Dreht jetzt die Supermacht Ukraine den Europäern ein Drittel ihrer Gasimporte aus Russland ab?

Tagesschau berichtet.
War das ein Willkommensgeschenk für Besucherin Baerbock?
Beim Saker die Idee, man könne ja stattdessen Nordstream 2 aufmachen.
Bewunderung und Solidarität für die Ukraine werden ins Unermessliche steigen: Harter Hund, dieser Selenski, nimmt den Putin in den Schwitzkasten – und die deutschen Weicheier gleich mit!

Oder liefert Deutschland jetzt viel mehr schwere Waffen und Soldaten dazu, damit die Ukraine endlich noch schneller siegen kann?

Einer der Kommentatoren beim Saker hat gar keinen Humor:
„Die eigentliche Frage ist. Wann werden die Deutschen aufwachen und erkennen, dass sie das Hauptziel dieses Krieges sind? Genauso wie die letzten beiden Male. Für Leute, die intelligent sein sollen, sind die Deutschen wirklich langsam im Nehmen. Das Problem ist, dass der von Tavistock inspirierte Holocough ihren Verstand verwirrt hat.“

Spass beiseite. Die Stunde der Wahrheit scheint schneller zu kommen, als gedacht.
Bei „Zero Hedge“ neueste Daten und Karten.
Beim „Gelben“ ist man ebenfalls wach.

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Gegen das Vergessen 1/3

Erzählungen zum Kriegsende 1945 in Oranienburg

von

Mathilda Seithe

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Teil 1- Das Haus mit dem spitzen Dach

Bisher erschienen: Kapitel 1 und 2

3. Die Schwestern

Abends, als wir schon im Bett lagen, hörte ich unten im Wohnzimmer, wie sie miteinander sprachen. Das Kopfende meines Bettes steht nahe an der Tür und ich höre die Geräusche von unten, wenn ich abends still liege und vor dem Einschlafen in die Dunkelheit meines Zimmers schaue. Erst konnte ich nichts verstehen. Sie sprachen leise und ruhig. Doch plötzlich wurden sie lauter. Ich lauschte.

„Du hast uns das Haus hier ganz schön madig gemacht, meine liebe Schwester. Das war nicht nötig! Wir wollten mit dir den gelungenen Umzug feiern.“

„Haben wir doch, oder nicht?“

„Aber du konntest es nicht lassen, diese Geschichte zu erzählen.“

„Also, ich finde, die Kinder gehen damit ganz vernünftig um.“

„Was weißt du denn? Karola ist ein ganz sensibles Mädchen. Da mache ich mir schon Sorgen.“

„Aber sie hat gesagt, dass sie das Ganze für nicht so wichtig hält.“

Ein paar Sekunden lang war es still.

Dann hörte ich Mamas Stimme, ziemlich laut:

„Das hast du schon immer gekonnt: Alles kaputt machen, wenn es einmal und endlich ruhig war und alle zufrieden waren. Ich hätte es mir denken können, verdammt noch mal!“.

„Jetzt reg dich nicht so auf! Das sind doch Tatsachen, denen muss man ins Gesicht sehen. Du hast selbst gesagt, dass es falsch ist, die Zeit von damals einfach zu vergessen!“

„Ja, aber doch nicht so nah, nicht in meinem eigenen Haus.“

„Ich will dir mal was sagen: Ihr lebt hier in einem richtigen Wolkennest. Weißt du eigentlich, wie es derzeit um unseren Frieden steht?“

„Ach die da oben, die machen doch immer nur Wind? Es gab jetzt 70 Jahre keinen Krieg mehr in Europa. Was willst du?

„Es gab keinen Krieg in Europa? Ja, das säuseln sie alle zurzeit, besingen diese Lüge auch noch. Sind darauf stolz. Und der Jugoslawienkrieg? Ist das etwa nicht Europa gewesen? Da haben wir Deutschen Städte in Europa bombardiert, zusammen mit unseren Freunden von Übersee. Und was ist in der Ukraine los? Da ist Krieg seit 2014, da kämpfen die Truppen der Ukraine gegen die Bevölkerungsteile in ihrem eigenen Land, die es gewagt haben, ihre Selbstständigkeit zu fordern. Ach ja, das ist auch Europa, wusstest du das nicht? Und all die Kriege in der Welt, an denen Europa und natürlich auch wir uns beteiligt haben, die kannst du einfach ausblenden? Betrifft ja nicht uns?

„Du bist jetzt unfair, Elke. Du weißt genau, dass ich so nicht denke.“

„Ach ja, aber dann kannst du auch nicht herumlaufen mit dieser dümmlichen Lüge, Europa hätte seit 70 Jahren keinen Krieg gehabt.“

„Jugoslawien, ja, da hast du recht. Das hatte ich wirklich schon vergessen.“

„Und wenn Europäer Städte in anderen Ländern angreifen und bombardieren? Wenn sie dabei sind, wenn mit Drohnen Menschengruppen per Mausklick ausgelöscht werden, dann ist das kein Krieg, kein Krieg für Europa? Und wenn unser Land Waffen exportiert in Länder, die Krieg führen und die in ihrem eigenen Land Bürgerkriege anzetteln gegen die eigene Bevölkerung, dann ist das „kein Krieg in Europa“?

„Hör auf, hör schon auf. Ja, ich weiß das doch auch.“

„Meinst du, Friede besteht nur darin, dass man uns in Ruhe lässt und keine Bomben auf unsere Städte fallen?“

Nun hatte sich auch Elke in Rage geredet.

Ich hatte mich längst im Bett aufgerichtet, um besser hören zu können.

Die Stimme meiner Mutter wurde leiser. Ich musste jetzt zur Tür schleichen und sie öffnen, um noch etwas verstehen zu können.

Was die Mutter jetzt sagte, konnte man nicht verstehen. Aber Elke antwortete gleich:

„Bitte, da hast du es!“

„Aber Elke, bitte, ich mag es nicht, wenn du ständig diese pessimistische Stimmung verbreitest. Man muss doch trotzdem weiterleben. Die Politik kann unser einer doch nicht beeinflussen, das weißt du so gut wie ich. Sollen wir deshalb von morgens bis abends nur Trübsal blasen? Ich möchte, dass meine Kinder fröhlich und ungestört aufwachsen können.“

„Das wollten die Mütter vor dem 2. Weltkrieg sicher auch, die Nazimütter und auch die, die vor den Taten der Nazis die Augen verschlossen haben, Christa. Nichts sehen, nichts, hören, nichts sagen.“

„Aber die Leute wollten doch den Krieg. Die haben doch Hitler damals zugejubelt, als er den Krieg ankündigte.“

„Da hast du recht. Aber sie haben sich einlullen lassen. Sie hatten keine Vorstellung, was Krieg bedeuten würde. Aber schau dich heute mal um. Wir leben in einer politisch höchst brisanten Zeit. Aber wieder schauen alle weg, alle denken, das wird schon gut gehen. Und einige, die würden sogar am liebsten losschlagen.

„Wir aber nicht, Elke. Wir doch nicht.“

„Aber wenn man vergisst, was war, wenn man es vermeidet, der Vergangenheit ins Gesicht zu sehen, dann darf man sich nicht wundern, wenn es plötzlich wieder losgeht. Dieses Mal muss noch nicht einmal jemand jubeln. Da werden wir nicht gefragt.“

„Hör auf! Du machst nur Angst.“

„Weißt du was, Christa, ich habe Angst. Und am meisten Angst habe ich vor meinen Mitmenschen, die taten- und meinungslos zusehen.“

„Was meinst du?“

„Du bist Lehrerin. Wie findest du es, dass unsere liebe Bundeswehr schon so populär geworden ist in diesem Land, dass niemand was dabei findet, wenn Offiziere in Gymnasien den Sozialkundeunterricht übernehmen.

„Bei uns nicht!“

„Und das reicht dir?“

„Jetzt fang nicht auch noch an, dich in meine beruflichen Angelegenheiten einzumischen! Hör auf!“

„Na gut, Schwesterherz. Ich habe es dir gesagt. Mehr kann ich nicht tun.“

Es wurde still. Keine sagte mehr etwas. Dann gingen Türen. Offensichtlich waren sie in ihre Betten gegangen. Ich lag noch lange wach.

4. Der Hauskauf

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Krawalle in China/Shanghai

Ich, der Betrachter, sehe es, weiß aber, dass ich nichts verstehe.

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Gegen das Vergessen 1/2

Erzählungen zum Kriegsende 1945 in Oranienburg

von

Mathilda Seithe

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Teil 1- Das Haus mit dem spitzen Dach

Bisher erschienen: Kapitel 1

2. Tante Elke hat gegoogelt

Tante Elke kam per Auto. Sie hatte angerufen, als sie gerade von der Autobahn abgefahren war. Wir warteten also schon am Tor, als sie kam. Es stand weit auf, damit sie ohne Probleme zu uns aufs Grundstück fahren konnte.

Das Auto, mit dem Tante Elke vorfuhr, erstaunte uns.
„Was ist das denn für ne alte Kutsche?“, murmelte Bernd ein wenig enttäuscht. Ich stutzte auch: Ich mache mir nichts aus Autos, kenne mich da auch nicht so aus. Aber das hier kannte ich: Ein alter VW Bus, der Lack an einigen Stellen ausgebessert.

„Das ist ja schon fast ein Oldtimer!“, rief Bernd nach dem ersten Schreck. Tante Elke stieg aus und lachte über diesen Ausruf. Sie ist schlank. Sie trug Jeans und eine flatternde Bluse darüber, was sie lebendig und ein wenig rastlos aussehen ließ. Die leuchtend rote Bluse zu der weißen Jeans stand ihr ausgezeichnet. Aber ich hatte sie gar nicht so blond in Erinnerung. Jedenfalls sah sie für mich anders aus als vor 2 Jahren. Sie erkannte mich aber gleich. Und obwohl sie mir im ersten Moment irgendwie fremd vorkam, rannte ich gleich auf sie zu.

Für sie schienen wir offenbar unverändert. Erstaunlicherweise kam nicht der übliche Spruch: „Was bist du groß geworden!“. Bernd und ich hatten darauf gewettet, dass das das Erste sein würde, was sie sagt.
Elke umarmte ihre Schwester, sehr fest, sehr lange. Ich sah erschrocken, dass Mama in Tränen ausbrach, aber sie lachte auch:

„Komm doch rein!“ Sie wischte sich mit einer entschlossenen Handbewegung übers Gesicht. Als wir reingingen, bemerkte ich den interessierten und ein wenig überraschten Blick, den Elke auf unser Haus warf. Aber sie sagte nichts.

Sie lobte Mamas Entscheidung, begutachtete alle Zimmer. Mein Raum gefiel ihr am besten, vertraute sie mir an. Wir waren hier für einen Moment allein. Bernd half Mama unten, den Kaffeetisch decken. Elke ließ sich in meinen einzigen Sessel fallen und fragte unvermittelt:

„Wisst ihr eigentlich, wer früher in diesem Haus gewohnt hat?“
Ich sah sie verwundert an und schüttelte den Kopf.
„Warum?“

Sie antwortete nicht. Es entstand eine kleine Pause, die sie dadurch beendete, dass sie sich erhob und zu meinem Fenster hinüberging. Nach ein paar Sekunden sagte sie dann etwas über unseren Garten, was Nettes natürlich.

Bei Kaffeetrinken ging das Erzählen hin und her. Wir berichteten von der Schule. Sie sprach über ihren aktuellen Arbeitsauftrag, eine Fotoserie über die Unternehmerfamilie Nefke.
Wir fragten nach Tante Elkes zwei Jungen, die beide noch in die Grundschule gehen. Sie erzählte von ihrem Mann, den wir kaum kannten und der uns damals vor zwei Jahren sehr gebildet, aber uninteressant vorkam. Einmal berührten ihre Worte vorsichtig den Tod meines Vaters. Mama blieb gefasst. Dann ging es wieder ums Haus, um ihren Eindruck davon, wie wir es zu unserem Haus gemacht hätten, wie sie sich ausdrückte. Sie hatte ein paar tolle Vorschläge für den Flur, der auch uns noch ein wenig eng und düster erschien. Dann auf einmal schaute sie meine Mutter an, sah ihr offen ins Gesicht und fragte mit einer leichten, aber doch bedeutungsvollen Stimme:
“Sag mal, Christa, wisst ihr eigentlich, wer hier früher gewohnt hat“.
Ich blickte wie elektrisiert auf und starrte meine Mutter an.

„Der vorige Besitzer arbeitete bei den Stadtwerken, soviel ich weiß. Seine Frau war schon vor ein paar Jahren gestorben. Er wollte lieber in einer altersgerechten Wohnung leben.“ Was sie sagte, klang locker. Aber irgendwas an ihrer Stimme machte mich unruhig. Sie rutschte auch ein wenig auf dem Stuhl hin und her. Was war los?

„Ich meine früher, als sie neu gebaut wurden“, setzte Tante Elke nach.

„Wann war das, noch vor dem 2. Weltkrieg?“

„So ist es. Die Häuser wurden damals nämlich für die Aufseher im KZ Sachsenhausen gebaut. Sie hatten ja alle Familie, und es gab eine ganze Menge KZ-Aufseher, denke ich. Von hier war es nicht weit zum Eingang. Aber das ist dir doch sicher bekannt, oder?“

Mama schaute etwas betreten in unsere Richtung.

„Was?“, rief Bernd. „Woher weißt du das, Tante Elke?“

Elke lächelte ein wenig verlegen. „Ich habe vor meiner Reise ein bisschen gegoogelt, über Oranienburg und über eure Wohnadresse hier“.

Schweigend saßen wir alle da. Was sollten wir sagen?

„Aber ihr wisst doch, dass hier in dieser Stadt eines der schlimmsten Konzentrationslager war, in dem die Nazis Menschen sich zu Tode schuften ließen und sie zum Teil auch unmittelbar getötet haben. Viele Menschen …“

Tante Elke sah nun uns Kinder fragend an.

„Natürlich wissen sie das“, antwortete Mama eilig und zupfte nervös an der Tischdecke, die sie über den hellen Tisch im Wohnzimmer gelegt hatte.

„Das hatten wir doch schon in der 2. Klasse“, meinte jetzt Bernd.

„Und das war hier in der Nähe?“, fragte ich irritiert. Elke nickte.

„Wir haben vor zwei Jahren mit beiden Kindern das Museum besucht. Sie sollten über die Vergangenheit dieser Stadt und ihres Vaterlandes informiert sein,“ erzählte Mama auf einmal. Ich dachte angestrengt nach, ob ich mich daran noch erinnern konnte. Doch, jetzt fiel es mir ein. Aber ich hatte damals nicht wirklich begriffen, dass das alles hier in unserer Stadt passiert war. Und dann war ich noch mal mit der Klasse da.

„Wir sind auch mit der Schule mal da gewesen, vor 2 Jahren glaube ich, aber ich wusste nicht, dass das hier in der Nähe war“, meinte ich.

„Na seht ihr. Dann seid ihr ja doch im Bilde“, sagte Elke und grinste zu mir herüber. „Oder doch nicht so richtig? Ist euch nicht klar, dass die Büsche, die man von der Gartenseite aus sieht, und die Bäume hinter den Häusern schon zum KZ Sachsenhausen gehört habe müssen? Es war hier ganz in eurer Nähe. Deswegen wohnten ja auch die KZ Wärter hier in diesen Häusern.“

„Du verdirbst uns die Freude an unserem neuen Heim“, meinte meine Mutter. Ihre Stimme klang vorwurfsvoll. „Das war damals“, sprach sie weiter. „Inzwischen haben hier viele verschiedene Besitzer gewohnt, nichts erinnert mehr an die Nazizeit. Ich wusste es natürlich, aber ich finde, es sollte uns nicht die Freude kaputtmachen!“

„Du hast es gewusst?“, fragte ich fassungslos. „Warum hast du es uns nicht gesagt?“

„Ich wollte nicht, dass ihr deswegen vielleicht nicht hierher ziehen wollen würdet. Ich dachte, in ein paar Jahren, wenn ihr älter seid, bekommt ihr es sowieso mit. Aber dann werdet ihr anders damit umgehen können.“ Mir kam es so vor, als versuchte Mama sich zu verteidigen.

Ich sprang ihr zur Seite:

„Ach Mama, ich glaube nicht, dass es so wichtig für uns ist. Damit haben wir doch gar nichts zu tun. Das war lange vor uns. Und Häuser sind Häuser, sie nehmen nicht den Charakter der Menschen an, die sie bewohnen.“

Mama lächelte mich dankbar an. Aber mir wurde in demselben Moment klar, dass ich selbst nicht glaubte, was ich da gesagt hatte.

Jetzt versuchte Tante Elke, das Thema zu wechseln. Sie dehnte sich ein wenig, richtete sich in ihrem Sessel wieder bequem ein, schlug die Beine übereinander und fragte:

“Und wie kommt ihr von hier in eure Schule?“

Wir waren alle dankbar, dass wir nicht mehr darüber reden mussten.

3. Die Schwestern

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Der Kampf um die Inschrift – Drama in vier Akten – Update 9.5.

Akt I

Es war am 4. Mai als K., Mitglied der Partei dieBasis, eine Idee hatte: Er schlug seinen Parteifreunden, den „Basistas“, vor, am 8. Mai, dem Tag der Befreiung, an der Gedenkveranstaltung der Stadt teilzunehmen und ein Blumengebinde des Kreisverbands der Partei niederzulegen. Er hatte auch einen Textvorschlag für die Schleifen parat, z. B. „dieBasis Oberhavel in antifaschistischem Gedenken“.

Dass weniger als ein Fünftel der Mitglieder auf den Vorschlag antwortete, überraschte K. nicht. Das ist normal. Die Spannbreite der Antworten war groß. Sie reichte von entschiedener Ablehnung bis zu entschiedener Zustimmung und zwischen beiden Extremen mittlere Stimmen, die angesichts der zu erwartenden öffentlichen Aufmerksamkeit eine Zerreißprobe für den noch jungen Verband befürchteten.

Ins Gespräch kam (mit dem Segen der Landesleitung) ein zweiter Vorschlag. Ein Kranz mit weißen Schleifen ohne jeden Text aber mit den vier Farben der Basispartei. „Ohne jeden Text?“- staunte K. „Mindestens doch mit dem Logo des Kreisverbands“ – schlug er vor, um wenigstens in dieser reduzierten Form das Gesicht zu zeigen. Darauf gab es ein „Ja“ und, wie sich am Ende zeigte, ein „Nein“.

Akt II

Die Zeit begann zu drängen, und K., für den „Antifaschismus“ kein Begriff aus der Mottenkiste ist und der deshalb die textlosen Schleifen unbefriedigend fand, formulierte seinen Vorschlag neu:
„Richtig ist wohl, bei aller Freude an einem klaren Statement, dass wir in der Kürze der Zeit keine repräsentative Mitgliedermeinung erreichen können. Und wir sollten niemanden übergehen oder in eine Rolle drängen, die er oder sie nicht will.
Deshalb tendiere ich jetzt zu diesem Vorgehen:
– Ich bestelle ein Blumengesteck mit Schleife, auf der steht: „Mitglieder der dieBasis Oberhavel in antifaschistischem Gedenken“. Weiße Schleife, wenn möglich Umrandung der Schleife mit den 4 Farben der Basis. Kein Logo, kein Verweis auf den Kreisverband!
– Parallel dazu ein Kranz (bestelle nicht ich) gemäß Vorschlag von A., Schleife ohne Text aber mit den Farben und dem Logo der dieBasis.“

Der naive K. glaubte, das sei ein Vorschlag, der allen gerecht würde, dem zögernden Kreisverband einerseits und den Mitgliedern andererseits, die explizit antifaschistisch gedenken wollten.
Jetzt aber wurde (online) abgestimmt, welcher Text auf so einer Schleife stehen solle und die Mehrheit votierte für „dieBasis steht für Frieden“. Aber statt dass jetzt ein Kranz vom Kreisverband in Auftrag gegeben wurde mit eben diesem gewählten Text, wurde hektisch weiter darüber debattiert, ob auf der Schleife des Gebindes von K. und M., der beiden Mitglieder, weiterhin etwas vom antifaschistischen Gedenken stehen dürfe.

K. und M. fragten sich einigermaßen verblüfft:
Knickten die Basistas plötzlich vor der Warnung ein, lieber nicht den Eindruck erwecken zu wollen, sie seien russenfreundlich oder Befürworter des Krieges?

Oder wurde hier mit doppelter Moral einerseits das Agieren der Faschisten in der Ukraine angeklagt, gleichzeitig aber der ehemaligen sowjetischen Armee die Ehre und der Dank dafür versagt, dass sie unser Land maßgeblich mit von den Faschisten befreit hat?

Oder ging es darum, sich von der Leistung der Sowjetunion bei dieser Befreiung überhaupt zu distanzieren, einem Volk, dass im 2. Weltkrieg am meisten von allen unter dem Faschismus Deutschlands gelitten hat?

Akt III

Es kam zur Beratung „in großer Runde“.

An die „von oben“ (widerwillig?) abgesegnete Idee des Kranzes mit den leeren Schleifen erinnerte sich plötzlich niemand mehr.
Jetzt ging es nur noch um die Frage: Dürfen Mitglieder der dieBasis, öffentlich erkennbar als Mitglieder der dieBasis, von „antifaschistischem Gedenken“ sprechen, auch wenn diese Formulierung von der Mehrheit der Mitglieder als Text für ein offiziell vom Kreisverband gestiftetes Gebinde abgelehnt würde?

Die Vorsitzende sah in diesem Verhalten eine drohende Beschädigung der Partei und brachte den Sachverhalt auf die generelle Fragestellung: ‚Dürfen Mitglieder, die als solche öffentlich erkennbar sind, einfach sagen was sie wollen? Wo kämen wir denn da hin?‘
(Natürlich konnte keiner wollen, dass jemand daherkäme und z.B. sagen würde: „Ich bin Mitglied der Partei dieBasis und ich bin für die Todesstrafe oder für die Duldung von sexuellem Missbrauch. Und wenn man einmal dem Teufel den kleinen Finger hinreiche, dann will er bekanntlich die ganze Hand. Das „antifaschistische Gedenken“ schien offenbar ähnlich diskriminierend?)

Das Drama kulminierte: „Bockig“ wollten zwei Mitglieder „ihren Kopf durchsetzen“ und beharrten auf ihrem „antifaschistischen Gedenken“. Und eine basisdemokratische Dreiviertelmehrheit sprach ihnen das Recht ab, dies als „Mitglieder dieBasis“ oder als „von Mitgliedern dieBasis“ öffentlich zu tun.

K. und M. stellten daraufhin fest: „Wenn Ihr tatsächlich die Absicht unseres demonstrativen antifaschistischen Gedenkens mit unserer Parteimitgliedschaft nicht vereinbaren könnt, sehen wir nur einen Ausweg…. Und der besteht nicht darin, unser antifaschistisches Gedenken zu unterlassen. Dann sind wir in der falschen Partei.“

Akt IV

Es gibt Bilder von dem Blumengebinde, das die beiden nun ehemaligen Mitglieder der Partei dieBasis am 8. Mai, dem Tag der Befreiung des Deutschen Volkes vom Faschismus, auf dem sowjetischen Ehrenfriedhof niedergelegt haben. Die weißen, textlos bestellten Schleifen haben sie von Hand beschrieben. Jetzt völlig frei in ihrer Wahl haben sie noch einmal nachgedacht und einen Text gefunden, der nicht nur richtig und wahr ist, sondern auch poetisch und aktuell und überwältigend populär bei denen, die ihren Antifaschismus nicht nach Konjunktur pflegen können, sondern ihn leben müssen.

Update 9.5.:

Der „Marsch des unsterblichen Regiments“ ist in Russland ein Marsch der Millionen. Das ursprünglich von mir verlinkte Video ist bei youtube nicht mehr verfügbar. Hier ein kürzeres Ersatzvideo:

Das ursprüngliche Video habe ich bei Colonel Cassad wiedergefunden.

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Oranienburg, 8. Mai 2022, sowjetischer Ehrenfriedhof

Русская дорога“ – „Russkaja Doroga“ – „Russischer Weg“

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*** Z ***

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Gegen das Vergessen 1/1

Erzählungen zum Kriegsende 1945 in Oranienburg

von

Mathilda Seithe

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Teil 1- Das Haus mit dem spitzen Dach

  1. Endlich ein neues Zu Hause

Auch uns hatte das Haus vom ersten Moment an gut gefallen, meinem Bruder und mir. Irgendwie sah es so aus wie die Häuschen in einem Bilderbuch, das ich früher mal sehr geliebt habe: Spitzes Dach, quadratische Vorderseite, vorne unten zwei Fenster und oben auch. Im Giebel ein kleines Fensterchen, rund. Ich habe mich gleich in diesen Anblick verliebt. Wenn dort ein Zimmer sein sollte, dann wollte ich es unbedingt haben. Ein gemütliches Haus, klein aber wenn man hineintritt, doch nicht so winzig und eng, wie man gedacht hatte. Mama hat es gekauft, weil unser früheres Haus in Lehnitz in der Unterhaltung zu teuer geworden war, seit Papa nicht mehr lebt, und wir allein mit ihrem Gehalt zurechtkommen müssen. Vom Erlös der kleinen Villa in Lehnitz war noch ein gutes Stück Geld übriggeblieben. Mama sagte, das bräuchten wir als Polster, zum Beispiel, wenn wir beide später studieren wollten. Wir waren mit dieser Auskunft zufrieden.

Mein Bruder und ich, wir freuten uns schon deshalb, weil dieser Kauf und unser Umzug hierher das Erste waren, was Mama seit dem Tod von Papa wieder mit ein wenig Freude machte. Heute, am 28.April 2019, an unserm Einweihungstag lachte sie sogar wieder. Das erleichterte uns Kinder sehr.

Natürlich bekam ich nicht das Zimmer auf dem Dachboden mit dem runden Fenster. Aber ich habe jetzt ein kleines Zimmer im 1. Stock, wo ich nach hinten herausblicke, in unseren Garten, in die Gärten der Nebenhäuser und in die Bäume und in Buschwerke, die sich dahinter anschließen. Ich gehe die enge Treppe nach oben und bin dann sofort an meiner Tür. Mein Bruder hat daneben auch einen kleinen Raum. Mama schläft im Erdgeschoss, direkt neben dem Wohnzimmer. Das Haus kam uns anfangs sehr eng vor, aber wir haben uns schon daran gewöhnt. Es ist eben ein kleines, gemütliches Haus.

Das Lustige ist: Die Häuser rechts und links von uns sehen übrigens fast genauso aus. Sie haben alle denselben Grundriss und wirken wie Spielzeughäuschen aus einem Baukasten für Kleinkinder. Aber an den Vorgärten, den verschieden Farben der Häuser und an den hellen oder dunkelroten Ziegeln auf den spitzen Dächern kann man sie unterscheiden. Sie stehen eins neben dem anderen die Straße entlang bis zur Schleuse oben am Havelkanal. Ich finde, sie sehen aus wie bunte Perlen einer Schnur. Auf der anderen Straßenseite, gleich gegenüber von den kleinen Häusern, geht es zum See. Man läuft nur ein paar Minuten quer durch den Wald, dann sieht man schon die Wasseroberfläche schimmern. Die Straße weiter hoch, hinter der Schleuse und der Brücke über den Kanal, führt sie dann durch das Gewerbegebiet der Stadt und durch ein paar eingemeindete Dörfer weiter ins Brandenburgische. Also, wir sind sehr gespannt, was Tante Elke zu unserem Haus sagen wird.

Ich glaube, Mama ist nämlich heute auch deshalb so gut gelaunt, weil wir ihre Lieblingsschwester Elke aus Wuppertal erwarteten. Sie will mit uns das neue zu Hause feiern. Tante Elke hatte sich damals nach Papas Tod ziemliche Sorgen gemacht, weil Mama so depressiv wurde und, wie sie meinte, sich gar nicht mehr um uns Kinder gekümmert hätte. Wir haben versucht, ihr das auszureden. Schließlich sind wir beide keine kleinen Kiddies mehr. Bernd ist 9. Ich werde im September 14. In diesem Alter hat man doch Verständnis dafür, wenn es der eigenen Mutter mal richtig schlecht geht. Aber ehrlich gesagt, Mamas Zustand hat uns schon ziemlich belastet. Es war eine traurige Zeit. Manchmal hat mir Mama auch Angst gemacht mit ihren Tränen und ihrem Desinteresse für alles und jedes.

Wie es dazu kam, dass Mama dann doch den Hausverkauf und den Neukauf in Angriff nahm, weiß ich eigentlich gar nicht. Vielleicht reichte auf einmal das Geld nicht mehr. Jedenfalls hat sie uns eines Abends – fast nur in einem Nebensatz – eröffnet, dass wir bald umziehen würden. Das Haus hier in Lehnitz sei zu teuer und sie suche für uns drei was Kleineres, was Passenderes. Wir konnten ihr nur abringen, dass wir beide auf keinen Fall die Schule wechseln wollten. Außerdem wünschten wir uns wieder einen Garten.

In dieser Ecke von Oranienburg, in der wir jetzt leben, war ich vorher noch nie. Lehnitz ist dagegen eine vornehme Gegend, sagt man, war es auch schon zu DDR Zeiten. Aber ich finde es auch hier ganz nett. Vor allem müssen wir uns nun keine Sorgen mehr machen, ich meine wegen des Geldes und wegen Mama.

Tante Elke ist übrigens eine tolle Frau, einige Jahre jünger als Mama, aber viel unternehmungslustiger und nicht so langweilig. Sie schert sich nicht darum, was die Leute von ihr denken. Das war schon so, als sie noch ein Kind war, hat Mama gesagt. Elke ist von Beruf Fotografin, nicht so eine, die Hochzeiten fotografiert (das macht sie nur dann, wenn sie es finanziell nötig hat, weil ihre Aufträge nicht so gut laufen), sie fotografiert bekannte Leute für Zeitungen. Klar, dass sie dadurch auch viel in der Welt herumkommt. Aber sie ist von den hohen Tieren, die sie fotografiert, nicht besonders beeindruckt, macht Witze über sie, und wir amüsieren uns dann köstlich: Über den berühmten Fernsehjournalisten zum Beispiel, der während der Fotoaufnahmen immer wieder besorgt fragte, ob seine Frisur auch richtig sitze. Oder sie erzählt von der angesehenen Politikerin, die Tante Elke bei der Sitzung mit einer tränenreichen Stimme von all ihren unglücklichen Liebesverhältnisse in Kenntnis setzte …

Mama hat gemeint, ihre Schwester sei ne Linke. Wenn ich mich nicht täusche, hat Mama die Nase ein wenig gerümpft, als sie das sagte. Mama selbst würde ich eher mal für konservativ halten. Ich glaube, sie findet das gut, was unsere Regierung so macht. Aber mit uns will sie nicht über Politik diskutieren.

Das letzte Mal habe ich Elke auf der Beerdigung von Papa gesehen. Aber da konnte ich sie nicht weiter beachten. Wir standen alle noch so unter Schock. Davor waren wir vor zwei Jahren mal bei ihr. Ich muss damals 11 gewesen sein. Jetzt bin ich gespannt auf diese Frau. Bernd und ich haben uns schon Fragen ausgedacht, die wir ihr stellen wollen, um herauszukriegen, was das bedeutet: links zu sein – vor allem links zu sein als Frau, die ziemlich gut Geld verdient und den ganzen Tag mit Leuten aus der High Society zusammen ist. Bernd meint, links seien eher die, die arm sind und nichts haben.

2 Tante Elke hat gegoogelt

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Kleines Fundstück – Video soll aus Tampere, Finnland, sein

https://a.metube.ch/videos/embed/4091d82a-d7f3-4bfe-b323-53e8158b1158

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„У меня лежит ни один товарищ“

Igor Rasterjajew

Весь день по небу летают
Какие-то самолеты.
Они на отдых в Паттайю
Наверно возят кого-то.

А я пешком в чистом поле
Иду-бреду по бурьяну
К погибшим от алкоголя
Друзьям Ваську и Роману.

Ни один лежит у меня товарищ
На одном из тех деревенских кладбищ,
Где теплый ветерок на овальной фотке
Песенку поёт о паленой водке.

Себе такую дорогу
Ребята выбрали сами,
Но все же кто-то, ей Богу,
Их подтолкнул и подставил.

Что б ни работы, ни дома,
Что б пузырьки да рюмашки,
Что б вместо Васи и Ромы
Лишь васильки да ромашки.

У меня лежит ни один товарищ
На одном из тех деревенских кладбищ,
Где теплый ветерок скачет изумленно,
Синие кресты помня поименно.

Но все слова бесполезны
И ничего не исправить.
Придется в банке железной
букет ромашек поставить.

Пускай стоит себе просто,
Пусть будет самым красивым
На деревенском погосте
Страны с названьем Россия.
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launiges Fundstück

beim Saker (immer wieder lesenswert), in einem Kommentar, der sich an einen bemerkenswerten Artikel von Sergej Glasiew anschließt

Kommentator João Oliveira:
„Die USA werden sich nur in einem dieser 3 Szenarien ändern:
– Dritter Weltkrieg mit einer riesigen nicht-westlichen Koalition, die das Territorium der USA bombardiert;
– eine Reihe von Unabhängigkeitsbewegungen, die die Föderation in kleinere Territorien aufspalten;
– ein Staatsstreich gefolgt von einem Bürgerkrieg.“

Da hat doch der Tag Perspektive. 🙂

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