Jenseits von „Pest und Cholera“ (4)

Täglich bestätigen die Tatsachen, dass nur der Ausbruch aus der bürgerlichen = kapitalistischen = imperialistischen Logik die Not wenden kann. Es geht nur Jenseits von „Pest und Cholera“! Jede Aktivität radikaler Humanisten, die akzeptiert, dass nur gemäß den Regeln des Feldes zwischen diesen beiden Polen „gespielt“ werden kann, ist würdelos und garantiert Fortbestand und Vertiefung der Krise.

Im ersten Beitrag meiner „Pest/Cholera-Folge“ hatte ich drei Arten von Widerstand beschrieben und den qualitativen/revolutionären positiv hervorgehoben. Im zweiten Beitrag habe ich das Unvermeidliche – die Revolution – als revolutionäre Überwindung des kapitalistischen Privateigentums an Produktionsmitteln charakterisiert und dazu einige Überlegungen auf Grund der 100-jährigen Erfahrung seit der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution formuliert. Im dritten Posting habe ich dem, was zunächst unklar als „Jenseits“ figurierte, einen eindeutigen Namen gegeben: „moderne sozialistische Gesellschaft“. Ein Name, wohlgemerkt, ist kein Begriff, jedoch wurden immerhin drei Essentials dieser modernen Gesellschaft benannt. Und ich habe die „Parteifrage“ gestellt. Und die „Klassenfrage“ zumindest gestreift.

An die Postings, besonders aber an das dritte, schloss sich eine, wie ich finde, anregende Diskussion an. Diese Diskussion und weitere, die ich verfolge bzw. an denen ich aktiv teilnehme, machten mir stärker bewusst, dass ich einen im Wortsinn historischen und materialistischen Ansatz verfolge. Dazu gehört auch eine Vorliebe altehrwürdige Begriffe nicht abzutun, sondern zu verwenden, vielleicht mit neuen Aspekten versehen. Dass mir selbst mein historisch-materialistischer Ansatz deutlicher wurde, führte dazu, dass es im vierten Posting zu einer Art Exkurs kam. Ich fragte erst einmal nach den Fragestellern bzw. den Fragesteller-Gruppen, die sich dem Thema „Jenseits von Pest und Cholera“ vulgo „moderne sozialistische Gesellschaft“ vulgo „Wie wollen wir leben?“ zuwenden. Es könnte ja sein, im schlimmsten Falle, dass wir nur ein paar Spinner sind, die Gehirnwichserei betreiben. Aber auch wenn wir nicht in dieser bösen Falle stecken sollten, ist es doch höchst bedeutsam, ob nicht nur der Gedanke zur Wirklichkeit, sondern auch „die Wirklichkeit selbst zum Gedanken“ drängt. Hier kann man dazu nachlesen.

Um es abzukürzen: Ich ordne mich der so charakterisierten Gruppe zu: „Diejenigen, die eigentlich mit ihrem persönlichen Leben weithin zufrieden sind aber dank geistiger Regsamkeit, sowie ideologischer, ethischer, weltanschaulicher Antriebe der Frage: „Wie wollen wir leben?“ Gedankenarbeit und Beredsamkeit zuwenden.“

Vier Thesen möchte ich vorbringen:

  1. Wir Menschen brauchen ein Ziel, das uns begeistert, ein Ideal, das wir erstreben. Ohne eine antikapitalistische Vision wird sich keine Hand zur antikapitalistischen Aktion rühren. Die Vision muss konkret sein und als realisierbar erscheinen. Ein bloßer „Traum von etwas Anderem“, bloße Utopie – das mag ehrlich gefühlt sein, ist aber, gemessen an dem, was die Not verlangt, Nonsens.  Die Sozialisten/Kommunisten des 19. und 20. Jahrhunderts hatten ihre geistige Gewissheit, den wissenschaftlichen Sozialismus/Kommunismus. Jahrzehntelang meinten sie, ihn zu verwirklichen, wurden am Ende aber von ihrem völligen Scheitern überrascht. Obwohl Elemente dieses sozialistischen Ideals überlebt haben, gibt es keinen einfachen und direkten Weg seiner Wiederbelebung. Notwendig ist der moderne Sozialismus, möglich aber nur als völlige Neugeburt. Das neue sozialistische Ideal kann nicht aus theoretischer Überzeugung, sondern nur aus den wirklichen, unmittelbaren, praktischen Erfahrungen der Masse der Menschen und deren geistiger Bewältigung entstehen.
  2. Die Menschen müssen in ihrer täglichen, neoliberal-imperialistisch dominierten Lebenspraxis die Erfahrung machen, sich selbst die Erfahrung schaffen (!), dass es erstrebenswert und besser und machbar ist, in sozialistisch geprägten, also real-humanistischen Beziehungen zu leben.
  3. Die Menschen müssen ihre real-humanistischen=sozialistischen Beziehungen bewusst im Gegensatz zum sie beherrschenden neoliberal-imperialistischen Kapitalismus leben/behaupten. Sie müssen sich jederzeit der gesellschaftlich ungelösten Macht- und der ungelösten Eigentumsfrage bewusst sein, sie müssen sich jederzeit der Notwendigkeit der Lösung dieser Fragen (das ist letztlich der Revolution) bewusst sein und sie müssen jederzeit in konkret geeigneter Weise im Sinne dieser Lösung wirken. (Hier ist unangenehm viel von „müssen“ die Rede. Das autonome Individuum liebt es nicht, so angesprochen zu werden. Es, das Fleisch, möchte nicht zum Kreuze gezwungen sein. ;-))
  4. Was unter Punkt 2 und 3 steht, zusammengedacht, scheint auf die Quadratur des Kreises hinauszulaufen, weltfern zu sein, lebensfremd. In Wahrheit geht es aber „nur“ darum, die Dialektik unseres eigenen gesellschaftlichen Lebens tiefer zu begreifen und unsere unbesiegbare Waffe (um einmal diese nicht ganz passende martialische Redeweise zu gebrauchen), die Materialistische Dialektik, mit viel tieferem Verständnis und aller Konsequenz anzuwenden.

Ich belasse es hier bei diesen vier Thesen. Im nächsten Schritt versuche ich, die abstrakten bzw. prinzipiellen Grundsätze, wie sie insbesondere in These 2 und 3 zum Ausdruck kommen, auf unser wirkliches „zivilgesellschaftliches“ Dasein anzuwenden.

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6 Antworten zu Jenseits von „Pest und Cholera“ (4)

  1. Theresa Bruckmann schreibt:

    Lieber Herr Dr. Kurch,
    ich habe mir um die Beantwortung Ihrer Frage: „Wie wollen wir/ wie will ich leben?“
    viel Mühe gegeben, aber stets Blockaden verspürt, wenn ich mit meinen Gedanken bei für meine Verhältnisse sehr kühnen Gedanken angekommen war.
    Das hat, denke ich, wieder einmal mit meiner Sozialisation zu tun. Hätte ich erlebt, wie ein
    Elternteil ab und an mal seinen Marx oder wenigstens seinen Hegel aus einem Bücherregel
    genommen hätte, wäre diese Distanz sicher geringer.
    Der Herr Pfarrer sagte, was man lesen ‚durfte‘.
    Angeregt durch verschiedene Videos im Internet entdeckte ich, dass mir eine Gemeinwohlökonomie sogar vertraut ist, so vertraut, dass ich noch nicht einmal bemerkte, dass es kein Zufall ist, dass wir eine Bankverbindung, Bezugsquellen für Lebensmittel, Gartengeräte und vieles mehr bei Raiffeisen, also genossenschaftlich organisierten Unternehmen haben.
    Klar, die Eltern lieferten ihre Feldfrüchte im Raiffeisen-Lagerhaus ab, kauften dort alles was zum landwirtschaftlichen Betrieb benötigt wurde, das Milchwerk war genossenschaftlich organisiert und die Bank auch.
    Dieser Gemeinwohlökonomie-Ansatz traf also einen Nerv, der meine Zustimmung finden
    könnte.
    2 LINKS möchte ich anfügen, die mir bei dieser Info-Reise durchs Netz besonders relevant
    erschienen:


    Im 2. Videos meine ich, Ihre 4 Thesen wieder zu finden.

    • kranich05 schreibt:

      Liebe Frau Bruckmann,
      Ihre Hinweise sind oft sehr anregend. Ich finde – heutzutage mit Internet – unendlich viele lohnende Hinweise. Obwohl ich viel Zeit aufwende ihnen zu folgen, wird die Zahl derer immer größer, die ich nicht zu verfolgen schaffe.
      Deshalb verspüre ich dringend und zunehmend das Bedürfnis, wenige, einfache, überschaubare Schlüsse zu ziehen. „Das Fazit aus allem ziehen“, sagte Lenin, ist der Weg des Bewusstwerdens. Hier liegt die dialektische Spannung im Satz selbst – Fazit ziehen, aus ALLEM.

  2. Dian schreibt:

    „Die Sozialisten/Kommunisten des 19. und 20. Jahrhunderts … wurden am Ende aber von ihrem völligen Scheitern überrascht.“ – Die „Überraschten“ könnten die weniger dialektisch Denkenden bzw. Erfahrenen gewesen sein. Die der Dialektik zugrunde liegenden Widersprüche kann jeder wahrnehmen, der offen und vorurteilsfrei durchs Leben geht, wenn er denn Zeit hat, von der „Maloche“ mal auf zu schauen, und willens ist, Eins und Eins zusammen zu zählen. Und selbst der immer nur Arbeitende dürfte die Widersprüche an seinem eigenen Körper verspüren.

    Dies ist doch auch der Grund, warum Revolutionen möglich sind. Denn der Krug geht bekanntlich so lange zu Wasser, bis er bricht.

    In der DDR, mutmaßlich in der gesamten sozialistischen Staatengemeinschaft könnte es so gewesen sein, dass der dialektische Materialismus nicht nur soweit zur „Staatsreligion“ verkommen war, dass sich ihrer nur noch wenige ernstlich bedienten, sondern vielmehr dass die Dialektik per dekreta mufti, besser die „verordnete Linie“ falsch vorgegeben und also missbraucht wurde. Nicht nur „Studierte“ zeigten die – gesellschaftlichen – Widersprüche zuhauf auf, nein selbst der einfachste Arbeiter sah diese, es pfiffen sie die Spatzen vom Dach; hier setzten die guten politischen Witze an. Aber Partei und Regierung „diskutierte weg“, bevormundete, entmündigte oder verfolgte die ach so guten „Querdenker“ á la Baller alias Manne Krug. Und zu viele dieser ließen sich die Bevormundung gefallen. Religion ist halt bequem.

    Dabei sind die Widersprüche Triebkraft der Entwicklung. Insofern brauch uns gar nicht bang sein um den schnöden, vor Widersprüchen nur so triefenden Kapitalismus: dessen Tage sind gezählt. Entweder wir, die wir die Widersprüche erkennen und durch unsere Erklärung auch andere sehen lassen, verhindern das Schlimmste, was sich nach Hitler, Holocaust, Atombombenabwürfen und zahllosen Kriegsgemetzeln nicht nur denken lässt, sondern was wir zunehmend täglich erfahren, setzen uns revolutionär – und erfolgreich – für eine bessere Welt ein, oder aber irgendein Präsi missbraucht seine Macht über den roten Knopf so, dass er uns alle in den Abgrund zieht, vor dem Deutschland bereits Mitte letzten Jahrhunderts zu stehen gemeint hat (im Vergleich wahrscheinlich eher „blühende“ Landschaften).

    • kranich05 schreibt:

      Wie es kam, dass so viele vom Scheitern überrascht waren, halte ich weiterhin der gründlicheren Betrachtung wert.
      Selbst heute, fast 30 Jahre später, sind nicht wenige „gute Kommunisten“ so sehr überrascht, dass sie das eigentlich gar nicht wirklich glauben, was ihnen passiert ist.
      Nicht ganz wenige meinen sogar, dass ihnen mehr Stalin diese unangenehme Überraschung erspart hätte.
      Ihre Gedanken zur Widersprüchlichkeit in Gesellschaften hoffe ich schon in der nächsten Folge aufgreifen zu können..

  3. Theresa Bruckmann schreibt:

    Dieses VIDEO zur Gemeinwohlökonomie möchte ich noch anfügen.
    Es ist länger als 2 Std.
    Der wichtigste Teil beginnt ab ca. 1:18 Std. Brigitte Gronau
    1:37 Std. Dennis Hack
    1:40 Std. Rainer Maria Schließer
    1:42 Std. Willi Wimmer

    https://www.cashkurs.com/kategorie/wirtschaftsfacts/beitrag/willy-wimmer-bei-den-starnberger-see-gespraechen/

  4. Pingback: Jenseits von Pest und Cholera – (5) unsere sozialistischen Beziehungen | opablog

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