Gegen das Vergessen 3/14

Erzählungen zum Kriegsende 1945 in Oranienburg

von

Mathilda Seithe

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Teil 3 – Die neue Pizzeria

Bisher erschienen: Kapitel 1 bis 13

14. Das Straßenschild an der Kreuzung

Beim Frühstück am nächsten Morgen herrschte gute Laune. Der gestrige Tag war hervorragend gelaufen, die Kasse stimmte.

„Was habt ihr beide euch denn für heute vorgenommen. Ich gebe Angelina frei, sie hat schließlich Besuch,“ schmunzelte Giuseppe.

Manuela sah, dass ihre Schwester diesen kleinen Scherz nicht so fröhlich aufnahm, wie er gemeint war. Angelina schien nicht begeistert davon, dass ihr eigener Mann sich plötzlich als ihr Chef aufspielte, auch wenn es nur ein Scherz war. Es wäre vermutlich für beide besser gewesen, Angelina hätte sich hier im Ort nach einer Stelle umgesehen, dachte Manuela. Als Bürokauffrau und mit ihrer Berufserfahrung wäre sie sicher auch hier fündig geworden. Jetzt sollte sie also für die gemeinsame Gaststätte arbeiten. ‚Wenn das mal gut geht‘, seufzte Manuela innerlich.

„Wir wollen heute früh erst mal in das Stadtzentrum gehen, es ist ja nicht weit von hier“, sagte Angelina.
„Ich will doch einen Eindruck bekommen von der Stadt, in die es euch verschlagen hat“, ergänzte die Schwester.

„Ja, macht das. Ich hoffe, du zeigst meiner Frau, was es hier Interessantes gibt. Sie selbst hat noch nicht viel davon entdeckt.“
Angelina hustete.
„Ich muss sowieso Einiges in der Stadt besorgen“, bemerkte sie.

Der Weg war wirklich nicht weit. Sie gingen untergehakt auf der Straße Richtung Innenstadt. Überall sah man kleine Geschäfte, Wohnhäuser, eine gepflegte, wenn auch eher langweilige Straße, junge Baumreihen an beiden Seiten.

„Was musst du denn besorgen?“
„Ach, du wirst schon sehen, nichts Besonderes. Ich hoffe, ich kriege es hier. Sonst muss ich es doch in Berlin versuchen. Aber komm, solange wir hier laufen: Erzähl mal von dir. Geht es dir gut? Was macht Phillip? Was macht dein Verein?“
„Welcher Verein?“
„Ach, diese politische Gruppe, bei der du mitmachst. Oder ist das schon vorbei?“.
„Nein, aber es ist anstrengend, lachte Manuela. „Phillip und ich engagieren uns ziemlich intensiv. Aber viele andere in der Gruppe glauben, es reiche, wenn sie über die Verhältnisse in diesem Land schimpfen. Aber davon ändert sich ja nichts.“

„Was wollt ihr eigentlich?“
Manuela überlegte, wie und was sie antworten sollte. Da fiel ihr etwas anderes auf:

„Was sind denn das für Menschengruppen, die uns hier ständig entgegenkommen? Schulklassen? Aber es sind oft auch Erwachsene, und viele Ausländer sind dabei.“
„Keine Ahnung. Hab es bisher eigentlich noch nicht bemerkt, ehrlich gesagt.“

Eine Gruppe von vielleicht 30 jungen Leuten zog auf der anderen Straßenseite vorbei. Sie liefen in die Richtung, aus der Angelina und Manuela gerade kamen. Sie gingen in lockeren Reihen, Jacken und kleine Rucksäcke im Arm. Und sie schwatzten. „Die wollen bestimmt alle bei uns essen,“ scherzte Angelina.

„Interessant,“ meinte Manuela. „Das interessiert mich, wohin die ziehen. So eine Gruppe ist mir schon aufgefallen, als ihr mich vorgestern mit dem Auto vom Bahnhof geholt habt.“

Die Schwestern erledigten Angelinas Einkäufe. Die Innenstadt war überschaubar. Es gab nicht einmal eine Fußgängerzone. Aber sie bekamen letztlich doch alles, was Angelina auf ihrem Einkaufszettel stehen hatte.

Irgendwo ließen sie sich in der Sonne vor einem Café nieder und tranken einen heißen Kakao. Für Eis war es ihnen noch zu kühl.
Sie hatten versprochen, gegen 13.00 Uhr zurück zu sein und machten sich rechtzeitig auf den Heimweg.

Die Terrasse der Pizzeria sah man schon von Weitem. Aber an diesem normalen Vormittag war offenbar draußen noch nicht viel Betrieb. Schließlich erreichten sie die neu eröffnete Gaststätte. Manuela blieb plötzlich stehen und starrte auf die Kreuzung.
„Siehst du das Schild dort? Da geht es nach Sachsenhausen!“
„Na und?“
„Ist das das Sachsenhausen, das mit dem KZ?“
„Kann sein, hab das schon mal gehört. Was ist denn damit?“
„Du wohnst hier und weißt das nicht? Hier war eines der furchtbarsten Konzentrationslager im 2. Weltkrieg und davor.“
„Unter Hitler?“
„In der Zeit, als in Deutschland der Faschismus herrschte.“
„Stimmt, jetzt fällt es mir ein. Konzentrationslager. So was wie Auschwitz, oder so?“
„Na, du bist aber mäßig informiert, liebe Schwester.“ Manuela lachte, um Angelina nicht zu verletzen. „Du, wenn es wirklich das Sachsenhausen ist, dann schau ich mir das KZ an. Es gibt sicher noch Baracken zu sehen, vielleicht ja auch eine Art Museum.“
„Könnte sein,“ meinte Angelina hilfsbereit. „Wir googeln einfach mal. Warte, ich schau gleich mal nach.“ Angelina zückte ihr Handy.

„Ok, kommt sofort. KZ Sachsenhausen in Oranienburg. Also du hast recht. Und hier steht auch die Adresse: Bernauer Strasse -, du das muss ganz hier in unserer Nähe sein. Scheinbar liegt es hier an dieser Straße Richtung See. Lehnitz-See heißt der, ein Stausee. Wenn du Lust hast, können wir da mal hin spazieren. Wie es aussieht, brauchen wir da nicht mal ein Auto.“
„Siehst du auch die Öffnungszeiten?“
„Super, morgen früh ist offen, da könnten wir gleich morgen hingehen, wenn du willst.“
Manuela nickte zufrieden.

„Sag mal: Könnte es sein, dass die Menschengruppen, die hier immerzu langlaufen zu diesem Museum wollen?“
Angelina sah ihre Schwester verwundert an. Sie zuckte die Schultern.
„Aber das wäre doch immerhin eine Erklärung.“

15. Das KZ Sachsenhausen

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