Gegen das Vergessen 3/18

Erzählungen zum Kriegsende 1945 in Oranienburg

von

Mathilda Seithe

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Teil 3 – Die neue Pizzeria

Bisher erschienen: Kapitel 1 bis 17

18. Trotzdem: Der Kunde ist König

Aufgeregt erzählte Angelina ihren Traum beim Frühstück. Manuela war beeindruckt.
Ihre Schwester schien noch immer aufgewühlt.
„Du, das war so real, ich konnte die Papierseiten zwischen den Fingern fühlen. Als ich aufwachte, dachte ich erst, die Briefe müssten hier auf meinem Tisch liegen. Aber es war nur meine Phantasie, Manuela, mehr nicht.“
„Natürlich war es nur deine Phantasie. Aber es könnte sich so abgespielt haben. Stell dir mal die beiden jungen Männer vor: In einen Krieg geschickt, weg von ihren Plänen, von der Familie, vielleicht auch weg von einer Freundin. Das Leben wird sicher auch in der Roten Armee kein Zuckerschlecken gewesen sein. Und immer in der Erwartung, im nächsten Augenblick erschossen oder sonst wie getroffen zu werden.“
„Und dann kommen sie endlich an in Feindesland. Sie haben gesiegt. Sie sind völlig ausgepowert. Viele ihrer Kameraden drehen durch. Die Offiziere haben angekündigt, jeden zu erschießen, der bei einer Vergewaltigung ertappt wird. Aber die sexuell ausgehungerten Soldaten halten es offenbar für ihr Siegerrecht, die Frauen der Männer mit Gewalt zu nehmen, die ihre Mütter und Schwestern nicht nur vergewaltigt, sondern auch wahllos getötet und gequält haben. Pjotr ist mit dabei. Aber sein Bruder denkt an Mascha. Er beteiligt sich nicht. Und alles was sie noch wollen, ist, nach Hause kommen.“

„Eigentlich wurde in Oranienburg an ihrem Todestag doch gar nicht mehr geschossen. Volkssturm, hast du gesagt? Google mal, was das genau war.“

„Sagt mal, ihr beiden, können wir wenigstens beim Frühstück mal über was anderes reden als über diese Sachen?“

„Tschuldigung, Giuseppe, aber es hat uns richtig gepackt, mich jedenfalls. Ich habe über das alles bisher nie nachgedacht und wusste auch überhaupt nichts darüber.“

Angelina und Manuela machten in den folgenden Tagen gemeinsame Ausflüge nach Berlin und ins Umland. Der Besuch im KZ Sachsenhausen und ihr Erlebnis auf dem sowjetischen Ehrenfriedhof waren schon fast in Vergessenheit geraten, als sie eines nachmittags in der Frühjahrssonne vor der Pizzeria saßen und sich von Giuseppe mit einem Eisbecher verwöhnen ließen.
Als ein paar Leute auf die Terrasse kamen, ging Giuseppe hinein, um die Bestellung der neuen Gäste zu besorgen.
„Hast du gelesen“, fragte einer der Männer die anderen drei. „Trump gibt Deutschland ganz auf. „Amerika first“, dieser Mist! Jetzt stehen wir bald ohne jeden Schutz da.“
„Hast recht“, antwortete der andere Mann, „bisher konnten wir immer davon ausgehen, dass die USA uns absicherten. Auch im Kalten Krieg war das so. Ich sehe schon, sie werden jetzt auch noch ihre letzten Raketenstützpunkte in Deutschland aufgeben.“
„Wir müssen einfach eine starke europäische Armee aufbauen. Ist doch klar, dass wir uns nicht ewig auf die Amis verlassen können.“
„Ehrlich gesagt,“, meinte jetzt eine der beiden Frauen am Tisch, „ich fand es immer gruselig, dass die Amis hier noch ihre Atomstützpunkte beibehalten haben. Die Besatzungssoldaten sind doch seit Jahrzehnten weg. Aber das bleibt. Warum?“
„So ist der Osten für die Amis doch viel einfacher zu erreichen“, antworte der Mann links neben ihr. Es schien ihr Partner zu sein, denn er legte bei seinen Worten wie beschützend den Arm um ihre Schultern.

„Warum sollen denn die Amis den Osten schnell erreichen? Du klingst, als denkst du, morgen ginge ein Krieg los,“ erwiderte die Frau unwillig und machte sich los.

„So habe ich auch immer gedacht, Franziska“, meinte jetzt der andere Mann. „Ich war dagegen, dass die Amerikaner uns hier als Zwischenstation sehen. Aber jetzt, wo die uns im Regen stehen lassen – weißt du was: Ich war all die Jahre gegen die Bundeswehr und gegen die Erhöhung des Bundeswehrhaushaltes. Aber jetzt, wo wir so schutzlos sind, da müssen wir doch einfach was dagegen tun! Du wirst lachen, ich bin inzwischen für eine deutliche Erhöhung des Bundeswehretats.“

„Das ist nicht wahr?“, fragte die Frau erschrocken.
„Doch, Franziska, schau mal, was sollen wir denn sonst tun, wenn wir angegriffen werden?“
„ Ich finde, Wolfram hat völlig recht“, ließ sich die Frau auf der anderen Seite des Tisches vernehmen.
„Aber wer sollte uns denn angreifen, Patrizia?“
„Na, die Russen natürlich. Die Chinesen, ich weiß nicht. Die alle wollen doch sicher unser Europa schlucken, bald oder später.“

„So wie es jetzt aussieht, könnte ich mir schon eher vorstellen, dass wir uns gegen die USA verteidigen müssen,“ murrte Franziska trotzig. Ihre Stimme grollte.
„Nun mach aber mal nen Punkt!“, meinte Peter erbost.

Das Gespräch wurde von Giuseppe unterbrochen, der mit den leckeren Eisportionen kam. Zunächst herrschte danach am Tisch genussvolle Stille.

„Ich bin übrigens auch der Meinung, dass es wirklich eine Schande ist, wie schlecht unsere Soldaten ausgerüstet sind. Man hört doch täglich solche Skandale. Stellt euch vor, sie schießen, und die Kugeln treffen gar nicht ihr Ziel. Das ist doch das Letzte! Nein, so können wir uns nicht lumpen lassen, als eine der wichtigsten Nationen dieser Welt.“
„Du redest in letzter Zeit ziemlichen Unsinn, Peter! Wie kannst du so was sagen? Ich persönlich würde mich freuen, dass sie nicht treffen! Stell dir vor, du sollst einen Menschen erschießen und deine Knarre macht da nicht mit. Was für eine Freude!“ Franziskas richtete sich auf, legte bei diesen Worten den Eislöffel beiseite und sah die anderen herausfordernd an.
„Was ist mit deiner Frau los, Peter?“ Wolfram lächelte ein wenig irritiert.
„Weißt du das nicht, meine Frau ist ‚ne richtig Radikale.“ Peter lachte.
„Ich muss aufs Klo“, sagte Franziska bestimmt, mit unterdrückter Wut.

„Die Toilette ist neben dem Eingang links“, mischte sich jetzt Manuela ein. Sie konnte es offenbar nicht ertragen, diesem Gespräch wortlos zu zuhören.

Franziska stand auf, nickte Manuela ein wenig verwundert zu und verschwand im Inneren der Gaststätte. Den anderen war wohl plötzlich klargeworden, dass die beiden Frauen am Nebentisch jedes Wort ihrer Unterhaltung hatten verstehen können. Sie blickten ein paar Sekunden betreten auf ihre Eisbecher.

„Was macht eigentlich dein Sohn, Peter?“, fragte dann die Frau, die noch am Tisch saß, in die Stille hinein.
„Der hat nächste Woche Examen. Ihr wisst ja, Soziologie, ich war immer dagegen, brotlose Kunst, finde ich. Aber er ist ja seit Jahren CDU-Mitglied, da wird er schon was finden.“
„Und Petra, deine Jüngste?“
„Ihr werdet es nicht glauben. Petra hat beschlossen, sich nach dem Abitur bei der Bundeswehr zu bewerben. Sie meint, sie bekäme an der Bundeswehrhochschule auch mit ihrem nicht gerade ruhmreichen Abiturzeugnis einen Studienplatz für Medizin.“
„Klar, Ärzte werden immer gebraucht,“ sinnierte Wolfram. „Besonders im Krieg.“

„Sei nicht so geschmacklos, Wolfram“, schimpfte die Frau ihm gegenüber und warf einen Blick auf die Tischnachbarinnen, als wolle sie sich entschuldigen. „Und lass das nicht deine Frau hören!“

„Komm, wir gehen rein,“, forderte Manuela Angelina auf. Die nickte erleichtert.
Sie standen auf und gingen ins Haus zu Giuseppe.

„Ich kann das nicht mehr ertragen“, stöhnte Manuela. „Ich wäre am liebsten mitten in ihr Gespräch hineingeplatzt.“
„Das lasst mal schön bleiben“, meinte Giuseppe, der an ihnen vorbei ging mit Sorgenfalten auf der Stirn. „Wenn eure politische Meinung anfängt, meine Gäste zu belästigen, dann könnt ihr nicht mehr draußen unter den Kunden sitzen.“

„Wir haben ja nichts gesagt, Giuseppe!“, beruhigte Angelina ihren Mann. „Aber es war wirklich unerträglich. Es hätte dir auch die Sprache verschlagen, glaub mir!“
„Aber der Kunde ist König. Wenn ihr euch nicht an diese Regel haltet, dann raus aus meinem Laden!“ Er lachte bei seinen Worten, aber es war ihm ernst.

Doch ein paar Tage später, am 7. Mai beim Frühstück meinte Giuseppe, der jeden Morgen ausgiebig die örtliche Zeitung las, einfach um sein Deutsch ständig zu verbessern:
„Habt ihr nicht von diesem Friedhof erzählt, diesem Kriegsdenkmal hier vorne an der Straße. Da ist morgen eine Gedenkfeier. Der Oberbürgermeister wird reden.“
„Im Ernst?“
„Morgen ist Jahrestag des Kriegsendes, 8. Mai.“
„Ich war noch nie auf so ‚ner Feier, Manuela. Wollen wir da mal hingehen, zu deinen beiden russischen Brüdern, meine ich? Wäre doch interessant, oder?“

Manuela blickte sie erfreut an.
„O ja, gerne. Das ist ein Tag, der eh Feiertag sein müsste. Dann können wir mal sehen, wie die Bevölkerung hier mit diesem Gedenktag und diesem Ehrenmal umgeht.“
„Ich besorge einen Strauß Rosen, oder, was meinst du? Da ist sicher üblich.“
„Zwei Sträuße, Angelina, zwei. Für jeden der Brüder einen“, lächelte Manuela.

19. Die Gedenkfeier

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Frontlied

Quelle: hier

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Jacques Baud: „Stand der militärischen Lage in der Ukraine Anfang Juni“

Eine offenbar solide komplexe Betrachtung eines westlichen Analysten zum Krieg in der Ukraine aus militärischer und militärpolitischer Sicht.

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Fundstück – „ALG“ schreibt auf „Aftershock“

Die Webseite „Aftershock“ führt den Untertitel: „Was wird morgen sein?“

Der Artikel „Abkommen zwischen den USA und Russland über die Ukraine und Europa. Existiert es? Ist es möglich?“ ist sehr interessant, und er ist, wenn man sich die am Ende aufgelisteten weiteren Beiträge zum Thema ansieht, keine Eintagsfliege.

Im Artikel gibt es eine Einzelinformation (die zeigt, dass der Verfasser weiß, wovon er spricht), die mir bisher unbekannt war, der z. Z. enorme Kapitalabfluss aus Europa in die USA:

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Gegen das Vergessen 3/17

Erzählungen zum Kriegsende 1945 in Oranienburg

von

Mathilda Seithe

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Teil 3 – Die neue Pizzeria

Bisher erschienen: Kapitel 1 bis 16

17. Die Brüder Moratolow

„23.4.45
Liebe Mama,
wir sind gestern endlich durch die Reihen der deutschen Truppen gebrochen und haben daraufhin eine kleine Stadt eingenommen. Sie heißt Oranienburg oder so ähnlich. Ein bisschen größer als die Städtchen, durch die wir hier vor Berlin schon gekommen sind. Unterwegs gab es einige schlimme Zusammenstöße mit Faschisten. Vier Mann von uns wurden verletzt. Einer schwer. Er wird sicher bald sterben, hat einfach zu viel Blut verloren.

Pjotr und ich haben unser Nachtquartier in einem der kleinen Häuser zugewiesen bekommen, die an einer Straße liegen, die von der Brücke an einer Schleuse Richtung Stadtzentrum führt. Man sagte uns, dass dort die KZ-Wärter vom KZ hier gewohnt haben. Sie sind geflohen, haben alles zurückgelassen. Sogar Lebensmittel. Für uns ein Glück!
Von hier aus sieht man die KZ-Mauern. Wir sollen in ein paar Stunden dorthin abkommandiert werden, um die Menschen zu befreien, die da eingesperrt sind.

Liebe Mama, nun sind wir beide schon so lange weg von zu Hause. Du wirst uns sehr vermissen, aber wir vermissen dich auch und auch all die anderen. Vielleicht sind wir jetzt doch bald wieder bei euch. Der Krieg kann nicht mehr lange dauern. Auch in Berlin kämpft jetzt die Rote Armee. Offenbar haben die Nazis, kurz bevor wir ankamen, wie die Irren noch Deutsche getötet, aufgehängt, erschossen. Und es gab auch hier in der kleinen Stadt Leichen auf den Straßen. Die Leute verlassen ihre Häuser nicht. Sie verhalten sich abwartend und vorsichtig. Frauen haben offenbar Angst vor uns. Wenn die wüssten, was ihre Männer noch vor wenigen Monaten mit unseren Frauen gemacht haben! Aber ich kann nicht an Rache denken. Das Elend ist zu groß, überall.

25.4.45
Mama, gestern haben wir die Menschen im KZ Sachsenhausen befreit. Die SS Leute waren schon geflohen und etliche Gefangene haben offenbar die Gelegenheit ergriffen, auf der Stelle abzuhauen. Aber viele waren zu elend und zu schwach, um wegzulaufen. Sie begrüßen uns mit matten Gebärden. Einige konnten nicht einmal mehr aufstehen. Und überall Leichen, hunderte, tausende tote, ausgemergelte menschliche Körper, Männer meist, aber auch Frauen und Kinder. Ich musste Pjotr trösten. Er fing an zu weinen bei diesem Anblick. Es war schrecklich. Ich weiß nicht, ob ich so etwas Furchtbares schon einmal gesehen habe während der langen Zeit, in der wir nun in diesem verfluchten Krieg sind. Mama, wie können Menschen so brutal sein? Die Bilder gehen nicht aus meinem Kopf. Als wir zurück waren, musste ich mich übergeben.

Wie es aussieht, herrscht hier in unserer Kleinstadt inzwischen Ruhe. Seit gestern wird nicht mehr geschossen. Die Bewohner haben sich ergeben. Unsere Jungs sind auch nicht zimperlich. Viele ziehen durch die Häuser und jagen Mädchen und Frauen, die sich vor ihnen verstecken wollen. Pjotr ist auch dabei. Aber ich denke an Mascha und kann es nicht. In einem Haus fanden sie ein Mädchen und seine Mutter, die sich ein paar Stunden früher die Pulsadern aufgeschnitten hatten. Sie waren verblutet.
Weißt du, Mama, ich will das alles nicht mehr sehen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass ich danach wieder ein normales Leben führen kann. Pjotr ist optimistischer und versucht mir Mut zu machen.
Ich wünsche so sehr, dich bald in die Arme schließen zu können!

26.4.45
Liebste Mama,
Berlin hat sich inzwischen auch ergeben. Die SS-Leute sind meistens geflohen. Aber immer wieder finden wir welche, die sich hier im Stroh oder im Keller versteckt haben. Unser Kommandeur lässt sie auf der Stelle erschießen. Ich war bei einer Hausdurchsuchung dabei. Die Frau stand mit zwei Kindern da und heulte fürchterlich. Ich musste die Leiche des Vaters wegräumen.

Mama, ich kann das nicht mehr. Ich denke an unsere Felder, in denen ich um diese Jahreszeit so gerne gelegen und geträumt habe. Wieso gibt es diese Kriege. Warum?
Täglich fahren wir zur Kontrolle die Straße hinunter, an der wir in jenen Häusern einquartiert sind. Wir fahren bis zum See und durchsuchen die Wälder rechts und links. Aber es wird immer ruhiger. Und alle haben Hunger: die Menschen hier, aber auch wir. Es gibt nur noch winzige Portionen. Wenn ich wieder zurück bin, Mama, dann wünsche ich mir eine kräftige Soljanka, und so viel davon, wie ich vertragen kann. Versprich mir, sie für uns zu kochen! Und fang schon mal damit an. Ich hoffe, wir werden uns hier nicht mehr lange aufhalten müssen.

10.5.45
Frau Moratolowa,
Mein Name ist Stanislav Jeninskow.
Ich muss ihnen leider mitteilen, dass ihre beiden Söhne gestern von Leuten aus dem deutschen Volkssturm aus einem Hinterhalt heraus erschossen wurden. Ich war der Freund ihrer Söhne und bin untröstlich. Wenn ich wieder zurück nach Russland komme, versuche ich, Sie aufzusuchen und ihnen die persönlichen Sachen der beiden mitzubringen.
Die Täter wurden sofort gefangen genommen und kurz danach erschossen. Aber wem nützt das jetzt noch?

Mein aller herzlichstes Beileid!
Stanislaw“

Als Angelina aufwachte, schaute sie verwirrt auf ihre Hände. Kein Brief, kein Stück Papier. Sie lag im Bett. Es war also nur ein Traum. Sie ließ ihn noch einmal an sich vorbeiziehen … So hätte es gewesen sein können.

18. Trotzdem: Der Kunde ist König

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Freiheit und Organisation – eine Nachbetrachtung

Vieles liegt im Argen. Die Welt müsste verbessert werden.

Alle wissen, dass Einigkeit stark macht. Dass die vielen Ausgebeuteten und Machtlosen sich zusammenschließen müssen, weil ihre Waffe ihre Anzahl ist, ist ein Gemeinplatz. Notwendig ist „nur“, dass alle gemeinsam zum richtigen Zeitpunkt das Richtige tun. Das erfordert Organisation.

Doch jeder hat seinen freien Willen. Jeder und Jede will seine, will ihre Freiheit bewahren, will gerade sie in die Organisation einbringen. Verhältnisse der Unterordnung und des Gehorsams gibt es genug. Die Organisation der Vielen darf also keinesfalls die Freiheit jedes Einzelnen einschränken. Das scheint ein schwieriges Problem zu sein.

Alle Organisationen, die ich kennengelernt habe, schlagen sich mit diesem Problem herum. Alle behaupten, es gelöst zu haben. Doch meine Erfahrung lässt mich daran zweifeln.

Entweder bleibt das geschlossene Handeln der Organisation auf der Strecke oder die Freiheit des Mitglieds. Bestenfalls kommt es zu einem Gemisch der beiden Extreme. Vielleicht ist das Problem grundsätzlich nicht lösbar?

Leute, die strikt an einen Gott glauben und sich Dank zuverlässiger Offenbarungen jederzeit richtig entscheiden, meinen die Lösung gefunden zu haben. Leider hinkt dieses Beispiel an der vorausgesetzten Gottgläubigkeit. Was,wenn „Gott tot ist“ … ?

Gibt es einen Ausweg für diejenigen, die auf die wohltuende religiöse Erleuchtung (oder Dämmerung) nicht zurückgreifen können oder wollen? Vielleicht müssten die Menschen selbst irgendwie …, na ja … gottähnlich werden? Allmacht gibt es natürlich nicht. Doch das sollte uns nicht entmutigen. Auch Gott ist nicht allmächtig. Das Gerede von seiner Allmacht verbaut nur Einsichten.

Jeder Blick in die Natur zeigt, dass Jedes mit sich und seinem Nächsten (und schließlich mit Allem) in Wechselwirkung steht. So funktioniert’s natürlich. Gott passt nur auf, dass wirklich niemand und nichts aus diesem Zusammenhang herausfällt. Alles ist mit Allem ORGANISCH verbunden und zugleich ist jedes Einzelne FREI (mit einer einzigen Grenze – seinem Tod). Das alles klingt zwar reichlich abstrakt aber vielleicht könnte daraus ein Modell werden – für die Ungläubigen?

Nach dem wäre nur zu prüfen:
– Bin ich organisch („organisiert“) an ALLES gebunden, was mir wichtig ist (mein „Ein und Alles“)?
– Gebe ich diesem Organischen (dieser „Organisation“) wirklich alles, was in meiner INDIVIDUELLEN Macht steht?
Das zu prüfen wäre die tägliche Übung. Ein solches immerwährendes Bedenken jeden Denkens und Tuns, scheint der Weg zu sein, um Freiheit und Organisation zu vermitteln. So wäre jegliche alltägliche Situation mit Weisheit zu durchdringen.

Das führt in letzter Konsequenz zur Forderung: ALLTÄGLICHWERDEN VON PHILOSOPHIE! (und dann auch noch einer dialektisch materialistischen). – Wenn das nicht maximal unpopulär ist! Fast alle sind sich doch einig, dass auch „Philosophie tot ist“ (und die marxistisch-leninistische gleich dreimal).

Erst einmal genug der Grübeleien. Ich versuche, mich der Erfahrungen mit Freiheit und Organisation zu erinnern, die mein Leben besonders geprägt haben.

Genau genommen müsste ich mit der Familie beginnen. Auch sie ist eine Art Organisation. Doch noch mehr ist sie der naturwüchsig-soziale erste Lebensraum, in dem der Mensch den Weg seiner Individualisierung (und damit seines Freiwerdens) beginnt. Hier soll es dagegen um Erfahrungen mit einigen Organisationen politisch-weltanschaulichen Charakters gehen, bei denen mein Eintritt und Austritt jeweils mit einer bewussten Entscheidung verbunden war.

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Gegen das Vergessen 3/16

Erzählungen zum Kriegsende 1945 in Oranienburg

von

Mathilda Seithe

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Teil 3 – Die neue Pizzeria

Bisher erschienen: Kapitel 1 bis 15

16. Der Ehrenfriedhof am Wege

Nach einer halben Stunde im Museum machten sich die Schwestern auf den Rückweg. Angelina hatte das Gefühl, ihr sei ein Auto über den Rücken gefahren. Sie sagten kaum ein Wort, die Bilder, die sie später noch im Museum hatten sehen müssen, tobten noch in ihrem Kopf.

Ihr Weg zog sich auf der Hauptstraße immer geradeaus zurück Richtung Stadt. Kleine Nebenstraßen gingen links ab und führten in dicht bebaute Wohnstraßen mit Einfamilienhäusern aus der Nachkriegszeit. Autos säumten auf beiden Seiten die Straße. Rechter Hand standen in einer langen Reihe kleine Häuschen mit spitzem Dach und einem Garten dahinter, die so anheimelnd aussahen, als wohnten dort die 7 Zwerge aus dem Märchen. Tatsächlich aber waren es die Häuser, die man für die KZ-Aufseher errichtet hatte – so nah wie möglich zum Konzentrationslager. Angelina und ihre Schwester hatten darüber eben im Museum gelesen. Sie wussten jetzt Bescheid. Ein Stück weiter entdeckten sie in den Seitenstraßen auch die Villen der SS Leute und der KZ Leitung.

Danach brach mit einem Mal die Häuserzeile ab und neben ihnen auf der rechten Seite der Straße öffnete sich der Blick in eine größere Rasenanlage. Hinten in der Mitte der Rasenfläche erkannten sie eine Art steinernes Mahnmal, in dem Stil, wie in Deutschland die Kriegsdenkmäler nun einmal aussehen. Die beiden sahen sich um. Vorne an der kleinen Mauer, die das Terrain zum Bürgerstein hin abgrenzte, war ein Schild angebracht. „Sowjetischer Ehrenfriedhof“, war da zu lesen. Das Mäuerchen an der Straße wurde von einem Tor in schwarzem Gusseisen unterbrochen, es war offenbar nur angelehnt. Man konnte also hineingehen.

Nach allem, was sie eben gesehen und gehört hatten, sahen sie sich eigentlich nicht mehr in der Lage, weitere Zeugen und Spuren aus dieser schrecklichen Zeit aufzusuchen. Aber nach den Eindrücken im KZ Sachsenhausen machte sie der Ehrenfriedhof für die sowjetische Armee neugierig. Schließlich waren das neben der polnischen Armee die Befreier des KZ Sachenhausen gewesen.

„Schau mal, da hinten, am Ende des Geländes stehen schwarze Steintafeln. Wahrscheinlich mit den Namen der Gefallenen. Wollen wir nicht doch mal eben hinein gehen, sozusagen als Kontrastprogramm zu eben?“, fragte Manuela. Angelina nickte ohne große Begeisterung.

Sie liefen über die völlig leere Grasfläche um das steinerne Denkmal herum bis dahin, wo sie im tiefen Schatten im Halbkreis die großen Tafeln aufgestellt sahen. Die Offiziere hatten meist einen eigenen Grabstein. Auf den dazwischen aufgestellten Steintafeln standen viele Namen, offenbar die der einfachen Soldaten. Kaum einer von ihnen war mehr als 20 Jahre alt gewesen, als er starb. Es war nicht leicht, die Namen zu entziffern. Die Schwestern konnten kein Russisch. So was wurde in Köln nicht gelehrt, als sie zur Schule gingen. Ein Wort sah beinahe so wie das andere für sie aus. Sie radebrechten halblaut die Namen, soweit sie die Buchstaben entziffern konnten.

„Sieh mal, Angelina: Da steht ein Nachname gleich zweimal. Offensichtlich waren das hier Brüder. Beide am selben Tag gefallen. Merkwürdig, am 26. April. Da war doch hier gar kein Krieg mehr. Da war das KZ doch schon befreit. Weißt du noch das Datum? Ich habe es doch vorhin im Museum so oft gelesen.“

„Warte mal: Ich glaube, am 22. wurde das KZ endgültig von den Russen befreit. Am 26. April war also schon längst die Rote Armee hier in Oranienburg.“

„Beide sind am gleichen Tag gestorben. Aber lange nach den Kampfhandlungen offenbar.“
„Merkwürdig. Vielleicht an einer Krankheit oder an Verletzungen?
„Beide am gleichen Tag?“
Ratlos standen die Schwestern vor dem Gedenkstein.

„Zwei russische Brüder sterben hier auf deutschem Boden zu einer Zeit, als schon Waffenruhe geherrscht haben muss. Was bedeutet das?“

„So kurz vor dem Ende? Sie hatten sich sicher bereits ausgemalt, dass sie bald wieder daheim sein würden.“
„Wie schrecklich!“
„Na ja, schrecklich war damals wohl alles. Denk mal an dieses Speziallager, was die Russen dann später auf dem Gelände des KZ eingerichtet haben, um Nazis und solche Menschen aus dem Verkehr zu ziehen, die sich widersetzten. Sie konnten sie kaum ernähren. Die meisten sind verhungert oder an Krankheiten gestorben.“

„Und was die Russen den Frauen damals angetan haben, das war auch schrecklich“, gab Angelina zu bedenken. „Glaubst du, unsere Brüder hier haben auch Frauen vergewaltigt?“
„Keine Ahnung. Vielleicht. Ich fand es schon immer unerträglich, dass Vergewaltigungen offenbar zum Recht der Sieger eines Krieges zu gehören scheinen. Ich mag es mir nicht vorstellen. Aber wie auch immer – es würde kaum ihren Tod am selben Tag erklären.“

Nachdenklich verließen Manuela und Angelina den sowjetischen Ehrenfriedhof.

Wenn man von draußen einen Blick zurückwarf, spürte man, wie weit weg und unbeachtet dieser Friedhof da lag – leer und wie abgeschoben. Ob die Oranienburger überhaupt noch wussten, was hier passiert war und wer da lag: Hunderte junger Russen, die in den letzten Tagen des Krieges hier ihr Leben ließen. Und einige, die auch danach noch starben.

Wieder zu Hause angekommen, waren die Schwestern erschöpft. Giuseppe setzte ihnen Tortellini alla Panne vor, und sie stärkten sich. Erzählen konnten sie nicht viel. Giuseppe, der sehr wohl sah, wie mitgenommen die beiden aussahen, sagte kein Wort. Er beschloss, sich dieses Museum einmal selbst anzusehen. Schließlich lag es in unmittelbarer Nachbarschaft zu seiner Pizzeria. Das hatte er nicht gewusst. Nun musste er damit leben. Und wenigstens sollte er Bescheid wissen, meinte er.

Angelina war bereits früh am Abend müde. Sie zog sich gegen 21.00 Uhr zurück und legte sich hin. Der Schlaf kam sofort.
Sie wusste nicht, wie lange sie schon geschlafen hatte. Sie träumte, sie sei aufgewacht und ginge im Zimmer herum. Da sah sie auf dem kleinen Tisch Papiere liegen. Sie griff danach. Es waren Briefe in russischer Sprache, die sie nicht verstand.
„Doragaya Mama“, las sie. Vielleicht waren es Briefe eines russischen Soldaten für die Feldpost nach Hause? Diese hier waren offensichtlich nicht dort angekommen. Doch irgendjemand schien sie gefunden und aufgehoben zu haben.

Je länger sie darauf blickte, desto deutlicher sah sie, dass sich die fremden Buchstabenreihen in deutsche Wörter verwandelten, dann in Sätze, die sie verstand. Sie fing an, anhand des jeweiligen Datums auf den Briefbögen die Schreiben zu sortieren. Schließlich setzte sie sich auf ihr Bett und begann zu lesen.

17. Die Brüder Moratolow

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Habeck duscht deutlich weniger!

Na wenn’s dem Endsieg dient!

Wäscht sich Baerbock noch?

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Die nationale Frage 2022

Die nationale Frage wird nicht gestellt. Mehr noch: Die Frage selbst scheint undenkbar zu sein. Nichts drückt den Grad der deutschen Verblendung krasser aus.

Deutschland verhält sich als gehorsamer Vasall der USA.
Im Krieg der USA/NATO gegen Russland, den die halbfaschistische Ukraine als Stellvertreter und Speerspitze führt, ist Deutschland aktiver Kriegspartner der Ukraine.

Im Gegensatz dazu stehen vor Deutschland auf Grund seiner Interessen und seiner Geschichte die Aufgaben:
– keinerlei Unterstützung des halbfaschistischen ukrainischen Regimes
– aktive Politik der Entfaschisierung und Entmilitarisierung der Ukraine
– maximale Solidarität mit dem ukrainischen und dem russischen Volk.

Die hier vorgelegte aktuelle Formulierung der nationalen Frage bestätigt den Satz von Rosa Luxemburg:

„Zu sagen was ist, bleibt die revolutionärste Tat.“

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Gegen das Vergessen 3/15

Erzählungen zum Kriegsende 1945 in Oranienburg

von

Mathilda Seithe

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Teil 3 – Die neue Pizzeria

Bisher erschienen: Kapitel 1 bis 14

15. Das KZ Sachsenhausen

Mit ihnen traf am Eingang des Museums eine Gruppe junger Leute ein. Sie sprachen Französisch miteinander.

Manuela und ihre Schwester betraten zuerst das riesige KZ-Gelände. Ins Museum würden sie am Ende noch hineinschauen.
Die Größe des Areals überraschte sie. Weit dehnte sich der Raum, in dem einst Dutzende gleichförmig-triste Holzbaracken gestanden hatten. Ein Denkmal ragte in den Himmel. Überall schritten kleinere Menschengruppen langsam und nachdenklich an den Informationstafeln vorbei. Ab und an blieben sie stehen und lasen durch, was auf den Schildern stand. Eine der wenigen erhaltenen Baracken war geöffnet und man bekam einen vagen Eindruck vom Leben der Gefangenen hier. Dennoch, die sterile Sauberkeit und Leere in und zwischen den Baracken machte es ihnen erst einmal schwer, sich das Leben und Leiden hier vorzustellen. Wie hatte es damals hier ausgesehen?

Doch je länger sie herumliefen und je mehr Informationstafeln sie lasen, desto näher rückte ihnen die Atmosphäre, die vor gut 70 Jahren hier geherrscht haben musste. Tatsächlich, sie meinten die Arbeitstrupps der Gefangenen zu sehen und die Aufseher daneben, mit angelegtem Gewehr oder mit Pistolen am Gürtel.

Manuela las ihrer Schwester aus dem Besucherbegleitheft vor:
„Insgesamt waren in Sachsenhausen 200 000 Häftlinge eingesperrt. Zehntausende davon kamen um: durch Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit, Misshandlungen, medizinische Versuche und durch systematische Vernichtung.“
„Das waren sicher alles Juden“, überlegte Angelina.
„Nein, oder doch? Warte mal. Hier steht was dazu: ‚Zunächst lieferte die SS politische Gegner des NS-Regimes in das KZ Sachsenhausen ein: Kommunisten, Sozialdemokraten, liberale und konservative Politiker. Später folgten Homosexuelle, Sinti und Roma, Christen, Zeugen Jehovas und Kriminelle. 1938 stieg die Zahl der ausschließlich männlichen Häftlinge in Sachsenhausen infolge verschiedener Verhaftungsaktionen stark an. Im Zuge der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ des Reichskriminalpolizeiamts vom März und Juni 1938 lieferte die SS rund 6.000 als „asozial“ eingestufte Menschen in das Lager ein. Nach der Pogromnacht vom 9./10. November 1938 wurden ca. 6.000 Juden nach Sachsenhausen transportiert. Mit der Zerschlagung der „Rest-Tschechei“ im Frühjahr 1939 und mit Beginn des Zweiten Weltkriegs füllte sich das Lager zunehmend mit Häftlingen aus den besetzten Ländern Europas.`“

„Na ja, Kriegsgefangene haben die anderen doch auch gemacht, oder?“, gab Angelina zu bedenken.
„Pass mal auf, was hier steht: ‚Ab Oktober 1941 begannen in Sachsenhausen Massenerschießungen von über 12.000 „politisch und rassisch untragbaren“ sowjetischen Kriegsgefangenen in einer eigens dafür errichteten Genickschussanlage.‘ Die Anlage können wir uns gleich ansehen. Ich glaube, sie ist da hinten.“

„Nein, lieber nicht, Manuela. Das ist alles ja schrecklich!“
„Ja. Da hast du recht. Es ist unvorstellbar!“

„Aber war das hier nicht ein Arbeitslager, also kein Vernichtungslager? Ich habe sowas mal gehört.“
„Ja schon. Aber die Leute starben trotzdem. Wie ich eben vorgelesen habe: an Hunger, durch die Zwangsarbeit, an Misshandlungen, an systematischer Vernichtung. Aber gearbeitet haben sie wohl, mussten sie ja. „Arbeit macht frei“, hast du das Schild am Eingang gesehen.?“
„Ja, natürlich! Das ist so was von zynisch! Aber was haben sie denn arbeiten müssen? Steht das da?“
„Du kennst die Sache mit dem Schuhläuferkommando?“
„Nein, klingt komisch.“
„Da mussten die Gefangen tagelang mit Gepäck auf dem Rücken um den Appellplatz herumlaufen, um die Qualität verschiedenen Bodenbelege für die Schuhsohlen zu testen. Aber die schlimmste Arbeit war wohl die im Ziegelwerk, sagen sie hier.“
„Ziegelwerk.? Ist das auch hier auf dem Gelände?“

„Nein, es soll weiter aus der Stadt heraus sein, hinter der Kanalbrücke. Aber hör mal: Das kann man gar nicht glauben: ‚Täglich wurden 2000 Häftlinge aus dem Lager vor den Augen der Bevölkerung über die Kanalbrücke ins Ziegeleiwerk gebracht.‘ Und keiner in dieser Stadt hat was davon mitbekommen? Das kann ja gar nicht sein!“
„Was haben die Oranienburger bloß gedacht, wenn sie diese Leute dahinziehen sahen?

„Ach Angelina, es ist leider so: Leute können einfach die Augen zu machen, wenn sie etwas sehen, was sie nicht sehen wollen.“
„Wann wurden die Häftlinge befreit, Manuela? Ich vermute 1945?

„Ja. Am 22. April 1945, und zwar von polnischen und sowjetischen Soldaten nach deren Einmarsch in Oranienburg. Aber vorher, so schreiben sie hier, vorher ging im KZ das Morden noch mal erst richtig los. Hör dir das an:
‚Als die Rote Armee die Oder erreicht hatte, begannen im KZ Sachsenhausen die Vorbereitungen zur Evakuierung, wie sie es nannten. Sie ermordeten 3000 Häftlinge, die entweder als gefährlich galten, die eine militärische Ausbildung hatten oder die als nicht marschfähig eingestuft wurden. Am 20. April schließlich schickten sie 33 000 halb verhungerte Häftlinge zu Fuß Richtung Nord-Westen. Sie sollten in ein anderes KZ übergesiedelt werden. Dabei starben wieder Tausende, die den Strapazen nicht gewachsen waren.
Als die sowjetischen und polnischen Soldaten das Lager betraten, fanden sie immer noch 3000 Menschen vor, die zurückgeblieben waren: Kranke, Pfleger, Ärzte. 300 davon starben noch am Tag ihrer Befreiung.‘“

„Hör auf Manuela, bitte! Ich kann es nicht mehr ertragen! Es ist so furchtbar! Lass uns einfach nur hier durchgehen. Lass uns schweigen, ja?“

Sie folgten weiter dem Weg durch das große, leere Gelände, vorbei auch an der Genickschussanlage und weiter bis zum Ende, bis zum Zaun, an dem die Wachtürme standen. Hinter dem Zaun schaute man in ein Waldgrundstück, das von Wegen durchzogen war und aussah wie eine friedliche Heidelandschaft.

Dann gingen sie langsam zurück zum Museumsgebäude.

16. Der Ehrenfriedhof am Wege

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