Jenseits von Pest und Cholera – (5) unsere sozialistischen Beziehungen – mit Update 5.3.17

Die Provokation ist gewollt. Wie kann es denn heute sozialistische Beziehungen geben, im Kapitalismus, im Imperialismus, im zerstörerisch wütenden Neoliberalismus?

Einst habe auch ich gelernt, dass sozialistische Beziehungen keineswegs bereits im Kapitalismus entstehen können. Kapitalistische Produktionsverhältnisse ja, die entstehen bereits im Schoße der feudalistischen Gesellschaft. Beides sind eben Ausbeutergesellschaften, wenn auch verschiedener Stufe. Sozialistische Verhältnisse aber bringen das Ende der Ausbeutung,  Sie sind „von einem anderen Stern“. Schon die kleinste realsozialistische Regung würde im Kapitalismus sofort – platt gesagt – platt gemacht.

Das Schema enthält zweifellos Wahrheit, ist aber auch starr. Wissen wir wirklich so genau, was drin ist, wo „sozialistisch“ draufsteht? Schon vergessen, mit welcher Großzügigkeit (um nicht „Willkür“ zu sagen) kommunistische Parteien behaupteten, der Sozialismus sei in ihrem Land bereits verwirklicht?

Vielleicht ist versuchsweise ein pragmatischer Umgang mit den Begriffen hilfreich. Könnte nicht zur Anregung und Veranschaulichung einfach mal „sozialistisch/kommunistisch“ mit „radikal-humanistisch“ und „radikal-demokratisch“ gleichgesetzt werden? So wie es Marx und Engels in frühen Schriften gemacht haben.

Im Posting vom 23. Februar hatte ich behauptet: „Das neue sozialistische Ideal kann nicht aus theoretischer Überzeugung, sondern nur aus den wirklichen, unmittelbaren, praktischen Erfahrungen der Masse der Menschen und deren geistiger Bewältigung entstehen. Die Menschen müssen in ihrer täglichen, neoliberal-imperialistisch dominierten Lebenspraxis die Erfahrung machen, sich selbst die Erfahrung schaffen (!), dass es erstrebenswert und besser und machbar ist, in sozialistisch geprägten, also real-humanistischen Beziehungen zu leben.“ 

Dazu einige thesenartige Erklärungen und Annahmen:

  1. Jede Gesellschaft trägt Antagonismen (vielleicht jeden denkbaren Antagonismus?) in sich. Sie mögen zurückgedrängt sein, „ausgetrocknet“, fast vergessen, doch unter bestimmten Bedingungen treten sie (wieder?) hervor – selbst Sklaverei, selbst Kannibalismus. Dasselbe trifft auf eine ganz neue, ganz andersartige Zukunftsgesellschaft zu. In Elementen ist sie schon heute wirklich – vielleicht als gefährdeter Keim, vielleicht als von einer Utopie getragenes Handeln oder als massiv überlagertes Unter-Grund-Geschehen. Oder auch als kaum beachtete Selbstverständlichkeit.
  2. Täglich verhalten sich Menschen als Einzelne aber auch in Gruppen nichtkapitalistisch und profitfeindlich. Sie sind zu ihren Mitmenschen hilfsbereit, uneigennützig, solidarisch, auch gegenüber Fremden. Das ist enorm. Um an eine Bemerkung Lenins zu erinnern: „Der Kommunismus beginnt dort, wo einfache Arbeiter in selbstloser Weise, harte Arbeit bewältigend, sich Sorgen machen um die Erhöhung der Arbeitsproduktivität, um den Schutz eines jeden Puds Getreide, Kohle, Eisen und anderer Produkte, die nicht den Arbeitenden persönlich und nicht den ihnen „Nahestehenden“ zugute kommen, sondern „Fernstehenden“, d. h. der ganzen Gesellschaft in ihrer Gesamtheit, den Dutzenden und Hunderten Millionen von Menschen,… „ (Quelle hier, Druckseite 417)
  3. Dieses humanistische Handeln gibt es bei uns massenhaft trotz der systematischen Drängens auf Barbarisierung eines Jeden durch die herrschende realkapitalistische Ordnung. Hagen Bonn drückt es so aus: „Der Enthusiasmus des Hobbywerkers, die Energie der ehrenamtlich Tätigen, die unermüdlichen Energien der Vereinsaktiven, diese Formen der freien Assoziation, wie sie schon die bürgerliche Welt hervorbringt, und das außerhalb der kapitalistischen Verwertung, zeigt deutlich, wozu Menschen fähig sind. Weder Peitsche, Lohn noch Hunger braucht es dafür.“ 
  4. Dieser elementare, spontane, begrenzte Alltagshumanismus muss sich in schweren Konflikten behaupten. Oft genug erleidet er Niederlagen und wird zurückgedrängt. Partiell geht er unter. (In ihrem Roman „Zum Wohle!“ beschreibt Mechthild Seithe kenntnisreich, zugleich schonungslos und sensibel, den Kampf humanistisch gesinnter Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter gegen die neoliberalen, im Grunde sozialdarwinistischen Zumutungen, die unserer Kinder-, Jugend- und Familienhilfe auferlegt werden.) Die Konflikte sind unvermeidlich, Niederlagen häufig, jedoch der Ausgang muss nicht deprimierend sein.
  5. Was braucht es, damit es nicht zu einem resignativen Fazit kommt?
  • Der Zusammenhang jedes Einzelkampfes zu den gesellschaftlichen Grundfragen muss sichtbar und bewusst gemacht werden. Diese Grundfragen, die eine „an die Wurzel gehende“= radikale Antwort verlangen, sind die Machtfrage und die Eigentumsfrage (Vergl. hier). Im Lichte dieser Grundfragen ist der Sinn des einzelnen Tuns zu behaupten, selbst wenn es mit einer Niederlage endete.
  • Das radikalhumanistische, radikaldemokratische Handeln der Aktivengruppen muss in sich selbst konsequent sein und höheren Maßstäben genügen. Wann sollen diese Gruppen mehr Humanismus und Demokratismus erreichen, wenn nicht HIER und JETZT? Keineswegs erst „nach dem Sieg“! Als mit Lenins Krankheit und Tod seine überragende (nichtformale) Autorität wegfiel, erwies sich, dass die bolschewistischen Führer nicht im gegenseitigen Wohlwollen gemeinsam arbeiten konnten. Es begann unter anscheinend Gleichgesinnten ein Kampf „Wer? Wen?“. Bereits damit begann die Liquidierung der angestrebten höheren, der sozialistischen Gesellschaft.
  • Die aus allen Zeiten bis heute bekannten „Grabenkämpfe“ beweisen täglich die Defizite der Linken, sich auf eine neue Stufe der politischen Kultur der Gesellschaft zu erheben und zum „Kapitel zwei der Weltgeschichte“ voran zu gehen. Die Oktoberrevolution hatte einst eine Chance eröffnet, die neue Kulturstufe im Prozess des sozialistischen Aufbaus zu erreichen. Diese beflügelnde Chance ging letztlich in schweren Kämpfen unter, und es ist schwer vorstellbar, dass sie in gleichartiger Weise ein zweites Mal entstehen wird.
  • Doch was hindert uns, bereits heute in unseren Kämpfen begrenzter Reichweite (also lange bevor die o. g. Grundfragen auf die Tagesordnung kommen), die neue Kulturstufe einzuüben? Müssten nicht Freundschaftsbeziehungen zwischen Gleichgesinnten die Norm sein? Zumindest dort, wo sich persönliche Kontakte entwickelt haben. Und müsste nicht zwischen den vielen Mitgliedern einer größeren Organisation (die keine engen persönlichen Kontakte haben) eine solche Intensität offener Kommunikation geschaffen werden, die Beziehungen gleichen Charakters gewährleistet, also freundschaftliche Achtung, Kampfgefährtenbewußtsein, Verlässlichkeit und förderlicher Umgang mit Widersprüchen und Spannungen?
  • Fast überflüssig zu sagen, dass es dabei nicht um Rhetorik geht („Ich liebe euch alle.“), sondern um allseits bekannte und anerkannte praktische Maßstäbe. Diese soll es innerhalb der Organisation geben und in anderer Art aber ebenso transparent für das Wirken der Organisation nach außen, den „Fremden“ gegenüber.
  • Die unablässige Pflege der radikalen Demokratie ist notwendig. Auch formale Mechanismen müssen beitragen, die Verwandlung von persönlicher Autorität in persönliche Macht zu verhindern. Materielle Abhängigkeiten zwischen Mitgliedern der Gruppe jenseits der Beschlüsse der Gruppe und ihrer Kontrolle durch die Gruppe darf es nicht geben. Dasselbe gilt für Informationsbeziehungen mit ihren Machtdimensionen.
  • Das zukunftsfähige Niveau radikaler Demokratie ist heute nur internetgestützt auf der Basis fortgeschrittener Kommunikationssoftware realisierbar.
  • Organisationen, die radikal-humanistisch und radikal-demokratisch wirken wollen, müssen sich auf die Angriffe des Staates und nichtstaatlicher Akteure einstellen. Das fängt bei der konventionellen Steuerungsmacht des Staates an, wie sie z. B. mit den Gemeinnützigkeitsregelungen gegeben ist, schließt das gewaltige mediale Instrumentarium ein, betrifft die geheimdienstliche Unterwanderung und reicht (bei verschwimmenden Grenzen) bis zu dem enormen Bereich verdeckter Aktivitäten unter Nutzung von Formen der Zivilgesellschaft und der NRO. Einen absoluten Schutz gegen diese Angriffe gibt es nicht, eines der stärksten Mittel dagegen ist eine offensive Strategie der Transparenz der wesentlichen Handlungsdimensionen aller Akteure.

Update 5.3.2017:

Erst jetzt entdeckte ich eine Ausarbeitung von Gerhard Branstner (von einer Lenin-Konferenz 2002), deren ganze, weit ausgreifende Denkweise – an Lenin orientiert aber über ihn hinausgehend – mit nahe liegt. Hier! 

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