Joseph von Eichendorff (1788-1857) – „Es wandelt, was wir schauen“

Er sagt offen, was ihm Angst macht, und auch seine Hilfskonstruktion liegt offen zutage.

„Es wandelt, was wir schauen, 

Tag sinkt ins Abendrot,

die Lust hat eignes Grauen,

Und alles hat den Tod.“

Das (ziemlich) schöne Leben wandelt sich, geht vorüber, endet.

„Ins Leben schleicht das Leiden

Sich heimlich wie ein Dieb,

Wir alle müssen scheiden 

Von allem, was uns lieb.“

Noch einmal: Es geht alles zu Ende, selbst das Liebste und mehr noch: Bereits lange vor dem Ende, ist das zufriedene Leben mit Leid gemischt.

„Was gäb es doch auf Erden,

Wer hielt‘ den Jammer aus,

Wer möcht geboren werden,

Hieltst du nicht droben Haus!“

Unvermittelter Wechsel. Anfangs hatte er nur den Wandel konstatiert, noch das Abendrot wahrgenommen, jetzt aber ist alles ein einziger schrecklicher, sinnloser, kopfloser Jammer. Panikmodus. Unerträglich. Ich bastel‘ mir einen Strohhalm.

„Du bist’s, der, was wir bauen,

Mild über uns zerbricht,

Dass wir den Himmel schauen – 

Darum so klag ich nicht.“

Her mit dem Strohhalm, du mein allerpersönlichstes „DU“ und als Sklavenseele den Jammer geliebt.

Kant, der zu Eichendorffs Jugendzeit noch in Königsberg wirkte, hatte verlangt, sich aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ zu lösen. Einen „guten Lebenswandel“, so Kant, mag man gottgefällig nennen, alles darüber hinaus ist Religionswahn und Götzendient.

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3 Antworten zu Joseph von Eichendorff (1788-1857) – „Es wandelt, was wir schauen“

  1. klotzchrist schreibt:

    Das hat richtig gut getan.
    Als ich dergleichen noch in Seminaren zur gefälligen Ansicht feilbot, hieß man mich einen Punk, ordnete mich unter „…ein Bayer halt…“ ein, schickte mir Benediktinermönche auf den Hals…und ich weiß, daß sich das seither nicht geändert hat.
    Drum: Das hat richtig gut getan, Du alter Sympath.

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  3. Breitenbach schreibt:

    Da­zu paßt, daß er dem zu sei­ner Zeit eu­pho­risch be­grüß­ten Ge­sell­schafts­ w a n­ d e l mit ei­ner ge­sun­den Por­tion Rea­lis­mus statt mit der zeit­ty­pisch-gras­sie­ren­den un­kri­ti­schen Fort­schritts­gläu­big­keit be­geg­ne­te, die man ei­nem Marx und viel­leicht so­gar noch ei­nem Le­nin zu­gu­te hal­ten muß, und auch sei­ne fol­gen­den »un­poe­ti­schen« oder re­gel­recht »ma­te­ria­li­stisch« an­mu­ten­den Zei­len er­schei­nen eben­so über­lie­ferns- wie auch be­den­kens­wert:

    »In sei­ner fri­schen Ju­gend da­her, da er [i. e. der noch kei­ne >re­tro­gra­de Be­we­gung ge­machtBür­ger­stand<; id.] noch mit dem Rit­ter­tum um die Welt­herr­schaft ge­run­gen, at­me­te er we­sent­lich ei­nen re­pu­bli­ka­ni­schen Geist. Die Städ­te re­gier­ten und ver­tei­dig­ten sich selbst, ih­re streng ge­glie­der­ten Hand­wer­ker­in­nun­gen wa­ren zu­gleich ei­ne krie­ge­ri­sche Ver­brü­de­rung zu Schutz und Trutz, und die Han­dels­fahr­ten in die fer­ne Frem­de er­wei­ter­ten ihr gei­sti­ges Ge­biet weit über den be­schränk­ten Ge­sichts­kreis der ein­sam le­ben­den Rit­ter hin­aus. Da war über­all ein rü­sti­ges Trei­ben, Er­fin­den und Wa­gen, Bau­en und Bil­den, wo­von ih­re Mün­ster so­wie ih­re welt­hi­sto­ri­sche Han­sa ein ewig denk­wür­di­ges Zeug­nis ge­ben. […] ih­re Stär­ke war die Kor­po­ra­tion. […] In ih­rer schö­nen Ju­gend­zeit hat­ten sie die Buch­drucker­kunst um der Wis­sen­schaft wil­len er­son­nen und um Got­tes Wil­len Kir­chen ge­baut […]. Jetzt bau­ten sie Fa­bri­ken und Ar­bei­ter­ka­ser­nen, er­fan­den klap­pern­de Ma­schi­nen zum Spin­nen und We­ben, und es ist of­fen­bar, die In­du­strie wuchs zu­se­hends weit und breit. Die In­du­strie ist an sich ei­ne ganz gleich­gül­ti­ge Sa­che, sie er­hält nur durch die Art ih­rer Ver­wen­dung und Be­zie­hung auf hö­he­re Le­bens­zwecke Wert und Be­deu­tung.
    So hat­te also der Bür­ger­stand – des­sen See­le die gei­sti­ge Be­we­gung, oder wie wir es jetzt nen­nen wür­den, das Prin­zip des be­stän­di­gen Fort­schritts war – sich kamp­fes­mü­de auf den gol­de­nen Bo­den des Hand­werks ge­legt, und die Städ­te wa­ren all­mäh­lich aus ei­ner W e l t ­macht in ei­ne G e l d ­macht ge­wor­den …« (J. v. Ei­chen­dorff, »Der Adel und die Re­vo­lu­tion«, 1857).

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