Merkmal gesellschaftlicher Pathologie – zur Kommunikation Verpflichtete verweigern die Kommunikation

Wie angekündigt: Ein Briefwechsel zwischen einem Fachautor und einer Journalistin. Der Autor ist Elias Davidsson, Freidenker und Autor mehrerer Studien zu „9/11“, zum Terrorismusphänomen, zur pschologischen Kriegsführung. Die Journalistin ist Dagmar Dehmer vom „Tagesspiegel“.

Der Briefwechsel mag, oberflächlich betrachtet, wenig spektakulär sein. (Wir sind so Vieles gewohnt.) Das eigentlich Alarmierende ist der Subtext: Die schier in Beton gegossene Gesprächsverweigerung aus einer (eingebildeten) Hegemonieposition heraus. Ich fühle mich an den Ausspruch Marie Antoinettes erinnert: „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen“.

Briefwechsel mit einer Journalistin

zur Verfügung gestellt von Elias Davidsson

(mit den erbetenen redaktionellen Korrekturen)

Sie heißt Dagmar Dehmer. Arbeitet beim Tagesspiegel. Den ersten Brief bekam sie von mir letztes Jahr. Darauf hat sie nicht geantwortet. Ihr Name wurde daher in meinem Buch « Psychologische Kriegsführung und gesellschaftliche Leugnung » (Anhang B – Fahrlässige Journalisten) angeführt.

Den zweiten Brief schickte ich an sämtliche angeführte Journalisten am 19. Juni 2017.  Frau Dehmer beantwortete meinem Brief mit einer Email (bezeichnet als EMAIL-1). Ich erwiderte das Email am 23. Juni (EMAIL-2) und sie beantwortete das Email heute, 24. Juni (EMAIL-3).
Die Korrespondenz veranschaulicht die Tiefe der emotionellen und informationellen Kluft zwischen Journalisten und die Bevölkerung sowie die Mechanismen, mit welchen Journalisten sich zu schützen versuchen. Es ist zwar eine menschliche Tragödie, aber auch eine gesellschaftliche Pathologie, mit der wir uns befassen sollten.
Elias Davidsson
 .
1. Brief (5. September 2016)
Sehr geehrte Frau Dehmer, 

ich möchte Ihnen hiermit mitteilen, dass ich in einer bevorstehenden Veröffentlichung beabsichtige, Ihnen zur Last zu legen, am 26.7.2009 in ‚Die Zeit‘ einen unschuldigen Muslim, Mohammed Atta, der Beteiligung am Massenmord vom 11. September 2001 beschuldigt zu haben, ohne dafür irgendwelche Beweise vorzulegen oder auf solche Beweise hinzuweisen:

„Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 haben die US-Behörden ein System von Konten und Personen um Mohammed Atta und die anderen Terroristen ausgeforscht.“

Damit haben Sie die Öffentlichkeit vorsätzlich oder fahrlässig getäuscht. Ich betrachte Ihr Verhalten als unvereinbar mit den Grundregeln des Pressekodex und mit §186 StGB (Üble Nachrede).

Bevor ich Ihnen öffentlich etwas vorwerfe, biete ich Ihnen aus Höflichkeits- und Fairnessgründen die Gelegenheit, zu meinen Vorwürfen Stellung zu beziehen, falls Sie Ihre frühere(n) Beschuldigung(en) zurückziehen, korrigieren oder belegen wollen. Ich empfehle Ihnen allerdings zuerst mein Buch „Hijacking America’s Mind on 9/11″ zu lesen. Vielleicht könnte die Lektüre Ihnen spätere Peinlichkeiten ersparen.

In Erwartung Ihrer Rückmeldung verbleibe ich

mit freundlichen Grüßen,
Elias Davidsson
 .
2. Brief (19. Juni 2017)
Sehr geehrte Frau Dehmer, 

am 5. September 2016 schrieb ich Ihnen, dass ich Ihre Aussage(n), Mohammed Atta und den 11. September 2001 betreffend, als eine üble Nachrede und eine Verletzung des deutschen Pressekodex darstelle. Ich bot Ihnen die Gelegenheit, Ihre unberechtigten Aussagen zurückzuziehen, damit ich Ihren Namen nicht in meinen Schriften veröffentlichen müsste. Da Sie auf mein Angebot nicht eingegangen sind, habe ich Ihren Namen in meinem Buch „Psychologische Kriegsführung und gesellschaftliche Leugnung“ (Zambon Verlag, Frankfurt, 2017) im Anhang B unter dem Titel „Fahrlässige Journalisten“ angeführt. Das Buch ist bereits in der 3. Auflage erschienen.

Es ging mir allerdings nicht um einen „Krieg“ gegen Sie, sondern um den Versuch, Ihnen einen Olivenzweig zu reichen und damit Journalisten von einer Kollektivrüge zu befreien. Sie haben mein Anliegen leider nicht erkannt und gewürdigt.

Nun bereite ich die 4. Auflage meines Buches vor und biete Ihnen nochmals eine Gelegenheit, sich mit der Sachlage zu befassen, damit ich Ihren Name in der nächsten Auflagen entfernen kann. Das würde ich begrüssen, denn es geht mir nicht um eine Rüge Ihrer Person, sondern um die Wahrheit und um die Zukunft der Journalistenzunft. Dafür müssten Sie mir nur bestätigen, dass Sie über die Ereignisse des 11. September 2001 getäuscht worden sind oder unter Druck gesetzt wurden, die offizielle Legende über diese Ereignisse zu bestätigen und zu verbreiten. Sie würden nun erkennen, dass diese Legende nicht der Wahrheit entspricht und dass eine Aufklärung dieses Massenmordes vonnöten sei. Falls Sie wegen Ihres Arbeitsplatzes Angst um iIhre berufliche Existenz haben, diese Position einzunehmen, könnte ich Ihnen anbieten, Ihren Namen zwar aus der nächsten Auflage meines Buches zu entfernen, aber Ihren Rückzieher ansonsten nicht öffentlich zu machen.
Anbei ein Flyer, in dem die wichtigsten Tatsachen über 9/11 und die sogenannte Terrorgefahr  aufgelistet sind.

In Erwartung einer positiven Rückmeldung verbleibe ich 

mit freundlichen Grüßen,
Elias Davidsson
 .
EMAIL-1 (von Dagmar Dehmer an Elias Davidsson, 23. Juni 2017)
 
Sehr geehrter Herr Davidsson, 
es ist ja überaus großzügig von Ihnen, dass Sie mir „einen Olivenzweig“ anbieten  im Tausch gegen eine Selbstbezichtigungserklärung, die eines Stalin’schen Schauprozesses würdig wäre. 
Ich werde Ihr großzügiges Angebot aber nicht annehmen. 
Haben Sie sich Ihre Thesen selbst ausgedacht? Und wie hoch ist eigentlich die Auflage Ihrer Bücher? 
Ich finde Ihre Argumentation, wenn man das so nennen will, nicht überzeugend. 
Wenn Sie Spaß an absurden Verschwörungstheorien haben, ist das Ihre Sache. Aber Sie können nicht im Ernst annehmen, dass ich diesen Unsinn glaube. 
Mit freundlichem Gruß, 
Dagmar Dehmer
Der Tagesspiegel
 .
EMAIL-2 (von Elias Davidsson an Dagmar Dehmer, 23. Juni 2017)
 
Sehr geehrte Frau Dehmer,

Ich danke Ihre Rückmeldung, die mich allerdings erstaunt hat. Mir einen Stalin’schen Schauprozess zu unterstellen finde ich seltsam.  Sie scheinen mein Anliegen völlig missverstanden haben. Nach dem 11. September 2001 haben viele Menschen die offizielle Darstellung der Ereignisse kritiklos akzeptiert, auch ich. Mit der Zeit hat sich herausgestellt, dass diese Darstellung unwahr ist.  Das habe ich ausgiebig in meinen Büchern belegt. Ich konnte mir gut vorstellen, dass auch Journalisten, wie Sie, zunächst getäuscht worden sind. Das ist kein Verbrechen. Aber wer noch im Jahre 2009 Mohammed Atta als Terrorist bezeichnet, wie Sie es taten, hat offensichtlich sich nicht gut informiert oder äußert sich gegen bestes Gewissen. Ich habe Ihnen schon einmal die Gelegenheit gegeben Ihre Anschuldigung gegenüber Atta zurückzuziehen oder im Gegenteil diese zu belegen. Das haben Sie versäumt.  Nun habe ich Ihnen wieder eine Gelegenheit geboten es zu tun, und Sie scheinen noch nicht verstanden haben, um was es geht.

Dass Sie mir Unsinn und Verschwörungstheorien unterstellen, nehme ich Ihnen nicht übel. An solchen Schimpfparolen bin ich gewöhnt, aber sie bestätigen mir eher die Argumentationsarmut der Schimpfenden. Ich verstehe Sie viel besser, als Sie glauben. Es ist tatsächlich schwer einen stark verinnerlichten Glauben in Frage zu stellen. Die gewaltige Propaganda am 11. September 2001 und kurz danach hat ganze Völker überrumpelt und ihnen einen Mythos eingetrichtert. Nie in der Geschichte der Menschheit wurde eine solche gewaltige Propagandaoperation geführt. Goebbels hätte von einer solchen Propaganda nur träumen können. Zahlreiche intelligente Menschen wurden getäuscht. Das muss man endlich verstehen. Ich verstehe, dass Sie sich an Ihren Glauben an die offizielle Verschwörungstheorie von Osama bin Laden und seinen 19 Jünglingen klammern. Daher beharren Sie auf dem Nicht-Wissen-Wollen. Ich bin bereit, mir die Zeit zu nehmen, um Sie über den Fall Atta aufzuklären, wenn Sie die notwendige Demut dafür besitzen und mit mir höflich korrespondieren. Ich habe immerhin mehr als 10 Jahre mich kriminalistisch mit dieser Sachlage befasst. Aber wenn Sie nichts wissen wollen, so müssen Sie sich mit den Konsequenzen abfinden.

Mit freundlichen Grüßen,

Elias Davidsson
 .
EMAIL-3 (von Dagmar Dehmer an Elias Davidsson, 24. Juni 2017)
 
Sehr geehrter Herr Davidsson,
wenn Sie an Ihrer Theorie festhalten wollen, müssen Sie eben auch mit den Konsequenzen leben. In Ihrem Fall, dass Sie als Verschwörungstheoretiker gesehen werden, der Fake-News verbreitet. 
Behelligen Sie mich nicht weiter mit Ihren „Erkenntnissen“.
Mit freundlichem Gruß, 
Dagmar Dehmer
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„Gesellschaftliche Pathologie“ – modisches Wort oder notwendiger Begriff? Wenn ein solcher Begriff gebraucht wird, wie könnte ein erster Definitionsversuch aussehen? Ist die gründliche Erforschung der (vorläufig definierten) gesellschaftlichen Pathologie notwendig? Kann ihre Überwindung gedacht werden? Gibt es Chancen, dass aus dem Denkbaren Wirklichkeit wird? Wie realistisch sind sie?

Ein Narr stellt mehr Fragen, als hundert Weise beantworten können.

In Ansehung der Kommentare zu diesem Posting, und in Ansehung eines Briefwechsels von Elias Davidsson mit einer Journalistin (dessen Veröffentlichung bevorsteht), sowie in Vergegenwärtigung von Erfahrungen aus der Teilnahme am ptm-Festival (deren Schilderung hiermit ebenfalls angekündigt sei).

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22. Juni 1941 in Moskau

Einwohner Moskaus am 22. Juni 1941 während der Erklärung der Regierungsmitteilung über den hinterhältigen Angriff des faschistischen Deutschlands auf die Sowjetunion.

(Quelle)

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Ein mehr als fragwürdiges Urteil und ein fragwürdiger Bericht darüber

SPON berichtet über das Urteil „Totschlag“ für einen Verbrecher aus Tschetschenien, der seine Frau in Wahrheit vermutlich ermordet hat.

Es scheint sich um ein Fehlurteil zu handeln. Der Bericht, der eine Mischung von Sachbericht und Kommentierung ist, wie das Urteil selbst, reizen zu Widerspruch.

Das Wort „Moslemrabatt“ wird hingeworfen.

Das Ganze wirkt als „Wasser auf die Mühlen“ des deutschen Rassismus und Nationalismus.

Ist das Absicht?

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Video

Beim Stöbern in älteren Texten bzw. Dateien fällt mir ein fast vergessenes Video in die Hände, das eigentlich ins Blog gehört. Immerhin ist es das einzige Video, dessen Star icke bin. Und noch wichtiger: Mein Thema ist „Lenin“. Zu ihm sage ich Einiges, was mir am Herzen liegt. Passt natürlich auch ins Umfeld meiner Postings zu Stalin und Stalinismus, besonders natürlich zu diesem. Das Video ist der Teilmitschnitt einer Gesprächsrunde der Berliner Freidenker vom März 2017. 

 

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Es wird Frieden sein in Syrien und der Welt!

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Syrische Armee erreicht syrisch-irakische Grenzen

nordöstlich von al-Tanf, vereitelt ISIS-Angriff in Deir Ezzor

(Quelle SANA)

Karte der Landbrücke:

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Assad spaziert in Damaskus.

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Zur Erinnerung Xi´’s Seidenstraßen-Eröffnungsrede vom 14. Mai:

„China verfolgt mit der Gürtel- und Straßen-Initiative (BRI) keine geopolitischen Interessen, sondern es strebt ein „Modell der Win-Win-Kooperation“ an. Der „Generalschlüssel“ zu allem, so Xi, sei das Prinzip Entwicklung:

„China wird Freundschaft und Kooperation mit allen an der Gürtel- und Straßen-Initiative beteiligten Ländern auf der Grundlage der Fünf Prinzipien friedlicher Koexistenz fördern. Wir sind bereit, Entwicklungsstrategien mit anderen Ländern zu teilen, aber wir haben nicht die Absicht, uns in die inneren Angelegenheiten anderer Länder einzumischen, unser Gesellschaftssystem und Entwicklungsmodell zu exportieren oder anderen unseren Willen aufzuzwingen. Beim Vorantreiben der BRI werden wir uns nicht auf veraltete geopolitische Manöver verlegen. Was wir zu erreichen hoffen, ist ein neues Modell der Win-Win-Kooperation. Wir haben nicht die Absicht, eine kleine Gruppe zu bilden, die der Stabilität schadet, sondern wir hoffen, eine große Familie harmonischer Koexistenz zu gründen.“

(Quelle)

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Indien und Pakistan Mitglieder der SCO.

Das Posting sollte nicht zu umfangreich werden. Eigentlich gehört die Meldung, dass die verfeindeten Mächte Indien und Pakistan in die SCO aufgenommen wurden ebenfalls zu den guten Nachrichten.

(Quelle)

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Ich meine, dass es immer offenkundiger wird, dass Trump eine positive Rolle spielt bei der Umorientierung und dem partiellen Rückzug des bisherigen Hegemons. Das erklärt auch, warum die alten Machteliten ihn weiterhin so wütend bekämpfen.

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Sollen die Linken sich mit Stalinismus beschäftigen? – Update vom 8.6.2016

Es gibt nur eine Sünde,

die gegen die ganze Menschheit

mit allen ihren Geschlechtern

begangen werden kann,

und dies ist die Verfälschung der Geschichte

(Friedrich Hebbel)

Auf diese Frage kenne ich drei verschiedene prägnante Antworten:

Die Einen, die ich kurz und missverständlich als Neostalinisten bezeichne, sagen: „Ja, unbedingt! Damit dem „Vater der Völker“ Gerechtigkeit widerfahre und die Linken endlich wieder erhobenen Hauptes auftreten können!“

Die Andern sagen – ich nenne sie Antistalinisten: „Ja, unbedingt, damit die im Namen des Sozialismus begangenen Verbrechen und gegangenen Irrwege bis zur Wurzel aufgedeckt werden und so Voraussetzungen entstehen, dass die revolutionäre Linke eine erneuerte, uns heute überzeugende, emanzipatorische Perspektive entwickeln kann.“

Und die Dritten sagen: „Nein, keinesfalls! Wenn wir uns darauf einlassen, fliegt uns der ganze Verein, die Partei, Organisation, Initiative, „der ganze Laden“ um die Ohren. Die Linke zerlegt sich endgültig und verliert noch die kleinste Einflussmöglichkeit.“

Jede der Gruppen argumentiert und handelt aus Besorgnis um die Linken, und alle drei blockieren sich gegenseitig. Ein perfekter Teufelskreis.

Auf die „biologische Lösung“ vertraue ich nicht. Wenn der letzte Stalinist gestorben ist, wird der Stalinismus nicht überwunden sein. Solche Erwartung hat weder zum Ende der UdSSR noch dem der DDR funktioniert. Warten erzeugt nicht Wahrheit.

Können wir aus dem Teufelskreis herauskommen? Sind Auswege aus den jahrzehntelangen fruchtlosen Streitereien möglich? Vielleicht müssen wir uns zunächst über Grundsätzliche verständigen, damit uns die Debatte weiterbringt.

Meine Vorschläge:

  • Konstruktiv über Stalinismus zu reden, setzt Maßstäbe voraus. Die Maßstäbe für das Begreifen eines Problems liegen nicht im Problem selbst. Die Maßstäbe einer Stalinismus-Diskussion sind nicht bei Stalin zu finden. Die Maßstäbe der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution (die von Anfang bis Ende radikal-humanistisch, emanzipatorisch sind) sind von Lenin teils am Klarsten ausformuliert, teils am Kühnsten antizipiert. Es gilt Lenin erneut zu studieren, um ihn im vollen Wortsinn „aufzuheben“. Lenin nur bruchstückhaft zu kennen, ihn durch die vom Stalinismus gelieferten Filter/Verfälschungen wahrzunehmen, behindert jede Debatte grundsätzlich. Zudem kommt es mit heutigem Abstand mehr denn je darauf an, von Lenins situationskonkreten Worten fortschreitend, die „innere Logik“ seines Bewusstseins und letztlich seiner revolutionären Einzigartigkeit freizulegen.
  • Das Urteil der Geschichte, dass unter Stalins Prägung ein miserabler, letztlich nicht lebensfähiger Sozialismus geschaffen wurde, muss akzeptiert werden. Der Realsozialismus ist aus seinen inneren Widersprüchen zusammengebrochen. Er hat den Beweis seiner Selbstzerstörung geliefert. Das ist natürlich nicht im luftleeren Raum, sondern unter den Bedingungen des Klassenkampfes geschehen. Wer diese fundamentalen Zusammenhänge leugnet, ist nicht historischer Materialist und wissenschaftlicher Sozialist, sondern Anhänger eines Glaubens.
  • Doch Wahrheit ist zugleich: Realsozialismus war Sozialismus! Vermutlich war der Realsozialismus die widersprüchlichste Gesellschaftsvariante, die die Menschheit bisher hervorgebracht hat. Auf Grund seiner Widersprüchlichkeit (und auf Grund unzureichender Theorie) war und ist es so schwer, den Realsozialismus zu begreifen und geistig zu überwinden. Zur Widersprüchlichkeit des untergegangenen Sozialismus gehört, dass er zu jeder Zeit seiner Existenz millionenfach aufrichtige, ehrliche Sozialistinnen und Sozialisten hervorgebracht hat, die praktisch gewirkt hasben, nicht wenige heroisch bis zur Selbstaufopferung. Das sind Lebensleistungen unter den Bedingungen des Stalinismus und nicht selten bei ausdrücklicher Identifizierung mit „Stalin“, die kein Streit aus der Welt schaffen darf und kann.
  • Dringend sind begriffliche Fortschritte bei der Periodisierung des Realsozialismus bzw. Stalinismus. Der Beginn der Herrschaft Stalins ist relativ genau bestimmt durch die historischen Fakten: Abbruch der NÖP, Bruch der leninistischen Bündnispolitik mit der Bauernschaft, Übergang zu Polizeimethoden im innerparteilichen Kampf, Verbannung Trotzkis. All das geschah 1928/1929. (Ist das der Start eines spezifischen voluntaristischen Nationalismus?) Die Periode der persönlichen Herrschaft Stalins von 1928/29 bis 1953 basierte immer auf physischem Terror. Vermutlich trifft zu, dass dies immer (auch außerhalb der Jahre 1936 bis 1938) massenhafter physischer Terror war. Natürlich war physischer Terror nicht das einzige Herrschaftsmittel Stalins. In der Periode von Stalins Tod bis zum Untergang des realsozialistischen Weltsystems herrschte ein deutlich modifizierter Stalinismus. Machtmissbrauch bis zur Vernichtung der physischen Existenz Oppositioneller war weitgehend überwunden. Machtgebrauch und -missbrauch bis zur Vernichtung oder zumindest schwerwiegenden Beeinträchtigung der sozialen Existenz Oppositioneller dagegen war allgegenwärtig (soweit die Machthaber über die entsprechenden Mittel verfügten). Die Periodisierung des Realsozialismus/Stalinismus muss auch eine Periodisierung der jeweiligen Kämpfe um sozialistische Alternativen sein. Die Gesichter der Kämpfer für die bolschewistischen, radikal-humanistischen sozialistischen Alternativen (die Gesichter der Opfer!) müssen dem Vergessen entrissen werden.
  • Konkrete Einzelprobleme der Herrschaft Stalins und seiner Nachfolger können nur mit historischer Sachkenntnis, oftmals nur mit qualifizierter historischer Forschung, konstruktiv bearbeitet werden. Das sollte eine Selbstverständlichkeit jeder Sachdiskussion sein. Doch in den emotional aufgeladenen Stalinismus-Debatten ist oftmals das Gegenteil der Fall. Die Konfrontation ideologischer Überzeugungen und biografisch begründeter (oftmals erlittener) „Gewissheiten“ tritt an die Stelle wissenschaftlicher Argumentation. Zugleich werden präsentierte Fakten nicht zur Kenntnis genommen. Auch ausgewiesene Historiker sind nicht immer frei davon, sich eifernd, bewaffnet vor allem mit ihrer Leidenschaft und Meinung, in den Kampf für oder gegen Stalin zu stürzen. Dagegen sind viele Arbeiten von Ulla Plener eine Fundgrube (etwa hier oder hier) subtiler historischer Aufarbeitung. Auch Arbeiten von Heinz Niemann (auch hier) und Heinz Karl (auch hier) sind hervorzuheben, von dem sechsbändigen Werk Wadim S. Rogowins „Gab es eine Alternative?“ gar nicht zu reden.

Natürlich muss jeder/jede Interessierte selbst bestimmen, bei welchen Sachverhalten und mit welcher Tiefe er/sie sich an der historische Detaildiskussion beteiligen kann und will. Unerlässlich jedenfalls ist ein entsprechendes Problembewusstsein.

Exkurs:

Zur Veranschaulichung hier zwei willkürlich herausgegriffene Seiten aus der Bibliografie von Wladislaw Hedeler „Der Große Terror in der UdSSR 1937-1938“ (Berlin 2013)

Hier entsteht ein Eindruck, welches Dokumentenmassiv zur Verfügung steht, auf das akademisch exakt und zugleich rationell verwiesen wird. (Die von Hedeler vorgelegte Bibliografie umfasst 40 Seiten mit weit mehr als 400 Einträgen.) Der Hinweis auf die Quellenarbeit scheint mir besonders angebracht angesichts des nicht nur in dieser Hinsicht fragwürdigen Werks des angelsächsischen Autors Grover Furr „Chruschtschows Lügen“ (Berlin 2014). Heinz Karl hat mit polemischer Schärfe und sachlicher Präzision zu Furrs geschichtsrevisionistischem Opus das Nötige gesagt.

  • Die Debatten um Stalin und Stalinismus sollten mit theoretischer Offenheit geführt werden. Sie sind nicht Selbstzweck, sondern sollen zu einem erneuerten, radikal-humanistischen Gesellschaftsverständniss und einer theoretisch tiefer begründeten sozialistischen Perspektive führen. Das Abgleiten vieler Revolutionäre in den Stalinismus, die Fortexistenz eines modifizierten Stalinismus nach 1953 und nach 1956 bis zum Untergang des (europäischen) Realsozialismus, die Unmöglichkeit vorhandene Alternativen zu realisieren aber besonders die auch heute nicht überwundenen Tendenzen von Machtverselbständigung und -missbrauch in Organisationen zutiefst demokratischer und emanzipatorischer Ausrichtung, verlangen nach einer viel tieferen historisch-materialistischen Erklärung. Dass es offenbar keine besondere Klasse gibt, deren „historische Mission“ die Befreiung der Menschheit ist, dass zu den materiellen Gesetzen der menschlichen Gesellschaft die Zukunftsoffenheit der Gesellschaft gehört, verlangen nach einer viel tieferen historisch-materialistischen Erklärung. Die anhaltend stürmische Entwicklung der „menschlichen Wesenskräfte“ in ihrer Doppelnatur als Produktiv- und Destruktivkräfte, verlangt nach einer viel tieferen historisch-materialistischen Erklärung. Der Dialektische und Historische Materialismus brauchen geistige Kühnheit.
  • Richtungen der Antwortsuche: 1.) Ich vermute, dass manche Antwort durch ein neuartiges Verständnis der Dialektik von Individuum und Gesellschaft („marxistische Anthropologie“, „biopsychosoziale Einheit Mensch“, der Mensch als gruppendynamisches und politisches Wesen) zu finden ist. Beide „Pole“ sind in einer extrem widersprüchlichen („existentiellen“) Weise einander zugleich übergeordnet und untergeordnet. 2.) Der Eintritt der Menschheit ins digitale Zeitalter krempelt alle Informations- und Kommunikationsbeziehungen und tendenziell Machtbeziehungen  grundsätzlich um. Ob das in reaktionärer oder in revolutionärer Weise geschieht, muss ausgekämpft werden. Die in neuer Qualität möglich gewordene uneingeschränkte politische Transparenz ist nicht nur ein Schlüsselelement, um jede Verselbständigung von Macht in unseren Organisationen zu unterbinden, sie ist zugleich ein unverzichtbares Offensivinstrument gegen das diktatorische Schalten und Walten der Mächtigen. 3.) Der Realsozialismus ist auch deshalb gescheitert, weil er es nie zu einer Theorie der Konterrevolution gebracht hat. Selbstredend halten „transformatorisch tanzende Linke“ der Jetztzeit die Konterrevolution und dann gar eine Theorie derselben für schier denkunmöglich. Wenn die Linke nicht einige neue komplexe Phänomene in ihrer strategischen Bedeutung erkennt und Gegenstrategien entwickelt – Superreichtum, Zivilgesellschaft/RHO (RegierungsHilfsOrganisationen) – multipolare Weltordnung (Friedensordnung)/permanente Revolution -Menschensteuerung/Geheimpolitik/Geheimdienste – wird sie marginal bleiben.

Doch alles fängt damit an, die offenen Fragen aus der Vergangenheit bis ins Letzte zu beantworten. Solange wir das nicht leisten, wird niemand – und das zu Recht – unsere heutigen Antworten ernst nehmen.

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