„Der Rest –

wird ganz anders“

Beim Lesen dieses Buches spürte ich mich zunehmend in unerwartete Gegenden geführt.
Die Geschichte fängt harmlos an. Sie beginnt in Gefilden, die Vielen vertraut sind. „Wo ist der Himmel schon so blau?“ wie im Urlaubsparadies der Malediven.

Henriette und Claudia, Freundinnen seit vielen Jahren, sind eingeflogen, um die Seele baumeln zu lassen, Wasser Palmen, Sonnenstrand zu genießen und sich am Charme der dienstbaren Geister zu erfreuen.

Für Claudia geht es nach zwei Wochen zurück in die Tretmühle ihrer Buchhaltung aber auch in ihre Rolle als Obermutter der Familie mit den vergötterten Enkeln. Anders Henriette, sie ist nun Frührentnerin, wohlversorgt mit guter Abfindung. Sie lässt die Gedanken schweifen. So Vieles möchte sie im neuen Lebensabschnitt anders machen.

In den „Urlaubsplaudereien“ der beiden, so heißt das zweite Kapitel, bringt Claudia viele Möglichkeiten zur Sprache, doch Henriette wehrt fast immer ab. Hegt sie insgeheim große Pläne? Oder weiß sie gar nicht, was sie will? Vieles müsste anders laufen aber womit beginnen?

Die Insulanerin“ heißt das dritte Kapitel. Der Roman ist in mehr als 60 kurze Kapitel unterteilt. Das gibt dem Leser eine gute Übersicht und treibt seine Leselust an.

Die Begegnung der beiden mit einer Einwohnerin der Insel vereinfacht plötzlich die Frage nach dem „ganz anderen“ Lebensinhalt. Claudia und „Henni“ werden Zeugen eines dort wohl alltäglichen, kleinen Dramas. Und plötzlich sind sie selbst miteinander in einem scharfen Konflikt. „Die Szene wird zum Tribunal“ wäre wohl zu pathetisch ausgedrückt aber Tatsache ist: Da steht ein Elefant im Raum, den der brave Bürger am besten lebenslänglich übersieht, den Claudia wohl, Henriette aber keineswegs, weiter übersehen will.

Es scheiden sich die Geister der „besten Freundinnen“. Es könnte sein, dass sich nun auch die Geister der Leserinnen und Leser scheiden. Denn was als Geschichte eines vergnüglichen Urlaubs begann, führt jetzt abrupt weg vom Weg des „positiven Denkens“, dem modernen Tugendpfad.

Henriette, die durchaus immer wieder Zweifel spürt, bemüht sich um eine klare Entscheidung. Da passt wie die Faust auf’s Auge, was ihr in Kapitel fünf, “Die Anfrage“, aus dem trauten Familienkreis angetragen wird. Diese Zumutung gibt ihr die letzte, noch fehlende Entschlossenheit, den „Bruch“ (Kapitel sechs) nicht nur für sich zu beschließen, sondern allen Freunden, Verwandten und Bekannten offen zu verkünden.

Wir sind jetzt auf Seite 33 des Buches. Neun Zehntel liegen noch vor uns.
Aber wer nun ein Feuerwerk aus rasanten Zuspitzungen, pikanten Neuigkeiten und vielleicht
komischen Verwicklungen erwartet, könnte enttäuscht sein. Den Leser durch ein wohl konstruiertes
Panoptikum unterhaltsamer Abenteuer einer nunmehr wild entschlossenen Berlin-Neurotikerin zu führen – das ist die Sache der Autorin nicht.

Eher untertreibt sie, löst aber gerade damit ganz unerwartete Aha-Momente beim Leser aus.
Ich erlebte die genaue Schilderung vorsichtiger neuer Schritte in einem Alltag, der anders werden
soll und lange zäh der alte bleibt. Oder doch nur zu bleiben scheint?

Henriette (und wir mit ihr) trifft lebendige Menschen – Pia, Kick, Mister X und viele mehr. Nähe entsteht und ist plötzlich wieder verschwunden. Oder nur verdeckt?

Ein Buch das keine weisen Sätze lautstark verkündet, sondern das einfach sensibel vom Leben erzählt, wie es manchmal öde und dann wieder verrückt und fast immer wert ist, geliebt zu werden.

Nachdem ich das Buch „durch“ hatte und jetzt meine Meinung aufgeschrieben habe, habe ich große Lust, alles noch einmal zu lesen.


Das Buch gibt es in allen einschlägigen Online- und Offline-Buchhandlungen,
als e-book, im Normalformat und in Großdruck. Letzteres halte ich für überflüssig, denn auch im Normalformast ist es bequem zu lesen.

Hatte ich erwähnt, dass Mathilda Seithe niemand anderes ist als Miss Tapir, die man vielleicht aus dem Blog kennt?

Hier und hier und hier
kann man sie (von mehreren künstlerischen Seiten) näher kennenlernen.

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