Die Antwort

Der betagte ehemalige Barde, vor die Kameras und Mikrofone der Nation geführt, griff in die Saiten seiner Klampfe und schmetterte: „Wollt Ihr den totalen Krieg?“. Das war ein gelungener Jux, und das „Hohe Haus“ applaudierte und lachte. Alle Zeitungen trugen die Kunde von dem Ereignis ins weite Land, und viele Bürger per Kommentarfunktion äußerten sich zu der gestellten Frage. Nun ist ein Meinungsbild zu besichtigen, spontan entstanden, sicher nicht repräsentativ aber vermutlich authentischer als Vieles, was die üblichen Profi-Meinungsumfragen liefern.

Ich habe gesichtet:

78 Kommentare bei der FAZ,

73 Kommentare bei der Süddeutschen,

die ersten 100 Kommentare bei SPON (von 591),

die ersten 50 Kommentare bei der Zeit (von 390),

die ersten 50 Kommentare bei Bild (von 80).

Diese insgesamt 351 ausgewerteten Kommentare setze ich gleich 100%.

45% der Kommentierer äußern mehr oder weniger deutliche Kritik an Biermann/Lammert/CDU, ziemlich genau ein Viertel von ihnen äußerst heftige und konsequente.

26% der Kommentierer äußern sich ohne klare Parteinahme (etwa drei Viertel) oder leicht zustimmend (das restliche Viertel) zu Biermann.

29% der Kommentierer stimmen B. auf das Entschiedenste zu und äußern sich haßerfüllt gegen die Linke.

Ich schätze ein,

1. dass der Auftritt erheblich polarisiert hat. Weniger als 20% der Reaktionen aus Anlaß dieses bedeutendsten aller deutschen 9.11. (Vorsicht: Ironie) sind nicht konfrontativ. Anders gesagt: Mindestens 80% sind konfrontativ.

2. Mit 45% der Stimmen (und z. T. intelligenten Argumenten bzw. Verbalisierungen, schön finde ich z. B. „Gitarren-Gauck“) ist das Massiv der Ablehnung recht hoch. Ich denke, diese Zahl bestätigt ein weiteres Mal den seit einiger Zeit zu beobachtenden Widerstand des Publikums gegen die Propaganda-/Deutungsvorgaben der Mächtigen.

3. Mit 29% ist der Anteil der haßerfüllten Ablehnung von allem, was als irgendwie „links“ gilt, bedeutsam. Hier macht der Ton die Musik und dieser Ton lässt an Verbalradikalismus nichts zu Wünschen übrig – Progrombereitschaft des Mobs.

4. Das skizzierte Meinungsspektrum bei den Bürgern vorausgesetzt, mag jeder selbst reflektieren, welche zusätzlichen Botschaften das Verhalten des „Hohem Hauses“ und der anwesenden Politikerelite vermittelt hat.

5. Die oben genannten Durchschnittswerte verdecken die z. T. auffälligen und interessanten Unterschiede zwischen den einzelnen Medien. Bei den Bild-Kommentatoren war mit 66% der Anteil der Biermann-Ablehnungen weit überdurchschnittlich und mit 16% der Hassanteil gegen links unterdurchschnittlich. Umgekehrt war der Hassanteil gegen links bei den FAZ-Kommentatoren mit 43% weit überdurchschnittlich. Bei der Süddeutschen war mit 36% der Anteil der „Neutralen“ am Höchsten.

 

Wenn man dem „Sound“ der gegenwärtigen Gedenkfeiern nachhört und sich den Zeitraum von 25 Jahren klarmacht, mag man befremdet sein, dass so gar keine Idee, kein öffnender, befreiender Gedanke zu vernehmen ist.

Falsch. Keinerlei Idee zu haben, DAS IST die Idee des Tages. Betonmauern überall, gegen die die Unzufriedenen ratlos rennen sollen.

Den „Mauerfall“ feiern, um die heutigen viel tödlicheren Mauern zu stabilisieren!

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7 Antworten zu Die Antwort

  1. Pingback: “Gitarren-Gauck” | Kommentare aus der AMAZONAS-Box

  2. AlterKnacker schreibt:

    So und nichts anderes hat es auch beim Fratzenbuch gegeben … und dort teile ich den Beitrag auch …

  3. Lutz Lippke schreibt:

    Lammert lud sich einen Trunkenbold zur „Ermutigung“ ein, der als selbsternannter Drachentöter das Seelenbrot für den Widerspruch in der DDR lieferte. So sieht er sich jedenfalls selbst. Als Drachentöter könne er sich nun aber nicht auf die geschlagene Drachenbrut stürzen, auch wenn sich Herr Lammert das wünsche. Mit Blick auf die einzige, kleine deutsche Opposition im Parlament behauptet dieser Zugedröhnte, dass er diese bereits zersungen hätte, als sie noch an der Macht war.
    Das sagt der Biermann (oder Schnapsmann?) in einem Parlament, dessen Mehrheit sich offenkundig zum dienstbaren Knüppel des globalen und kriegslüsternen Kapitals degradieren lässt und uns einer Überwachung ausliefert, gegen die die Stasi ein Witz war. Diese Überwachung und die Alternativlosigkeiten der Ausbeutung werden uns noch mehr Zwang, Unfreiheit und blutgetränkte Erde bringen, als es die DDR-Mauer selbst in tausend Jahren und auf einer Länge der chinesischen Mauer „geschafft“ hätte. Damit wird die DDR nicht besser als sie war und natürlich musste die Mauer weg. Aber dies war nicht das Wichtigste, jedenfalls nicht für die Bürgerrechtler.
    Ich orientierte mich 1988/1989 politisch an Bürgerrechtlern wie z.B. Bärbel Bohley, Ulrike Poppe. Musik hörten wir von vielen Liedermachern aus Ost und West, live in Clubs und Kirchen, und immer wieder auch von der Platte oder vom Band. Vielleicht hatte sich auch mal ein Lied von Biermann aufs Band verirrt. Aber das war nicht wirklich Unsers, dieses verbittert Kämpferische, Selbstgefällige und Herrschsüchtige. Konstantin Wecker war kämpferisch und zerrissen zugleich, ein emotionaler Vulkan, das sprach uns aus der Seele und ermutigte uns selbst zu denken und manchmal auch zu handeln. Wir wollten nicht im Klassenkampf für oder gegen das System marschieren, wir wollten freie Wahlen, Demokratie, Meinungs- und Bewegungsfreiheit. Keine zackige Drachentöter-Rhetorik. Und wenn schon als Musik, dann nicht diesen schrulligen Klimper-Flamenco, wie er da im Bundestag von den Kunstbanausen beklatscht wurde.
    Ich war damals noch zu jung, um zu verstehen, welche Bedeutung die Ausweisung Biermanns für den Widerstand und die Wortfindung der DDR-Künstler hatte. Echte Regimegegner wurden aber inhaftiert und malträtiert, mussten erst vom Westen freigekauft werden. Sicher war es für Biermann hart, so plump aus der Heimat verstossen zu werden. Der selbst gewählten politschen Heimat von Biermann, so sehr er auch die Unzulänglichkeiten hasste und kritisierte. Nun war er wieder in dieser Konsum-Hölle gelandet, aus der er in den Osten geflüchtet war. Diese Bitternis kann ich verstehen, bringt uns als Gesellschaft nicht weiter. Die Aussperrung Biermanns begrub in der DDR wohl vor allem die Hoffnung einer weiteren Öffnung und Demokratisierung des DDR-Staatssozialismus. So denke ich. Viele bekannte Künstler beriefen sich auf Biermann, wenn sie dem „sozialistischen Projekt“ der SED keine Hoffnung mehr schenkten und in den Westen gingen oder dort nach Auftritten blieben. Manche lockte aber sicher mehr der Konsum als die Moral, da gab es wohl keinen Unterschied zu den Fluchtströmen gen Westen 1989.
    Meine Hoffnungen von 1988/1989 haben sich heute nicht erfüllt, auch wenn ich keinesfalls alte Zustände zurückbeten will. Wenn ich die politische Vermarktung des Mauerfalls, die peinliche Blindheit vieler ehemaliger DDR-Oppositioneller gegenüber den aktuellen Entwicklungen und die Umarmung durch die arbeitsscheuen und bräsigen Westeliten sehe, bin ich äußerst peinlich berührt. Dass ich mich für meine damaligen Hoffnungen und Illusionen nicht wirklich schäme, kann ich nur mit der ernsthaften Behauptung „SO war es nicht, DAS wollten wir nicht.“ begründen und finde auch Bestätigung. Zum Beispiel hier
    http://www.tagesspiegel.de/politik/interview-mit-ulrike-poppe-der-mangel-an-sozialer-gerechtigkeit-gefaehrdet-auch-die-demokratie/7712388.html oder hier http://www.horch-und-guck.info/hug/archiv/2000-2003/heft-35/03511-wawerzinek/

    • kranich05 schreibt:

      Dass den Wolf B. die „Konsumhölle“ stört, glaub‘ ich eher nicht, zumindest nicht, wenn er da mitwirtschaften kann.
      Interessant finde ich noch, dass die Bosse (nicht nur) des Bundestags sich das Ganze offensichtlich gerne zugemutet haben. Wenn das mal nicht eine Form von Realitätsverlust auch dieser Klientel ist.

      Übrigens sind Sie einer der Wenigen, die den Eindruck äußern, dass der Vortrags“künstler“ zumindest halb zugedröhnt war. Mein Eindruck war das auch.

  4. Wolfgang schreibt:

    Ich fand die ganze Inszenierung einfach nur peinlich. Es bestätigt vor allem all das, was wir hier diskutieren. Ich wünschte nur, dass in Thüringen Trotz Alledem! oder nun gerade gesagt wird. Mache mir da allerdings nicht viel Hoffnung. Habe gerade „Die Bild“ in die Tonne geschmissen. Sie kam, offensichtlich wieder in alle Haushalte. So macht mann „Machtkonforme Demokratie, von marktkonformer der Kanzlerin abgeleitet. Wo sind wir gelandet?

  5. Pingback: Warum wird eigentlich zur Zeit so sehr auf die Linke eingedroschen? | opablog

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