Unser täglich Leak gib uns heute

Jeder/Jede freut sich über Whistleblower und die von ihnen präsentierten Leaks (ausgenommen die Anderen, die geleakt wurden). Plötzlich ist man in böse Geheimnisse eingeweiht, hat jetzt schwarz auf weiß, was man längst allgemein wusste oder zumindest ahnte. Für bisherige frivole Äußerungen gilt man nicht mehr als Verschwörungstheoretiker. Befriedigt darf man jetzt der Wahrheit beim Siegen zuschauen. Stammtische sind begeistert. Journalisten bekommen Preise.

Meine Euphorie über die (in letzter Zeit zunehmenden) Leakswunder hält sich in Grenzen. Mir sind da meist zu viele offene Fragen: Wer hat warum geleakt? Was wird durch das Leak offenbar, was gerade nicht, wo also sind die Grenzen der Offenbarung? Steht ein Interesse hinter dem Leak und wenn ja, welches? Wem wurden die Leaks zur Veröffentlichung zugespielt?

Es mag Gründe dafür geben, dass „Spiegel“ oder „Zeit“ zu Sachwaltern von Leaksmassen erkoren wurden (damals von Assange); mir stinkt das trotzdem. Oder das Leak (Veröffentlichung des Revisionsberichts), das den Mollathfall neu ins Rollen brachte – unerklärlich dieses einsame Loch in der Banken-Betonwand. Und ein Held Kasperowitsch, der sich zu gegebener Zeit heftig gegen die Versuche einer investigative Analyse der Bankenpraktiken im Mollathfall wandte, genauso wie seine verdienstvollen Mitheldenkonkurrenten Przybilla und Ritzer von der Süddeutschen!

Jetzt wurde Luxemburg geleakt. Schön, wenn man jetzt mit halbwegs neuen Dokumenten (bis 2010) belegen kann, dass ALLE europäischen Regierungen ALLES Menschenmögliche taten und tun, damit die Superreichen von Steuerzahlungen möglichst befreit bleiben, natürlich völlig legal. Das ist zwar nicht neu, aber neue Beweise sind willkommen. Es stinkt aber irgend etwas und es steckt wohl eine spezielle Absicht dahinter, wenn plötzlich ein Trommelfeuer ALLER Medien gegen Juncker einsetzt. Wenn es so läuft, fühle ich mich instrumentalisiert.

Bremst der Juncker etwa beim TTIP? (Darüber plärren die Zeitungen schon länger.) Im Gelben Forum äußern sich ja oft die „ungläubigen Thomasse“. Zu dem investigativen Journalistenkonsortium (ICIJ) haben sie immerhin herausgefunden, dass es nicht nur stolz seine Nichtregierungsmäßigkeit verkündet, sondern auch von Soros sowie der Ford Foundation USA finanziert wird. Hier der Originallink.

Übrigens habe ich kurz mal in die jetzt präsentierten Dokumente reingeblickt, schon aus altem Mollathinteresse. Und siehe da: Die alten Ganovennester sind wieder und immer noch (Jahre 2008 und 2009) mit von der Partie – die bayerische Landesbank, die Hypo Real Estate, die Unikredit/HVB.

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Nachtrag am 9.11.2014:

Lucas Zeise der von „Lust und Risiken des Kapitalverkehrs“, so seine wöchentliche Kolumne in der „jungen Welt“, gewiß mehr versteht als ich, schreibt hier zu obigem Thema:

„Um auch die angeblich zweitseriöseste Zeitung des Landes, die Süddeutsche, zu würdigen, hier noch ein Rückblick auf den Knüller ebenfalls vom Donnerstag. Er lautete »Konzerne ertricksen sich in Luxemburg Milliarden an Steuern«. Das habe ein »Internationales Konsortium Investigativer Journalisten (IKIJ)« mit Sitz in Washington durch die koordinierte monatelange Arbeit von mehr als 80 Reportern herausgefunden. Die Konzerne nutzten schamlos die unterschiedliche Besteuerung in den Ländern der EU aus, und die Luxemburger Behörden hülfen ihnen noch dabei. Das Ganze sei sogar legal.

Wissen die 80 investigativen Journalisten nicht, dass der Steuerwettbewerb in der EU eigens deshalb veranstaltet wird, um den Konzernen die Steuervermeidung zu ermöglichen? Kaum zu glauben. Warum wird uns mit wahren Geschichten Müll erzählt?“

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Eine Antwort zu Unser täglich Leak gib uns heute

  1. Lutz Lippke schreibt:

    Die NSA-Sammelwut ist ja kein Selbstzweck. Es geht nicht nur gegen den Einzelnen. Es können mit den Nutzungsprofilen auch Auswertungen und Tests gefahren werden, wann wer womit aktiviert oder deaktiviert werden kann. Diese Manie hat aber auch eine „beruhigende“ Facette, denn die Mächtigen setzen noch auf humans als roboterhaften Untertanen. Mit der Schrottvariante klappt es demnach die nächsten 10-20 Jahre noch nicht. Die Berliner Uni beteiligen sich an Roboterfussball- WM. Es wäre gut zu wissen, wer und warum dort sponsort. 2050 möchte man gegen humans antreten. Hoffen wir, dass es nur für den letzten platz in der kreisliga reicht.

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