Ein ahistorischer Historiker?

Das Kapitel „Chlodwig, der Begründer des fränkischen Großreiches“ im Band vier seiner zehnbändigen „Kriminalgeschichte des Christentums“ schließt Karlheinz Deschner mit folgenden Worten:

„Solange man so die Geschichte betrachtet, solange man sich freihält von ihrer „moralischen“ Wertung, solange die übergroße Mehrzahl der Historiker vor solch hypertrophen, welthistorischen Bestien und all ihrer Nachbrut fort und fort auf dem Bauch liegt, vor Respekt, Ehrfurcht, Bewunderung, zumindest aber voller Verständnis, stets tieferer Einsicht – will man oder soll man oder darf man doch nicht „moralisieren“, sondern man will „verstehen“, auf deutsch gesagt: den Mächtigen in den Arsch kriechen-, so lange wird auch die Geschichte verlaufen, wie sie verläuft.“

Einer wie ich, um historischen Materialismus bemüht, hat zunächst ein Problem mit diesem Satz. Marx hielt es für notwendig, Recht, Moral, das, was er dem Überbau zurechnete, auf die materielle Basis der Gesellschaft zu beziehen. Die Gesamtheit der materiellen gesellschaftlichen Beziehungen in ihrer je historischen Ausprägung bestimmt nach dieser Auffassung in einem dialektischen Prozeß, was geistig-moralisch möglich und schließlich real wird. Ein durch und durch an der geschichtlichen menschlichen Tätigkeit ausgerichteter Ansatz voller Skepsis, ja Ablehnung, gegenüber primären und „ewigen“ geistigen Werten. Das historisch Machbare zu begreifen, bedeutet nach dieser Lesart keineswegs, den Mächtigen in den Allerwertesten zu kriechen.

Soweit die Theorie. Viele Biografien historischer Persönlichkeiten, von marxistischen Historikern vorgelegt, beweisen die Fruchtbarkeit dieses theoretischen Herangehens. Ich erwähne, weil schon etwas zurückliegend, nur die Biografien „Napoleon“ und „Talleyrand“ des sowjetischen Historikers Jewgeni W. Tarle. Trotzdem mag zutreffen, daß es in sozusagen „profanen Situationen“, im Alltagsgebrauch des marxistischen Denkens, so wie wir es verstanden, objektivistische Verzeichnungen gegeben hat. Und natürlich hat es nicht nur Verzeichnungen, sondern massive Fälschungen gegeben, dort, wo das die Mächtigen für erforderlich hielten.

Doch zurück zu Deschners Appell, den vor 1500 Jahren agierenden Stammesführer, vielfachen Mörder, heute als welthistorische Bestie anzuklagen. Ich denke, daß Geschichtsschreibung zwei Aufgaben hat – heute vielleicht mehr als je zuvor: Einerseits ein lange zurückliegendes, ganz anderes gesellschaftliches Geschehen in seiner eigenen, inneren Logik zu verstehen, einschließlich der Handlungen maßgeblicher Akteure. Andererseits soll sie die vergangenen Zeiten befragen, um vielleicht Antworten zu finden auf Probleme, die uns heute bedrängen. Vielleicht können wir das, was heute/in naher Zukunft Not-wendig ist, nur erreichen, wenn wir ALLES Schlimme, das uns vorhergegangen ist, das auf uns gekommen ist, das also in uns selbst eingedrungen ist, ganz und gar und radikal denunzieren und in das Reich der Vorgeschichte verweisen. Eine Vorgeschichte, die wir bei Strafe des Untergangs hinter uns lassen müssen.

Ob es nicht bloße Spekulation ist, daß die Menschen an solchem einzigartigen Krisenpunkt sind bzw. sich ihm dramatisch nähern? Die eifrig wiederholte Behauptung, daß nun bestimmt dieser oder jener abstrakte Wert absolute Gültigkeit erlange, weil dieser oder jener alte abstrakte Wert (das Geld, der Wahn, das Satanische) endgültig zusammenstürze, hat nach meiner Meinung keine ausreichende Überzeugungskraft. Interessanter fände ich auch hier, die gründliche Analyse der materiellen und ideellen Verhältnisse der Menschen. Finden wir genügend empirische Tatsachen, die den Schritt aus der Vorgeschichte in die eigentliche menschliche Geschichte als möglich und zugleich notwendig erscheinen lassen? Mir käme das gegenwärtige Produktivkraftniveau in den Sinn, das ausreicht, damit JEDER Mensch auskömmlich leben kann. Mir kommt das gegenwärtige Destruktivkraftniveau in den Sinn, das zur vielfachen Vernichtung der Menschheit ausreicht.

Beide, so gewichtige Faktoren, existieren schon seit Jahrzehnten, ohne daß unser Problem gelöst wäre. im Gegenteil, die Gefahr scheint zu wachsen. Wächst nun das Rettende auch? Was ist das Rettende?

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2 Antworten zu Ein ahistorischer Historiker?

  1. Frieder Kohler schreibt:

    “ Mir käme das gegenwärtige Produktivkraftniveau in den Sinn, das ausreicht, damit JEDER Mensch auskömmlich leben kann. Mir kommt das gegenwärtige Destruktivkraftniveau in den Sinn, das zur vielfachen Vernichtung der Menschheit ausreicht. „Mir kam sofort Altmeister Schiller in den Sinn:“Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen, Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt .sich die Würde von selbst!“ Vom Ischiasnerv schon 3 Nächte geplagt, kommt mir zur Genesung die welthistorische Bestie Chlodwig in die Quere, schlage ich mich doch schon seit Wochen mit den (All-) Mächtigen des 19. und 20. Jahrhunderts herum – und ernte nur Prügel von den hochverehrten Menschenschlächtern… Ich bitte um mehr…was ist das Rettende?

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  2. Frieder Kohler schreibt:

    „Die Historiker haben seit Jahrtausenden eine Schwäche für die starken Männer. Auf steinernen Tafeln, auf Papyrusrollen, auf Pergamenten und in dicken Büchern schwärmen sie von Leuten, welche die Probleme mit Schwertstreichen zu lösen versuchten. Davon zu berichten, wie sich die Fäden des Schicksals unlösbar verschlangen, das interessiert sie viel weniger. Und darüber zu schreiben, wie seltsame Idealisten solche Schicksalsverknotungen friedlich entwirren wollten, ödet sie an. Dem Zerhacken der Knoten gilt ihr pennälerhaftes Interesse, und sie haben nicht wenig dazu beigetragen, die alten gordischen Methoden in Ansehen und am Leben zu erhalten. Wir haben gerade wieder einmal das Vergnügen gehabt“… Wir haben es, Herr Erich Kästner (Der gordische Knoten), es ist „Ein kurzer Militärschlag in Syrien geplant“ und ich erinnere an einen Satz eines Harry Pross: „Politik als Ruhm der Täter ist in Wahrheit das Elend der Menschheit!“
    Quelle: Glotz-Langenbucher / Versäumte Lektionen Seite 212 f./ Sigbert Mohn Verlag 1965/Bertelsmann

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