Gegen das Vergessen 3/13

Erzählungen zum Kriegsende 1945 in Oranienburg

von

Mathilda Seithe

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Teil 3 – Die neue Pizzeria

Bisher erschienen: Kapitel 1 bis 12

13. Gute Lage und annehmbare Preise

„Manuela ist ne ganz Linke,“ sagte Angelina. „Wieso?“, hatte da Giuseppe gefragt. „Ist sie in dieser Partei?“
Angelina meinte, bei Manuela sei das nicht eine Frage der Partei oder so, sie sei einfach als Person durch und durch eine, für die die Ungerechtigkeiten in dieser Welt ein ständiges Ärgernis seien. An das könne und wolle sie sich nicht gewöhnen, habe sie mal gesagt. „So, so“, hatte Giuseppe nur geantwortet. Er sah dem Besuch der Schwägerin mit gemischten Gefühlen entgegen. Immerhin war geplant, dass sie 14 Tage bleiben würde.

Aber als sie Manuela vom Bahnhof abgeholt hatten, schien sie ihm auch wieder ganz normal, eigentlich sehr nett, netter, als er sie aus Köln in Erinnerung hatte.
Dann würde ihr Besuch vielleicht doch ganz angenehm, überlegte Giuseppe.

Er hatte recht. Der Besuch brachte Leben ins Haus. Die Schwägerin war viel lebhafter und verrückter als seine Frau. Nichts gegen Angelina. Er liebte sie wie am ersten Tag ihrer Bekanntschaft. Und es war eigentlich das Ruhige, eher Bedachte, was ihm an ihr so gefallen hatte. Zumindest sei das eine gute Ergänzung zu seinem italienischen Temperament, hatte die Schwiegermutter in Köln mal gesagt. Aber mit ihrer Schwester Manuela konnte man auch mal witzige Sachen anstellen. Das gefiel ihm ebenso. Und seine Frau Angelina lebte auf, seit ihre Schwester hier war. Denn bisher hatte Angelina in dieser Kleinstadt noch nicht Fuß gefasst und immer wieder ihrer Heimatstadt Köln nachgetrauert.


Manuela saß im Außenbereich der Pizzeria, die ihr Schwager vor wenigen Wochen in der kleinen brandenburgischen Kreisstadt Oranienburg eröffnet hatte. Sie lächelte vor sich hin. Ab und an nippte sie an ihrem Cappuccino, während sie dem Geplauder der Gäste lauschte. Sie hatte Giuseppe versprochen, sich unter die Besucher der Pizzeria zu mischen, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie diese die neue Gaststätte bewerteten. „Annehmbare Preise für eine ziemlich gute Qualität,“ stellte der Mann rechts neben ihr fest. Die Dame an seiner Seite nickte eifrig und zog sich die Strickjacke enger um ihren Körper. Es war April und der zeigte sich noch nicht so warm, wie man es erhofft hatte. Auch die anderen Gäste sahen zufrieden aus, saßen trotz des kühlen Windes lange an den Tischen und plauderten unbeschwert. Die kleine Terrasse des Gasthauses war durch große Kübel gegen die belebte Straße abgegrenzt. Die dort eingepflanzten Büsche standen in zartem Grün. „Später wird das mal eine dichte grüne Wand“, hatte ihr Schwager geschwärmt. Jetzt sah man durch die Zweige noch auf den heftigen Verkehr. Aber auch die Nähe der Kreuzung schien die Gäste nicht weiter zu stören. Die Tische waren vollbesetzt. Soweit sie sehen konnte, freuten sich die Menschen außerdem auch über die verbindliche, aber trotzdem respektvolle Art, in der ihr Schwager mit den Gästen sprach, wenn er nach der Bestellung fragte. Und wenn er die lecker und üppig anmutenden Gerichte mit elegantem Schwung auf dem Tisch platzierte, sahen sie ihn freundlich und amüsiert an.
‚Ich denke, meine Bilanz wird gut ausfallen‘, überlegte Manuela. ‚Das wird Giuseppe sicher freuen und Angelina auch.‘

Ihre Schwester hatte große Bedenken gehabt, ob das mit der neuen Gaststätte klappen würde, hier, ziemlich am Rande des kleinen Stadtzentrums. Sie war nicht begeistert von den Plänen ihres Mannes. Die Kleinstadt selbst erschien Angelina langweilig. Das hatte sie ihrer Schwester schon drei Tage nach dem Einzug geschrieben. Sie hatten vorher in Köln gewohnt, wo Giuseppe als Chefkoch in einer der Altstadt-Pizzerias unentbehrlich gewesen war. Angelina hätte das auch weiterhin genügt. Aber sie kannte den Traum ihres Mannes. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, selbst eine eigene Pizzeria aufzumachen, egal wo – zur Not auch im Osten Deutschlands. Er war da ganz locker. Als Italiener machte er da keinen großen Unterschied.
Aber Angelina hatte lange überlegt und recherchiert, ob man dort in den Neuen Bundesländern inzwischen auch wirklich einigermaßen gut leben könnte. Schließlich hatte sie nachgegeben. Die Nähe der Hauptstadt Berlin war es am Ende, die ihr imponierte und sie zu diesem Wagnis bereit machte.
Klar, Köln hatte schon ein bisschen mehr zu bieten, das sah man auf einen Blick, dachte Manuela und schmunzelte vor sich hin. Aber trotzdem, sie war neugierig auf diese Kreisstadt in Brandenburg.

Der Cappuccino ging zur Neige. Unten in der Tasse sammelte sich ein kalter Rest, der nicht mehr schmeckte. Außerdem war ihr inzwischen doch recht kühl geworden. Sie verließ ihren Platz und ging in die Gaststätte zurück. Vielleicht würde jetzt ein besonders aufmerksamer Gast bemerken, dass sie ging, ohne gezahlt zu haben. Sie lächelte.

Giuseppe stand hinter dem Tresen und sah sie erwartungsvoll an.
„Nun, wie ist dein Eindruck, sag schon!“
„Super. Du kannst zufrieden sein. ‚Gute Qualität und annehmbare Preise‘, das ist so das, was sie sagen. Die Lage stört scheinbar niemand. Nur das kalte Wetter.“

Sie lachten beide.
„Dafür ist Giuseppe noch nicht zuständig“, schmunzelte der Schwager.

Manuela ging durch die Tür im Hintergrund der Gaststätte, an der „Privat“ stand. Ihre Schwester saß vor dem Fernseher und schien auf sie gewartet zu haben.
„Nun?“
„Ich glaube, ihr könnt zufrieden sein, Angelina. Die Gäste waren ganz angetan und das Haus ist voll.“
„Warte erst mal ab, wenn wir hier nicht mehr neu sind, ob das dann so bleibt?“
„Nun sei mal nicht so skeptisch, Schwesterherz! Ich glaube, ihr werdet Glück haben mit eurer Entscheidung.“
Und was hast du für einen Eindruck von der Stadt, ich meine vom Osten und so?“, wollte Angelina jetzt wissen.
Bisher hatte Manuela noch nicht viel von der Stadt gesehen. Aber sie war bisher jedenfalls weder schockiert noch enttäuscht.
„Du zeigst mir am besten alles, was dir hier gefällt oder was Oranienburg Spannendes zu bieten hat!“
„Da muss ich erst mal nachdenken“, kam es spontan von Angelina. Dann aber lachte sie und schüttelte den Kopf. „Gut, ich denke darüber nach.“

14. Das Straßenschild an der Kreuzung

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