leute? Waren sie sich ihrer Schuld bewusst? Fanden sie es überhaupt schlecht, was sie da taten oder war es für sie eine Arbeit wie jeder andere?“

„Das kann ich dir auch nicht sagen. Willst du es wirklich herausfinden?“

Ich nickte bestimmt.

„Wir könnten mal ins Museum gehen, jetzt in den Tagen, wo ich noch hier bin. Es ist gar nicht weit. Von hier aus kann man sogar hinlaufen. Wir könnten schauen, ob wir über die Leute hier in diesen Häusern mehr in Erfahrung bringen. Aber ich fürchte, du wirst dann nicht mehr hier wohnen wollen.“

„Das wäre schrecklich, vor allem für Mama. Sie hat sich solche Mühe gegeben und sie war so stolz auf diesen Kauf. Es sollte der Anfang sein für ein neues, wieder unbeschwertes Leben, ein Neuanfang für uns drei ohne Papa. Du weißt es ja. Aber ich möchte es trotzdem wissen!“

Ihr konnte ich alles erzählen. Mama hätte sich gewundert, wenn sie mich gehört hätte. Elke nickte nachdenklich.

„Deine Mutter hat mir eben noch gesagt, dass sie traurig ist über das Ganze. Sie fürchtet, es wird euch beide belasten.“

„Aber es ist doch belastend! Mama ist echt gut! Da kann man doch nicht einfach drüber wegsehen. Ich gehe mit dir ins Museum. Das ist eine super Idee! Vielleicht geht ja Bernd auch mit. Aber wenn ich mich nicht damit befasse, weißt du, dann wird es mich sicher ewig verfolgen. Ich will den Tatsachen ins Auge sehen, Tante Elke. Dann kann ich sie vielleicht innerlich für mich wieder loswerden.“

„Machen wir, abgemacht. Und“, sie hielt mich am Arm zurück, „du kannst gerne Elke zu mir sagen, von Frau zu Frau sozusagen.“ Ich nickte erfreut. Sie schickte mich ins Bett.

Ich schlief erstaunlicherweise sofort ein. Traumlos. Zumindest konnte ich mich morgens an keinen Traum mehr erinnern.

Dennoch fiel mir nach dem Aufwachen alles wieder ein.
Ich ging zum Fenster. Zum ersten Mal betrachtete ich die Gegend hinter unserem Garten genau, suchte durch die noch fast kahlen Büsche und Bäume hindurch nach irgendwelchen Hinweisen und Zeichen, dass dort einmal ein KZ gewesen war. Man konnte kaum etwas erkennen. ‚Das sollte ich mir direkt vom Garten aus mal ansehen‘, dachte ich.

Es war Sonntag, die anderen schliefen noch. Ich zog mir was an. Dann schlich ich durchs Haus, die Treppe runter, zur Gartentür hinaus. Dieses Mal hatte ich keinen Blick für unsere ersten Gartenversuche, die neu gepflanzten Stauden, die neu abgesteckten Blumenbeete für die Sommerblumen. Ich habe sie noch im alten Haus angezogen. Sie sollen raus, sobald die Eisheiligen herum sind.

Ich lief bis an den hinteren Zaun. Dort starrte ich in das Gewirr von Zweigen und Büschen. Man sah nichts, außer ein paar Schuppen, die aber noch zu unseren Häusern gehörten. Ich ging am Zaun entlang ein Stück weiter. Plötzlich hörte ich ein Geräusch neben mir. Ich schrak zusammen und sah mich um. Mir war, als sähe ich dort zwei Kinder, beide ein wenig jünger als Bernd und ich. Sie standen genau da am Zaun, wo ich eben noch gewesen war. Sie beugten sich, so weit sie konnten, hinüber.

„Hörst du was?“, fragte der Junge das Mädchen. „Papa hat heute früh gesagt, dass sie wieder einige von denen bestrafen werden, weil die nicht ordentlich arbeiten. Er hat nicht lustig dabei ausgesehen.“

„Was machen besonders die denn mit denen?“, fragte das Mädchen neugierig.

Der Junge antwortete nicht gleich, so, als müsse er sich überlegen, ob er sprechen sollte. „Ich weiß, was die mit denen machen“, brüstete er sich schließlich doch.

„Wirklich? Dann sag es doch, Werner! Bitte!“

Das kleine Mädchen stand mit den Füßen auf der ersten Stufe des Zaunes, hielt sich am oberen Rand fest, ließ ihren Körper nach hinten fallen und schaukelte ihn hin und her. Der Bruder antwortete nicht.

„Ach, du weißt es ja doch nicht!“, provozierte sie ihn. Sie warf ihm einen herausfordernden Blick zu.

„Doch. Ich weiß es, wirklich Lucie. Ich habe mal gelauscht, als Vater es der Mutter erzählte. Sie werden in einen Raum geschickt. Man sagt ihnen, sie würden gemessen oder so. Und dann …“

„Was dann? Nun sag schon!“

„Vater hat es nur angedeutet. Er hat gesagt: ‚Aber wie groß die sind, das will eigentlich gar keiner wissen.“

„Was denn?“

„Keine Ahnung. Aber man will sie doch bestrafen.“

„Ob wir mal fragen?“

„Bloß nicht, Vater will doch nicht, dass wir über seine Arbeit reden. Er würde uns böse anfahren und wissen wollen, woher ich das weiß. Nee, lieber nicht.“

„Aber in meiner Klasse, die sind gemein zu mir, die nennen mich manchmal „Toten-Lucie“. Da kommt die Toten-Lucie, sagen sie. Was meinen die damit?

„Vielleicht sterben die dann an der Bestrafung, ich meine die, über die Vater erzählt hat. Vielleicht meinen die so was.“

„Ja, vielleicht. Ich sage zu denen in meiner Klasse immer, dass sie aufhören sollen. Und dann lachen sie und sagen: „Frag doch mal deinen Vater!“

„Da darfst du dir nichts draus machen, Lucie. Vater macht hier eine wichtige Arbeit, weißt du. Es geht um Deutschland und darum, dass die Juden Deutschland nicht kaputtmachen.“

„Heil Hitler!“, kicherte Lucie altklug und lachte.

„Da gibts nichts zu lachen, Lucie. Das ist ganz ernst. Da geht es um Leben und Tod. Und Vater weiß da genau Bescheid. Die Kinder in deiner Klasse, die sind einfach blöd, weißt du!“

Werner hatte sich seiner Schwester zugewandt, legte seinen Arm um sie, zog sie vom Zaun herunter.

„Lass mich!“, rief Lucie. „Ich kann das alleine!“

„Hörst du nicht? Da ruft Mutter zum Essen, komm, schnell ins Haus“!

Es entstand eine kleine Pause. Dann sagte der Junge:

„Wir haben eben nicht über das – du weißt schon – wir haben nicht darüber geredet, verstehst du!?“.

„Großes Ehrenwort. Das ist unser Geheimnis! Ist doch klar!“

Ich hatte dem Gespräch der Kinder wie gebannt gelauscht. Nun waren sie wohl weg. Ich stand wieder allein am Zaun. Ich hörte nur noch die Vögel in den Bäumen, dann das Geräusch eines Autos weiter oben auf der Straße. Mich fror auf einmal. Langsam schlich ich zurück, ging durch die Gartentür wieder ins Haus. In der Küche war Mama dabei, das Frühstück vorzubereiten.

„Wo warst du?“

„Ach, nur im Garten.“

„So früh?“

„Der Garten ist schon so schön,“ sagte ich.

Ja, ich würde mit Elke in das KZ Museum gehen.

6. Das alte Foto

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Das Gesamtwerk „Gegen das Vergessen“ ist urheberrechtliche geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

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Fundstück – „Verfassungsdurchbrechung“

Meine Abneigung gegen Juristerei sitzt tief. (Natürlich ist sie laienhaft und also unqualifiziert und ungerecht.)
Manchmal aber komme ich nicht umhin, die juristischen Trickser zu bewundern. (Eine der tollsten Leistungen der BRD-Verfassungsrechtler war es – nach meiner groben Erinnerung – als man zum Jugoslawienkrieg zwar bestätigte, dass die Vorbereitung eines Angriffskrieges verboten sei, nicht aber seine Führung.)

Jetzt stolperte ich über das Konstrukt der „Verfassungsdurchbrechung“. Hitlers Ermächtigungsgesetz war nicht zu beanstanden. Es war zwar nach Weimarer Verfassung verboten aber da man es mit (herbeigezauberter) Zwei-Drittel-Mehrheit beschloss, war doch alles rechtlich einwandfrei.

Heutzutage, da der Bundestag seine Kriegsbeschlüsse mit 80%-, 90%-Mehrheit fasst, sind wir rechtsstaatlich immer auf der sicheren Seite.

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Über Faschismus (1)

Es ist üblich, unter Faschismus ganz bestimmte, historisch definierte Regime zu verstehen – den Faschismus Mussolinis (1922-1943), den Hitlerfaschismus (1933-1945), den Faschismus Francos (1936-1975) und weitere. Eine noch engere Sicht – der wohl die besondere Monströsität des deutschen Faschismus die Vorlage lieferte – betrachtet diesen als die klassische Ausprägung des Faschismus schlechthin.

Faschismus gestern, heute, morgen, in unserer demokratischen Wertegesellschaft? Undenkbar! Faschismus ist historisch eingehegt. Und durch „Arbeit am Begriff“ begriffliche Manipulation wird Faschismus weiter abgewandelt – in „Nationalsozialismus“, „Nazi“, „Antisemitismus“,„Holocaust“. Abschließend bewältigt ist er dann mit dem Besuch von Yad Vashem.

Dass Faschismus unser tägliches Leben durchdringt, erscheint unvorstellbar, eine abstruse Idee.

Vor einem halben Jahrhundert hat Michail Romm mit seinem Dokumentarfilm „Der gewöhnliche Faschismus“ eine Bresche in die Mauer solcher scheinbaren Gewissheiten geschlagen. Doch das war nur Kunst, nichts, was begriffliche Tragweite entfaltete.

Und so wird heute gern ein Wort wie „faschistoid“ verwendet; an Stelle der fehlenden Begriffe.

Oder – noch besser – gar kein Wort.

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Gegen das Vergessen 1/4

Erzählungen zum Kriegsende 1945 in Oranienburg

von

Mathilda Seithe

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Teil 1- Das Haus mit dem spitzen Dach

Bisher erschienen: Kapitel 1 bis 3

4. Der Hauskauf

Den ganzen nächsten Tag sprachen die beiden kaum miteinander.

„Was haben die denn?“, fragte mich Bernd.

„Ach die haben sich gestritten, weil Mama uns nichts davon gesagt hat“, teilte ich ihm meine Interpretation des nächtlichen Streitgespräches mit. Wir warteten. Allmählich schien sich das Unwetter zu verziehen.

Beim Abendbrot am 2. Tag, an dem Elke bei uns zu Besuch war, kamen wir erneut auf das Thema. Wir hatten schon aufgegessen und ich wollte den Tisch abräumen. Meine Mutter blieb sitzen und hustete mehrfach.

„Warte mal, Karola, bleib doch noch hier!“.

Als sie sich der Aufmerksamkeit ihrer beiden Kinder und ihrer Schwester versichert hatte, lächelte sie erleichtert, holte tief Luft und meinte:

„Ihr denkt sicher, ich hätte mir die Entscheidung für diesen Hauskauf einfach gemacht. Das stimmt nicht. Ihr ahnt gar nicht, wie sehr mich diese blöde Geschichte schon beim Kauf des Hauses verfolgt hat. Ich suchte bereits eine ganze Weile, habe dann aber endlich einen Makler beauftragt. Allein, so glaubte ich, würde ich nichts finden. Das war so ein kleiner, quirliger Typ. Ich glaube, er bemühte sich wirklich, mir zu helfen. Er kannte ja unsere Geschichte. Ich habe sie ihm erzählt. Nun gut. Er schickte mir immer wieder Angebote. Die meisten waren viel zu teuer, oder wir hätten dann fast außerhalb der Stadt wohnen müssen. Das wollte ich auf keinen Fall. Als er dann mit diesem Haus kam, rief er mich an.

‚Wie gefällt ihnen das neue Angebot?‘ Ich konnte regelrecht hören, dass er sich freute, doch etwas vielleicht Geeignetes für uns gefunden zu haben.

‚Sieht recht gemütlich aus und der Preis ist annehmbar, denke ich,‘ sagte ich. ‚Ja, das kann man sagen. Die Gegend ist nicht die Schlechteste. Man ist in 10 Minuten im Zentrum und lebt doch schon ein wenig im Grünen.‘

Er zögerte. Ich dachte sofort, jetzt kommt der dicke Pferdefuß. Und irgendwie war es ja auch so.

‚Und?‘, konnte ich nur sagen.

‚Also, da Sie diese Häuser offensichtlich nicht kennen, Frau Wenning, muss ich es Ihnen direkt sagen. Manche Kunden finden das nicht so prickelnd. Anderen ist es egal. Also: es geht darum, dass diese Häuser ursprünglich zum KZ Sachsenhausen gehörten.‘

‚Was?‘, fragte ich. „Im ersten Moment reagierte ich entsetzt.“

‚Nein, nein, nicht so, wie sie jetzt denken! Es waren einfach die Wohnhäuser, die man für die KZ-Wärter und ihre Familien gebaut hat. Die haben da gewohnt. So hatten sie es nicht weit zur Arbeit. Er lachte. Ich konnte dieses Lachen nicht richtig einordnen.

‚Was heißt das denn?‘ fragte ich unsicher. ‚Merkt man das heute denn noch irgendwie?‘

Er beruhigte mich. Man sehe nichts und käme auch gar nicht auf die Idee, wenn man es nicht wüsste. Ich fragte mich, warum er mir diese Geschichte dann unbedingt erzählen musste. Ich war mich plötzlich nicht sicher, ob ich das so einfach vergessen könnte, wenn ich da wohnen würde.

Er erklärte mir, er müsse das tun, denn einige seiner Kunden würden ihm sonst vielleicht nachher Vorwürfe machen.“

Wir hörten gespannt zu. Also war es unserer Mutter genauso gegangen wie uns. Sie hatte also neulich nur so getan, als sei das für sie unwichtig, damit wir es so hinnehmen.

„Und dann kam es“, fing Mama wieder an. Der Makler kam ins Plaudern.

„‚Ach, wissen Sie‘, das war doch für die auch nur ne ganz normale Arbeit. Irgendwomit muss man halt sein Geld verdienen, nicht wahr? Man sollte das auch nicht so verbissen sehen, finde ich.‘ Ich sah ihn verwundert an.

‚Die alte Zeit ist vorbei, verdammt noch eins. Und wir können sowieso gar nichts dazu sagen, wie das so war für die Leute. Die hatten Krieg und man war dann eben nicht mehr so zimperlich“, fügte er hinzu, als er merkte, dass ich ihn irritiert anblickte.

‚Also wie auch immer,“ kam er dann schnell wieder aufs Geschäft zu sprechen. „Das Häuschen, Frau Wenning, ist eine Ringeltaube, genau das, was sie brauchen. Nicht zu groß, aber groß genug, dass ihre Kinder eigene kleine Zimmer haben, ein kleiner Garten, Abstellfläche auf dem Boden und im Keller, ein schönes Wohnzimmer mit Blick auf die Natur hinten raus… was wollen sie mehr? Und direkt vor der Nase das Strandbad am Lehnitzsee. Man muss nur ein paar Minuten durch den Wald laufen.“

„Er hatte ja Recht. Aber glaubt mir, ich habe es mir lange überlegt. Am liebsten hätte ich es mit euch besprochen. Aber ich dachte, ich sollte euch besser nichts sagen, tut mir leid. War vermutlich falsch. Ich habe hin und hergedacht, habe mit meiner Freundin Jenniffer darüber gesprochen, habe überlegt, was euer Vater dazu gemeint hätte.“

„Was hat denn Jennifer gesagt“, wollte Bernd wissen.

„Ach, die hat mich ausgeschimpft, dass ich solche albernen Bedenken hätte. Sie fände das völlig egal, und wenn in dem Haus einmal eine Bande von Verrückten gewohnt hätte, das, so sagte sie, würde sie nicht für zwei Cent jucken.

Auch als ich darauf hinwies, dass es sich aber hier um Nazis, SS-Männer, Hilfsschergen handelte, die jede Menge Menschen auf dem Gewissen hatten, ließ sie sich nicht beeindrucken.

‚Na und? Und wenn schon! Wenn ich mal nachforsche, wer in meinem Haus drüben alles gewohnt hat. Davon muss man sich frei machen. Vergiss es einfach!‘“

„Typisch deine Jennifer!“, warf Bernd ein.

So leicht habe ich es mir also wirklich nicht gemacht. Aber am Ende habe ich mich dann doch dafür entschieden. Der Makler hatte ganz recht, es ist genau das Richtige für uns. Oder?“

„Ja,“ gaben wir zu. „Das stimmt schon. Aber jetzt ist es nicht mehr so wie noch heute früh. Ich hoffe, das geht wirklich vorbei!“

Mama reagierte enttäuscht. Offenbar hatte sie geglaubt, uns durch ihre Erzählung beruhigen und ablenken zu können.

Ein wenig verärgert sagte:

„Es ist ja nun nichts mehr daran zu ändern.“

Und als alle schwiegen, fügte sie gereizt hinzu:

„Dank deiner Neugier, liebe Schwester, haben wir jetzt ganz schön zu schlucken. Was hast du dir bloß dabei gedacht, die Bombe hier so einfach beim Kaffeetrinken platzen zu lassen?“

Elke schwieg weiter.

„Kommt! Lasst uns nicht mehr daran denken. Was machen wir morgen?“, fragte Mama nach einer kleinen Pause unversehens. Ihr Gesicht strahlte plötzlich wieder die freundliche, aber auch harte Art aus, die eben unsere Mutter so an sich hat.

  1. Moderne Geister

****

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Batterieexplosion Elektrobus, Paris April 2022

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