Friedensfahrt 2016 – vorgemerkt

Die Friedensfahrt vom 7. bis 21. August gehörte zu den intensivsten zwei Wochen meines Lebens. Sie gab mir Anregungen, über die ich nachdenken muss. Der Zufall will es, dass ich vor dieser Fahrt und jetzt danach extrem intensiv lese – Rogowins sechs Bände. Diese Bücher saugen mich förmlich in sich hinein. Manches also, auf das ich ausführlicher zurückkomme.

Jetzt aber geht es mir nur darum, in kürzester Form einige Feststellungen/Eindrücke/Gedanken aus den Fahrttagen festzuhalten, bloße Erinnnerungszeichen, völlig ungeordnet, bis später:

  • Wir waren keine NRO, alles selbstgewollt, selbstfinanziert
  • ganz positive Überraschung Belarus, Minsk
  • russische Kultur und Unkultur, Orthodoxie
  • Georgsband
  • Differenziertheit der Gruppe, gepflegt in Dialogen, Persönlichkeiten
  • reaktionärer Nationalismus
  • nirgends der radikale Emanzipationsansatz, Aufklärung passe?
  • Erfahrung im Spannungsfeld „Ordnung“ und „Chaos“, „Schwarm“
  • „Macht ohne Herrschaft“ ?
  • Wir haben etwas GETAN (nicht nur demonstriert)
  • Geschichtslosigkeit (Beim Wunsch nach Neuanfang wird Bewährtes, Gültiges verworfen)
  • Die Russen haben ihren Realsozialismus nicht bewältigt
  • Das unendliche grüne Land (Kriegswahn)
  • Russland ist stark, geeint, antifaschistisch, nicht imperialistisch
  • Gesicht gezeigt
  • Linke Ignoranz
  • Passable Rechte (Freidenker und Rechte)
  • Katyn. Friedensfahrt nicht gegen Polen, gegen kein Volk
  • Wo ist das russische Volk? (Raumschiff Friedensfahrt?)
  • neue Kommunikationstechniken und -prinzipien
  • Keine Feinde benennen? (Positiv denken)
  • DDR-SU-Beziehung existierte für die Fahrt nicht – DSF (Die Deutschen haben noch weniger als die Russen ihren Realsozialismus bewältigt.)
  • „Friedensfahrt“ eine Marke für die Zukunft?
  • „Volksdiplomatie“- genauso geschichtsmächtig/ohnmächtig wie einst die Wandervögel oder die bündische Jugend?
  • Mögliche neue Friedensfahrtprojekte
  • Müssen, 85 Jahre danach, Faschismus und Antifaschismus neu gedacht werden? Wie?
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Krysztof Daletski – Aufklärer und Friedenssänger

rationell poetisch beunruhigend parteilich maßvoll freundlich fremd schön

„Schlafwandler“

(April 2014)

„Flugverbotszone“

(August 2014)

„Wenn der Russe provoziert“

(September 2014)

„Wo kann die Nachtigall noch singen?“

(Oktober 2015)

Clouds again (English version)

(November 2015)

Bach(?): O tempora, O verba

(Juli 2016)

 

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Friedensfahrt 2016: Zerstreute Gedanken danach oder „Bunkert Dosennahrung!“

kopf tagebuch opablog

23. August 2016

Ja, ich bin wirklich zerstreut. Da setze ich gedankenlos meine Friedensfahrt-Grafik, die 14 Tage lang den Kopf jedes Postings zierte, erneut an den Anfang.

Ist aber doch alles vorbei. ! ? –

Während meiner Abwesenheit erzählte meine Frau einer nahen Bekannten (gebildete Dame), dass ich auf Friedensfahrt in Russland sei. Deren Reaktion: „In Russland? Wegen Tschernobyl?“

Beim Abschlussevent am Brandenburger Tor war die Stimmung prächtig. Doch es waren nur wenige hundert Menschen dort. Die FriedensfahrerInnen und ihre  Freunde und Bekannten abgerechnet, hat sich für dieses großartige Ereignis niemand interessiert.

Eine Nachbarin, Physiotherapeutin: „Die sagen, wir sollen uns Vorräte anschaffen. Wozu denn? Gibt es denn Krieg?“

Wir FriedensfahrerInnen, im engen Zirkel unserer Alternativmedien unterwegs, von bedeutenden russischen Medien beachtet, konnten glauben, mediale Aufmerksamkeit zu erzeugen, gar Anfänge von Breitenwirkung zu erleben.

Nichts von alledem!

Es gab und gibt eine geschlossene Schweigefront aller „seriösen“ Medien. (In dieser Zählung gehören „junge Welt“ und „neues deutschland“ zu den „seriösen“ Medien.)

Es gab und gibt eine geschlossene Schweigefront aller „seriösen“ Politiker. (In dieser Zählung gehören die Politiker der Linkspartei, auch die „linken Politiker in der Linkspartei“ zu den „seriösen“ Politikern.)

Es gab und gibt eine geschlossene Schweigefront aller „seriösen“ Nichtregierungs- und Friedensorganisationen. (In dieser Zählung gehören ALLE Nichtregierungs- und Friedensorganisationen zu den „seriösen“. Einzige Ausnahme: Die Freidenker. Sie haben die Friedensfahrt aktiv unterstützt. FreidenkerInnen arbeiten für den Frieden auch mit mancherlei Rechtsgerichteten zusammen.)

Ich bin nicht böse, wenn mir nachgewiesen wird, dass diese Allaussagen nicht zu 100% zutreffen.

Der Deutsche und die Deutsche, die Untertanenmasse, weigern sich standhaft, den Krieg zu begreifen und dagegen aufzustehen. Gern aber lassen sie sich von der Obrigkeit für den Krieg fit machen („Wasser, Nudeln, Taschenlampe“). Und sie lassen sich von den sogenannten zivilgesellschaftlichen Organisation (korrekter: RHO – RegierungsHilfsOrganisationen), ihren eigenen, ruhig stellen.

Die hier konstatierte, fast lückenlose Ignoranz und Passivität des gesamten Spektrums links der Mitte (dem ich leider die „echten Linken in der Linken“ zurechnen muss) steht heute „würdig“ neben, steht gleichrangig neben einer berüchtigten historischen Erscheinung – der stalinistischen Sozialfaschismus-Konzeption, mit der sich die KPD unter Thälmanns Führung in den entscheidenden Jahren im Kampf gegen den aufkommenden Faschismus selbst die Hände band.    

Entwaffnung der Friedenskräfte um jeden Preis, schleichende aber systematische Formierung zum Krieg. Viele – von rechts bis links – arbeiten daran mit; erfolgreich. Wie Anfang der dreißiger Jahre, bis man Hitler die Macht übertrug. 

*****

UND GERADE DARUM:

FRIEDENSFAHRT! – FRIEDENSLAUF! – FRIEDENSSTURM!

TROTZ ALLEDEM!

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MEIN TAGEBUCH 15. Tag, letzter Tag: Warschau-Berlin

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21. August 2016

Tagesplan, Plan des Abschlußtages:plan21

Letzte Informationen vor dem Start in Warschau:e1

In Berlin angekommen:e2

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Von Einigen der lieben MitfahrerInnen habe ich zu guter Letzt kurze Video-Statements eingeholt. Zum Abschluss der großen Fahrt Berlin-Moskau vom 7. bis 21. August 2016 kurze Antworten auf zwei Fragen:
Warum hast Du teilgenommen?
Wie sieht Dein erstes Fazit aus?
Es war eine spontane Idee des letzten Tages. Ich bin videounerfahren und unprofessionell und also Schuld daran, wenn das Ergebnis nun ein wenig chaotisch wirkt. Auch die Tonqualität ist unbefriedigend. Doch zugleich ist da eine Unmittelbarkeit, die ich gern öffentlich teilen möchte. Dank allen Befragten für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.

„Gesicht zeigen!“ – auch dazu hatten wir auf dieser Fahrt reichlich Gelegenheit.

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MEIN TAGEBUCH 14. Tag: Minsk-Warschau

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20. August 2016

Plan des Tages:plan20

Nachtrag zum gestrigen Tagebuch:

Am 20.8. erschien die folgende Pressemitteilung zur Friedensfahrt 2016 von Rainer Rothfuß: 

Friedensfahrer gedenken der polnischen Opfer des Stalin-Terrors in Katyn“

Am 19. August besuchten die über 200 Teilnehmer der Friedensfahrt Berlin – Moskau die Gedenkstätte Katyn in der westrussischen Region Smolensk. Damit setzen sie ein Zeichen der Völkerfreundschaft mit Polen, das ein wichtiges Glied in der Kette gutnachbarschaftlicher Beziehungen zwischen Ost und West darstellt.

In Katyn, 20 Kilometer westlich von Smolensk, wurden auf Befehl Stalins 4.400 polnische Offiziere als wehrlose Kriegsgefangene hingerichtet. Insgesamt kamen bei ähnlichen Massakern an der militärischen, intellektuellen und auch geistlichen Elite Polens 22.000 bis 25.000 Menschen ums Leben. Durch den Besuch der Gedenkstätte im Wald des traurigen Geschehens von 1940 wollten die Friedensfahrer ein deutliches Zeichen setzen, dass Kriegsverbrechen nicht nur aufseiten einer Nation verübt werden können, sondern mit der Unmenschlichkeit des politischen Instruments „Krieg“ per se erklärbar werden.

Stellvertretend für die 235 Teilnehmer der Friedensfahrt mahnte Initiator Rainer Rothfuß: „Krieg entmenschlicht immer. Daher sind auch militärische Drohgebärden, wie sie derzeit von der NATO kommen, schon der falsche Ansatz um Frieden zu sichern. Eine plötzliche Eskalation kann nie ausgeschlossen werden. Die Folgen wären wieder verheerend, das persönliche Leid unermesslich!“

Die Organisatoren der Friedensfahrt erhoffen sich durch die Geste des Gedenkens polnischer Opfer von Kriegsverbrechen der Sowjetunion durch die Niederlegung von 200 Nelken an der Gedenkstätte Katyn Verständnis für ihr Anliegen, einen unteilbaren und keine Nationen ausschließenden Frieden in einem nach Osten erweiterten, großen „Haus Europa“ zu erzielen. Für die polnische Bevölkerung ist dieses Signal von besonderer Bedeutung, da historisch bedingt eine gewisse Skepsis gegenüber den benachbarten Machtzentren Deutschland und Russland vorherrscht und daher nur glaubwürdiger Respekt vor dem Friedensinteresse Polens Grundlage einer tragfähigen gesamteuropäischen und Russland einschließenden Sicherheitsarchitektur sein kann.

Die Teilnehmer der Friedensfahrt danken den polnischen Grenzbehörden für die Priorisierung bei der Grenzabfertigung von Weißrussland nach Polen durch Öffnung des Diplomatenübergangs für die 70 Fahrzeuge des Konvois. Die Abwicklung der Formalitäten wurde als sehr freundlich und zuvorkommend empfunden.

Um die polnische Öffentlichkeit mit der verbindenden Botschaft der Friedensfahrt Berlin – Moskau zu erreichen, wurde die vorliegende Pressemitteilung an diverse polnische Medien versendet.“

***

Wir sind durch Belarus gefahren, Ziel Minsk:d1

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Rast an einer Tankstelle:d15

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Nur wenige „Ereignisse“ waren geplant. Meine Eindrücke aber (und meinen Mitreisenden ging es ähnlich) waren umso erstaunlicher und einprägsamer. Und zwar deshalb, weil sie so wenig meinen Erwartungen entsprachen. Ich hatte von dem Land nur blasse Vorstellungen. Ich erwartete Einförmigkeit oder gar Ärmlichkeit im Materiellen und auch im Kulturellen.

Auffällig waren vom ersten bis zum letzten Blick über das weite Land Ordnung, Sauberkeit und Landwirtschaftskultur auf großen Flächen. Die Straßen, die wir befuhren, waren gut, der Verkehr eher gering. In Minsk durchweg breite Prospekte, sehr viele große Neubauten, die interessante Anblicke bieten, keineswegs einförmig. Die Menschen sind gutgekleidet, reihenweise attraktive Frauen (nach Aussagen jüngerer männlicher Friedensfahrtteilnehmer ;-)). Werbung für Kulturveranstaltungen, wenig Reklame, die Wahlwerbung ist (wie auch in Russland) wohltuend zurückhaltend, im Vergleich zu Russland deutlich mehr Fahrräder.

Die U-Bahnfahrt kostet umgerechnet 0,55€, der Ganztagsbesuch einer Therme 15 Rubel, entspricht 7,50 €.d2

Ein reichhaltiges Menü im Bistro kostet 6 bis 8 € und schmeckt sehr gut. Alle Früchte, Tomaten, Gurken aber auch Brot, Milch, Sahne, der Salzlakenkäse, den ich probierte, schmecken (genau wie in Russland) besser als bei uns, schmecken wie bei uns Bioprodukte. Das Einkommensniveau ist niedrig, zum Verständnis jedoch muss wirklich dieses niedrigere Preisniveau berücksichtigt werden.

Ich (aber wir alle, die hier sind) haben ein ausgeprägtes Empfinden von Normalität, Entspanntheit und Sicherheit. Als ich in der Abendstunde, gegen 21 Uhr, von der Gaststätte zum Hotel schlendere, durch einen öffentlichen Park, sehe ich mehrmals Frauen, die unbekümmert allein den Abend genießen (nein, keine Puppen, die auf Anmache warten).

Die Geschäfte sind voller Waren, jetzt, Freitag gegen 21 Uhr, wenig Kunden. Eine 1,5 Liter-Flasche Kwas begleitet mich nach Hause.d10

An der zentralen U-Bahnstation auch um diese Zeit noch, Anbieterinnen von Blumen, Kartoffeln und Obst, in Kleinstmengen (tütenweise). Ich habe keinen einzigen Bettler gesehen. Mir fällt künstlerischer Schmuck an den Säulen in einem U-Bahnhof auf. Gefällt mir:d9

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Ein ungleiches Pärchen:

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Unser Busfahrer, der Deutschrusse Walter, ist des Lobes voll über Lukaschenko. Der habe nicht die „kopflose Zerstörung des sozialistischen Erbes“ zugelassen, wie in Russland, sondern einen „modernisierten Sozialismus mit kontrollierter Marktwirtschaft“ eingeführt. Dem Augenschein nach hat er Recht.

Die Abschlusslaudatio auf Walter:d11

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Während der ganzen Fahrt in diesen Tagen blicken wir auf weites grünes Land. In Polen und Belarus ist es fast immer unterm Pflug, in den baltischen Ländern und in Russland gab es viele unberührte Flächen. Ich vergegenwärtige mir, dass überall hier die faschistische Wehrmacht ihre Stiefel hinsetzen musste. Welch ein Wahnsinn! Der deutsche Bauer vernachlässigte seine Erde, um dem russischen Bauern seine Erde streitig zu machen. Natürlich weiß ich, dass nicht Bauern zum Krieg getrieben haben. Aber ist in Wahrheit nicht auch für Viele, die sich zu den „Eliten“ zählen, der Krieg ein Verlustgeschäft? Warum kommt es trotzdem zum Krieg? Wer trifft die Entscheidungen zur Herstellung dieses Ungeheuers? Ist es die üble Ideologie, eine Art Wahnbewusstsein, das eine (Wahn-)Wirklichkeit schafft, die dann „objektiv“ für Krieg spricht? Der Mensch ideologiegetrieben, ein Narr in seinem Klassengefängnis? Oder ein Hasardspieler? Oder ist dauernder Frieden einfach unerträglich langweilig?

Bernd gibt mir den Nazi-Dokumentationsband „Winniza“ von 1944 mit der Emphase der Aufklärung eines weiteren „Katyn“. Doch das gibt „Winniza“ nicht her. Es fehlt die völker- und kriegsrechtliche Dimension von „Katyn“. Die Nazis hatten ein Massengrab von Opfern des Stalinschen Terrors aus den Jahren 1937/38 gefunden und dokumentierten und veröffentlichten die Ergebnisse, um die Antihitlerkoalition zu spalten. Fakten, die in Goebbels‘ Propagandamaschine eingebunden wurden, Wahrheit zur Hure gemacht.

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MEIN TAGEBUCH 13. Tag: Smolensk-Katyn-Minsk

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19. August 2016

Plan des Tages:Plan 19

Zu Mitternacht des Folgetages:

Katyn ist Vielen nicht bekannt. Die darum wussten, wollten unbedingt Katyn besuchen, das ohnehin an der Strecke Smolensk-Minsk liegt.

In meinem Leben und dann auch im Blog, sowohl im alten als auch im neuen opablog, hat Katyn wiederholt eine Rolle gespielt.

Gleich betreten wir die würdige Gedenkstätte:c2

Sie liegt inmitten des Waldes, der alles sieht und alles beschweigt.

Jetzt ist erneut eine Stunde von Bernd. Er stellt sich gut sichtbar in den Vordergrund und hält Allen ein Buch entgegen:c5Es geht um eine kriminalistisch/forensisch exakte Dokumentation aus dem faschistischen Deutschland der Mordtaten von Katyn. Die Morde wurden von einer mehr oder weniger unabhängigen internationalen Kommission untersucht und eindeutig der russischen Seite zugeschrieben. Diese Anklagen wurden von der Sowjetunion zurückgewiesen und jede Beteiligung geleugnet. Bei späteren Prozessen (Nürnberger Tribunal) wurde das Thema „Katyn“, obwohl zunächst zur Verhandlung vorgesehen, ausgelassen.

Die umstehenden Friedensfahrer realisieren erst nach und nach, dass es sich um offizielles deutsches Material vom Jahr 1943 handelt. Bernd erläutert das in sprudelnder Rede. Und er sagt, dass es ein ähnliches Material über Winniza gebe und – weiter sprudelnd – dass die Akten über Oradour bis 2050 geschlossen seien (Schlußfolgerung also: Dort wird auch etwas verheimlicht.) und um den Heß-Flug gebe es auch keine Offenheit. Bernd, die Dokumentation vorweisend, reiht Fakten oder Behauptungen aneinander, die in diesem Augenblick niemand bestätigen oder widerlegen kann. Seine demonstrativen Äußerungen tendieren in eine Richtung, die jedoch nicht ausgesprochen wird.

Unsere weitere Ehrung der Opfer und die Blumenniederlegung verlaufen ohne weitere, ich nenne es mal so, überraschende Interventionen und in Konzentration auf das, was sichtbar ist.c3

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Mir fällt auf, dass zur Trauer alle Religionen symbolisiert sind – römisch-katholisch, russisch-orthodox, muslimisch, jüdisch.c6Nichtreligiöser Menschen wird hier nicht gedacht. Gab es hier vielleicht keine nichtreligiösen Opfer? Informiert wird auch, dass in Katyn bereits früher als 1940 Opfer des Stalinschen Terrors erschossen wurden.c9

Mir wird hier klar, dass der „Große Terror“ der Jahre 1936 bis 1938 (der ja selbst Ergebnis eines länger als ein Jahrzehnt währenden Entwicklungsprozesses war (Rogowin)), der Vertrag von 1939 zwischen der Sowjetunion und Hitlerdeutschland einschließlich geheimem Zusatzprotokoll und die Verbrechen gegenüber dem polnischen Volk, für die als schauerlicher Höhepunkt Katyn steht, eine Einheit bilden.

All das ist von Sozialisten-Kommunisten bisher nicht grundsätzlich-politisch bewertet, geschichtswissenschaftlich aufgearbeitet und historisch-materialistisch analysiert und begriffen worden. Wie können Sozialisten-Kommunisten glauben, ohne solche Aufarbeitung je wieder gesellschaftliche Bedeutung erlangen zu können, nachdem die Tatsachen nicht mehr zu leugnen sind?

(Nebenbemerkung: Nachdem ich dieses Posting in einer ersten provisorischen Form veröffentlicht hatte, erhielt ich umgehend Mails von Empörten mit der Ansage: „Na, soviel Blödsinn über Katyn hab ich lange nicht gelesen. Im Anhang etwas Lektüre zum Thema.“, gefolgt von einschlägigen Links. Mir ist der Eifer sogenannter echter Kommunisten wohlbekannt, mit dem die Unschuld des großen Stalin nachgewiesen werden soll. Auch viele der vorgebrachten Argumente habe ich gesichtet. Mein Bedürfnis, in langwierige Für- und Wider-Debatten einzusteigen, geht gegen Null. Wer sich darauf einlässt, droht in fast unergründlichen Geheimdienstsümpfen zu versinken. (Das ähnelt 9/11.) Wer keine Lust hat, sich solcherart am Nasenring im Kreis führen zu lassen, dem empfehle ich, sich der politischen Logik des Gesamtzusammenhangs zuzuwenden (den ich oben im Fettdruck hervorgehoben habe). Das ist meines Erachtens der Weg der Aufklärung.) 

Bernd hielt während der ganzen Zeremonie sein Dokumentationsmaterial demonstrativ vor seiner Brust. Das fand ich unangemessen. Hier wurde der polnischen (und – weniger prominent) sowjetischer Opfer Stalinscher Verbrechen gedacht. Die Verschleierung oder Leugnung von Verbrechen der Sowjetunion und überhaupt aller gegen den deutschen Faschismus kämpfenden Mächte ist eine andere Ebene. Kein Zweifel, das dieses ebenfalls Unrecht ist, doch es ist ein anderes Unrecht. Unrecht und Verbrechen dürfen in keiner Weise gegeneinander aufgerechnet werden. Jedes hat sein eigenes Maß und muss nach diesem Maß aufgedeckt, verurteilt und gesühnt werden. Ich fürchte, dass der versöhnende Spruch der FriedensfahrerInnen: „Wir wollen all das in Würdigung des gemeinsamen Leids vergessen!“ als Verweigerung der spezifischen Sühne (sogar der spezifischen Benennung) eine spezielle Form des untauglichen Gegeneinander-Aufrechnens sein könnte.

Katyn war ein unverzichtbarer Bestandteil der Fahrt und ein Höhepunkt zum Ende hin. Er bekräftigte die politisch-moralische Unabhängigkeit des ganzen Unternehmens von Staats- und Parteiinteressen. Das ist die erklärte Haltung der TeilnehmerInnen.

Wir sind weiter gefahren nach Minsk, Hauptstadt des Landes Belarus, von dem uns bereits die ersten Landschafts- und Stadteindrücke positiv überraschten.c11

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MEIN TAGEBUCH 12. Tag: Moskau-Smolensk

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18. August 2016

Plan des Tages:plan18

22.00 Uhr:

Wir FriedensfahrerInnen…a2

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fuhren von Moskau nach Smolensk und nichts kündigte an, dass wir, inzwischen „freundschaftsgewohnt“, besondere Höhepunkte zu erwarten hätten. Doch „greif‘ hinein ins volle Menschenleben“…

Und wahrlich: Jede Stunde im Bus mit 40 Passagieren, die seit zwei Wochen viele Stunden täglich zusammen sind + einem Unikum von Fahrer, der mal  begeistert (alle), mal nervt (fast niemanden aber mich!) das ist reichlich Menschenleben.

Plötzlich sitzt Einer neben mir, Bernd, der gestern auch auf einem Friedhof war, dem Wagankaer. Er hatte ebenfalls eine spannende Grabsuche hinter sich, langwieriger als meine….

Ich erinnerte mich meiner Gefühle, nachdem ich gestern bei Platonow gewesen war. Soviel heitere Gelassenheit! Plötzlich fühlte ich mich in dem dortigen Moskauer Wohngebiet ganz und gar zu Hause. Ich schlenderte einen Gitterzaun entlang, hinter dem eine alte Frau Unkraut jätete. Bei ihr war ein possierliches Kätzchen, dem ich mit Vergnügen zusah. Die Frau sah es und rief fröhlich: „Sie hilft mir bei der Arbeit!“ Ich ging zurück und sagte, dass ich auch eine Katze habe, und die heiße „Blaubär“, Sie sagte, dass ihre „Mesunge“ heiße oder „Meschunge“. Ich verstand es nicht genau, weil der Frau ein paar Zähne fehlten.a3

Doch nun hatten mich die Zügea4und der Bus und die Zeit schon wieder in eine ganz andere Welt gebracht, eine Welt, in der Bernd neben mir saß und nicht nur froh verkündete, das Grab von Prof. Daschitschew schließlich doch gefunden zu haben, sondern mir auch die friedenspolitischen Arbeiten des Professors ans Herz legte.

Ich wundere mich ein wenig, dass Bernd so vehement auf D. verwies, von dem ich seit Jahren nichts gehört habe. Wikipedia erklärt, dass er Nähe zu Rechtsextremen habe. In seinem Text fand ich keine Hinweise darauf.

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Daschitschew ist mir aus Gorbatschows Zeiten nicht unbekannt. er galt als ein Inspirator von dessen Deutschlandpolitik, die zwar weite Räume eröffnete aber die notwendige Balance und Nachhaltigkeit vermissen ließ.

Bernd verwies besonders auf diesen Vortrag des Professors:

„Immanuel Kant und internationale Beziehungen der Neuzeit“

Der Beitrag ist zumindest insofern nützlich, als er die Kantsche  Position genauer darstellt, differenziert mit den folgenden Hauptelementen und -bestandteilen:

– „Kein Staat darf sich in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates gewaltsam einmischen“.

– „Kein einziger Staat, ob klein oder groß – das hat keine Bedeutung – darf von einem anderen Staat erobert werden“.

– „Kein einziger Staat darf sich im Krieg gegen einen anderen Staat solche Handlungen erlauben, die nach dem Eintreten des Friedens das gegenseitige Vertrauen unmöglich machen“.

– „Die Regierungen müssen für die Reduzierung der Militärausgaben und Rüstungen sorgen. Die stehenden Heere sind allmählich zu liquidieren“.

– „Eine richtige Friedensregelung kann nur eine solche sein, die in sich die Samen eines neuen Krieges nicht enthält“.

Daschitschew diskutiert jeweils, wie in der aktuellen Politik der USA und des Westens überhaupt, die Kantschen Friedensprinzipien verletzt werden. Er spart auch nicht mit Kritik an der sowjetischen Politik, die insbesondere die „Gesetzmäßigkeit der negativen Rückwirkung“ verletzt habe.

Einen Höhepunkt der Friedensdiplomatie sieht D. in der Pariser Charta von 1990:

„Nur die Pariser Charta, die von allen europäischen Staaten, den USA und Kanada im November 1990 unterzeichnet wurde und unter den Kalten Krieg einen Schlussstrich zog, konnte eine Friedensordnung in Europa ohne Trennungslinien, ohne Blockstrukturen, ohne fremde Dominanz schaffen. Sie hatte einen völkerrechtlich verbindlichen Charakter und enthielt vorzügliche Prinzipien (Überwindung der Spaltung Europas, gleiche Sicherheit für alle europäischen Staaten, Abrüstung, Förderung der Demokratie in Europa, kein Staat darf sich über das Völkerrecht stellen, von Europa darf kein Krieg mehr ausgehen usw.)“ 

Auf der letzten Seite seines Traktats räumt D. das Scheitern von Gorbatschows (und damit auch seiner, Daschitschews) Deutschlandpolitik ein. Ich kann nicht erkennen, dass er mit diesem Ergebnis ähnlich demonstrativ kritisch umgeht, wie mit den Missetaten früherer Sowjetführer.  Das schränkt den politisch-praktischen Wert seiner Wortmeldung erheblich ein.

Bernd hatte Ausdrucke von D.s Vortrag mitgebracht. Hier ist die komplette Arbeit im Original zu finden. Sie ist lesenswert.

Geschrieben im Bus am Folgetag:

In Smolensk angekommen, melden wir uns im Hotel an. Es trägt den Namen „Touristischer Komplex ‚Rosssia‘ oder so ähnlich und sieht noch schlimmer aus.b3

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Es sieht aus (und duftet, wie ich beim Betreten des Zimmers feststelle) als sei es aus Sowjetzeit übrig geblieben. Auf jeder Etage eine Verantwortliche und Helferin, die ich auch sofort benötige, weil Schlüssel und Schloss meines Zimmers mir absolut nicht gehorchen wollen. (Unverzeihlich, diese eigenwillige Schlüsselversion nicht fotografiert zu haben.) Die Zimmerausstattung ist einfach (was ich manchmal, nämlich dann, wenn nix Entscheidendes fehlt, erfreulich finde). Das Internet ist schnell.

Das Restaurant im Erdgeschoss (das um 22 Uhr schließt) ist ein großer, altmodisch-festlich ausgestatteter Saal. Neben Wandmalerei und durchaus gut ausgewählten Gemälden (russische Landschaftsmalerei) in einigen intimen Nischen seitwärts für kleinere Gesellschaften, entdecke ich mit wachsender Begeisterung immer mehr Holzstelen an den Wänden. Sie sind etwa drei Meter hoch und 30cm breit und über und über mit Schnitzerei bedeckt bzw. sie bestehen aus Schnitzerei– abstrakte Zeichen und Ornamente, jedoch auch stilisierte Köpfe und weitere stilisierte Formen. Es gibt, grob gezählt, 45 solche Stelen und jede ist ein Original. Spontan sage ich: „Diese Schnitzereien sind mehr Wert als das ganze Hotel.“ Ein unerwartetes und weitgehend unbeachtetes künstlerisches Gut. Ich bin begeistert. Allein wegen dieses Schmuckes gehört der Speisesaal unter Denkmalschutz. Dazu passt, wie wir später erleben, dass es in diesem Hotel kein Frühstücksbuffet gibt, sondern das Frühstück vom Ober serviert wird.

Nun einige (schlechte) Fotografien von diesem Ereignis. Ich hatte leider nicht die Zeit, nach dem Künstler zu fragen.

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In unserer geräumigen Hotelanlage befand sich auch ein Kinosaal, in dem eine weitere Pressekonferenz der Friedensfahrer abgehalten wurde. Es redeten wie immer und wie immer gut die „Gesichter der Fahrt“ Rainer und Owe. Eine russische Journalistin bat darum, dass sich auch andere Teilnehmer der Fahrt vorstellen. Gleich ergriffen Einige gern diese Gelegenheit. Diejenigen, die hier mitfahren, wissen, warum sie mitfahren, und sie können es erklären! Ich denke gerade, dass wir dazu viel zu selten Gelegenheit hatten….

(Und – liebe Leserinnen und Leser – erst jetzt, in dieser Minute, fällt mir ein, dass ich als Blogger ja selber „Medium“ bin. Ich selbst hätte jederzeit Kurzinterviews meiner MitfahrerInnen machen und sie posten können. Einfach nicht daran gedacht! Ich ergreife sofort die Gelegenheit, Teilnehmer Prof Meinhard Berger, der gerade vorbeikommt (Ich sitze im haltenden Bus.), um genau solches Kurzinterview zu bitten. Er stimmt zu, und hoffentlich bald werde ich wohl dieses erste etwas chaotische Interview ins Blog stellen.) Da isses.

 

In Smolensk haben wir ebenfalls Blumen an einer Gedenkstätte niedergelegt.b2

Dieses Ritual hat sich nun schon oft wiederholt. Trotzdem ist es immer wieder voller Ernst. Das liegt zum Einen wohl daran, dass Rainer Rothfuß immer wieder unverbrauchte Worte findet, immer wieder neue Nuancierungen ausdrückt und zum Anderen an der tiefen Bedeutung dieser Rituale für unsere Gastgeber, die sich zu Recht auf uns überträgt.

Die Gedenkstätte in Smolensk liegt in einem öffentlichen Park, an dessen Eingang sich ein beeindruckendes Standbild befindet.b1

Es stellt Fjodor Kon dar. Ich bin, wie es sich für den Westeuropäer geziemt, ein weiteres Mal ahnungslos. Aber Google/Wikipedia klären mich auf.

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