Gegen das Vergessen 2/11

Erzählungen zum Kriegsende 1945 in Oranienburg

von

Mathilda Seithe

*****

Teil 2 – Maria und das Vergessen

Bisher erschienen: Kapitel 1 bis 10

11. Mancher sieht das anders

Beate kam spät zum Frühstückstisch herunter. Es war Wochenende, sie musste nicht zur Arbeit. Meistens ließen sich Beate und Heiko Samstag mit dem Frühstücken viel Zeit.

„Wie siehst du denn aus?“, fragt Heiko seine Frau mit einem leichten Lächeln. „Hast du vielleicht die Nacht durchgemacht?“
„Nicht ganz, aber ich bin erst um drei ins Bett. Habe was gelesen.“ Die Antwort kam ein wenig zögernd.
„Den neuen Bestseller, den ich vorgestern mitgebracht habe? Ich konnte bisher noch nicht reinschauen. Aber er scheint ja echt gut zu sein.“
„Nein, ich habe was ganz anderes gelesen, was Altes.“

„Was? Was denn?“
„Das Tagebuch meiner Großmutter, das sie um das Kriegsende herum geschrieben hat.“
„Ach, und das hat dich so gefesselt? Du hast noch nie etwas von einem Tagebuch erzählt.“
„Das Buch haben wir nach der Beerdigung neulich bei ihren Sachen gefunden. Ich habe es an mich genommen.“
Und was ist so spannend daran? Da ist doch ewig her.“
„Es geht dabei um ihren Bruder Paul. Der ist damals als Hitlerjunge von den Russen erschossen worden, wenige Tage vor der Kapitulation, aber schon während die Russen Oranienburg besetzt hatten und Waffenstillstand herrschte.“
„Wieso das?“
„Er hat aus dem Hinterhalt auf sowjetische Soldaten geschossen, die auf Ihren Panzern saßen und nicht ahnen konnten, dass jemand sie angreifen würde.“
„Scheiße!“, bemerkte Heiko.

Beate nickte und stand auf. Sie musste zur Arbeit und überhaupt – jetzt wollte sie erst mal zu sich kommen und nicht mehr an Oma denken!

Mittags saß sie mit einigen Kollegen in der Kantine ihrer Bank. Man plauderte über dies und jenes.
„Beate, du bist heute so still. Ist was?“, fragte plötzlich einer der Kollegen.
Die anderen sahen sie gespannt an.
„Ach nee, ich muss nur immer wieder an ‚was denken, nicht weiter wichtig“, versuchte sie auszuweichen.
„Du hattest doch ein paar Tage Urlaub. Da sollte man doch ein wenig entspannter wiederkommen!“, bemerkte ihre Kollegin Angela.
„Ich war doch zu der Beerdigung meiner Großmutter in Oranienburg“, sagte sie jetzt ohne besondere Betonung.
„Hast du sehr an ihr gehangen?“, wollte jetzt Jens wissen.
„Nee, eigentlich nicht“, gab Beate zögernd zur Antwort.
„Aber?“, fragte Angela weiter und im nächsten Augenblick meinte sie: „Entschuldige, ich wollte nicht indiskret sein. Pardon Beate!“
„Ach, nein. Es ist nichts Schlimmes oder so. Ich habe nur ein altes Tagebuch gefunden, das meine Großmutter an den Tagen des Kriegsendes geführt hat.“
„Ach, das ist doch ewig her“, meine der junge Auszubildende, der mit am Tisch saß. „Vielleicht kannst du es antiquarisch verkaufen?“
Beate lachte und schüttelte den Kopf.
„Nein, das werde ich sicher nicht tun. Das Tagebuch hat mich ziemlich zum Nachdenken gebracht, wisst ihr? Es dreht sich um den Tod ihres jüngeren Bruders, der als 14-jähriger Hitlerjunge Russen erschossen hat. Da war Oranienburg schon von der sowjetischen Armee besetzt und es herrschte Waffenstillstand.“

Die anderen sahen sie mit großen Augen an.
„Da hat er ja verdammt Pech gehabt, dieser Junge. Ein paar Wochen früher, wäre er als Held gefeiert worden“, bemerkte schließlich Jens.
„Und dann, was steht denn in dem Tagebuch drin“, wollte jetzt Angela wissen.
„Meine Gr0ßmutter ist nie über diese Geschichte hinweggekommen. Sie hat sich die Schuld für seinen Tod gegeben, bzw. sie hat offenbar ihr weiteres Leben lang darüber gegrübelt, wem man die Schuld dafür geben müsse.“
„Ach, der war doch noch viel zu jung, da wusste er sicher nicht, was er tat“, überlegte nun Angela.
Trotzdem, Jugendliche dann einfach zu erschießen!“, empörte sich der Auszubildende.
„Die Nazis hatten ihn offenbar so fanatisch gemacht. Er wollte den Endsieg retten“, erklärte Beate.
„Das wollten die doch damals alle. Und ihn hat’s erwischt, tragischer Fall für deine Großmutter“, ließ sich der Senior am Tisch vernehmen, ein 62-jähriger Mann.
‚Der hat zumindest die Nachkriegszeit noch persönlich miterlebt‘, überlegte Beate. Aber davon war er wohl auch nicht schlauer geworden als die anderen.

Beate sah sich gezwungen, doch etwas mehr zu der Geschichte zu sagen.
„Ihr redet über den Fall ein bisschen so, als handele es sich um eine neues Computer-Spiel. Nein, seid nicht böse. Ich kann das sogar verstehen. Es ging mir anfangs genauso. Aber durch das Tagebuch ist mir diese Zeit irgendwie verdammt nahgerückt.“
Sie sah in Runde. Keiner sagte etwas.
„Mir ist aufgefallen, dass wir alle, heute, 70 Jahre danach, von dieser Zeit kaum noch was wissen und uns schon gar nicht mehr vorstellen können, wie es damals war. Ist es nicht so?“
„Mensch, das ist doch nun wirklich schon fast 100 Jahre her! Das ist Geschichte, oder?“, erregte sich jetzt der Auszubildende.
„Und irgendwann muss man auch mal vergessen können,“ meinte Angela. Sie warf Beate einen etwas nervösen Blick zu, so als fürchte sie etwas.
„Meine Großmutter konnte es nicht vergessen“, sagte Beate nur und schwieg.

Irgendeiner der Kollegen fragte, warum der Chef heute eigentlich so feierlich angezogen sei. Und sofort hatte die Gruppe ein neues Thema, das zum Mittagessen auch angenehmer war.

Wem auch immer Beate in den nächsten Tagen von ihrer Großmutter und dem Tagebuch erzählte, sie stieß immer wieder auf ähnliche Reaktionen. Niemand hatte Lust, niemand war bereit, sich mit dieser Thematik und mit dieser Zeit zu befassen.
Sie fragte sich, warum? Warum glaubten alle heute, das mit dem Krieg, mit Hitler, mit den Millionen Toten und den KZs, das ginge sie nichts mehr an.

Irgendwann kam sie mit Heiko darauf zu sprechen. Eigentlich wollte sie ihm gar nicht groß erzählen, wie sehr sie noch immer mit dem Tagebuch beschäftigt war. Und sie war nicht überrascht, dass auch er genauso reagierte wie all die anderen.

„Aber warum belastest du dich auch mit solchen alten Sachen?“, fragte er sie schließlich. Es klang beinah ärgerlich.
„Weil ich es wichtig finde. Wir wissen gar nichts mehr von dieser Zeit. Selbst meine Mutter und Papa haben sie ja nicht mehr erlebt. Aber dieses Vergessen scheint mir nicht gut, es kommt mir gefährlich vor. Die Leute kümmern sich nicht um solche Sachen, die wollen ja am besten überhaupt nichts hören von Politik und der Vergangenheit.“

„Na ja, ob man sich mit den alten Geschichten von damals so intensiv befassen sollte, da bin ich mir auch nicht sicher. Wem nutzt das noch? Aber, dass die Leute in den Tag hineinleben und irgendwie blind sind für die gegenwärtige Weltlage, das sehe ich wie du. Niemand will sich mehr politisch engagieren. Aber ich finde auch, man kann all das, was einen stört an unserer Gesellschaft, nicht tatenlos hinnehmen.“
„Du hast Recht, Heiko. Aber der Blick auf damals könnte uns davor bewahren, die gleichen Fehler zu machen, zum Beispiel genauso die Augen zu verschließen vor gefährlichen Entwicklungen. Die Welt ist doch wirklich nicht so in Ordnung, wie es einem in den Zeitungen und im Fernsehen erzählt wird. Man müsste etwas tun, um wirklich wieder aufmerksam zu werden und so manche Entwicklung kritisch sehen. Vielleicht kann man dann verhindern, dass es einmal wieder so kommt. Und ich mache mir jetzt ernsthaft Gedanken, ob ich nicht etwas tun kann, damit das nicht passiert, Heiko.“

„Finde ich gut. Aber es ist ja nicht so, als würden wir gar nichts tun. Wir bei See-Watch, zum Beispiel, wir wollen einfach nicht akzeptieren, dass Flüchtlinge massenhaft im Mittelmeer ertrinken und niemand sie rettet. Ich finde es unerträglich, in einer Gesellschaft zu leben, in der man Menschen lieber ertrinken lässt, als ihnen zu helfen.“
„Ja, Heiko, ich finde euer Engagement auch toll und bewundernswert, und ehrenwert.“
Beate sah ihren Mann ein paar Sekunden nachdenklich an. „Aber manchmal frage ich mich: Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, was der Grund dafür ist, dass diese Menschen sich auf die Flucht begeben und ihr Leben riskieren?“
„Na klar, sie wollen nicht so weiterleben. Viele sind auch in Gefahr. Andere sind enttäuscht, weil sie keine Perspektive haben in ihrem Land. Sie haben ein Recht auf ein besseres Leben, wenn es andere Menschen auf der Welt gibt, die dieses bessere Leben für sich in Anspruch nehmen.“
„Ich finde diesen Gedanken schon o. k. Aber ich meine, sie haben alle auch ein Recht auf eine Heimat, in der kein Krieg herrscht. Und sie haben doch auch ein Recht auf einen Staat in ihrem Heimatland, der für seine Bewohner sorgt, sie schützt, ihnen Perspektiven eröffnet.“
„Was willst du damit sagen?“
„Dass ich es schön finde, was ihr macht, aber politischer wäre es, mit dafür zu sorgen, dass in den Heimatländern andere, ich meine lebenswerte und menschenwürdige Bedingungen herrschen. Dann müssten sie nicht fliehen.“
„Da wäre ich doch der Erste, der sich darüber freuen würde!“
„Aber warum macht ihr großartig Werbung für das Retten von in Seenot geratenen Flüchtlingen und sagt aber mit keinem Wort, was politisch eigentlich passieren müsste, damit eure Hilfe nicht mehr nötig wäre? Ehrlich gesagt, Heiko, manchmal kommt es mir so vor, als wäret ihr gar nicht daran interessiert, dass diese Leute wieder in ihre Heimat zurückkönnen.“
Wie kommst du denn darauf? Wir kümmern uns um Menschen in Lebensgefahr und Not, und das gegen die erklärte Absicht einer inhumanen Welt rings um uns herum. Was sollen wir denn noch tun?“
„Ich finde, ihr tut irgendwie so, als seien Krieg, Hunger und all diese Notlagen eben einfach da und unvermeidbar, also Schicksal.“ Beate überlegt einen Moment: „Jedenfalls nicht eure Sache.“
„Ich wusste nicht, dass du so über See-Watch denkst,“ murmelte Heiko. Es klang überrascht, aber auch ein wenig verletzt.
„Doch, Heiko, seit ich durch dieses Tagebuch angefangen habe, über Kriege nachzudenken und über die Blindheit, die Menschen ergreifen kann gegenüber der Wirklichkeit, seitdem kommt ihr mir ein wenig vor wie der gute Samariter in der Bibel: Ihr helft den Notleidenden, ohne zu fragen, warum sie in diese Not geraten sind. Nimm es mir nicht übel, Heiko, aber so ändert ihr doch nichts. Es geht immer so weiter. Ihr rettet einige Leute. Sie werden natürlich dankbar sein. Und ihr fühlt euch gut, weil ihr ihnen geholfen habt. Und das ist alles. An der Ausgangslage hat sich dadurch nichts geändert.“
„Doch, wir haben diesen Menschen das Leben gerettet. Und wir haben der Menschheit vor Augen gehalten, was wirkliche Menschlichkeit ist.“
„Und du denkst, dann werden sie es begreifen und werden eurem Vorbild folgend auch menschlich handeln? Wenn das so einfach wäre! Woher kommt denn die Unmenschlichkeit in unserer Welt in dieser Gesellschaft. Doch nicht daher, dass die Menschen auf einmal alle egozentrisch und gemein geworden sind.“
„Woher dann?“
„Tu nicht so unwissend, Heiko. Du weißt es doch auch: Wir leben in einem gesellschaftlichen System, in dem Unmenschlichkeit Programm ist, weil es zu mehr Profit für die führt, die an der Macht sind und noch mehr davon haben wollen.“
„Echt, jetzt spinnst du, Beate. Wo hast du denn das aufgeschnappt? Lass dich doch nicht von diesem Tagebuch verrückt machen! Das waren doch ganz andere Zeiten damals. Wir leben doch heute in einer aufgeklärten Gesellschaft und im Frieden.“
„Du lebst im Frieden? Wie schön für dich! Und deine Flüchtlinge? Warum müssen sie denn fliehen, warum haben sie in ihrer Heimat Krieg oder aus anderen Gründen keine Zukunft? Das ist doch die Frage! Und da machst auch du die Augen zu. Genau wie die, über die du dich beklagst“.
Das ist jetzt echt ’ne Unterstellung, Beate!“ Heikos Stimme wurde allmählich lauter.
„Weißt du was, Heiko, man kann Armut nicht durch Almosen bekämpfen und Kriege nicht dadurch, dass man die Opfer wieder auf die Beine stellt.“
„Mein Gott Beate, wie du sprichst! So habe ich dich noch nie reden gehört! Und alles wegen dieses alten Tagebuches! Mach dich damit doch nicht fertig. Heute geht es um ganz was anderes. Es geht darum, unsere Werte zu verteidigen, Beate: Freiheit, Menschenwürde, Solidarität, Menschlichkeit.“
„Ich finde, es geht um Gerechtigkeit, um Armutsbekämpfung, darum, dass reiche Länder arme Länder nicht länger aussaugen dürfen. Aber darüber redet keiner, stimmts?“
„Woher hast du das denn? Aber das ist doch Sozialromantik, liebe Beate.“
„Weißt du was, du kannst mich mal. Sozialromantik! Das ist wirklich stark. Aber sie machen es ja alle so: Was den wirklichen Problemen in dieser Welt an den Kragen gehen könnte, das ist Sozialromantik, bestenfalls. Und im schlechtesten Fall ist es schon ganz nahe am Hochverrat, stimmts?! Geh zu deinen See-Watch-Leuten und macht weiter gemeinsam die Augen zu und fühlt euch super dabei.“
„Jetzt reichts mir aber!“

Ärgerlich stand Heiko auf, griff nach seiner Jacke und verließ die Wohnung. Die Tür knallte zu. Der geplante gemeinsame Einkauf bei Ikea war damit gestorben.

12. Die Grabstätte

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3 Antworten zu Gegen das Vergessen 2/11

  1. Pingback: Gegen das Vergessen 2/10 | opablog

  2. fidelpoludo schreibt:

    Eine erste grobe Annahme, von der ich nicht weiß, ob sie explizit oder implizit noch zum Thema wird:
    Hier – in dem Streit über die Behandlung der Flüchtlingsfrage – zeigt sich (wie in der Corona-Affäre, wie in der Einstellung zum Ukraine-Einmarsch etc.) die unausgesprochen Strategie der herrschenden, jedoch verborgen gehaltenen, Devise der globalen Elitenkabale: „Teile und hersche!“, die übrigens auch finanzielle Grundlagen und Auswirkungen hatte und hat: Sowohl der Kommunismus, als auch der Nationalsozialismus wurden vom großen Kapital (und seinen Banken) finanziert. Das rückt die Schuld- wie die Schicksalsfrage, beide bisher in der Erzählung von herausragender Bedeutung, in ein anderes Licht.
    Nach der vollständigen ersten und mindestens einer zweiten Lektüre des Gesamttextes werde ich mich sicherlich noch einmal zu Wort melden.

    Ich bin sehr gespannt, wie es weiter geht. (Form und Stil erinnern mich an Christa Wolf.)

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  3. fidelpoludo schreibt:

    Der opablog hat still und heimlich sein „Motto“ verändert.
    Aus

    Kein Gott
    Kein Kaiser
    Kein Tribun

    ist geworden

    Der Hauptfeind jedes
    Volkes steht in seinem
    eigenen Land!

    Steile These, die zum Denken anregt – wie auch zum Spekulieren darüber, wie sich der Wechsel begründen ließe. Ein paar Gedanken dazu habe ich schon. Aber ich lasse dem Schöpfer des Blogs gerne den Vortritt, wenn er sich dazu äußern möchte.

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