Blauer Montag II

“Wir sind nicht Staub im Wind”

ist der Titel eines Romans von Max Walter Schulz, der 1962 erschienen ist und bei den DDR-LeserInnen recht populär war. Ich habe das Buch nicht gelesen, aber sein Titel hat mir immer gefallen. MWS ist mir als sich durchaus politisch äußernder aber dabei ruhig abwägender und differenzierender Schriftsteller in Erinnerung. Und natürlich als Chefredakteur von “Sinn und Form”, der manchmal anspruchsvollen Akademiezeitschrift, von der ich mir dennoch immer viel mehr Streitbarkeit gewünscht hätte.

Nicht getriebenes Staubkorn sein, sondern frei und selbstbestimmt handeln!

Die Montagsdemonstrationen 2014 haben EINE FASZINATION, UND NIEMAND KANN DIESE WEGREDEN:

ES IST DIE SELBSTERMÄCHTIGUNG DER FÜR SICH SPRECHENDEN MENSCHEN.

Damit sind sie tatsächlich Nachfolger der Leipziger Montagsdemos von 1989. Und jeder Redner dieser Kundgebungen, gleich, was er sagt und wie er es sagt (Ja, “er” – ich habe bis jetzt noch keine Rednerin erlebt.), spricht ALLEN  Mut zu, sie mögen sich ihres eigenen Verstandes bedienen und entschlossen und dabei gewaltfrei auf dem eigenen Lebensanspruch bestehen.

Nicht Weniges, was dann gesagt wird, finde ich bedenklich und Etliches bestreitbar, das ändert aber nichts daran, dass ich mich zu dem hier wirkenden Grundgestus der Wiedergewinnung (die oft eine Erstmalsgewinnung sein dürfte) der Souveränität des Bürgers bekenne.

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Meinungshoheit – früher und heute

von Joachim Bode

Während meiner Studentenzeit – der Vietnamkrieg tobte auf dem Höhepunkt – lernte ich es, täglich mehrere Zeitungen zu lesen. Dies war ohne Probleme möglich, weil die Universitätsbibliothek zahlreiche Tageszeitungen kostenlos vorhielt, und weil mein Studium eher so nebenher lief: Meine Zeit war aufgeteilt zwischen politischer Information, dem Engagement vor allem in der studentischen Rechtsberatung, und den Treffen mit befreundeten Studenten, mit denen ich mich in einer Arbeitsgruppe auf das Examen vorbereitete.

Zurück zum Zeitungslesen:

Zu einem Thema bekam man damals meistens mehrere Meinungen präsentiert. Das schulte so weit, dass man nach einer Weile schon fast voraussehen konnte, was in den verschiedenen Zeitungen zum jeweils aktuellen Thema geschrieben wurde. Aber nicht nur die Meinungsspalten öffneten sich auf diese Weise: Auch die Nachrichten waren oft genug voneinander abweichend, widersprüchlich und sogar kontrovers, je nachdem, in welchem Blatt sie dargeboten wurden. Besonders der Vietnamkrieg gab dafür genügend Stoff, wobei nicht nur die Kriegsberichterstattung als solche betroffen war, sondern auch – und das weit überwiegend – die entsprechenden Berichte über die Verhältnisse in den mit den USA befreundeten Ländern und Regierungen, so auch der bundesdeutschen Regierung, die ja nibelungentreu zur US-amerikanischen völkermordenden Politik z.B. des flächendeckenden Napalm-Einsatzes zwecks Verteidigung und Verbreitung westlicher Werte stand.

Solche und auch andere Regierungspolitik fand natürlich Widerspruch, weshalb ein kleinerer Teil der Studenten den Protest hin und wieder auf der Straße artikulierte. Das fand sich dann wiederum sehr unterschiedlich berichtet und kommentiert in den entsprechenden Medien wieder – alles zusammen also eine ausgezeichnete Lehrzeit für näheren Durchblick bei Berichterstattung und Meinungsverbreitung.

Die Zeiten haben sich – sie wurden – geändert, die wiederholte verheerende öffentliche Verurteilung eines US-Krieges sollte nämlich vermieden werden:

Seit dem zweiten Irak-Krieg gibt es den sogenannten „embedded“ Journalisten, den in vorab vom US-Militär vorgehaltene Informationen „eingebetteten“ Journalisten, der nichts mehr selber ermitteln muss und nicht einmal darf, sondern das vom Militär Mitgeteilte weiter gibt, geben muss, weil es kaum Anderes gibt. Auf diese Art behält das Militär in der Hand, was berichtet wird, auch und gerade dann, wenn es genau das Gegenteil von dem ist, was wirklich geschieht. So steuerten die USA die veröffentlichte Meinung während des Irak-Krieges und später sehr weitgehend, abweichende Berichterstattung war und ist wegen der umfassenden Militärkontrollen kaum möglich.

In den letzten Tagen war an verschiedenen Stellen über das ungläubige Erstaunen zu lesen und zu hören, das so manchen Redaktions-Vertreter und TV- und Radio-Journalisten gepackt hat ob des überhand nehmenden Leser- und Hörerprotestes gegen die unerträglich gewordene Gleichschaltung der Berichterstattung zu den Vorgängen in der Ukraine, der Krim und Russland.

Das Erstaunen wundert nicht, haben es doch die USA und ihre westlichen Verbündeten – den „Osten“ in Gestalt von Russland lasse ich hier bewusst draußen vor, darüber mag ein mit den russischen Verhältnissen vertrauter Autor berichten – in den letzten Jahren geschafft, die Grundsätze des „embedded“ Journalismus über den militärischen Bereich hinaus auszuweiten auf den gesamten zivilen Bereich. Geholfen hat dabei das perverse Total-Überwachungssystem der NSA und anderer Nachrichtendienste. Das hat wohl so gut funktioniert, dass die entsprechenden Herrschaften jetzt wie aus dem Schlaf aufgeschreckt sind, weil sie die gegen Manipulationen gerichteten Proteste aus dem Volke nicht mehr überhören und nicht mehr so einfach zur Tagesordnung zurückkehren konnten.

Vorangegangen sind – weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit – jahrelange Übungen der verantwortlichen Stellen in den USA und in den führenden Ländern der EU, wie die wichtigsten meinungsführenden Journalisten am besten in die von den Regierungen gewünschte Richtung bei Nachrichten- und Meinungsverbreitung eingebunden („embedded“) werden können – was sehr erfolgreich, aber offensichtlich nicht unbedingt ganz ausreichend erfolgreich verlaufen ist.

Vorangegangen sind – weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit – jahrelange Übungen der verantwortlichen Stellen in den USA und in den führenden Ländern der EU, wie die wichtigsten meinungsführenden Journalisten am besten in die von den Regierungen gewünschte Richtung bei Nachrichten- und Meinungsverbreitung eingebunden („embedded“) werden können – was sehr erfolgreich, aber offensichtlich nicht unbedingt ganz ausreichend erfolgreich verlaufen ist.

Es gibt hierzu schon einige Beiträge, auf die u.a. auch im opablog an geeigneter Stelle bereits hingewiesen worden ist, aber insbesondere eine sehr bemerkenswerte Untersuchung des Wissenschaftlers Uwe Krüger mit dem Titel: „Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten – eine kritische Netzwerkanalyse“.

Hier lassen sich Hinweise z.B. dafür finden, warum der im ZDF zunehmend nervös und unsicher auftretende Claus Kleber so penetrant an seiner Meinungsmache festhält, warum Stefan Kornelius die sonst so freiheitlich (liberal) Bericht erstattende Süddeutsche Zeitung in Sachen Ukraine auf striktem Anti-Putin-Kurs zu halten versucht.

Es eröffnet sich ein seit Jahren aufgebautes und gepflegtes Netzwerk, in das die tonangebenden Journalisten und ihre Gefolgsleute so eingebettet wurden, dass sie – eingelullt im Bewusstsein oder auch nur Einbildung ihrer Macht und Unangreifbarkeit – möglicherweise anfingen einzudösen, bis sie von den Protesten derer geweckt wurden, die sich nicht mehr mit den unsäglich platten und dummen Manipulationen der Medien abfinden wollten.

Der Schrecken darüber ist jetzt groß bei den betroffenen Stellen – und die sind zahlreich -, die Erklärungsversuche klingen ebenso mannigfaltig wie verzweifelt:

Von antiamerikanischer Stimmung im Volke wegen Irak-Krieg, Guantanamo und NSA ist die Rede, bis zur Russlandfreundlichkeit wegen der Abhängigkeit vom Gas und des Mangels der den Amerikanern angelasteten Schandtaten fehlt kaum eine Variante zur Erklärung der Proteste aus der Bevölkerung.

Die einzig zutreffende Erklärung wird von diesen Herrschaften ausgeblendet, weil sie ihnen unangenehm ist:

Das Volk hat die Nase voll von Manipulationen und Täuschungen, die nicht nur von Politikern – von denen ist man es ja nicht anders gewöhnt -, sondern von den Medien, der sogenannten vierten Gewalt, ausgehen, die eigentlich dazu berufen sind, die Politik zu kritisieren, sie zu kontrollieren.

Ja, so weit ist es gekommen:

Die Politik kontrolliert und dirigiert die Medien ganz nach Belieben, der Anfang vom Untergang einer sich freiheitlich nennenden Gesellschaft, die vom freien Informationsfluss lebt.

Und alles deutet darauf hin, dass es so weiter geht, noch schlimmer wird – wenn wir es zulassen!

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Blauer Montag I

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Als wir kürzlich im Sightseeing-Wägelchen durch die – nun ja – quirlige Altstadt von Görlitz rumpelten, erzählte die gutgelaunte Stadtführerin, dass die Färber zum Erzeugen des schönen Blau des Waid das Tuch am Ende (montags?) bepinkeln mußten. Die Männer süffelten also reichlich Bier (Landskron?), pinkelten fleißig und waren danach “breet” – folglich: blauer Montag. Reisen bildet eben; manchmal ein wenig.

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Einige Male durfte ich als sechsjähriger Steppke mit Großvater (Leider war es nur ein allseits unakzeptierter Stief-Großvater.) mit dem Pferdewagen nach Ilmenau fahren. (Für diese weite Fahrt wurde das “gute”, das gummibereifte Fuhrwerk verwendet.) Wenn wir Pause machten, futterten wir die hausgeschlachtete (“schwarz geschlachtet”), hausgeräucherte grobe Mettwurst. Sie schmeckte gut aber heimlich ekelte ich mich ein bißchen, weil sie so grob war. Dann sagte Großvater immer den Vers: In Ilmenau, da ist der Himmel blau, da tanzt der Ziegenbock mit seiner Frau im Unterrock.

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Der große Großmeister Johann Sebastian verurteilte das, was der kleinere Großmeister Carl Philip Emanuel in Berlin machte nicht, aber er nannte es doch ein wenig despektierlich: “Berliner Blau”.

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Ich stehe Montagabend am Potsdamer Platz (für Auswärtige: eines der Zentren von Berlin). Inmitten einer Menge von einigen tausend Leuten. Ich gucke nach oben: Der Himmel ist blau. Redner reden. Ich gucke wieder nach oben: Das Blau ist immer noch am Himmel. Oder habe ich nicht richtig geguckt?

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Zwischen zwei Auftritten von “Die Bandbreite” spricht Andreas Popp. (Das war jetzt gemein gesagt, denn eigentlich spielt “Die Bandbreite” zwischen zwei Auftritten von Andreas Popp.) Der Redner erwähnt drei- oder viermal, dass er unter Lebensgefahr oder Todesgefahr (Wie heißt es richtig?) zu den Versammelten spricht. Damit spielt er nicht auf Bundeskanzlerin Merkel an. Vielleicht weil die gerade keine Drohnen, nur neue Wasserwerfer, bestellt hat? immerhin für (aufgerundet) hundert Millionen. Wie auch immer. Er sagt (ziemlich beiläufig), Merkel sei keine Adressatin des Protestes. Die beifallswilligen Zuhörer kriegen das kaum mit. Ich schon. Und mir stinkt das, gar nicht wenig.

Aber ich mache ja blauen Montag, und deshalb zerreiße ich mir jetzt darüber nicht das Maul. Mache nur Fragezeichen. ???????

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Ich stehe drei Stunden. Die anderen Menschen auch. Freiwillig. In meinem Kopf notiere ich nicht nur Fragezeichen. Lars Mährholz ruft ins Mikro: “Wir wollen Frieden! Oder?” Und die Menschen antworten brüllend: “Frieden!”. Er ruft wieder: “Wir wollen Frieden! Oder?” Und alle brüllen: “Frieden!”. Und ein drittes Mal: “Wir wollen Frieden! Oder?” Und wieder: “Frieden!” Das macht irgendwie Spaß. Es ist aber mehr als Spaß. Es ist Sehnsucht. Wunsch. Bereitschaft. Wille? Weg?

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Zu guter Letzt treffe ich einen Bekannten aus ältesten gemeinsamen PhilosophentagenRainer Thiel. Er ist profilierter unabhängiger Wissenschaftler geworden, ich bin profilierter unabhängiger Nobody geworden. Wir sind wohl Brüder im Geiste.

Es hat sich gelohnt.

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Der antisemitische “Fehltritt” des Mitorganisators der Montagsdemonstrationen Ralf Schurig

Ralf Schurig hat auf Facebook eine Entschuldigung gepostet für einen Beitrag, den er weiterverbreitet hat. Hier ist dieser Beitrag der Website “Deutschland im Würgegriff”. Der Beitrag ist lang und beschäftigt sich angeblich mit “Hasbara”, einer israelischen Methode der ideologischen Kriegsführung. Unter dem Label “berechtigte Kritik an Israel” wird ein ellenlanger faktenfreier antisemitischer Schmutzriemen abgezogen. “Sachlich” eingeleitet wird dieser Beitrag wie folgt:

Vor einigen Wochen befassten wir uns in einem Bericht ein erstes Mal mit von Israel bezahlten Facebook-Denunzianten. Durch Beleidigung, Beeinflussung von Administratoren und durch das Melden von Beiträgen verhindern diese den Informationsfluss, zielorientierte Diskussionen, treiben gezielt Keile zwischen die Menschen und rauben ihnen die Motivation zum, vor allem gemeinsamen, Handeln. Soweit der Plan, beziehungsweise ihr Leitfaden. Oft, zu oft, leider mit entsprechendem Erfolg, manchmal erfreulicher Weise, aber auch ohne selbigen.

Eines Nachts am vorletzten Wochenende bekam ich erneut die Gelegenheit diese Spezies (bei einigen Flaschen Bier) in freier Wildbahn zu studieren. Mittlerweile Routine, da uns dieses Gesocks nun mal wie ein Pickel am Arsch klebt, aber doch auch immer wieder unterhaltend. Diese Leute, ausgestattet mit dem Intellekt einer Scheibe Brot, erdreisten sich ernsterdings, uns, das Volk der Dichter und Denker, zu bevormunden und zu spalten. Das ich nicht lache – liegt dann aber doch daran, dass sich zu viele, gerade in administrativer Ebene, von diesem Gesindel beeinflussen lassen. So musste ich, obwohl doch Experte im Ausdrücken eiternder Hautirritationen, schon in zahllosen Gruppen das Feld räumen.

Aber lange Rede kurzer Sinn: Verfolgt einfach selber das, für euch nachfolgend, archivierte Aufeinandertreffen von Wirt und den als Team agierenden Parasiten. Es ist versprochen unterhaltend, hilfreich und liefert vor allem den unwiederbringlichen Beweis für die Existenz dieser intellektfernen, parasitären Terroristen.”

Hier im Blog erspare ich mir den argumentativen Nachweis, welch hetzerisch-antisemitischer Geist auch in dieser Einleitung herrscht. Oder ist die Einzelargumentation  nötig?

Dafür, dass er dies verbreitet hat, entschuldigt sich Schurig nun wortreich inhaltsleer.  Wofür, für welchen Inhalt (!) seine Entschuldigung gilt, sagt er nicht. Im Gegenteil, er geht “zum Gegenangriff” über und erklärt lang und breit, dass er gegen Hasbara und für die Meinungsfreiheit sei.

Jetzt, nach neun Stunden des Schurig-Postings, hat dieses 52 Kommentare und 46x die Wertung “gefällt mir”.

Ich beteilige mich als “Mascha Heinrich” an dieser Diskussion und sage, dass sich Schurig für die weitere verantwortungsvolle Arbeit bei den Montagsdemonstrationen disqualifiziert hat und verlange, dass er aus der “Orga”, der Organisationsgruppe, ausscheidet.

Die ganze Diskussion referiere ich jetzt nicht. Meine Position ist eine Minderheitenposition. Tenor: Dass sei ein Fehlgriff gewesen, wie er jedem passieren könne. Man möge verzeihen. Wenn man nicht einig zusammenstehe könne man keinen “ErfolK” haben. Und außerdem soll man Sch. loben, dass er den Mut zur Entschuldigung aufbrachte…. In der Polemik gegen “Mascha Heinrich” finden sich auch hetzerische Züge.

Dieser Streit und welche Konsequenzen daraus gezogen werden ODER NICHT GEZOGEN WERDEN, wird einiges offenbaren, welchen Geistes die maßgebenden dieser “Kinder” (Ich meine die Organisatoren!) sind.

Eine Nagelprobe!

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Nachdenklich zur Montagsdemo

Gestern war Ostermarsch in Berlin. Obwohl ich die feste Absicht hatte, habe ich nicht teilgenommen. Es kam etwas Zwingendes dazwischen, das ich nicht beeinflussen konnte. Morgen gehe ich zur Montagsdemo am Postdamer Platz. Auch diesmal hab’ ich paar Schwierigkeiten meine Teilnahme zu sichern, aber es wird klappen. Muß klappen, denn nach all der Montagsdemo-Virtualität brauche ich die Rückmeldung von einer realen Demonstration realer Menschen.

*** Seit einigen Tagen habe ich mich viel auf der Facebook-Seite zur Demo umgesehen und auch angefangen, mich aktiv zu beteiligen. Fast als erste “Begegnung” stieß ich auf das Video eines Nazi-Duos, Gitarre und Gesang, das für seine deutsche Heimat plärrte und irgendwann mit dem Satz “Und Zion will Dein Gold.” jeden Zweifel ausräumte. In etwa einer halben Stunde gab es etwa acht Kommentare, verurteilende, fragende, verteidigende. Ich drückte meine Meinung in zwei K0mmentaren drastisch aus. Danach war das Video samt Kommentaren verschwunden und blieb es.

Ich machte in zwei Postings Vorschläge, einen der gegen die Unterstützung der Putschistengewalt in der Ukraine durch die BRD-Regierung gerichtet war und einen, der zur Teilnahme auch an den Ostermärschen aufforderte. In beiden Fällen gab es einige Reaktionen, sowohl pro als auch contra. Bemerkenswerte Argumente waren, dass man “für” etwas sei und nicht “gegen”, also auch nicht gegen die Bundesregierung, sowie, dass die FED die eigentliche  Bestimmerin sei und man sich nicht mit den Marionetten (Bundesregierung) anlegen solle. Die Teilnahme an Ostermärschen wurde “aus persönlichen Gründen” abgelehnt. Ich bemerkte , dass in dem (unübersichtlichen) Facebook-Stream Beiträge, die zu konkreten Friedensaktionen in der Ukrainefrage aufriefen, eher wenig Resonanz fanden. Insgesamt ist auf Facebook ein breites Themenspektrum sichtbar. Sehr viele Beiträge und Kommnentare wehren sich gegen Antisemitismusvorwürfe und gegen die Vorwürfe rechts und völkisch zu sein. Beiträge mit Vorschlägen, um die Friedensarbeit voranzubringen fehlen nicht, laufen aber Gefahr in der schieren Masse der (meist kurzatmigen) Wortmeldungen “untergemüllt” zu werden.

Kurz, der über Facebook gewonnene Eindruck ist durchwachsen. Und die zahlreichen Bekundungen von Euphorie wirken meiner Euphorisierung durchaus bremsend entgegen.

*** Da mir die Facebookseite nicht genügend Informationen bot, habe ich mich ein wenig an die Namen der “Macher” gehalten; wobei es offiziell eigentlich nur einen Macher gibt –  Lars Mährholz. Er wird so aufdringlich als “ganz normaler Bürger” vorgestellt (auch von Ken J.), dass ich mich unwillkürlich fragte, ob das wirklich so ist. L.M. ist Eventunternehmer, Fallschirmspringer und politisch erst seit wenigen Monaten stärker engagiert. Wenn ich mir die Bilder seines Facebookprofiles vergegenwärtige, nehme ich ihm ab, dass er aus einer Scene des Fun-Lebens kommt und dass es vor einigen Monaten bei ihm “geklingelt” hat: Aha, das Leben ist mehr “als wie nur Tennis”. Das könnte eine Erklärung für die bemerkenswerte Einengung auf das FED-Thema sein. So sehe ich Lars Mährholz eher nicht als den, der weitreichende geistige Orientierung gibt, wohl aber als denjenigen, der die Initiative ergriff.

Fragwürdig als geistige Orientierung sehe ich auch Jürgen Elsässer, wie bereits hier kurz erwähnt.

Bleibt Ken Jebsen, den manche ob seiner schnellen Denk- und Sprechweise als bedrängend empfinden. Ich habe dieses Problem nicht, da mir die Denkweise und Problemsicht Ken Jebsens aus eigenem Nachdenken vertraut sind. Auch wenn ich meine, psychische Eigenheiten öffentlicher Personen sollten nicht über Gebühr  gewichtet werden, möchte ich doch festhalten, dass es neben den vielen hervorragenden Interviews Ken Jebsens ein mißlungenes gibt. Ich meine das Gespräch mit der zehnjährigen Emily, in dem der Interviewer das selbstbewußte Mädchen kleinlich-übergriffig zu den gewünschten Aussagen drängt.

Ich habe mich der öffentlichen, politischen Figur Ken Jebsen bisher langsam angenähert. Sein jüngster Vortrag über Medienmanipulation rundet für mich das Bild. Ich gehe nicht mehr davon aus, dass K. J. ein mehr oder weniger eklektisches Gemisch von Positionen vertritt, sondern glaube jetzt, ein in sich stimmiges Konzept zu erkennen zu der Frage, wie der Mensch heute seine gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen sollte.

*** Wenn ich über die Montagsdemonstrationen nachdenke, spielen unvermeidlich die Reaktionen von dritter Seite eine beträchtliche Rolle. Denn sie sind vielsagend.

- Bemerkenswert ist die zunächst 100%ige Informationsblockade durch alle Medien. Dieses “zunächst” gilt fast bis zum heutigen Tag, denn wenn auch inzwischen die Montagsdemonstrationen in einigen Medien ein Thema sind – einfache INFORMATION darüber findet nach wie vor fast nicht statt.

- Bemerkenswert sind die äußerst scharfen Angriffe von linksradikaler und linker Seite gegen die Montagsdemonstrationen. Zentrale Schlagworte sind “Antisemitismus”, “Verschwörungstheorie”, “Antiamerikanismus”. Die argumentative Qualität dieser Angriffe steht in umgekehrtem Verhältnis zu ihrer Heftigkeit, die manchmal an Hysterie grenzt. Es ist mit Händen zu greifen, dass die neuen Montagsdemos Faulstellen traditionellen Linksseins rücksichtslos aufdecken.

- In den Montagsdemonstrationen mit ihrem (wenn schon Schubfächer sein müssen) bürgerlich-demokratischen Charakter einschließlich utopischer Elemente, kommen volksdemokratische, klein- und mittelbürgerliche Interessen kämpferisch gegen das Ganz Große Geld  (GGG) gerichtet zum Ausdruck. Dabei werden Ideen vertreten, die seit geraumer Zeit in vielen Zirkeln und Szenen entwickelt wurden und sich der traditionellen Einteilung in “links/rechts” entziehen. Es kommen aber auch Auffassungen zum Ausdruck, die sich an verschiedene rechtskonservative Positionen anschließen.

*** Mein Nachdenken über die Montagsdemonstrationen hat ein auffälliges Leerfeld: Was sagen die Demonstranten selbst?

Morgen ist Montag und Demo am Potsdamer Platz. Ich werde versuchen, das Leerfeld zu füllen.

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Update 21. 4.:

- Was im Text nicht zum Ausdruck kam: Ich war auch schon Teilnehmer einer Montagsdemo, eben nur einer (am 7.4.).

- Zu dem was ich mit “Faulstellen des traditionellen Linksseins” umschrieben habe: Ich meine es geht im Wesen darum, dass das marxistisch-leninistische Denken seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Weltgesellschaft/die Menschheit nicht mehr “auf den Begriff gebracht” hat. Im Kern heiβt das: Das schrittweise Aufkommen des US-basierten Monoimperialismus, das heute nicht vollendet aber fortgeschritten ist, wurde nicht analysiert, kritisiert und der linken Politik zu Grunde gelegt. (Interessante Lektüre hierzu: Peter Priskil, “Der kalte Krieg. Wie der Monoimperialismus in die Welt kam.”)

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Ken Jebsen über Medienmanipulation und Bewußtseinslenkung

Ken Jebsen hält einen hörenswerten Vortrag über Medienmanipulation, also Bewußtseinssteuerung, im Endeffekt Menschensteuerung.

Er hält ihn bei Elsässers “Compact”, was mir nicht schmeckt. Elsässer, so meine ich, vertritt heute – aus einer ursprünglich vermutlich gesellschaftskritischen Sicht heraus – nicht wenige reaktionäre Thesen. Er will die Gegenwart mittels “Werten der Vergangenheit” gesunden lassen. (Das kommt u.a. im Streitgespräch zwischen Jebsen und Elsässer zur Familie zum Ausruck.)

Ich habe den Eindruck, nachdem ich viele Interviews kenne, die KJ geführt hat und auch weitere Texte von ihm, dass Ken Jebsen durchaus mehr ist als ein fähiger und umtriebiger Journalist. Mir scheint, dass er mit einem eigenständigen Konzept auf herangereifte gesellschaftliche Widersprüche antwortet. Das ist ein Konzept, das größere Aufmerksamkeit und ernsthafte Prüfung und, dazu neige ich, Unterstützung verdient. Wer es nur zu Anklagen wegen “Antisemitismus” und “neurechts” und “völkisch” bringt, blamiert sich. Ken Jebsen ist glaubwürdig, weil er elementare vedrängte Wahrheiten ausspricht. Er könnte gefährlich werden, im Maße, wie er diese radikal einfordert.

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Die russische Duma regelt die Arbeit der Blogger

Ein neues Gesetz wird vorbereitet. Blogs, die täglich mehr als 3000 Klicks erreichen, werden als Massenmedien verstanden und gewissen Regelungen/Pflichten unterworfen. Näheres hier.

(Mir ist klar, dass mein Blog durch die Impressumspflicht seit Jahr und Tag identifiziert und damit jederzeit kontrollierbar ist. Zweifellos werden Beobachtung und Kontrolle (und gegebenenfalls Einflußnahme) in Abhängigkeit von der Reichweite des Blogs ausgeübt.)

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