MEIN TAGEBUCH 3. Tag: Kaliningrad-Šiauliai, Litauen

kopf tagebuch opablog

9. August 2016

Der Tagesplan für den 3. Tag sieht so aus:

Plan 9.

Nach Mitternacht vom Tage berichtet:

Gut geschlafen in Kaliningrad, im Hotel….

Das Einchecken unserer Gruppe gestern zu später Nacht hatte länger als eine Stunde gedauert, Ich war zufällig der Erste, von der Wartezeit also nicht betroffen.

Morgens gibt es Frühstück, das zum überhöhten Zimmerpreis zusätzlich auf die Rechnung kommt. Viele Leute im düsteren Frühstücksraum. Das Angebot ist eher schmal und zudem lückenhaft. Zahlreiche Arbeitskräfte des Hauses bewegen sich zügig aber ohne Eile durch die Gegend, meist mit ein, zwei Teller oder andere benötigte Gegenstände in den Händen. Sie sind betriebsam, doch ohne Chance, die Lücken zu beseitigen. Ich begnüge mich notgedrungen mit den leicht erreichbaren Speckkkartoffeln samt Würstchen, das war schon in Stettin als Frühstück im Angebot. Meine morgendliche Vorliebe wird es nicht werden. Einen Kaffee zu ergattern gelingt mit nicht, Maschine kaputt, Maschine ohne Bohnen. Dann geht’s zum Auschecken, mit ein bis bis eineinhalb Stunden bist Du dabei. In der Leseecke lädt derweil ein uralter Band Scholochow ein, „Donerzählungen“, kann ich sehr empfehlen, oder eine altrepräsentative Ausgabe Turgenjew; gräulich, solche angeranzten, lieblosen Buchvorzeigeecken. In der anderen Ecke übrigens thront der Natschalnik, voller Würde, freundlich und eilfertig zu Dir, wenn Du etwas fragst aber keinen Finger rührend, um den Arbeitsablauf seines (einen) Rezeptionsmädchens besser zu regeln.

Buchstäblich mit Händen ist zu greifen, wie sich der Oligarch auf ein großes Unternehmen zwar draufsetzen kann (um die Schätze des russischen Bodens zu verscherbeln), von Durchkapitalisierung – hier positiv im Sinne von „Durcheffektivierung“ – ist aber das kleine Unternehmen an der Basis weiterhin Welten entfernt. Diesen Widerspruch behalte ich im Auge.

Erstmal genug gemeckert.

Vieles ereignete sich. Ich muss auswählen. Ausgewählt sei erstens das Gedenktreffen an zwei Kriegsgedenkmalen in Kaliningrad und zweitens das Treffen auf dem Marktplatz des kleinen Städtchens Gvardeisk.

Das Kriegerdenkmal im Park ist von der „Gesellschaft für …. „ gestiftet (meine Übersetzung). Finanziert hat es der Oligarch Wechselberg, einer der Privatisierer des Volkseigentums in den frühen Neunzigern. Oder deutlicher formuliert, einer der Ansichraffer (Räuber) des SOGENANNTEN Volkseigentums.

Ich bemerke, dass das Heldengedenken hier ausschließlich dem ersten Weltkrieg gilt. Blumen für ein Ereignis, dem ich in Deutschland niemals positive Beachtung schenken würde? Meine DDR-Schule hat mich gelehrt, dass 1914 ALLE imperialistischen Mächte zum Krieg drängten.

„Krieg dem eigenen Regime!“ – so war eigentlich das Interesse jedes der Völker, die aufeinander gehetzt wurden. So ähnlich haben es Lenin oder Liebknecht formuliert. Dieser Position hänge ich weiterhin an. Modetheorien, a la: „Sie sind alle per Schlafwagen in den Krieg gerollt.“ (Clark) bringen mich davon nicht ab. Freilich muss ich eingestehen, dass ich ungenügende historische Kenntnisse habe. Worin bestanden genau die imperialistischen Ziele des Zarismus?

Welches Gedenkkonzept werden heute unsere Gastgeber anbieten?

Der Gedenkredner von der o.g. Gesellschaft sagt, dass die Zeit vor 1917, also auch der Weltkrieg 1914-18, im russischen Bewusstsein weitgehend ausgeblendet worden sei. Sie müsse erforscht werden. Er hebt das Leid hervor, dass der Krieg ALLEN Menschen bringt. Deshalb werden ALLE Gefallenen gewürdigt. Später, an der groß angelegten Gedenkstätte für die Gefallenen des zweiten Weltkrieges, greift er diesen Gedanken noch einmal auf: Aller auf Ostpreußens Boden Gefallenen, auch der Deutschen, soll gedacht werden.

Mein Fazit: Der Blick ist auf ALLES KRIEGSLEID gerichtet, verbunden mit großer Entschlossenheit, jedes neue Kriegsleid zu verhindern. „Nach einem dritten Weltkrieg würden keine Denkmäler mehr errichtet werden.“ Dieser auf das Wohlergehen ALLER Menschen gerichtete Standpunkt erinnert mich an die von Gorbatschow vertretene Denkweise. Doch die damaligen Illusionen, wortreiche Vorschläge und gutes Zureden würden die aggressiven Bestrebungen des Westens mit seiner NATO aus der Welt schaffen, sind wohl überwunden. Diese Lektion scheint Putins Russland gelernt zu haben. Es rüstet seine Kräfte.

Die Rolle der die ganze Gesellschaft einenden ideologischen Institution wird offenbar von der Russisch Orthodoxen Kirche eingenommen. Demonstrativ bekreuzigen sich die martialisch aussehenden Bike-Rocker und beugen das Knie zur Ehrung der Gefallenen. Und nicht nur sie.7 kali knie

Natürlich trennen mich Welten vom kirchlichen Mummenschanz. Ich weiß nicht, wie Kniefall geht, und so kommt auch meine und Anderer Ehrung der Gefallenen ohne aus.

7 kaloi elke

Doch es scheint – und mir mehr Gewissheit in dieser Frage zu verschaffen, ist ein Grund meines Besuchs hier – dass die ganze Ermächtigung, ob in religiöser Form oder nicht, auf das erste Menschenrecht gerichtet ist, in Frieden zu leben. Und damit will ich nun wahrlich verbündet sein.7 kali

Nachmittags während der Fahrt zur Grenze:

Das Treffen in Gvardiesk, früher Tapiau.

Das war Kleinstadt, Provinz. Auf dem schön angelegten, weitläufigen Marktplatz (der zugleich Platz des Gedenkens ist) werden wir erwartet. Das Publikum auf dem Platz sind überwiegend Frauen aller Altersstufen, junge Mütter mit Kinderwagen, wenige Männer. Die stehen, teils offensichtlich in Arbeitsklamotten, eher am Rande des Platzes. Drei Sängerinnen in Trachtenkostümen sind bereit, als sie loslegen, bricht sofort die Tanzlust der FriedensfahrerInnen aus. Spontan bildet sich eine Polonaise.

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Dann kurze, persönlich gehaltene Begrüßungsreden. Tee steht bereit, und es gibt „Kascha“ aus dem nahegelegenen Armeestützpunkt, wie ich später erfahre. Eigentlich ist Buchweizengrütze nicht so mein Ding aber hier schmeckt sie mir.

Wir erleben kein Massentreffen, auch dauert es kaum länger als eine Stunde und doch: Wir sind da gewesen, waren uns nicht zu „fein“ in ein „unbedeutendes“ Städtchen zu fahren.

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Apropos unbedeutend: Man klärte uns sofort auf, dass hier der Maler Lovis Corinth geboren wurde und dass Andrej Tarkowski hier viele Jahre gearbeitet hat. (Ich glaube die meisten meiner Mitfahrer können mit diesen Namen wenig anfangen.) Unsere Symbole sind sichtbar und deutlich genug, und sie treffen auf die wache Sympathie der Menschen hier.

In den üblichen knappen Begrüßungsreden werden ja nur wenige grundsätzliche Gedanken zum Ausdruck gebracht. In den persönlichen Gesprächen am Rande, bei denen mir mein Russisch sehr zu gute kommt, werden erstaunlich differenzierte Fragen gestellt: Nach der Kriegsgefahr und den eigentlichen Motiven der Deutschen. (Unausgesprochen: „Deutsche können doch eigentlich, genau wie wir, gar keinen Krieg wollen.“)

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Eine von vielen Gedenkplatten auf dem zentralen Platz.

Immer wieder begegnet mir eine tiefe, fast etwas irrationale, Sympathie der Russen für uns Deutsche. Sie bewundern Vieles, was deutsch ist und glauben deshalb irgendwie, dass von Deutschland Gutes kommen müsse.

Es scheint mir manchmal, als ob sie uns wie ihr besseres Selbst sehen, als Leute, die einige Barbarismen, die Russen bei sich selbst finden, abgelegt haben. (Eine gewagte Deutung.) Wie auch immer, wir folgen weiter unserer Friedensbahn.

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Einige Bilder von mir hier:

https://goo.gl/photos/6XrYT11jf9mKhcMx8

Bilder anderer FriedensfahrerInnen vom Tage hier:

https://www.dropbox.com/home/Friedensfahrt%20Moskau/16-08-09%20Gvardeysk

und hier:

https://www.dropbox.com/home/Friedensfahrt%20Moskau/16-08-09-10%20Litauen-Lettland-Estland

 

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2 Antworten zu MEIN TAGEBUCH 3. Tag: Kaliningrad-Šiauliai, Litauen

  1. Theresa Bruckmann schreibt:

    Wieso erfährt man nichts von der Friedensfahrt 2017?
    Habe gesucht und das hier gefunden:

  2. Theresa Bruckmann schreibt:

    Noch mehr von der Russland-Fahrt:

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