Meinungshoheit – früher und heute

von Joachim Bode

Während meiner Studentenzeit – der Vietnamkrieg tobte auf dem Höhepunkt – lernte ich es, täglich mehrere Zeitungen zu lesen. Dies war ohne Probleme möglich, weil die Universitätsbibliothek zahlreiche Tageszeitungen kostenlos vorhielt, und weil mein Studium eher so nebenher lief: Meine Zeit war aufgeteilt zwischen politischer Information, dem Engagement vor allem in der studentischen Rechtsberatung, und den Treffen mit befreundeten Studenten, mit denen ich mich in einer Arbeitsgruppe auf das Examen vorbereitete.

Zurück zum Zeitungslesen:

Zu einem Thema bekam man damals meistens mehrere Meinungen präsentiert. Das schulte so weit, dass man nach einer Weile schon fast voraussehen konnte, was in den verschiedenen Zeitungen zum jeweils aktuellen Thema geschrieben wurde. Aber nicht nur die Meinungsspalten öffneten sich auf diese Weise: Auch die Nachrichten waren oft genug voneinander abweichend, widersprüchlich und sogar kontrovers, je nachdem, in welchem Blatt sie dargeboten wurden. Besonders der Vietnamkrieg gab dafür genügend Stoff, wobei nicht nur die Kriegsberichterstattung als solche betroffen war, sondern auch – und das weit überwiegend – die entsprechenden Berichte über die Verhältnisse in den mit den USA befreundeten Ländern und Regierungen, so auch der bundesdeutschen Regierung, die ja nibelungentreu zur US-amerikanischen völkermordenden Politik z.B. des flächendeckenden Napalm-Einsatzes zwecks Verteidigung und Verbreitung westlicher Werte stand.

Solche und auch andere Regierungspolitik fand natürlich Widerspruch, weshalb ein kleinerer Teil der Studenten den Protest hin und wieder auf der Straße artikulierte. Das fand sich dann wiederum sehr unterschiedlich berichtet und kommentiert in den entsprechenden Medien wieder – alles zusammen also eine ausgezeichnete Lehrzeit für näheren Durchblick bei Berichterstattung und Meinungsverbreitung.

Die Zeiten haben sich – sie wurden – geändert, die wiederholte verheerende öffentliche Verurteilung eines US-Krieges sollte nämlich vermieden werden:

Seit dem zweiten Irak-Krieg gibt es den sogenannten „embedded“ Journalisten, den in vorab vom US-Militär vorgehaltene Informationen „eingebetteten“ Journalisten, der nichts mehr selber ermitteln muss und nicht einmal darf, sondern das vom Militär Mitgeteilte weiter gibt, geben muss, weil es kaum Anderes gibt. Auf diese Art behält das Militär in der Hand, was berichtet wird, auch und gerade dann, wenn es genau das Gegenteil von dem ist, was wirklich geschieht. So steuerten die USA die veröffentlichte Meinung während des Irak-Krieges und später sehr weitgehend, abweichende Berichterstattung war und ist wegen der umfassenden Militärkontrollen kaum möglich.

In den letzten Tagen war an verschiedenen Stellen über das ungläubige Erstaunen zu lesen und zu hören, das so manchen Redaktions-Vertreter und TV- und Radio-Journalisten gepackt hat ob des überhand nehmenden Leser- und Hörerprotestes gegen die unerträglich gewordene Gleichschaltung der Berichterstattung zu den Vorgängen in der Ukraine, der Krim und Russland.

Das Erstaunen wundert nicht, haben es doch die USA und ihre westlichen Verbündeten – den „Osten“ in Gestalt von Russland lasse ich hier bewusst draußen vor, darüber mag ein mit den russischen Verhältnissen vertrauter Autor berichten – in den letzten Jahren geschafft, die Grundsätze des „embedded“ Journalismus über den militärischen Bereich hinaus auszuweiten auf den gesamten zivilen Bereich. Geholfen hat dabei das perverse Total-Überwachungssystem der NSA und anderer Nachrichtendienste. Das hat wohl so gut funktioniert, dass die entsprechenden Herrschaften jetzt wie aus dem Schlaf aufgeschreckt sind, weil sie die gegen Manipulationen gerichteten Proteste aus dem Volke nicht mehr überhören und nicht mehr so einfach zur Tagesordnung zurückkehren konnten.

Vorangegangen sind – weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit – jahrelange Übungen der verantwortlichen Stellen in den USA und in den führenden Ländern der EU, wie die wichtigsten meinungsführenden Journalisten am besten in die von den Regierungen gewünschte Richtung bei Nachrichten- und Meinungsverbreitung eingebunden („embedded“) werden können – was sehr erfolgreich, aber offensichtlich nicht unbedingt ganz ausreichend erfolgreich verlaufen ist.

Vorangegangen sind – weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit – jahrelange Übungen der verantwortlichen Stellen in den USA und in den führenden Ländern der EU, wie die wichtigsten meinungsführenden Journalisten am besten in die von den Regierungen gewünschte Richtung bei Nachrichten- und Meinungsverbreitung eingebunden („embedded“) werden können – was sehr erfolgreich, aber offensichtlich nicht unbedingt ganz ausreichend erfolgreich verlaufen ist.

Es gibt hierzu schon einige Beiträge, auf die u.a. auch im opablog an geeigneter Stelle bereits hingewiesen worden ist, aber insbesondere eine sehr bemerkenswerte Untersuchung des Wissenschaftlers Uwe Krüger mit dem Titel: „Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten – eine kritische Netzwerkanalyse“.

Hier lassen sich Hinweise z.B. dafür finden, warum der im ZDF zunehmend nervös und unsicher auftretende Claus Kleber so penetrant an seiner Meinungsmache festhält, warum Stefan Kornelius die sonst so freiheitlich (liberal) Bericht erstattende Süddeutsche Zeitung in Sachen Ukraine auf striktem Anti-Putin-Kurs zu halten versucht.

Es eröffnet sich ein seit Jahren aufgebautes und gepflegtes Netzwerk, in das die tonangebenden Journalisten und ihre Gefolgsleute so eingebettet wurden, dass sie – eingelullt im Bewusstsein oder auch nur Einbildung ihrer Macht und Unangreifbarkeit – möglicherweise anfingen einzudösen, bis sie von den Protesten derer geweckt wurden, die sich nicht mehr mit den unsäglich platten und dummen Manipulationen der Medien abfinden wollten.

Der Schrecken darüber ist jetzt groß bei den betroffenen Stellen – und die sind zahlreich -, die Erklärungsversuche klingen ebenso mannigfaltig wie verzweifelt:

Von antiamerikanischer Stimmung im Volke wegen Irak-Krieg, Guantanamo und NSA ist die Rede, bis zur Russlandfreundlichkeit wegen der Abhängigkeit vom Gas und des Mangels der den Amerikanern angelasteten Schandtaten fehlt kaum eine Variante zur Erklärung der Proteste aus der Bevölkerung.

Die einzig zutreffende Erklärung wird von diesen Herrschaften ausgeblendet, weil sie ihnen unangenehm ist:

Das Volk hat die Nase voll von Manipulationen und Täuschungen, die nicht nur von Politikern – von denen ist man es ja nicht anders gewöhnt -, sondern von den Medien, der sogenannten vierten Gewalt, ausgehen, die eigentlich dazu berufen sind, die Politik zu kritisieren, sie zu kontrollieren.

Ja, so weit ist es gekommen:

Die Politik kontrolliert und dirigiert die Medien ganz nach Belieben, der Anfang vom Untergang einer sich freiheitlich nennenden Gesellschaft, die vom freien Informationsfluss lebt.

Und alles deutet darauf hin, dass es so weiter geht, noch schlimmer wird – wenn wir es zulassen!

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2 Antworten zu Meinungshoheit – früher und heute

  1. Vernon schreibt:

    Zur Berichterstattung:
    Dem Spiegel ist ein „Versehen“ unterlaufen, es wurde versehentlich wahrheitsgemäß berichtet, wie der Sturz des von der Mehrheit des ukrainischen Volkes gewählte Präsident gestürzt wurde: der amerikanische Botschafter in Kiew hat 20 regierungstreue Abgeordnete „umgedreht“, damit sie gegen ihren Präsidenten stimmten: das übliche Verfahren: Androhung der Sperrung von Auslandskonten. Allerdings gibt es in andern Medien hierzu keine Kommentare!

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  2. Pingback: Zeitgemäßes gesellschaftliches Denken ist komplex und dialogisch – so wie die Montagsmahnwachen | opablog

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