Erinnerungen an meinen letzten Krieg – April 1945, Wasil

Opa erzählt:

Auf Omas Kleinbauernhof, die Männer waren im Krieg, arbeiteten zwei Kriegsgefangene, ein Ukrainer und der Russe Wasil. Den Ukrainer sah ich nur einmal kurz. Die Bauern sprachen von den Ukrainern-Zwangsarbeitern schlecht, sie wären faul und würden lügen und klauen. Von den Russen-Zwangsarbeitern sprachen sie gut.

Wasil traf ich öfter. Er war sehr jung. Wenn er mit mir sprach, verstand ich nichts, außer, dass er Wasil hieß, was ich aber von Oma schon wusste. Wir lächelten uns meistens an.

Ich bilde mir zwar ein, dass Wasil in Omas großer Wohnküche, wo wir alle aßen, mit am Tisch saß. Sicher bin ich mir aber nicht. Sicher bin ich, dass er dasselbe Essen bekam, wie alle.

Es hieß manchmal, dass bald die Russen kommen. Später erfuhr ich, dass Wasil fürchtete, nach Sibirien zu müssen, wenn die Russen kommen. Er hatte Angst vor alldem. Ich verstand das nicht. Eines Tages, noch vor der Ankunft der Russen, war Wasil verschwunden.

Viel, viel später begriff ich, dass Wasils Name, korrekt bezeichnet, wohl „Wassili“ lautete. Aber da hatte ich schon eine Ewigkeit nichts mehr von ihm gehört.

 

Siehe auch: “Die verdammten Erinnerungen….”

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Eine Antwort zu Erinnerungen an meinen letzten Krieg – April 1945, Wasil

  1. Vernon schreibt:

    Auch bei uns gab es eine Baracke, in der „die Russen“ wohnten. Es waren alles alte Männer, wohl um die 70. Die halfen bei den Bauern, die deutschen Männer waren alle im Krieg. Auch zu uns kam immer einer, den Namen weiß ich heute nicht mehr. Er musste das Brennholz spalten, mit dem wir unsere Öfen im Winter beheizten. Er begann am späten Vormittag, und arbeitete schön langsam, aber ausdauernd. Mittags bekam er sein Essen hinausgebracht. Vor dem Essen bekreuzigte er sich und betete. Es gab das selbe Essen, wie wir auch hatten, das war meist Quark und Kartoffeln. Großvater hatte vor dem Krieg vorsorglich zwei Kühe angeschafft, die gaben Milch. Auch die Kartoffeln haben wir selbst angebaut.
    Der Russe ließ meist die Hälfte seines Essens übrig, das wolllte er mitnehmen „für kranke Kamerad“. Dann erhielt er immer einen Nachschlag.
    Im Mai 1945 sagten wir ihn, dass nun die Amerikaner bald kommen, er könne dann wieder in seine Heimat zurück. Das wollte er nicht, er sagte: „Stalin !“ und machte eine Bewegung mit seiner flachen Hand vor seinem Hals. Er wollte, dass wir ihn bei uns verstecken. Eines Tages waren dann alle Russen verschwunden. Jahre später erfuhren wir, dass die Amerikaner alle an Russland ausgeliefert hatten.

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