Sommerabschied 1914

sommerabschied

Alfred Lichtenstein in der „Sommereule“ 2015.

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Wenn die Lämmer nicht mehr schweigen,…

Mit seinem Vortrag „Warum schweigen die Lämmer?“ (2015, Kiel) hat der Psychologe und Philosoph Prof. Rainer Mausfeld auf Gefährdungsmechanismen unserer Demokratie aufmerksam gemacht. In einem weiteren Vortrag  „Der Neoliberalismus und das Ende der Demokratie“ (2016, Aachen) werden die Gedanken des Kieler Vortrags zu einer grundsätzlichen Kritik des Neoliberalismus und seiner Demokratiefeindlichkeit vertieft.

Der ganze vielschichtige Problemkomplex wurde jetzt erneut ausführlich bearbeitet und zwar in einem fast zweistündigem Gespräch Rainer Mausfelds mit Ken Jebsen, das am 5.8. 2016 Online ging.

Alle drei Dokumente sind hochaktuell. Ich meine, dass ihre gründliche Auswertung uns helfen kann bei allen unseren Bemühungen zur Bewahrung der Demokratie und für ihren neuen Aufschwung, den Aufschwung aus dem Geist radikaler Aufklärung.

So erschreckend (weil völlig illusionslos) Mausfelds Bestandsaufnahme der realexistierenden Repräsentationsdemokratie ist, so wenig neigt er zu Resignation. Eine neue weitgespannte Vision, eine „Rahmenerzählung“ sei notwendig. Geistige Vorarbeiten habe die Aufklärung genug geleistet, geschichtliche Erfahrungen habe der Realsozialismus reichlich gewonnen. Vieles sei zwar gescheitert aber Vieles wurde auch erreicht und dürfe nicht in Geschichtsvergessenheit verloren gehen. Das ist die optimistische Grundposition Mausfelds, der ein wirklicher Aufklärer ist (ohne Marxist zu sein).

Dabei verbleibt er nicht bei abstrakten Begriffen. (Besonders sei hier auf die letzten 30 Minuten des Interviews hingewiesen.) Er verweist auf den nötigen „Werkzeugkasten“ der  sozialen Auseinandersetzungen, der praktischen politischen Aktionen. In solchen Aktionen reifen Erkenntnisse, werden erstritten, wird Solidarisierung erfahren und bilden sich belastbare Bindungen zwischen Gleichgesinnten heraus. Und zuverlässig belastbar müssen sie sein, denn der „Kampf gegen die Zentren der Macht“ wird „ausgesprochen ungemütlich“ werden. „Die Eliten werden keiner Einsicht zugänglich sein, und sie werden sich nicht ergeben.“

Im Folgenden möchte ich einige Erfahrungen festhalten, die (um im Bild zu bleiben) „einige Lämmer gemacht haben, die das Schweigen hinter sich ließen“. Ich spreche von dem Ereignis „Friedensfahrt 2016“ und den Auseinandersetzungen danach.

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Das Wichtigste war die Aktion selbst. Das Schweigen wurde gebrochen. Die Handlungsunfähigkeit wurde gebrochen. Das Ereignis ist in der Welt, und intensive Begegnung fand statt. Alles, was ich dazu wenige Tage nach der Fahrt würdigend schrieb, gilt mir weiter voll und ganz.

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Auch sehr wichtig: Zum Ereignis gehörte die laufende tagesaktuelle Information über das, was geschah und z. T. auch darüber, wie es erlebt wurde. Die nachträgliche Interpretation und Deutung folgt – aber primär und unbestreitbar liegt ein ordentliches Stück Dokumentation vor.

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Für bedeutsam halte ich auch, dass zur Fahrt nicht nur einige Sätze Selbstverständnis formuliert wurden, sondern dass darüber hinaus mit der Petition von Dr. Rothfuss (die noch bis 2.10. gezeichnet werden kann hier) „Frieden mit Russland ist für uns unverzichtbar“ ein klar orientierendes und zugleich vernünftig begrenztes Konsenspapier die Fahrt begleitete, bis heute weiterwirkt und hoffentlich auch künftig weiterwirken wird.

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Im Zusammenhang mit der Petition gab es nach der Fahrt einen bösartigen Angriff. Ich meine den als „Pro-Debattenbeitrag“ aufgetauchten antisemitischen Hasstext. So etwas konnte der Petition und darüber hinaus der ganzen Aktion schwer schaden. Wir – „etwas mündiger gewordene Lämmer“ –  mussten erst lernen, damit umzugehen, d. h. den Text zu entfernen. Es gelang nicht, herauszufinden, wer so etwas geschrieben hat. Troll, Rechtsextremist, Provokateur – vieles ist denkbar. Jedenfalls zeigte sich, dass „die Lämmer“, nachdem sie gelernt hatten zu reden, weiter lernen müssen, um ihre Rede (und sich) zu schützen.

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Natürlich setzten nach der Fahrt die Rückblicke ein… und bald die Reflexionen, Deutungen, Interpretationen. Die nachträgliche Aneignung und tiefere Verarbeitung ist ein normaler psychischer Vorgang. Problematisch, wenn es dabei zu Verzerrungen und Umdeutungen kommt oder sogar zu Versuchen eine andere, ganz eigene Agenda einzubringen und so dominant wie möglich zu vertreten. Für Letzteres hat es klassische Beispiele gegeben. In einem Video (von mir hier kritisch aufgegriffen) und laufend auf der Friedensfahrt-FB-Seite wurde geeifert, der Friedensfahrtaktion nachträglich geschichtsrevisionistische Positionen aufzudrängen. Dabei ging es um eine Schuld der Sowjetunion am Krieg bzw Präventivkriegsambitionen der SU gegenüber Deutschland, nach wie vor offene Territorialfragen (etwa Kaliningrad), das Selbstbestimmungsrecht ehemaliger Königsberger und ihrer Nachfahren, die teilweise Entlastung des deutschen Faschismus von seiner Kriegsschuld, wie überhaupt des deutschen Imperialismus seit „mehr als hundert Jahren“. Flankiert wurden solche Thesen, von Behauptungen, antifaschistische Argumente seinen Ausdruck eines den Deutschen von den Siegern eingeimpften (oder genetisch verankerten) Schuldkomplexes. (Als Gegenmittel wurde dann auch mal „gehobene“ Naziliteratur empfohlen.)

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Danach stellt sich mir die Frage: Müssen nicht die zu Wort und Aktion gekommenen „Lämmer“ darauf gefasst sein, dass ihnen nachträglich Wort und Tat medial aus der Hand genommen werden, dass sie gleichsam enteignet werden? Das tatsächliche Fahrtereignis verblasst, und am Ende bleibt das mediale Produkt, das nun als „eigentlich“ fortwirkende Wirklichkeit gilt.

Die Lämmer müssen also nicht nur aufhören zu Schweigen, sie müssen auch ihr Wort dauerhaft vertreten. Dabei können sie leicht in böse, belastende Auseinandersetzungen geraten. Vielleicht wird ihnen am Ende gar die ganze schöne Fahrt vergällt? Ob das hartnäckige Schweigen der Lämmer auch damit zusammenhängt, dass sie solche Komplikationen ahnen und vermeiden wollen? „…, Schweigen ist Gold.“

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Unbestreitbar sind Schwierigkeiten, das eigene Wort dauerhaft zu vertreten, notfalls zu verteidigen: Die Themen weiten sich ins Endlose (man kennt sich nicht auf allen Gebieten aus), die UmdeuterInnen (+ einige ZujublerInnen ) sind vom teutonischen Furor „Wahrheits“furor erfüllt, die FB-Bedingungen des Streits (Moderationsqualität) fördern „das Quirlen von Problemen“, auch das Stammtischgejohle, machen aber die Problembearbeitung unmöglich, die eigene Spannungstoleranz ist begrenzt.

Es ist, als ergösse sich eine Flut von trübem Wasser über „die Lämmer“, die Gruppe von Menschen, die sich erhoben hatten, um freier zu atmen und die nun nicht nur um ihre trockenen Klamotten bangen müssen, sondern auch noch bemerken, dass an ihnen übler Geruch hängen bleibt.

Mir als Busmitfahrer ist es eine grundsätzliche Erfahrung, dass ich im Bus, Auge in Auge, mit ALLEN vernünftig, d. h. zu gegenseitige Anregung und gegenseitigem Nutzen reden konnte, jetzt aber die Situation im FB-Streit genau gegensätzlich ist. Denkfutter!

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Mausfeld verweist darauf, dass der demokratische und bewusstseinsbildende Prozess ein arbeitsteiliger ist. Wir brauchen vertrauenswürdige Vermittlungsglieder, „second hand dealers of ideas“, etwas, das der Neoliberalismus gelernt und perfekt organisiert hat. Atomisierte Erfahrungen, auch atomisierte Empörung, nützen nichts. Energie verpufft.

In der Runde der BusfahrerInnen gibt es die Idee, ein Nachtreffen zu organisieren. Ich finde die Idee gut. Doch meine ich, dass es noch mehr Gedanken braucht um den Funktionszusammenhang eines solchen Treffens. Ist überhaupt ein funktionierender Zusammenhang der BusfahrerInnen gegeben oder möglich?

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Mit großer Entschiedenheit, man könnte sogar Drastik sagen, charakterisiert Mausfeld die großen Konzerne (also die, die wirklich die Macht sind) als außerhalb jeder demokratischen Kontrolle, als „extrem totalitär, eigentlich faschismusanalog“, „pathologische Strukturen völliger Intransparenz“ (bei 1:24:00 und nach 1:27:55 im KenFM-Gespräch). Umgekehrt kann wirklich radikale Aufklärung nur universalistisch, offen und transparent sein. Beides – die totalitäre Struktur der Konzerne, wie auch die konsequente Transparenz radikaler Aufklärer sind Ergebnis menschlicher Entscheidungen. Wir müssen uns zu wirklich demokratischen Entscheidungen befähigen und ermächtigen.

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Ich meine ein, vielleicht DAS Schlüsselproblem unseres demokratischen Bemühens ist die Transparenz. Transparenz erlaubt den Austritt aus der Matrix. Ohne Transparenz können sich keine belastbaren solidarischen Beziehungen herausbilden. Doch wir sind, was eine alltägliche Transparenzkultur betrifft, am Weitesten zurück. Wir haben das Problem nicht nur nicht gelöst, wir haben es noch nicht einmal erkannt. Das betrifft voll und ganz auch die Friedensfahrt und ihre „Nachbereitung“. Gelegenheit zu einem weiteren Posting.

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„Die Waffen nieder!“ – Erklärung zur bundesweiten Friedensdemo am 8.10. in Berlin

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2018 könnten die Amis aus Ramstein verschwunden sein, wenn …

Der folgende Beitrag gefällt mir. Einerseits, weil er kurz und bündig ist und andererseits, weil er dem verbreiteten Gerede von der fehlenden Souveränität der BRD entgegensteht. Er stellt eine Übernahme aus dem „Gelben Forum“ dar. Ich sichte das „Gelbe Forum“ regelmäßig. Wer nur Seiten liest, die zuverlässig „DAS ERLAUBTE“, „DAS KORREKTE“ bringen, sollte dem Link keinesfalls folgen. Wer allerdings vom Balancieren der USA (mit BRD im Gefolge) am Rande des Abgrunds alarmiert ist, sollte besser auf diese Selbstbeschränkung verzichten.

***

„wenn, die Bundesregierung dies einseitig und innerhalb dieses Jahres beschließen würde:
Sie könnte auch innerhalb eines Jahres aus der Nato austreten lt. abgeschlossener Verträge.

Da die Amerikaner nach wie vor von deutschem Boden gegen unser Grundgesetz Angriffskriege durchführen, wäre jede Bundesregierung dazu verpflichtet, den Amis jeden Stützpunkt mit der vertraglich festgesetzten Kündigungszeit von 2 Jahren zu kündigen.

Wieso agiert diese Regierung gegen die Verfassung und Gesetze?

Gruß Dieter

Quellen:

(1) Nordatlantikvertrag, Artikel 13 [Kündigung des Vertrages]
„Nach zwanzigjähriger Geltungsdauer des Vertrags kann jede Partei aus dem Vertrag ausscheiden, und zwar ein Jahr, nachdem sie der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika die Kündigung mitgeteilt hat; diese unterrichtet die Regierungen der anderen Parteien von der Hinterlegung jeder Kündigungsmitteilung.“
http://www.abg-plus.de/abg2/ebuecher/abg_all/Artikel13K%C3%BC.htm

(2) Vertrag über den Aufenthalt ausländischer Streitkräfte in der Bundesrepublik Deutschland (Stationierungsvertrag)
http://www.abg-plus.de/abg2/ebuecher/abg_all/Vertrag%C3%9Cber.htm
http://www.bgbl.de/xaver/bgbl/text.xav?SID=&tf=xaver.component.Text_0&tocf=&qmf=&hlf=xaver.component.Hitlist_0&bk=bgbl&start=%2F%2F*[%40node_id%3D%27368826%27]&skin=pdf&tlevel=-2&nohist=1

(3) Vereinbarungen vom 25. September 1990 zum Vertrag über den Aufenthalt ausländischer Streitkräfte in der Bundesrepublik Deutschland
Bundesgesetzblatt Jahrgang 1990, Teil II, Seiten 1390 bis 1393
http://www.bgbl.de/xaver/bgbl/text.xav?SID=&tf=xaver.component.Text_0&tocf=&qmf=&hlf=xaver.component.Hitlist_0&bk=bgbl&start=%2F%2F*[%40node_id%3D%27350061%27]&skin=pdf&tlevel=-2&nohist=1

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Friedensfahrt = Eurasienfahrt? oder: Kein Sprunk in der Schüssel! – mit Update 16.9.

Wenn ich „Schüssel“ sage, meine ich nicht weniger als Eurasien; gewaltige Landmasse, geographischer Superraum. Als geopolitisches Ereignis für die Einen der Horror persönlich, für die Anderen größte Hoffnung, für die meisten Leute in Deutschland weit weg.  Natürlich ist nicht von irgend einem „geografischen Gott“ die Rede, natürlich geht es um geschichtlich handelnde Menschen, Menschengruppen, Klassen. Sollte uns das interessieren? Vielleicht ist Deutschland, Gernegroß in Europas Mitte, so etwas wie der „Henkel an der Schüssel“? Für die Friedensfahrer 2016 jedenfalls dürfte „Eurasien“ DAS Thema hinter allen Themen gewesen sein.

Wer die Landkarte betrachtet, kann Eurasien  nicht einfach links verorten, rechts auch nicht. In der Mitte oder vorn? Könnte es sein, dass sich Eurasien der geläufigen Topographie entzieht, auch der politischen aus dem „Kurzen 20. Jahrhundert“?

Eurasien liegt mächtig quer zur maritimen Weltmacht, wie mensch aus dem „Kurzen Lehrgang Geopolitik“ lernen durfte. Das ist mir sympathisch. Eurasien ist auf lange Zeit sich selbst Aufgabe genug, braucht keine Kolonien, muss auf absehbare Zeit nicht imperialistisch um den Erdball rasen – zweiter Sympathiepunkt. Schließlich birgt Eurasien in sich genug Geheimnis und Widerspruch (Jahrzehnte Realsozialismus Russlands und Chinas zählen dazu), um eigene, vielleicht überraschende Wege der Kultur hervorzubringen. Könnten sich die Menschen, stehend auf so riesigem festem Grund, auf etwas Neues einlassen?

„Eurasien“ ist die Hoffnung auf mehr Frieden in einer Welt, die noch immer im Würgegriff des imperialistischen atlantischen Kapitals und seines Weltherrschaftsstrebens ist und sich deshalb auf neue katastrophale Kriege zubewegt. Diese eurasische Friedenshoffnung ist VIEL WENIGER als das traditionelle linke Projekt der sozialen Emanzipation aller Menschen. Das ist viel weniger als der Anspruch der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, dieser „Sternstunde der Menschheit“. „Eurasien“, allen linken Wahrheits(reste)verwaltern zum Kummer, ist heute nicht bereit, das vorerst geschlossene „Kapitel 2 der Weltgeschichte“ erneut aufzuschlagen und weiterzuschreiben. „Eurasien heute“ heißt, in eine historische Parallele übersetzt: Wir befinden uns irgendwo zwischen den Jahren 1930 und 1933 als die deutschen Arbeiter gegen „Sozialfaschismus“ und für „Rätedeutschland“ in die Irre liefen, während es darum ging, den Hitler-Faschismus und den Krieg zu verhindern. Das wäre nur GEMEINSAM möglich gewesen, zusammen allen Hitlergegnern und Friedensfreunden, auch rechten.

Diese Crux! Wie gerne hätten wir die rechten Friedenskämpfer aber bitte nicht die Rechten!

Während der Friedensfahrt 2016 saßen wir alle zusammen im gemeinsamen Bus, 14 Tage auf Tuchfühlung. Und nicht nur im Bus. Immer wieder in den verschiedenen Städten gedachten wir gemeinsam bewegt der Opfer, die der faschistische Krieg auf sowjetischem Boden gefordert hatte. Jetzt, drei Generationen danach, gedachten wir ALLER Opfer, auch derer, von denen Brecht 1955 schrieb:

brecht

Wir gedachten aller Opfer, auch der Täter, die zu Opfern wurden, und wir ignorierten nicht das Leid der Familien, hüben, wie drüben. Aus dieser Art Erinnern sollte der größte Friedenswille wachsen – erfühlt, „seelisch getragen“ aber dennoch nicht gedankenlos. Und es war gerade Bernd, ein Rechtsorientierter an meiner Seite (Ich bezeichne ihn einfach so, nach meinem Verständnis. Ich habe ihn nicht gefragt, und ich weiss nicht, wie er sich selbst sieht. Er wird Dieses hier zweifellos lesen, und wenn er mir seine eventuellen Korrekturwünsche mitteilt, werde ich sie berücksichtigen.) der, einem sowjetisch-russischem Politologen folgend, auf eines der wichtigen Momente der Friedensphilosophie Immanuel Kants verwies:

„Es soll kein Friedensschluß für einen solchen gelten, der mit dem geheimen Vorbehalt des Stoffs zu einem künftigen Kriege gemacht worden ist.“ (Quelle)

Nach unserer Friedensfahrt hat sich eine durchaus heftige Auseinandersetzung über die Gültigkeit des „Friedensschlusses“ ergeben, den manche FriedensfahrerInnen der russischen Seite anbieten. Sind da nicht unter Versöhnungsrhetorik genau solche „geheimen Vorbehalte“ versteckt,  die den „Stoff zu einem künftigen Krieg“ geben können?

Diese Frage stellt sich mir, nachdem ich das Video von Juliane Sprunk angesehen habe. Dort wird, bezogen auch auf den Überfall und Vernichtungskrieg des faschistischen Deutschland gegen die Sowjetunion, fabuliert, dass beide Seiten gleichermaßen Verbrechen und Unrecht zu verantworten hätten. Die heutige gegenseitige Kriegshetze zwischen Deutschland und Russland (hinsichtlich Russland „milder“ als „Kriegspropaganda“ bezeichnet) wurzele in den Verbrechen beider Seiten in den beiden Weltkriegen. Wer diesen Standpunkt nicht teile sei der „Schuldkult- und Kollektivschuldrhetorik“ erlegen und ebenfalls der „Rhetorik der 27 Millionen unschuldiger Sowjetopfer“.

Bei alldem ist Frau Sprunk keine klassische Revanchistin. Sie will es den Russen nicht mit gleicher Münze heimzahlen. Sie setzt darauf, dass sich friedenswillige Deutsche und friedenswillige Russen über den Gräbern umarmen, weil die Russen deutsche Verbrechen verzeihen und Verbrechen den Deutschen gegenüber eingestehen, die sie nie begangen haben.

Jetzt begreife ich auch, warum Frau Sprunk ihre Botschaft in ein Katyn-Video eingebettet hat. „Der Deutsche“ hat zwar in Katyn keinen Tropfen Blut verloren aber er wurde falsch beschuldigt. Schlimmer als Blut, seine „Deutsche Ehre“ wurde befleckt! Sind somit nicht wir, die Deutschen, die eigentlichen und größten Opfer aller Stalinschen Verbrechen?

Ja, Heimatvertreibung, das alte revanchistische Lied, gehört ebenfalls zu den russischen Verbrechen. Juliane Sprunk will Königsberg nicht mit Waffen zurückholen, aber dass „territoriale Fragen offen sind“, darauf muss sie im Interesse aller beteiligten Versöhnungsseelen bestehen, all der einstigen deutschen Königsbergbewohner und ihrer Nachfahren bis ins siebte Glied.

Frau Sprunk und mancher Gesinnungsgenosse können nicht genug die positiven historischen Erfahrungen der Zusammenarbeit Deutschlands mit Russland loben. Solche Erfahrungen gab es bis 1914, zu Bismarks Zeiten, 1812 zu Tauroggen und weitere mehr. Die Zeit seit 1914 aber wird bestenfalls als Nicht-Zeit behandelt oder schlimmer als weiterwirkendes Verhängnis, das nur durch „Wahrheit und wechselseitiges Verzeihen“ aus der Welt zu schaffen sei. So fährt Frau Sprunk zum Verzeihungsevent mit paar klitzekleinen Veränderungswünschen. Die sind gut in eine Wundertüte verpackt, die freilich der russische Präsident unumwunden „die Büchse der Pandora“ nennt.

Den Gedanken, dass zwei Weltkriege mit abermillionen Toten unhintergehbare Tatsachen geschaffen haben, dass sie neues unumstößliches Recht gesetzt haben, erklärt Frau Sprunk zum Mythos, zur Rhetorik. Ich will nicht glauben,  dass sie leichtfertig über „27 Tote, äh, 27 Millionen Tote“ plaudert (ab 2’08“ ihres oben verlinkten, sorgfältig geschnittenen Videos). Aber ratlos macht mich diese Passage doch. Wollte Frau Sprunk einen Beweis ihrer Selbstverliebtheit liefern? Wer braucht den? Oder hat sie sich einen abgrundtiefen Zynismus erlaubt – und damit die perfekte Selbstdemontage?


Update 16.9.:

Natürlich habe ich meine LeserInnen nicht mit allem belästigen wollen, was ich an Äußerungen von Frau Sprunk auf FB bemerkt habe. Nun musste ich zur Kenntnis nehmen, dass Dr. Rainer Rothfuss, der Hauptinitiator der Friedensfahrt 2016, Frau Sprunk gestern zur Administratorin der Friedensfahrt-FB-Seite gemacht hat. Das ist zweifellos in voller Kenntnis ihres Videos erfolgt, mit dem ich mich hier auseinandergesetzt habe. (Das Video ging am 24.8. online.)

Hier sei der Link nachgereicht einer langen Auseinandersetzung von Frau Sprunk mit Frau Pietza, ein Text, der in dieser Breite vielleicht nur Insider interessiert (und auch keineswegs nur Kritikwürdiges enthält). Bemerkenswert ist aber die sich anschließende Diskussion, in der sich FriedensfahrtteilnehmerInnen energisch von der Position Juliane Sprunks distanzieren. („Die Organisation muss sich von Juliane Strunk distanzieren , sonst ist die ganze Fahrt eine Farce gewesen !“)

Jüngst ist Frau Sprunk bei der Propagierung wertvoller Nazikunst angekommen. Das könnte folgerichtig sein.

Ob Dr. Rainer Rothfuss folgerichtig handelt, kann und muss er selbst entscheiden.

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Wadim Rogowin: Gab es zu Stalin eine Alternative?

Von der Webseite der Berliner Freidenker übernehme ich einen Beitrag, der dem Hauptwerk des sowjetisch-russischen Historikers Wadim Rogowin gewidmet ist. Rogowin beweist, dass die profunde Kritik von Mythen und Falschdarstellungen der Geschichte, auch wenn sie weit und lange Zeit verbreitet wurden, ganz neue Sichten und Einsichten ermöglicht, ja erzwingt. Möglich wurde das durch die solide, historisch-materialistisch begründete Arbeit des Wissenschaftlers. Das unterscheidet ihn fundamental vom Geschichtsrevisionismus, wie er im Interpretationsstreit um die Deutungshoheit der Friedensfahrt 2016 sichtbar wird. Siehe hier, hier oder auch hier.

Der Beitrag von der Freidenkerseite:

Wadim Sacharowitsch Rogowin (1937 bis 1998) war ein sowjetisch-russischer Historiker und Soziologe. Sein großes, der Kritik des Stalinismus gewidmetes Werk „Gab es eine Alternative“ untersucht den Zeitraum von 1922 bis 1940 auf insgesamt dreitausend Seiten. Es gliedert sich in die sechs Bände „Trotzkismus“ (1922-1927), „Stalins Kriegskommunismus“ (1928-1933), „Vor dem Großen Terror – Stalins Neo-NÖP“ (1934-1936), „1937 – Jahr des Terrors “ (1937), „Die Partei der Hingerichteten“ (1937-1938) und den weniger geschlossenen Band „Weltrevolution und Weltkrieg“ (1939) über dessen Ausarbeitung der Historiker verstarb. Den geplanten 7. Band „Das Ende ist der Anfang“ (1940) konnte Rogowin, der dem Krebs erlag, nicht mehr schreiben.

Rogowins Werk ist von der Geschichtswissenschaft und mehr noch von den Tageskämpfern der Ideologien weitgehend ignoriert worden. Werner Röhr ist, soweit ich sehe, der einzige ausgewiesene Historiker, der sich explizit geäußert hat. In der „Zeitschrift für marxistische Erneuerung“ Nr. 45 vom März 2001 ist seine Rezension „Der Untergang des Bolschewismus als Voraussetzung des Stalinismus“ zu finden. (Die achtseitige Rezension ist nicht online verfügbar. Ich bin bereit, InteressentInnen einen Scan zu schicken.)

Röhr hebt hervor, dass Rogowins Aufarbeitung der „Großen Säuberung“ der Jahre 1936-1938 in der Sowjetunion, insbesondere der drei grossen Schauprozesse und des Massenterrors, eingebettet ist „in eine gewaltige historische Rekonstruktion der nachrevolutionären Geschichte der Bolschewiki“ und weiter: „Als bisher einziger Historiker dieser Periode bezieht Rogowin den wichtigsten politischen Gegner Stalins in diesen Jahren, Leo Trotzki, systematisch mit ein…“.

Die komplexe, historiografisch-soziologische Forschungsmethode des Autors schlägt sich in einer enormen Beweiskraft seiner Darstellung epochaler Zusammenhänge, Einschätzungen und Schlussfolgerungen nieder. Wir haben es mit einem Meisterwerk der historisch-materialistischen Geschichtsschreibung zu tun, ich möchte behaupten, dem bisher einzigen, das, vor dem Hintergrund der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution und diese voraussetzend, die Vernichtung des Bolschewismus und die Durchsetzung des Stalinschen Absolutismus in Begriffe fasst, die marxistisch-wissenschaftlichen Ansprüchen genügen.

Neben dieser gewaltigen, zentralen Leistung besticht Rogowins Werk durch grundsätzliche Hinweise auf weitere, mit der Zentralerkenntnis verbundene, doch weiterführende Erkenntnislinien. Dazu zähle ich (relativ willkürlich ausgewählt) den Spanischen Bürgerkrieg, die Rolle der Komintern, den Deutsch-Sowjetischen Vertrag von 1939 (einschließlich Geheimprotokoll) aber auch Rogowins Bemerkungen zu dem Stalinismus nach Stalin bis hin zum Untergang der Sowjetunion und bis zur nachsowjetischen Gegenwart (der 90er Jahre).

Nicht zuletzt zähle ich dazu Rogowins detaillierte Auseinandersetzung mit der von Stalin erzwungenen „Sozialfaschismuskonzeption“ und ihrer Rolle im Prozess der Machtübertragung an Hitler und der historischen Niederlage der deutschen und internationalen  Arbeiterbewegung.

Ein Werk, wie dieses, das hundert Fragen beantwortet, wirft tausend neue auf. Das kann nicht überraschen. Es ist kein Werk, das man in wenigen Tagen „durch“ hat. Mich hat es seit Wochen buchstäblich „eingesogen“, und ich weiss, dass ich jetzt, gegen Ende der Lektüre, sofort wieder anfangen werde, noch einmal von vorn zu lesen. Das ist kein Mangel. Die Russischen Revolutionen von 1917 werden bald hundert Jahre alt. Denkwürdige Zeit, die uns, wenn wir es wollen, den Quellen wieder näher bringt. Rogowin kann dabei helfen.“

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Friedensfahrt 2016 – in geschichtlich vermintem Gelände

Die Friedensfahrt war eine Demonstration für den Frieden mit Russland. Eine gelungene Demonstration! Mit der Gedenkveranstaltung in Katyn wurde zum Ausdruck gebracht, dass der Frieden mit  Russland nicht exklusiv oder gar auf Kosten anderer Völker zu haben ist. Es geht um den Frieden mit Russland UND zugleich mit allen anderen Völkern dieses historischen Raumes.

Manche Diskussionen, die seitdem geführt werden, gehen an dieser klaren Botschaft vorbei. Vorwürfe es sei ein unentschuldbares Versäumnis, diesen und jenen Ereignisses an diesem und jenem Ort nicht gedacht zu haben, gehen an der klaren Botschaft vorbei. Gewiss, mensch kann bis 1812 zurückgehen. Der oder die geschichtlich Interessierte mag bis zur Slawenmission zurückgehen. Doch die Auflösung der klaren Botschaft der Friedensfahrt in Geschichtsdiskussionen und bald auch Geschichtsrevisionen verfehlt das heute politisch Notwendige.

Die Aufrechnung historischer Ereignisse, fast immer auch historischer Verletzungen, in immer weiter zurückliegende Vergangenheit (und ebenfalls in immer feinere Details der nicht weit zurück liegenden Vergangenheit!), führt in die Irre. Historisches und Logisches müssen zu einer Einheit gebracht werden.

Die deutschen Friedensfreunde haben einen historischen Fixpunkt – die Menschheitsverbrechen des deutschen Faschismus (wobei Überfall und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion einen Hauptpunkt bilden). Ich spreche von einem Fixpunkt historischen Begreifens, nicht jedoch von einem Fixpunkt durch alle Folgegenerationen fortwirkender Schuld („Erbsünde“).

Glaubt Friedensfreundin Juliane Sprunk in dem folgenden Video, glaubt Friedensfreund Bernd Krain (hier, hier, auch hier) diesen Fixpunkt historischen Begreifens revidieren zu müssen? Der Wortwechsel mit Alant Jost in den Video-Kommentaren kann diesen Eindruck erwecken.

Diskussionsbedarf, um den die FreidenkerInnen, wie ich hoffe, keinen Bogen machen werden, z. B. beim Treffen am 14.9. 

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