Gegen das Vergessen 2/12

Erzählungen zum Kriegsende 1945 in Oranienburg

von

Mathilda Seithe

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Teil 2 – Maria und das Vergessen

Bisher erschienen: Kapitel 1 bis 11

12. Die Grabstätte

Beate war nicht wirklich traurig darüber. So konnte sie ungehindert nach Sachsenhausen fahren. Sie sagte den Kindern, sie müsse einkaufen.

Nein, sie wollte ihre Gedanken nicht teilen, mit niemandem!

Der Weg war bekannt. Es war ja eigentlich fast die gleiche Strecke wie zu ihren Eltern, die noch immer in dem Haus dort in Sachsenhausen wohnten, wo man das KZ sogar sehen konnte, zumindest den hohen Turm.

Je mehr sie sich der Stelle näherte, um so mieser fühlte sie sich. Ihre frühere erzwungene Loyalität der Oma gegenüber wurde ihr jetzt wieder bewusst. Sie erinnerte sich plötzlich genau daran, wie sie sich in den späteren Jahren bei den Gängen nach Sachsenhausen unwohl gefühlt hatte.
Heute war sie zum ersten Mal freiwillig hier.

Die Sachsenhäuser Heide, so wurde ihr mit einem Mal klar, war eigentlich ein Stück wunderschöner, melancholischer Landschaft, Heideland. Die Ebene mit den leichten Bodenwellen war übersäht mit kleinen Birken und Krüppelkiefern. Am Rande zur Straße hin standen heute riesige Eichen. Im Waldstück direkt hinter dem Zaun zum ehemaligen KZ-Gelände, verlief ein schmaler Wanderweg, von dem aus man die alte Anlage einsehen konnte. Sie schüttelte entsetzt den Kopf über die unerwarteten Ausmaße der Wiesenstücke, auf denen früher die Baracken gestanden hatten. Bevor man in den Wald eintrat, lag linker Hand mitten in der Heidelandschaft, noch außerhalb des eigentlichen KZ-Geländes, eine freie Fläche, mit querliegenden Balken locker umzäunt, am Rande eine Bank, ein paar Gedenksteine, Tafeln mit den Namen von Gestorbenen. Hier lagen, das wusste Beate inzwischen, auch Menschen, die nach dem Krieg in dem sowjetischen Speziallager der Roten Armee verhungert oder an Krankheiten gestorben waren. An mehreren Stellen in den umliegenden Waldstücken hatte man sie damals in den sogenannten „Massengräbern“ beerdigt. Eines davon befand sich hier auf dem Areal, wo auch Paul lag. Am Rande der Anlage erhob sich, vor dem hohem Buschwerk, ein riesiges, schwarzes Kreuz. Als sie klein war, hatte es ihr Angst gemacht …

Beate ging zuerst zur Gedenktafel, die außen am vorderen Eingang des eingezäunten Areals angebracht war. Sie wusste noch gut, da stand etwas von Hitlerjungen, die wenige Tage nach der Besatzung Oranienburgs das Feuer auf russische Soldaten eröffnet hatten. Keiner war über 15 Jahre alt gewesen. Immer hat früher hier ein Glas mit Blumen gestanden. Auch Maria brachte bei ihren regelmäßigen Besuchen meistens einen Strauß mit.

Aber Beate wunderte sich. Das Schild, das ihr noch vor Augen stand und das die Gruppe der hier begrabenen Hitlerjungen einzeln auswies, war nicht mehr da. Hier stand jetzt nur noch eine Hinweis-Tafel zum sowjetischen Speziallager. Die Jungen mit ihrem besonderen Schicksal wurden offenbar nicht mehr für erwähnenswert gehalten. Stattdessen las Beate: “Hier ruhen die, die im Lager Sachsenhausen vom Sommer 1945 bis 1950 durch sowjetische Willkür ihr Leben lassen mussten.“

‚Hier liegt der Fall aber doch ganz anders!‘, überlegte Beate irritiert. ‚Hier geht es um den Tod von Jugendlichen, die von einem sadistischen, faschistischen Regime in die Falle gelockt worden waren. Sie wollten in fanatischer Weise auch nach dem Sieg der Roten Armee ihren Vernichtungshass gegen die Russen nicht aufgeben und auch ihren Glauben an den Endsieg der germanischen Rasse nicht. Trotz der angeordneten Einstellung der Kriegshandlungen haben sie gegen die Sieger die Waffen erhoben. Deswegen wurden sie von ihnen erschossen. Nein sie gehörten nicht zu den verhungerten oder an Krankheiten verstorbenen Insassen des Speziallagers. Sie wurden Opfer ihrer eigenen Tat. Und außerdem hatte sich das Drama mit Paul sich doch viel früher abgespielt! Da gab es das Speziallager noch gar nicht.‘
Beate schaute sich um, suchte, ob das ihr noch gut vertraute Schild jetzt vielleicht an einer anderen Stelle des Geländes aufgestellt war. Und nein, sie konnte sich dabei nicht irren: Maria hat es so oft angesehen, hat sich den Text immer wieder halblaut vorgelesen. So blieb also heute, nach gut 70 Jahren, ungesagt, warum diese Jungen gestorben sind. Warum?
Vielleicht wollte man diese Geschichte verschweigen, vielleicht war es niemandem wichtig genug.
Offensichtlich aber war: Die öffentliche Meinung bzw. die Meinung der heute im vereinten Deutschland regierenden Politiker hatte die Schuldfrage, an der Maria fast ihr ganzes Leben herumrätselte, schon lange beantwortet: Die Sowjetunion hat das Leben dieser Jungen auf dem Gewissen. Für die, die diese Hinweis-Tafel in Auftrag gegeben haben, fiel ihr Schicksal offensichtlich schlicht und ergreifend unter „Sowjetische Willkür“.

Damit war Marias Frage beantwortet. ‚So einfach ist das also mit dem Vergessen!‘ stellte Beate verwirrt fest.

‚Kannte Maria dieses neue Schild eigentlich?‘, überlegte Beate. Aber es wird ihr nicht weitergeholfen haben. Denn sie wusste sehr wohl, was damals wirklich passiert ist. In diesem Fall zumindest war das Verhalten der sowjetischen Soldaten weder willkürlich noch brutal. Es war in gewissem Sinne normal, als Siegermacht und Besatzung des besiegten Landes auf einen tödlichen Angriff mit einer Erschießung der Angreifer zu reagieren. Soweit Kriege und Waffengewalt überhaupt normal sein können.

Nachdenklich ging Beate zu ihrem Auto.

‚Wie wenig man heute noch über diese Zeit nachdenkt. Wie wenig man davon weiß‘ überlegte sie später im Auto. ‚Maria aber ist es nicht aus dem Kopf gegangen. Sie meinte, sich für dieses Ereignis selbst die Schuld zuweisen zu müssen. Sie hatte die Gefahren damals unterschätzt, sich nicht getraut, mit Paul ein Machtwort zu sprechen. Sie hatte auch nicht gewagt, den schweigenden Vater dazu zu bringen, mit Paul Klartext zu reden. Sie hatte die schlimme Entwicklung duldend hingenommen. Und das, das war ihre Schuld, so dachte sie wohl.‘

Beate steckte im Stau. Wie so oft war diese Strecke nach Berlin völlig überlastet. Aber so konnte sie wenigstens in Ruhe ihren Gedanken nachgehen.

‚Das damals die sowjetische Armee es war, die – zusammen mit den anderen Alliierten – Deutschland vom Faschismus befreite, das war offenbar ganz und gar in der Mottenkiste der Geschichte gelandet‘ fiel ihr plötzlich ein. Wieso konnte man von „sowjetischer Willkür“ sprechen, ohne dabei im Kopf zu haben, was die Deutschen mit der sowjetischen Bevölkerung gemacht haben? Und wenn heute jemand merkt, dass in dieser Welt etwas nicht stimmt, dem liefern die Medien und die Regierung dafür eine perfekte Lösung: Die Russen sind es, sie bedrohen den Weltfrieden. So tönt es ständig. ‚Die Russen sind gefährliche, hinterhältige Menschen, und wenn nicht alle so sind, Putin ist es bestimmt.‘

‚Offenbar braucht Deutschland mal wieder einen Todfeind?“, überlegte Beate voller Schreck. „Haben wir wirklich vergessen, dass der von Deutschland angezettelte 2. Weltkrieg – sie hatte die Zahlen gerade erst kurz vor ihrer Fahrt nach Sachsenhausen nachgeschlagen – 6 Millionen tote Deutsche aber 25 Millionen sowjetische Opfer gefordert hat?“

Heute war der 20. April, fiel ihr ein, als sie auf die Uhr im Auto blickte. „20. April. 20. April 1945“, dachte sie. ‚Um diese Zeit herum brannte in Berlin die Luft und in Oranienburg machten sich halbstarke Hitlerjungen auf, gegen jede Vernunft und Menschlichkeit den Endsieg zu erzwingen. Sie gingen auf die sowjetischen Besatzer mit Gewehren los.

‚Tatsächlich‘, überlegte Beate, ‚der April ist eine Zeit, in der man eigentlich vor allem an die Schrecken des Kriegsendes denken müsste, nicht nur an den erwachenden Frühling, auch wenn er immer wieder wunderbar ist. Sicher war er das auch 1945. Eben noch hatte sie ja gesehen, wie die Heidelandschaft um das KZ Sachsenhausen herum zum Leben erwachte und sich begrünte. Die Natur macht sich nichts aus dem, was die Menschen in ihr treiben. Aber die Menschen selbst, die müssten darüber Rechenschaft ablegen. Sie können sich nicht mit dem Frühling und mit gar nichts herausreden‘.

Angekommen in Berlin sah Beate als Erstes in der Zeitung nach, ob es nicht Gedenkstunden geben würde zum 8. Mai, zum ‚Tag des Kriegsendes‘, wie er heute hieß. Heiko saß in seinem Sessel. Er brummte eine knappe Begrüßung. Er fragte nicht, woher sie kam.
Beate nickte nur. Sie suchte. ‚Früher wurde dieser Tag – zumindest in der DDR – als ‚Tag der Befreiung‘ gefeiert. Aber sah man ihn – zumal heute – wirklich so?‘, überlegte sie. Es gab eine Feier in Alt-Reinickendorf auf dem Kriegsgräber-Friedhof sowie einige andere. ‚Und in Oranienburg?‘, fragte sie sich plötzlich. Das wäre jetzt vielleicht das Interessanteste. Wie sah das dort aus, wo Maria gelebt und wo Paul sein Leben hingeworfen hatte? Sie haben damals in unmittelbarer Nähe zu einem Ort gewohnt, wo tausende von Menschen zu Tode gequält wurden, wo man sie erschoss, sobald sie nicht mehr arbeitsfähig schienen, wo man sie behandelte wie Ungeziefer. Angeblich wusste ja niemand in der Stadt was Genaues. Aber spätestens, als in den Tagen, bevor die Sowjets Oranienburg besetzten, 3000 Häftlinge durch die Stadt getrieben wurden, abgemagerte, zerstörte Menschen, auf dem Todesmarsch nach Bergen Belsen, da müssen sie es doch begriffen haben! Haben sie diese Schrecken vergessen? Haben sie vergessen, was sich an unvorstellbarer Unmenschlichkeit und Grausamkeit zwischen ihren Häusern abgespielt hat und wie die Zeche aussah, die sie dafür zahlen mussten. Wer denkt heute noch nach über Paul und über all die anderen?‘

Sie, Beate jedenfalls, sie will und kann es nicht vergessen. Jetzt nicht mehr. Vielleicht hat immerhin das ihre Großmutter sie gelehrt in all den Jahren und trotz der erzwungenen Spaziergänge an diesen Ort: Dass es gilt, nicht zu vergessen.

13. Gute Lage und annehmbare Preise

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2 Antworten zu Gegen das Vergessen 2/12

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