Irritierendes, Erhellendes, Weitergedachtes rund um das Karlspreisdrama 2017 – 2. Teil

III

Ich gebe zu, dass mich die kurzfristige Absage Ken Jebsens, den Karlspreis 2017 im Kino Babylon entgegen zu nehmen, erheblich irritiert hat. Informationen zum Hintergrund dieser Entscheidung, der bald noch die Information folgte, dass er auch an der vorgeschalteten Kundgebung für Meinungsfreiheit nicht teilnehmen werde, waren rar. Gleich begann Lederer zu jubeln, dass Jebsen selbst ihn nun bestätigt habe.

Bei Kirner war zu lesen, dass Jebsen es absolut richtig gemacht habe, dass er in letzter Minute die gestellte Falle erkannt und vermieden habe. Dazu, wer konkret welche konkrete Falle wie konkret gestellt hatte, brachte Kirner nichts; nur, dass es andernfalls vernichtend für K. J. ausgegangen wäre. „Geht es nicht ’ne Nummer kleiner?“, denke ich Ahnungsloser.

Im Anschluss an Kirners Statement haben Viele kommentiert. Viele brauchten keine weiteren Informationen und haben sich pauschal mit Jebsen und Kirner solidarisiert. Kommt hier wieder das „allzu kurze Denken“ zum Vorschein? Wie dem auch sei: Andere haben ihr Unverständnis ausgedrückt und gebeten, „Butter bei die Fische“ zu geben, eine vergebliche Bitte. Im Grunde konnten (und können bis heute) diejenigen, die nicht unmittelbar an den Auseinandersetzungen beteiligt waren, aus Informationsmangel zu keiner eigenen begründeten Wertung kommen.

Es wurde auch gefragt/erwogen, ob K. J. „ein Angebot“ bekommen habe. Es wurde auch geschrieben, ob Kirner nicht mit seinen Behauptungen ohne Beweise eine ganz üble spaltende Rolle spiele…. und so weiter und so fort….  Nicht nur der Schlaf der Vernunft, auch Infomangel gebiert Ungeheuer.

Die FREIHEIT des Denkens, die der Mensch nun einmal hat, führt auch dann zu Denkergebnissen, wenn ihm Informationen vorenthalten werden. Alle Herrscher wissen das und benutzen daher Informationssteuerung zur Menschensteuerung. Dieser Sachverhalt darf gern heuristisch (= als Erkenntnishilfe) benutzt werden:

Dort, wo Dir Informationen vorenthalten werden, sollst Du (in 90 von 100 Fällen) manipuliert werden. 

Betrachte jeden kritisch, der dir Informationen vorenthält, und vertraue ihm nicht!

Prüfe JEDE Rechnung, Du musst sie bezahlen!

 

IV

Ken Jebsen hat bald Informationen geliefert.

Es gab am 14.12. dieses Statement (offenbar Teil eines längeren Interviews) bei rtdeutsch (7:50). Es gab am 16.12. dieses Interview bei rtdeutsch (26:26). Bereits am 15.12. gab es auf KenFM dieses Statement (23.28). Schließlich gibt es am 17.12. auf Rubikon noch ein Interview (48:47). Ich habe mir das alles angehört.

Erfreut oder beruhigt stelle ich fest, dass K. J. keinen Deut von seiner aufklärerischen Linie, von seinen Aktivitäten für Frieden, Gewaltfreiheit und Solidarität abweicht. Böse aber wahre Worte müssen sich diejenigen seiner Journalistenkollegen anhören, die ihrer Verantwortung zur rückhaltlosen Information nicht gerecht werden. Er geißelt die Abhängigkeit der Presse von den Geldgebern. Aber auch mit den Medien des eher linken Lagers, „junge Welt“, „Neues Deutschland“ oder auch „taz“, geht er (begründet) hart ins Gericht.

Bei all diesen Fragen gibt es keine Divergenz mit den Preisverleihern, den Machern der „NRhZ“. Auch von ihrer Seite, so zeigt es dieses Interview mit Anneliese Fikentscher, gibt es keinerlei Vorwürfe gegen Ken Jebsen, sondern im Gegenteil volles Verständnis für seine Entscheidungen. Der Eklat, befürchtet von den Einen, herbeigeschrieben von den Anderen, hat nicht stattgefunden.

Offen bleibt trotzdem die Frage, was zu der ungewöhnlichen Verhaltensweise des Preisträgers oder Nichtpreisträgers (Wat denn nu?) geführt hat. Dazu einigermaßen faktengestützt zusammenhängend zu antworten, ist Ken Jebsen in insgesamt fast zwei Stunden Videobotschaft nicht gelungen. Man mag das für rücksichtsvoll halten: Er wollte keine Vorwürfe erheben und der anderen Seite keinen Druck machen sich in bestimmter Weise äußern zu müssen. Die andere Seite, die Preisverleiher, haben alle Freiheit, sich zu äußern. Was fangen sie mit dieser Freiheit an?

 

V

K. J. hat sich energisch dagegen verwahrt, zum Guru erhoben zu werden. Jeder Personenkult sei ihm zuwider. Ich höre diese Erklärungen des „Opinienleaders“ (so schrieb kürzlich jemand) als Hilferuf. K. J. sagt: „Es ist nicht mein Preis! Es ist Euer Preis!“ Ich nehme mir ein Zipfelchen von dem Preis und sage/frage, was ich immer schon sagen/fragen wollte:

  • Ken, Du betonst, dass Du nicht die Botschaft machst, sondern sie nur überbringst. Du seiest Journalist, nicht Propagandist. Ich glaube, Deine Selbstwahrnehmung ist in diesem Punkt ungenau, vielleicht sogar falsch. Du bist auch Propagandist, Mobilisator, Organisator. Du bist Macher und würdest gern, behaupte ich frech, der Vorangeher einer Heerschar von „Machern“ sein.
  • Du erwähnst oft, dass Du weder rechts noch links bist. Dann aber lässt Du durchblicken, dass Du doch irgendwie links bist. Stört Dich nicht dieses hin und her mit schwammigen Bezeichnungen? Ich gestehe, dass ich diese Benennungen, die nicht zufällig als „lechts“ und „rinks“ veralbert werden, nicht mag. Es gibt bessere Begriffe, um gesellschaftliche, politische Positionen inhaltsvoll zu benennen. „Ausbeutung“ oder „Profitproduktion“ z. B. oder „Klassenmacht“, „Machtinstrument Staat“. Würde es Dich nicht reizen, zu dieser Thematik mal ein polemisches Gespräch mit einem Sprachkritiker zu führen, der radikaler Humanist ist oder gar revolutionärer Sozialist?
  • Oft stoße ich mich an Deiner apodiktischen Formulierung: „Kriege lösen keine Probleme!“ Beifall ist Dir dafür sicher (nicht meiner). Ich setze dagegen: „Doch, Kriege lösen durchaus Probleme.“ Zugegeben, das ist auch nur eine Behauptung, unpopulär noch dazu. Ich will darauf hinaus, dass Kriege mehr sind als Aktionen gewaltbereiter Zombis. Sie sind auch keine Missverständnisse. Sie sind viel zu wichtig, viel zu alltäglich und viel zu traumatisierend für die Massen der Menschen als dass über ihre materiellen Wurzeln nicht mit größter Gründlichkeit gestritten werden sollte. Da wartet ein großes Feld darauf, in wirklichen Streitgesprächen beackert zu werden – Streitgespräche mit einem Bundeswehrgeneral, dem Gewerkschaftsführer eines Rüstungsbetriebes, der Afghanistan-Veteranin und vielen weiteren Beteiligten.
  • Besonders in Deinen letzten Videobotschaften hast Du angeprangert, dass Journalismus viel mit Geld zu tun hat. Die Anzeigenabteilung sage, was geht. Demgegenüber sei KenFM unabhängig, da crowdfinanziert. Ich muss gestehen, dass mich Deine Aussage nicht befriedigt. Die finanziellen Verhältnisse von KenFm sind intransparent. Ich fände es angemessen, würde sich KenFM, ebenso wie „human connection“ der „Initiative Transparente Zivilgesellschaft“ anschließen oder einer vergleichbaren Initiative oder selbst eine ähnliche Initiative starten.
  • Und zu guter Letzt klein wenig Spaß: Du sagst immer wieder, Deine Zielgruppe sei der Mensch. Das scheint mir ein wenig unbescheiden. Es soll einige Leute geben, die Deinem Sprechtempo von mindestens 10.000 Silben pro Minute nicht folgen können, und es auch nicht wollen. Wären die nicht korrekterweise aus Deiner Zielgruppe herauszurechnen?

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Der 1. Teil meiner Betrachtungen zum Karlspreisdrama 2017 ist hier zu finden.

Der 3. und abschließende Teil folgt.

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7 Antworten zu Irritierendes, Erhellendes, Weitergedachtes rund um das Karlspreisdrama 2017 – 2. Teil

  1. Pingback: Irritierendes, Erhellendes, Weitergedachtes rund um das Karlspreisdrama 2017 – 1. Teil | opablog

  2. Pingback: Irritierendes, Erhellendes, Weitergedachtes rund um das Karlspreisdrama 2017 – 3. Teil | opablog

  3. Pingback: Ken Jebsen – kein Fundstück | opablog

  4. Lutz Lippke schreibt:

    Zur Transparenz
    Ein halbwegs fitter Mathematiker könnte das Problem mit der Intransparenz explizit und erschöpfend in Formeln kleiden und je nach Art und Umfang der Unbekannten den möglichen Lösungsraum eingrenzen. Ich kann das nicht (mehr). Vermutlich würde sich aber auch kaum einer der Mühe hingeben, eine solche Formel nachzuvollziehen. Also werden die Unbekannten lieber mit Munkeln, Vermuten und Überzeugungen gefüllt. Sicher untypisch, aber es wurde hier auch schon mal über CIA-Manchettenknöpfe eines „Staranwaltes“ gemunkelt, weil einem sehr meinungsstarken, kategorischen Kommentaristen dessen Gebaren im Mollath-Fall verdächtig vorkam. Lang ist es her. Will damit sagen, wenn Unbekanntes aufgefüllt wird, soll es meist auch besonders beeindruckend, bedeutend, also „etwas ganz Großes“ sein. Die schlichte Aussage: „ich weiß es nicht?“ liegt dem strategischen Analysten häufig nicht, obwohl die Mathematik außerhalb der lockeren Hypothesenbildung klare methodische Vorgaben macht. Transparenz heißt für mich, sich zu Rationalem auch aufs Rationale zu beschränken.

    Zu K.J.
    Natürlich ist K.J. kein neutraler Beobachter, sondern Aktivist. Aber ich nehme ihm ab, dass er sich gern mehr auf die Rolle des klassischen, sicher immer kritisch-eigenständigen Journalisten zubewegen würde, um nicht durch permanente Überwachung und Fixierung auf den Meinungsjournalisten und Aktivisten in seinem Handlungsspielraum eingeschränkt zu werden.
    Das „Linke“ was ich bei K.J. sehe, ist methodisch ein anderer Zugang als der klassisch aus einer einmal eingenommenen Position Gewonnenen. Nicht die einmal überzeugende „Lehre von der Ausbeutung“ als -Ismus führt Manchen zu Erkenntnissen und Positionierung unter realen Ausbeutungsbedingungen, sondern die realen Ausbeutungsbedingungen führen zu Erkenntnissen und Standpunkten, die zum wesentlichen Teil auch der klassischen Lehre entsprechen, aber nicht darauf fixiert sind. Das hört sich nicht nach klarem Klassenstandpunkt an. OK! Aber gibt es nicht auch gute Gründe, den klaren Klassenstandpunkt, oder was dafür gehalten wird, nicht als Dogma des Richtigen zu verstehen, sondern wie alles andere auch, der Möglichkeit einer Kritik und transparenten Pflicht zur Rechtfertigung auszusetzen? Nicht das erkennende Individuum hat sich vor den prüfenden Lehren zu erklären, sondern die Lehren vor den erkennenden Individuen. Insofern ist das Wortspiel mit „rinks und lechts“ nicht nur eine Lappalie, sondern auch ein Programm: Ach was, Linker? Und was bedeutet das nun konkret? Ach was, Rechter, Liberaler, Konservativer, Gläubiger, Ungläubiger, Humanist, Sozialist, Kommunist, Imker, Mathematiker? Heißt das Eins, Mehrs, Multiples / Widerstreitendes? Was ist mit Ehrlicher, Verbindlicher, Hilfsbereiter, Egoist, Optimist, Pessimist?

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  5. Theresa Bruckmann schreibt:

    Danke Lutz Lippke!
    Was für ein Satz:
    „Nicht das erkennende Individuum hat sich vor den prüfenden Lehren zu erklären, sondern die Lehren vor den erkennenden Individuen.“

    Danach nehme ich jetzt mal meinen ganzen Mut zusammen und frage Sie, ob ich den Satz
    von Susan Bonath aus ihrem ganz ausgezeichneten Beitrag hier:
    https://kenfm.de/querfrontler-ein-demagogischer-vorwurf-mit-geschichte/
    also diese beiden Sätze:
    „Ebenso ist es mit den Nationalstaaten. Im Kapitalismus dienen ihre Apparate zwar auch für die Umsetzung von Bürgerrechten, letztlich aber im Sinne der marktführenden Konzerne. Denn diese bescheren den Staaten Steuereinnahmen, von ihnen sind sie abhängig. Wer also die Macht des Nationalstaats und ihren Ausbau verteidigt, steht rechts. Wer dagegen für eine Machtverschiebung zugunsten der unterdrückten Schichten eintritt, ist auf der linken Seite zu verorten.“
    mit Fragezeichen versehen darf? Sie schreibt zwar „im Kapitalismus“.
    Dennoch kann ich mir eine 3 Säulen-Ökonomie im Sinne von Hermann Ploppa (Privater Sektor, Öffentlicher Sektor, Genossenschaften unter einer nationalen Verwaltung besser vorstellen als supranational – erst recht, wenn Brüssel „willige Regionen“ gegenüber den sich im Ganzen widersetzenden Nationalstaaten bevorzugen sollte.
    So verstehe ich übrigens auch Felix von Leitner:

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    • Lutz Lippke schreibt:

      Liebe Theresa Bruckmann,
      welchen Mut brauchen Sie? Allenfalls Geduld, da ich nur gelegentlich hier Zeit investieren kann. Meist lese ich dann (auch) Ihre Anregungen. Zur konkreten Frage werde ich etwas beitragen, aber wie gesagt Geduld.
      Herzliche Grüße
      Lutz Lippke

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  6. Theresa Bruckmann schreibt:

    Habe mich mißverständlich ausgedrückt.
    Ich möchte diesen wunderbaren Satz von Lutz Lippke direkt in Beziehung setzen
    zu Felix von Leitner übers Denken und Urteilen (und nicht etwa auf die 3-Säulen-Ökonomie).

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