„United West, divided from the rest“

Wer isoliert sich?

Russland oder der Westen?

Auf diese Frage, die natürlich von der Propaganda jeder der Seiten längst im jeweiligen Interesse „geklärt“ wurde, hat der European Council on Foreign Relations (ECFR), den Wikipedia die „erste paneuropäische Denkfabrik “ nennt, eine empirisch-soziologische Antwort gegeben.
Ende Februar 2023 hat man eine Studie vorgelegt „United West, gespalten vom Rest: Globale öffentliche Meinung nach einem Jahr Russlands Krieg gegen die Ukraine“ in der bereits einleitend formuliert wird:

„Die wichtigsten Ergebnisse einer neuen globalen Umfrage in mehreren Ländern zeigen, dass die USA und ihre europäischen Verbündeten ein Jahr nach Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine ihre Einheit und ihren Sinn für Zielstrebigkeit wiedererlangt haben. Aber die Studie zeigt auch eine große Kluft zwischen dem Westen und dem „Rest“, wenn es um ihre gewünschten Ergebnisse für den Krieg geht, und unterschiedliche Verständnisse darüber, warum die USA und Europa die Ukraine unterstützen. Die Umfrage fand im Dezember 2022 und Januar 2023 in neun EU-Ländern und Großbritannien sowie in China, Indien, der Türkei, Russland und den USA … statt. Ihre Ergebnisse deuten darauf hin, dass Russlands Aggression in der Ukraine sowohl die Konsolidierung des Westens als auch die Entstehung der seit langem angekündigten postwestlichen internationalen Ordnung markiert.“ (Hervorhebungen von Opa).

Die 19-seitige Studie steht unter obigem Link zur Verfügung, ist faktenreich und gut/differenziert aufbereitet, so dass es sich empfiehlt, sie gründlich komplett zu lesen.

Für’s Blog hier übernehme ich eine Zusammenfassung einiger wesentlicher Ergebnisse, die bei „Katehon“* am 25.3.23 publiziert wurde:

„… Die im Januar dieses Jahres durchgeführte Umfrage (bei der nicht nur die Meinungen in neun EU-Mitgliedstaaten, sondern auch in Großbritannien und den USA sowie in China, Russland, Indien und der Türkei abgefragt wurden) offenbart krasse geografische Unterschiede in der Einstellung zu Krieg, Demokratie und dem globalen Gleichgewicht der Kräfte.

„Das Paradoxe am Krieg in der Ukraine ist, dass der Westen sowohl geeinter als auch weniger einflussreich in der Welt ist als je zuvor“, sagt der Direktor des ECFR und Mitautor des Berichts, der britische Politikwissenschaftler und Autor Mark Leonard.

„Während die meisten Europäer und Amerikaner in einer Welt vor dem Kalten Krieg leben, die durch den Gegensatz zwischen Demokratie und Autoritarismus strukturiert ist, leben viele außerhalb des Westens in einer postkolonialen Welt, die auf die Idee der nationalen Souveränität fixiert ist“, sagt der Mitautor der Studie, der britische Historiker Timothy Garton Ash.

Die Studie zeigt, dass sich die Ansichten des Westens über Russland im vergangenen Jahr zwar verhärtet haben, dass sie aber „andere Großmächte wie China, Indien und die Türkei nicht vollständig überzeugen konnten“, die Russland als „Partner“ und „Verbündeten“ betrachten, auch wenn sie in der Ukraine-Frage anderer Meinung sind.

In China, Indien und der Türkei zum Beispiel gab ein großer Teil der Menschen an, dass sie Russland für „stärker“ oder zumindest „genauso stark“ halten wie vor Beginn der Militäraktion vor fast einem Jahr. Sie sahen Moskau als einen strategischen „Verbündeten“ und „unverzichtbaren Partner“ für ihr Land.

Die nicht-westlichen Befragten hoffen eindeutig, dass der Krieg so schnell wie möglich beendet wird, auch wenn dies bedeutet, dass die Ukraine einen Teil ihres Territoriums aufgeben muss. Die aktive Beteiligung des Westens ruft außerhalb des Westens Skepsis hervor, und die Appelle zur „Verteidigung der Demokratie“ sind nicht glaubwürdig genug.

Obwohl die USA versucht haben, die antirussische Stimmung zu ‚globalisieren‘, haben insgesamt nur 33 Länder – die etwas mehr als ein Achtel der Weltbevölkerung repräsentieren – Sanktionen gegen Russland verhängt und Militärhilfe an die Ukraine geschickt.

Bei diesen Ländern handelt es sich um Großbritannien, die USA, Kanada, Australien, Südkorea, Japan und die EU-Mitgliedstaaten – mit anderen Worten, das antirussische Projekt betraf hauptsächlich Länder, die in den Einflussbereich der USA fallen und in denen es eine starke amerikanische Militärpräsenz gibt.

Die übrigen Nationen, die fast 90% der Weltbevölkerung ausmachen, sind dem Beispiel des Westens nicht gefolgt. Der Krieg in der Ukraine hat in der Tat Russlands Beziehungen zu mehreren großen nicht-westlichen Ländern wie China und Indien gestärkt und die Entstehung einer neuen internationalen Ordnung beschleunigt, in der anstelle Russlands der ‚kollektive Westen‘ selbst isoliert erscheint.

Der Ukraine-Konflikt könnte ein Wendepunkt sein, der das Entstehen einer ‚post-westlichen‘ Weltordnung markiert, meinen auch die Think-Tanker Leonard und Garton Ash. Sie sagen, es sei „höchst unwahrscheinlich“, dass die schwindende liberale Ordnung, angeführt von den USA, wiederhergestellt werden kann. Stattdessen „muss der Westen als ein Pol einer multipolaren Welt leben“.

Quelle: https://markkusiira.com/2023/03/21/tutkimus-ennakoi-lannen-ylivallan-jalkeista-aikaa/

Übersetzung von Robert Steuckers“

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Dass „Katehon“ eine ganz schlimme Schleuder von Verschwörungstheorien sei, beeilt sich Wikipedia zu erklären. Ich halte nur fest, dass wesentliche Namen hinter „Katehon“ Konstantin Malofejew, Alerxander Dugin, Darja Dugina und Sergej Glasjew sind.
Dugin und Dugina dürften bekannt sein. Auf Malofejew wurde gerade ein erfolgloser Mordanschlag verübt. Glasjew halte ich für einen der bedeutendsten Geoökonomen.

Übrigens bietet Katehon den erfreulichen Service, auch in einer deutschsprachigen Version zu erscheinen.

Und ein Nachwort:

Nachdem ich obigen Text veröffentlicht hatte, las ich den Artikel von Pepe Escobar. „Die Hauptstadt der multipolaren Welt. Ein Moskauer Tagebuch.“ Ein typischer Escobar – überschwänglich und zugleich präzise (wenn so etwas möglich ist). Er hatte Begegnungen u. a. mit Dugin und Glasjew.

Es ist mir ein grundsätzliches Anliegen aufmerksam zu machen auf etwas, was ich ausnahmsweise einmal auf englisch benenne: „the russian spirit“.
Ich verrate aber auch, dass ich mich dabei vor blinder Euphorie zu schützen versuche. Das verlangt nicht zuletzt meine „russische“ Lebenserfahrung.
So ist z. Z. meine tägliche Lektüre spät in der Nacht:
Ulla Plener, „Kommunisten im tragischen Dreieck: Persönlichkeit – Bewegung – Partei“, mit dem Untertitel: „Reflexionen aus biografischer Forschung über den konterrevolutionären Terror in der Sowjetunion 1937-1941“, NORA Verlagsgemeinschaft, Berlin 2012.

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6 Antworten zu „United West, divided from the rest“

  1. MSC schreibt:

    Diese Umfrage sollte, um es freundlich zu sagen, imo nicht überbewertet werden.

    Abgesehen von der Methodik und den Prämissen (Auslassung jeglicher kritischer Betrachtung zur Entstehung der Eskalatiotion in der Ukraine) stelle ich nur mal zwei Zahlen (die immerhin offengelegt werden) in den Raum:

    Befragte in Estland: 1.022
    Befragte in China (PRC, ohne Taiwan): 1.024

    Weiterhin wird das Eskalationspotential völlig ausgeblendet. Mir scheint, dass Ash und seine Koautoren darauf abzielen, die Staaten, die endlich eine Chance sehen, sich mehr oder weniger den brutalen Repressionen der GWS zu entziehen, mit wohlfeilen Schmeicheleien davon abzubringen, sich weitestgehend nach Eurasien zu orientieren.

    Die entscheidende Frage (möglicherweise für das Überleben der Menschheit) jedoch wurde von Finian Cunningham kürzlich ganz gut auf den Punkt gebracht:

    „Washington hat den Einsatz in der Ukraine rücksichtslos auf ein unhaltbares Niveau erhöht. Es hat das Haus – und den Hof – darauf gesetzt, Russland zu unterwerfen, um seinen nächsten unersättlichen imperialen Zug gegen China zu starten.“

    https://antikrieg.com/aktuell/2023_03_31_dietage.htm

    Scott Ritter bescheinigt den USA (via RT), die er als Krebsgeschwür der Welt bezeichnet, das nicht ohne Krieg existieren kann, schwer in Not zu sein:

    „Als ich lernte, wie man eine ertrinkende Person rettet, habe ich gelernt, dass diese Menschen keinerlei Logik mehr folgen können. Die Betroffenen sind verängstigt, sie sind in Panik. Sie werden dich schlagen, beißen, treten, kratzen, schreien, dir in die Eier treten, dich anspucken, was auch immer, um dich daran zu hindern, sie zu retten, weil sie Angst haben. Amerika ist eine ertrinkende Person.“

    Ich muss gestehen, dass ich vor diesem Hintergrund der angekündigten Frühjahrsoffensive der AFU und den sich – je nach Erfolg oder Misserfolg – daraus ergebenden Handlungssträngen mit großer Sorge entgegensehe.

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    • kranich05 schreibt:

      Ich meine, man sollte von der Umfrage nicht mehr verlangen als sie will.
      Eine Kritik der Eskalationsgefahren z. B. liegt ihr völlig fern.
      Sie zeigt aber an, dass die Herrschenden (bzw. ihre Wissenschaftsexperten) reale Verschiebungen zur Kenntnis nehmen.
      Die Realität oder auch nur Momente der Realität ohne Wunschdenken wahrzunehmen schafft durchaus nicht jeder Führer. Das wissen wir nicht zuletzt aus trauriger realsozialistischer Erfahrung.

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  2. Albrecht Storz schreibt:

    Es ist tragisch: der einzige zivilisatorische Fortschritt seit, ich schätze einfach mal: 30 Jahren, den ich wahrnehmen durfte wurde von den nach „westlicher“ Leseart „bösen Mächten“ Russland und China iniziiert:

    die Versöhnung, Beilegung und/oder Befriedung einiger Konflikte im ewigen Krisenherd Naher/Mittlerer Osten!

    Also für mich stellt sich das so dar:

    während die USA (GB) überall auf der Welt bemüht ist, Krisen zu entfachen, Krisenherde anzuheizen und immer weiter zu befeuern, haben sich endlich starke Gegenpole ausgebildet die die USA einhegen können und USA ihre menschenverachtende Tätigkeit limitieren oder gar beenden können.

    Der „Westen“, der Hort des Kulturchauvinismus und Kolonialismus und der Global-Arroganz und Hybris ist schließlich endlich krachend gescheitert. Gut so!

    Wir sehen bei der Abwicklung zu.

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    • kranich05 schreibt:

      Ich finde, dass in einem grundsätzlichen Sinne (groben Annäherung) der historische Materialismus der Marx, Engels und Lenin eine ganz passable Erklärung dieser Entwicklungstendenz liefert.
      Im Grunde und am Ende geht es um die „Produktivitätsmacht“ einer Gesellschaft.

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  3. Johannes S. schreibt:

    Ein höchst informativer Beitrag aus „apolut“
    https://apolut.net/in-der-nato-falle-von-rudolf-brandner/ DIE NATO-FALLE Ein Standpunkt von Rudolf Brandner.
    Die SPD verrät die Grundlagen ihrer erfolgreichen Sicherheitspolitik und trägt so dazu bei, dass die EU ihre Souveränität preisgibt. Wir träumten davon, vor kriegerischen Handlungen geschützt zu sein — aufwachend bemerken wir nun, dass die NATO-Mitgliedschaft die Wahrscheinlichkeit, in Kriege und Konflikte verwickelt zu werden, drastisch erhöht und uns als einen Mitgliedsstaat erheblichen Gefahren aussetzt. Es ist wohl eine kaum zu überbietende Absurdität, dass die NATO, einst gegründet als territorial verankertes Verteidigungsbündnis gegen den Krieg, nun selbst zum Kriegsgrund wurde. Die europäische Staatenwelt ist dem Risiko eines wirtschaftlichen Totalzerfalls ausgesetzt, der bis zur Selbstvernichtung führen könnte. Wie kam es dazu und welche Kräfte sind hier im Spiel? Welche Entwicklungen zeichnen sich nun im Oktober 2022 — nach einer ersten, noch hoffnungsvollen Perspektive im März/April 2022 — ab?
    Die NATO am Ende des Kalten Krieges
    Fortsetzung über den link !
    Der Rubikon-Blog hat seinen Namen geändert !

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  4. Theresa Bruckmann schreibt:

    Danke Johannes S. für diesen ausgezeichneten Rudolf Brandner-Beitrag.
    Das Problem bei langen Texten ist, dass die Aufmerksamkeit nachlässt, und man womöglich das Spannendste gar nicht mehr liest oder das Wesentliche am
    Schluss gar nicht mehr klar und deutlich wahrnimmt.
    Für mich beginnt dieser Text ab hier spannend zu werden:
    Die Osterweiterung der EU folgt dem geopolitischen Machtstreben der NATO, um beide — EU und NATO — deckungsgleich in die Geopolitik der USA zu verspannen.
    Damit wird die NATO „in letzter Konsequenz zum Gegner der gemeinsamen EU Außen- und Sicherheitspolitik“ (8).

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