Fundstück – 29.1.2018 – „professionelle Verlogenheit“

Obiges Fundstück, das ich gleich in seinem vollen Zusammenhang zitiere, bezieht sich auf einen Text, dem der Rubikon-Herausgeber Jens Wernicke die einzigartige Überschrift verpasst hat:

  „Ist die Welt überhaupt noch zu retten?“

„Au fein!“, dachte ich, „Endlich zieht beim Rubikon Komik ein.“ Doch weit gefehlt. Herr Wernicke meint diese Frage bitterernst und beantwortet sie erschöpfend. Wie es halt von einem GroßAlternativMedienmacher zu erwarten ist.

Willi Übelherr hatte den ganzen Schmarrn gelesen und äußerte sich daraufhin:

„…ich las diesen text von Jens Wernicke im Rubikon und fragte mich, ueber 
wen er spricht. Ueber sich? Ueber sein gebahren zu Gilad Atzmon? Ueber 
sein tun als herausgeber von Rubikon?

Ich erinnere mich an seine antwort (um den 22.12.2017 herum) an Gilad 
Atzmon mit seiner bitte, im Rubikon eine antwort an Elias Davidsson zu 
veroeffentlichen:

„Dear Mr. Atzmon,
Our opinion concerning the character of your politics does not at all 
rest solely on this article of Elias Davidsson. There has been recently 
a long debate about your person, as you know. This debate had a clear 
result in our view –
Besides, Mr. Davidsson is an author we trust fully.
We must tell you therefore, that your positions are far out of the range 
of opinions we consider acceptable for our magazine.
We do not wish to give you any platforms to publicize your views to a 
german speaking audience.“

In seinem text lese ich:
„Demokratie bedeutet Pluralität, Debatte, Diskurs, Auseinandersetzung. 
Und insofern auch Mut. Denn, ja, leicht ist der zu gehende Weg sicher 
nicht.“

Fuer mich ist das professionelle verlogenheit. Oder will er einen 
neuanfang machen? So tun, als waere nichts geschehen? Nebelwolken umher 
werfen, die den freien und ungetruebten blick verschleiern?

Vielleicht bin ich ja hier etwas zu intolerant, vielleicht zu 
nachtragend. Aber dieser extrem autoritaere, autokratische stil, diese 
ruecksichtslosigkeit, diese faschistoide ausgrenzung von anders 
denkenden hat mit all seinen parolen und erklaerungen keine 
uebereinstimmung. Er selbst praktiziert genaus das gegenteil, von dem er 
im text schreibt.

Es ist das, was wir von Politikern kennen: Was interessiert mich heute 
mein geschwaetz von gestern. Und ich erganze: Und morgen das von heute….“

Ich versichere Herrn Übelherr, dass ich in diesen seinen Bemerkungen keine Spur von Intoleranz finden kann.

Auch Gilad Atzmon las den Wernicke-Erguß. Er schreibt lakonisch:

„We are dealing with a unique case of an anti intellectual character of the Jerusalemite type… Jerusalem is zero self reflection… it is driven by litigation as opposed to ethics“


———————————————

Opa, ich geb’s zu, frohlockt ein wenig: Die Halbwertszeit von Leuten und ihren Hervorbringungen unter dem Label „ALTERNATIV“ scheint immer kürzer zu werden. Übrigens gefällt mir auch was Beat Wick zu diesen Fragen sagt.

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11 Antworten zu Fundstück – 29.1.2018 – „professionelle Verlogenheit“

  1. Lutz Lippke schreibt:

    Ich bin ja mittlerweile auch mehrjähriger Leser dieses kämpferischen Blogs.
    Zur tatsächlichen Wahrnehmung des Streits um Gilad Atzmon bin ich spät gekommen. Gehört ja, aber hingeschaut habe ich erst dank dem beeindruckenden Austausch zwischen Clara S. und Gilad Atzmon hier im opablog: „Kommt! Ins Offene, Freunde!“
    Darin schien mir der Streit nur eine kleine Fußnote, ein Hinweis. Der Vollständigkeit halber habe ich draufgesehen (Artikel von E. Davidsson am 20.12.17), habe die Vorwürfe als enttäuschend schlecht begründet befunden und mich wieder dem anregenden Austausch in „Kommt! Ins Offene, Freunde!“ zugewandt.

    Aber die gegenseitige Abneigung nagt an den Beteiligten offenbar in persönlicher Hinsicht und möglicherweise auch thematisch tiefer, als es die lächerliche Anschuldigungsschrift hergibt.
    Muss man sich damit beschäftigen oder hört das einfach wieder auf?
    Interessieren würde mich eigentlich nur, was E. Davidsson heute von der Qualität seines Artikels vom 20.12.17 hält. Aber auch darauf kommt es mir nicht an. Manche Einsicht entwickelt sich erst mit der Zeit.
    Ich hatte mal eine ähnliche Auseinandersetzung mit den „Spiegelfechter“-Machern zu deren Querfront- und Antisemitismus-Vorwürfen gegen Ken Jebsen (KenFM) und Lars Märholz (Montags-Mahnwachen). Wir hatten die Auseinandersetzung nach kurzem, aber durchaus heftigen Schlagabtausch ohne „Jüngstes Gericht“ auslaufen und wieder Ruhe einkehren lassen. Das war gut so. Die Sichtweisen haben sich der Realität angenähert und auf eine gegenseitige Nachkontrolle der Konsistenz konnten wir verzichten. Von den „Spiegelfechtern“ ist Einer jetzt bei den Nachdenkseiten, der Andere betreibt den Blog Neulandrebellen. Ich lese Manches und kommentiere auch mitunter. Jeder wie er kann, will und meint.

    „Kommt! Ins Offene, Freunde!“ ist nach meiner Wahrnehmung eine Perle, für die auch die „klügsten und radikalsten“ (Zitat Rubikon) offensichtlich erst noch den Mut finden müssen, um den „Rubikon überschreiten“ und zur kritischen Masse reifen zu können. Aber das werden sie doch auch selbst merken.

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    • kranich05 schreibt:

      Auch mich bewegt die Frage sehr, wie prinzipielle Auseinandersetzungen am besten zu führen sind. Eine Variante ist: „ohne „Jüngstes Gericht“ auslaufen und wieder Ruhe einkehren lassen.“… So, als ob die Zeit Rat bringe. Meine Skepsis ist groß.
      Ich sehe allüberall nicht zu Ende geführte Gespräche und also ein Dahinwurschteln im Ungefähren. Und das ist das Gegenteil von Selbstermächtigung.
      Warum ist es (offenbar) nicht möglich über eine „lächerliche Anschuldigungsschrift“ ohne Geifer zu reden? Und da meine ich nicht das direkte Reden von Davidsson und Atzmon miteinander – das sei meinetwegen wegen persönlicher Animositäten und Verletzungen vorerst nicht möglich (obwohl auch diese Ebene begriffen werden sollte). Nein, es scheint ja auch der offene Streit zwischen Nichtverletzten aber doch Höchstinteressierten und irgendwie Einbezogenen nicht möglich zu sein – also etwa zwischen (dies nur als Gedankenexperiment) Clara S. und Wernicke, Ulrich Mies und kranich05, Lutz Lippke und Elias Davidsson usw.
      UND:
      Um das Ganze von der ewigen Atzmon-Kontroverse etwas zu lösen: Genau dieselbe Unfähigkeitserfahrung habe ich in meinem Streit mit FreidenkerInnen zur Stalinismusfrage gemacht. (Am Rande: Merkwürdig und eigentlich nicht hinnehmbar finde ich die häufig anzutreffenden „Inkompetenzerklärungen westlicher Linker“ zur Stalinfrage. Die wiederum werden manchmal konterkariert von Äußerungen anderer Westlinken, die uns ganz genau erklären können, wie das mit Stalin war.)
      Genau dieselbe Unfähigkeitserfahrung sehen wir in der unvermindert durch die Jahre geschleppten Kontroverse „junge Welt“ – Ken Jebsen.
      Diese beliebig verlängerbare Beispielreihe ist Ausdruck eines Systems. Wenigstens das sollten wir begreifen, wenn dann auch noch ein langer Weg wäre, dem System auf den Grund zu kommen.
      Atzmon, scheint mir, hämmert vehement an gewisse Systembegrenzungen und läßt damit diverse Alarmglocken schrillen. Damit weckt er Manches und Manchen auf. Das Systems wirklich zu Begreifen aber liegt noch vor uns allen.

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      • Lutz Lippke schreibt:

        Ingeborg Maus schreibt angesichts multikultureller, heterogener Umweltbedingungen vom Selbstzweck des Prozeduralen als radikale Zuspitzung / Ersetzung der notwendigen Funktion für „letzte Gründe“ der Demokratie. Wir wissen, dass man nicht über Abwesende sprechen sollte, um diese zu überzeugen. Wir wissen, dass „nicht Verstehen“ dem „nicht Zuhören“ zwangsweise folgt. Wir wissen, dass Vertrauen und Freundschaft keine rationalen, sachlich-vertraglichen Angelegenheiten sind. Trotzdem verstoßen wir gegen dieses Wissen und wollen letztlich eine auf Vertragsfreundschaften vertrauende Gesellschaftsidee der vorhandenen altgedient morbiden Struktur überstülpen. Geht das? Kann man offen auch über 3. Alternativen diskutieren, wenn am Überleben der Idee wie auch der alten Struktur bereits viele Schicksale hängen?

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        • kranich05 schreibt:

          Unter „Selbstzweck des Prozeduralen“ kann ich mir viel vorstellen. Klingt gut. Ich werde mal nach „Ingeborg Maus“, die Sie, Herr Lippke, schon oft erwähnt haben, Ausschau halten. (Wie ich sehe sind manche ihrer Artikel als pdf online.) ungeachtet dessen frage ich:
          Wollen Sie, Herr Lippke, nicht einmal einen zündenden Gastbeitrag hier für’s Blog schreiben, der uns alle auf Ingeborg Maus neugierig macht, der uns auf ihre Spur führt und vielleicht paar Umwege erspart?
          Bei Youtube finde ich so gut wie nichts von und über sie, Nur ein Kürzestvideo, dessen Musik zwar vielsagend ist, das mir aber – da auf italienisch (was nicht zutrifft; siehe übernächsten Kommentar)- kaum Informationen liefert.

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          • Lutz Lippke schreibt:

            Lust habe ich, weil ich eine bedeutende Lücke sehe. Ich werde noch etwas Zeit brauchen, um 100 Jahre Rechtstheorie im Spannungsfeld zum Demokratieversprechen in greifbare Formen zu bringen. Es gibt tatsächlich nur wenige im Internet verfügbare Quellen.
            Es gibt aber 2 wichtige Bücher von Maus als Scan im Digitalisierungszentrum MDZ der Bayrischen Staatsbibliothek. Den Link habe ich gerade nicht zur Hand.

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          • fidelpoludo schreibt:

            Hallo, das vorgestellte Video ist eindeutig in portugiesischer Sprache verfasst.

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    • Clara S. schreibt:

      🙂

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  2. Lutz Lippke schreibt:

    “ wenn das Leben als steter Wandel wahrgenommen wird und nicht als eine fixe zu erreichende Idee, Theorie, System, Ideologie und dergleichen, dann gibt es, aus meiner Sicht, eine große Vielfalt an Möglichkeiten auf eine konstruktive Gestaltung der Gesellschaft hinzuwirken.“
    Beate Wick, wissenschaftstheoretisch dargelegt von Ingeborg Maus in Bürgerliche Rechtstheorie in…

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  3. Pingback: „professionelle Verlogenheit“ – die andere Seite der Medaille | opablog

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