Gegen das Vergessen 5/22

Erzählungen zum Kriegsende 1945 in Oranienburg

von

Mathilda Seithe

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Teil 5 – Epilog

Bisher erschienen: Kapitel 1 bis 21

22. Epilog

„Oranienburg, 9. Mai 2022

Liebe Manuela,

ich weiß nicht, ob du bei dir in Köln am 8. Mai an einer Gedenkfeier zum Kriegsende teilnehmen konntest.

Letztes Jahr und auch 2020 war ja wegen Corona alles abgesagt.

Leider ist Karola ja nicht mehr in Oranienburg. Sie studiert inzwischen in Leipzig. Und von Beate habe ich auch schon einige Zeit nichts mehr gehört. Diese blöde Pandemie hat ja alle Beziehungen und Kontakte eingeebnet, wenn es nicht gerade verwandtschaftliche Beziehungen waren.

Und dann, seit Wochen ist nun Krieg. Russland hat die Ukraine angegriffen und der Westen ist hellempört. Dass seit 2014 die Nato systematisch mit ihren Stellungen von allen Seiten an die russische Grenze heranrückt und in diesen Jahren die Ukraine zu einem bewaffneten Bollwerk der USA umfunktioniert hat, das bringt niemand damit in Verbindung. Stell dir nur mal vor, Russland hätte sich in Mexiko an der Grenze zur USA Gleiches erlaubt. Wir wissen ja noch, wie es damals mit Kuba war… Zumindest provoziert haben die westlichen Nationen diesen Krieg und sind somit mitschuldig. Aber alle tun so, als bestätige nun die russische Aggression die Notwendigkeit ihrer eigenen – wie sie es darstellen – militärischen „Vorbeugungs-Maßnahmen“.

Nun hat Putin die Nerven verloren, weil er nicht zusehen wollte, wie seinem Land langsam das Wasser abgegraben wird. Trotzdem, ich verstehe nicht, wie er dafür einen Krieg riskiert, der den 3. Weltkrieg auslösen kann. Es bedrückt mich sehr. Es macht mich auch wütend. Wir leben hier in Brandenburg ja in Reichweite einer möglichen atomaren Auseinandersetzung. Aber bis Köln wird es auch reichen, sicherlich….

Ich weiß nicht, wie es bei euch im Westen ist. Hier ist eine geradezu hysterische Russenfeindlichkeit ausgebrochen. Allein die Tatsache, dass jemand russisch ist, macht ihn verdächtig, macht ihn zur unerwünschten Person – es sei denn, er stellt sich voll auf die Seite des Westens und stimmt in den Russenhass ein, den die geflüchteten Ukrainer hier bei uns hemmungslos herausposaunen. Bis vor kurzem hatte ich den Eindruck, dass unsere feine Gesellschaft mit den Ungeimpften endlich mal wieder ein praktisches Feindbild aufgebaut hatte, dem alle blind und überzeugt folgten. Aber das Feindbild Russland schient noch ergiebiger. Es beschränkt sich ja nicht auf die russische Regierung oder Putin, sondern verallgemeinert den Hass auf eine ganze Nation. Ich warte nur darauf, dass in meinem Umfeld jemand das alte Schimpfwort vom ‚russischen Untermenschen‘ zitiert. Ähnliches habe ich ja schon in den Medien und aus dem Mund wichtiger Politiker und Politikerinnen vernommen. Niemand scheint zu merken, dass wir hier eine Art Revival des alten Rassismus ausbrüten, dieses Mal gegen die Russen. Die Menschen mit ihrer pro Ukraine Hysterie und ihrem abgrundtiefen Hass gegen alles Russische erinnern mich ständig an das, was ich aus den Jahren nach und vor 33 weiß, seitdem ich mich intensiv mit der Zeit des Nationalsozialismus befasst habe. Schwesterherz, es ist nicht leicht. Wer hätte sich das alles vorstellen können, noch vor zwei, drei Jahren. Es wäre undenkbar gewesen.

Und nun der 8. Mai.

Ich war erstaunt, als ich las, dass es immerhin doch eine offizielle Gedenkfeier geben würde. Aber stell dir vor: Sie haben die Feier nicht auf dem sowjetischen Ehrenfriedhof abgehalten, sondern sind auf den Schlossplatz ausgewichen.
Ich war da. Der Bürgermeister war krank und ließ sich vertreten. Die Rede war nicht viel anders als vor 3 Jahren, als wir uns alle dort kennen gelernt haben. Man gedachte der Toten des 2. Weltkrieges auf allen Seiten und verurteilte den Krieg allgemein und den derzeitigen Krieg gegen die Ukraine im Besonderen.
Von einem Dank an die sowjetischen Soldaten, die damals hier in der Stadt die Bevölkerung und die Insassen des KZ Sachsenhausen befreit haben, natürlich kein Wort, wie damals auch.

Schreib mir bald, deine Angelina.“

„Köln, 12. Mai 2022

Liebe Angelina,

Nein wahrhaftig, hier ist es nicht anders. Und für mich hat diese Entwicklung noch ganz andere Konsequenzen gehabt.

Ich bin aus meiner neuen politischen Gruppe ausgetreten, die mich in der Corona-Zeit ja gut gestützt und begleitet hat. Aber scheinbar hört bei ihnen das kritische Verständnis gegenüber der Politik unseres Systems jenseits ihrer Kritik an den Corona-Maßnahmen schon bald auf. Nein, ich bin nicht ausgetreten, weil sie etwa auf der Seite der Nato ständen. Das nicht, eher im Gegenteil. Aber auch sie waren nicht bereit, am 8. Mai der sowjetischen Armee für die Befreiung vom Nationalsozialismus zu danken. Es kam mir so vor, als hätten auch sie vergessen, was das damals bedeutete. Sie schienen die Notwendigkeit der Befreiung vom Faschismus eher als etwas zu sehen, was halt passiert ist und für heute keine Relevanz mehr hat.

Das hat mir gereicht.

Zu Beate hast du also auch keinen Kontakt mehr und Karola ist in Leipzig. Es wird langsam einsam in diesem Land, wenn man nicht mit den Wölfen heulen will.

Deine Manuela“

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Eine Antwort zu Gegen das Vergessen 5/22

  1. Doris Dr. Rentzsch schreibt:

    Liebe Mathilda, Du erfasst ein sehr aktuelles wichtiges Thema, ich fühle mich Dir sehr verbunden. Danke.
    D.R.

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