MEIN TAGEBUCH 7. Tag: St. Petersburg

kopf tagebuch opablog13 August 2016

16.30 Uhr:

Der Tagesplan:Plan13

1.00 Uhr:

Es gab heute wahrlich genug Ereignisse und Eindrücke. Ich werde darüber jetzt nicht schreiben. Morgen gibt es längere Fahrtstrecken, da kann ich Einiges nachholen.

Hier füge ich nur die Mail ein, die ich an meine Shantycrew nach Kreuzberg geschickt habe, das Konzert im „Burewestnik“ betreffend:

Singers, ich hab’s hingekriegt.

Der gemeinsame Auftritt „Dubinuschka“ mit Michail Semjonow von „Dekabr“ hat heute stattgefunden. Es war ein Konzert im Klub „Burewestnik“ („Sturmvogel“) vor gefühlt 400 Leuten.

burewesstnik

Wir haben 4,5 Minuten 😉 „geprobt“ (Sein Wort danach: „otlitschno.“), und dann los. Wie nun schon die Regel hab‘ ich nicht 100 oder 105% erreicht, sondern nur 90 oder 95%. Aber mir hat es riesigen Spaß gemacht, und das Publikum (nicht zuletzt das russische) war von der unerwarteten Einlage recht angetan. (Von einem Kind, Sergej Smirnow, (3. Klasse, behindert?) des hiesigen deutsch-russischen Kulturzentrums bekam ich danach ein Bild geschenkt, Aquarell, ein erstaunliches Bild. Vielleicht gibt’s ja paar Videoschnipsel von alldem. 

Es gab auch noch andere ungewöhnliche Momente freundschaftlicher Kooperation/Kompensation. So blieb einer Sängerin von uns mitten in einem russsischen Popsong die Stimme weg, da sprang eine russische Sängerin ein, überbrückte, und dann sangen beide das Lied bis zum Ende.

Weiteres angeleiert habe ich mit „Dekabr“ nicht. Vielleicht kommen sie mal wegen „Russen-Rock“ nach Berlin, und es findet ja in St. Petersburg auch ein jährliches Shantyfestival statt. Aber ich will in diese Richtung in keiner Weise drängeln.

Ich bin zufrieden ins Hotel gefahren. In der Bierbar neben meinem Hotel, die eine siebenseitige (!) Bierkarte vorweist… nein, bin ich nicht versackt. (Morgen in der Frühe geht es weiter nach Nowgorod/Twer.) Ich habe mir zwei Flaschen köstlichen belgischen Starkbieres geholt. Das eine hat mir sehr gefallen, „Pater Lieven“, braun, hat 6,5%. Das Andere nannte sich „Trappistes Rochefort“ und hatte nicht weniger als 11,3%. Dass es sowas überhaupt gibt! Das war eine echte Sache aber im Grunde schon eine andere Liga, kein wirkliches Bier mehr. Liebhaber dieser Klasse werde ich wohl nicht werden. Ich finde, Bier muss Durstlöscher bleiben.

Soviel aus dem Fernen oder Nahen oder Ganz Nahen Osten.

Freu mich auf unsere nächste Probe.

kp

Nachgetragen (am 14.) die Ereignisse vom 13.:

Der Tag begann mit einer Stadtrundfahrt. St. Petersburg hat wirklich eine Unmenge schöner Gebäude, zusammen mit den Kanälen, Brücken, Parks und Kirchenbauten und natürlich dem pulsierenden Leben entsteht eine Atmosphäre, die ich gern länger genießen möchte. Bei früheren Besuchen habe ich das nicht so stark empfunden.

Das Führungsprogramm ist natürlich um Peter den Großen zentriert und darüber hinaus um weitere Zaren und Fürsten. Schon zu Sowjetzeiten war das so, heute wird aber alles, was mit der Oktoberrevolution zusammenhängt, fast vollständig ausgespart. Der Panzerkreuzer „Aurora“ wird zwar gezeigt aber deshalb, weil er in drei Kriegen im Einsatz war, 1904 im russisch-japanischen Krieg, im ersten und im zweiten Weltkrieg. Der Schuss auf das Winterpalais sei ein Mythos gewesen. Hier, fast zum Ende der Fahrt, wird zum ersten Mal die Oktoberrevolution erwähnt. Am Finnischen Bahnhof, auf dem einst Lenin aus Westeuropa ankam, steht in einer Parkanlage mit üppigen Wasserspielen ein Lenindenkmal. Hier, in dieser Anlage, würden viele Menschen verweilen.

Wir begaben uns dann zum Piskarjow-Friedhof, auf dem eine halbe Million Menschen begraben sind, die Hälfte der Blockadeopfer.

Unser Stadtführer, ein junger Mann, ist ein gebürtiger Leningrader. Seine Oma habe die Blockade erlebt. Sie habe darüber aber fasst nicht sprechen können. Wenn sie gefragt wurde, habe sie immer nur weinen müssen. Sie war Jahrgang 1916 und ist vor fünf Jahren gestorben. Der Stadtführer erzählt, dass die Stadt von deutschen Truppen und im Norden von finnischen Truppen blockiert war. Der finnische Befehlshaber Mannerheim habe entgegen der Weisungen der Deutschen gewisse Transporte in die Statdt zugelassen. So konnte im Winter die “Strasse des Lebens“ über den Peipussee betrieben werden; unter großen Gefahren durch Bombenangriffe deutscher und finnischer Flieger und Artillerie. Von dieser Rolle Mannerheims hörte ich zum ersten Mal. Unser Führer stellte fest, dass die Blockadetragik in Deutschland und überhaupt im Westen wenig bekannt sei. Das fand ich durch die Reaktionen unserer Fahrtteilnehmer bestätigt. Die ehemaligen DDR-Bürger unterscheiden sich hier signifikant. Wir sprachen über Granins „Blockadebuch“, das er natürlich auch kannte.

Über den Piskarjow-Friedhof mag ich nicht schreiben. Dieses weite Feld so vieler „in Frieden“ „ruhender“ Toter spricht selbst. Es bedarf keines Dolmetschers und keines Pathos.13 piskarjow

Ich habe die Schrift, einen durchaus etwas umfangreicheren Text, an der großen Steinwand fotografiert. Wenigstens diese Mühe, diesen ganzen Text zu übersetzen, werde ich mir machen. Ich werde ihn dann hier einstellen. Doch es wird etwas dauern, weil ich meine Übersetzung zu Hause von einer russischen Freundin korrigieren lassen möchte. Ich habe das Gefühl, dass Worte, die angesichts so unsäglicher Menschenopfer geschrieben wurden, wahr sein müssen. Diese Einstellung habe ich auch zu den je drei Steinreliefs zu beiden Seiten des Textes. Sie werde ich keiner ästhetischen Kritik – „Stalinscher Realismus“ – unterziehen.

Nachdem wir zurück ins Zentrum gefahren waren, gab es weitere „Programmpunkte“, also Begegnungen. Ich musste sie auslassen, es ging auch Anderen so.

Ich tauchte in das quirlige Leben des Newski, auf dem mit großem Knattergetöse Biker auf und ab ratterten oder rasten. Es sind Harley-Tage in Piter. Anscheinend haben Biker, die „Nachtwölfe“ sowieso, einen besonderen Status. Hier ein dickes Auto eines Nachtwölfe-Funnktionärs.13 nachtwölfeHier Hemdbrüste (aus einem Andenkenladen) mit Konterfeis von Ehren-Nachtwolf und coolem Rocker Putin.13 putinHier noch ein Nachtwölfe-Bild vom Piskarjow mit Rückenbeschriftung „Wo ich bin, ist Russland“. Im Hintergrund sieht man einen Teil der erwähnten Schrift:13 nachtwölfe 2

Am Newski habe ich übrigens schön gegessen (in der Reihenfolge des Servierens): großes Bier (Tuborg), Salatteller, gegrillter Lachs (mit Beilage), Espresso. Alles war richtig gut. Es kostete 1170 Rubel, also etwa 17 €. Dann über die „16-Eier-Brücke“, wie der Volksmund sagt, zurück zum Hotel. (Diese despektierliche Benennung, die ich noch aus Leningrader Tagen kenne, bezieht sich darauf, dass diese Bridge von vier Figurengruppen geschmückt wird, die aus je einem nackten Athleten/Pferdebändiger und seinem (natürlich auch nacktem) Pferd bestehen.)

Ein Bettler, nicht der Einzige aber Wenige auf dem Newski. Ich habe ihm etwas gegeben, dann trotzdem nicht die „Coolness“ gehabt, ihn ordentlich zu fotografieren. 13bettlerZur Erholung im Hotel fast keine Zeit mehr. Auf zum Klub „Burewestnik“, (etwa 1 Stunde mit öffentlichen Verkehrsmitteln), in dem vor dem abendlichen Konzert eine Gespräch mit Prof. Starikov stattfindet. Starikov hat in Statur, Haltung, Gestik und Redeweise eine verblüffende Ähnlichkeit mit Putin. Es ist mir immer ein Genuss hochgebildeten Russen zuzuhören. Naja, Hochgebildeten überhaupt – soll es nicht nur in Russland geben.13 starikow

Starikov vertritt die These, dass wir derzeit einer zwingenden Kriegslogik unterliegen. Ich referiere seine Aussagen von gestern nicht (die Übersetzung war leider nicht sehr präzise), sondern versuche einen guten Link zu finden bei Analitik, Saker oder anderen Seiten, die Starikov übersetzt haben. Die Friedensfahrer zeigten sich teils gut informiert und stellten interessante Fragen. Natürlich war die Zeit viel zu kurz, Opa konnte seine Fragen nicht loswerden.

Dann begann das Konzert.

Viele weitere Bilder hier,  hier und hier. 

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Eine Antwort zu MEIN TAGEBUCH 7. Tag: St. Petersburg

  1. Theresa Bruckmann schreibt:

    Danke! Von diesen spontanen Reaktionen (z.B. die Gesangseinlage, das Kinder-Aquarell usw.)
    der Menschen vor Ort kann ich nicht genug lesen. Vielleicht hat ja eine/r mitgeschnitten, und es wird auch etwas davon (später im Netz) hörbar werden! Die bisherigen Fotos zeigen aber auch schon viel von den Begegnungen!

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