Gegen das Vergessen 2/10

Erzählungen zum Kriegsende 1945 in Oranienburg

von

Mathilda Seithe

*****

Teil 2 – Maria und das Vergessen

Bisher erschienen: Kapitel 1 bis 9

10. Marias Tagebuch III

25. Juni 1945
Ein Tag wie jeder andere. Wir hungern. Ich helfe draußen bei Bauer Großbaum bei der Ernte. Ich bekomme dafür ein Ei, ein bisschen Mehl. Kaufen kann man nichts. Wir beobachten neidisch die Besatzungssoldaten, nur von ferne, denn niemand traut sich, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Nur die Kinder laufen hin. Sie betteln und bekommen manchmal eine Kleinigkeit zu essen. Aber so richtig gut scheint es den Soldaten auch nicht zu gehen.

Vorgefallen ist bisher noch nicht viel. Ein paar junge Mädchen erzählen, sie seien vergewaltigt worden, aber der Stadtklatsch sagt, sie hätten sich selbst angeboten, um von den Soldaten Essen zu bekommen.

Ich jedenfalls gehe wieder raus. Ich gehe täglich raus nach Sachsenhausen zum Grab hinter der KZ Mauer. Nicht selten bin ich hier jetzt auch ganz allein. Es ist friedlich hier. Ich setze mich dann ins Gras und frage mich, wie das alles möglich war. Warum war Paul so fanatisch? Warum habe ich ihn an diese Hitlerjugend verloren? Warum überhaupt hat es diesen schrecklichen Krieg gegeben? Warum haben wir alle diese brutalen Nazis machen lassen? Aber ich weiß, am Anfang fanden wir alle, auch ich, diesen Krieg irgendwie gerechtfertigt. Wir haben uns einlullen lassen. So wie sie dann meinen Paul eingelullt haben. Wer ist schuld an Pauls Tod? Paul? Er meinte ja, ein Mann zu sein, der wisse, was er tut. Und er hat die Russen gehasst und er wollte töten. Er war völlig verblendet. Und verrückt nach seinem Sieg über die anderen Völker. Aber er war ein Kind, ein Jugendlicher, der all das nicht wirklich hat überblicken können. Wir haben ihn nicht abgehalten. Wir konnten ihn nicht abhalten. Vater nicht. Ich nicht. Also sind eigentlich wir schuld?

Oder doch die Russen? Warum töten sie nach Kriegsende deutsche Jungen?

Ja, stimmt, weil sie von ihnen angegriffen wurden, mit Schusswaffen. Es sollen ja sogar zwei gestorben sein. Paul ist damit ein Mörder. Der Krieg war ja praktisch aus. Es galt Waffenruhe. Sie haben sich gewehrt, sie haben die Schützen bestraft und mit gleicher Münze heimgezahlt. Sie waren die Sieger. Es war ihr Recht. War es ihr Recht?

Meine Nachbarin ist voller Wut auf die Russen. Sie gibt ihnen eindeutig die Schuld für Pauls Tod. Aber das finde ich nicht richtig. Da haben nicht einfach ein paar besoffene Russen auf deutsche harmlose Jugendliche gezielt. Einige sehen es so. Ich begreife das nicht. Wie schnell sie vergessen!

Oder kann man sagen, Hitler war schuld? Der die Jungen fanatisiert hatte, sie benutzte und sinnlos für die Idee eines Sieges über die ganze Welt opferte. Aber wo ist er jetzt? Soweit man hört, hat er sich umgebracht. Man kann ihn nicht mehr bestrafen. Will das hier überhaupt jemand? Ich fürchte, viele denken noch wie Paul: Dass wir zwar besiegt wurden, aber dass wir hätten siegen müssen und eigentlich auch hätten siegen können.
Und es war ja nicht Hitler allein. Wenn ich den Bauer Großbaum sehe, noch vor ein paar Wochen Leiter der Volksfront. Jetzt spielt er die Friedenstaube und tauscht mit den sowjetischen Soldaten Eier und Vieh – gegen Geld? Nein, Geld spielt noch keine Rolle. Er scheint seine begehrten Naturalien gegen ihre Nachsicht einzutauschen. Er gibt sie ihnen dafür, dass sie seine Vergangenheit übersehen. Und die Russen spielen mit. Sie haben auch Hunger. Alle hier im Viertel sind böse auf ihn und die Russen deshalb. Neulich hat der Postbote Schirmanski den Großbaum bei der russischen Aufsichtsbehörde angezeigt, wollte denen erzählen, wer Großbaum wirklich war. Allerdings war auch Schirmanski in der NSDAP, wenn auch nur ein kleines Licht. Und eigentlich waren ja fast alle dabei. Aber die Russen haben ihn als ehemaligen Nazi eingesperrt. Das war alles. Großbaum lacht sich sicher jetzt tot.

Von Vater noch kein Wort.

Mein Herz ist leer. Ich lebe so vor mich hin. In mir ist nichts als Trauer und die ewige Frage danach, wer schuld ist am Tod von Paul. Und in meinen Träumen steht Paul vor mir:
„Maritschka,“ sagt er: „Warum hast du mich nicht von diesem Blödsinn abgehalten? Du warst doch die Ältere, Maritschka. Ich war doch fast noch ein Kind.“
Und ich wache schweißgebadet auf und weiß keine Antwort.

15. 10. 1945
Es hat eigentlich keinen Sinn mehr, dieses Buch weiterzuschreiben. Paul ist tot. Es ist nicht zu ändern. Sein Grab ist das Einzige, was von ihm bleibt.

In den letzten Tagen stelle ich mit Verwunderung und fast mit Abscheu über mich selbst fest, dass es Stunden gibt, in denen ich nicht an Paul denke. Wie kann ich das alles vergessen? Kann man so etwas wirklich vergessen?

Vater wird demnächst zurückkommen. Er ist in russische Gefangenschaft geraten, aber wegen seines Beines wollen sie ihn loswerden. Er weiß noch gar nichts von Paul. Das wird die Trauer wieder aufreißen.

1.1.1946
Es gibt Leute, die feierten Silvester. Ich kann das nicht. Ich habe mit Vater zusammengesessen und wir haben von früher gesprochen, als alles noch gut war, vor dem Krieg, vor Hitler. Damals allerdings war gerade Mutter gestorben.
Wir kommen aus den trübsinnigen Gedanken nicht mehr heraus.
Vater hat mir erzählt, dass er heimlich in der KPD gewesen ist vor dem Krieg. Keiner hat es gewusst. Sonst wäre er mit Sicherheit im KZ gelandet.
„Als Paul anfing, sich für die Hitlerjugend zu begeistern, wurde es für mich wirklich brenzlig“, erklärte er mir.
Deshalb war Vater also immer so zugeknöpft, was sein Leben und seine Situation betraf. Ich habe ihn gefragt:
„Und jetzt?“
Aber er hat die Nase voll von Politik und Parteien. Er fühle sich alt, meinte er. Er sei aufgefressen, aufgebraucht. Und die Sache mit Paul raubt auch ihm wohl die allerletzte Kraft.

24.4.1946
Morgen jährt sich der Tod von Paul. Ich will mit Vater nach Sachsenhausen gehen. Er wird es schon schaffen, denke ich. Er ist bisher noch nie da gewesen, meinte immer, er könne das nicht ertragen. Jetzt will er doch mit. Ich bin froh, dass ich nicht mehr allein dort stehen und weinen muss.

26.4.1946
Wir sind zurück. Es war furchtbar. Wir haben lange stumm nebeneinander gestanden. Irgendwann hat mich Vater plötzlich in den Arm genommen und ich fühlte, dass er schluchzte. Überall standen Frauen herum, jetzt auch ein paar Männer, einige mit amputierten Beinen.
Auf dem Heimweg blieb Vater plötzlich stehen und fragte mich:
„Was denkst du, Maria, wer ist schuld am Tod deines Bruders? Diese Frage geht mir nicht mehr aus dem Kopf!“
Ich brach in Tränen aus. Ich konnte sie ihm ja auch nicht beantworten.

„Natürlich ist das faschistische Regime daran schuld. Aber trotzdem, hätten wir den Tod von Paul nicht verhindern können?“, flüsterte er, als ich nicht aufhören konnte, zu weinen.

7. Mai 1946
Morgen ist Jahrestag der Kapitulation, des Kriegsendes. Die Russen feiern. Wir sollen auch feiern. Aber was gibt es für uns zu feiern? Die Frauen schuften sich täglich mit dem Steine Klopfen in den Ruinen ab. Viele sind schwer deprimiert. Die wenigen Männer, die bisher zurückgekommen sind, schweigen sich aus und wirken verstört. Sie fangen jetzt an, die Häuser wieder notdürftig aufzubauen. Wir hatten ja Glück. Unser Haus wurde nicht zerstört. Nur im Hof hatte ein Querschläger den Schuppen getroffen und eine Ecke vom Dach weggerissen. Immerhin, die Notunterkünfte habe ich nicht kennen lernen müssen. Immerhin. Bei mir ist noch immer die junge Frau untergebracht, deren Haus völlig zerstört wurde bei den Angriffen am 15. März. Außerdem habe ich jetzt noch eine weitere Frau bei mir, die mit drei kleinen Kindern aus Tegel bis hierher fliehen konnte.

Wir kommen einigermaßen gut miteinander aus. Wenn nur dieser Hunger nicht wäre.

5. Juli 1946
Ich habe mich entschieden. Ich werde hierbleiben. Ich muss in der Nähe von Paul bleiben, mindestens solange diese Schuldfrage für mich nicht geklärt ist.

Ich habe Robert den Laufpass gegeben. Ich habe ihn beim Kirschenpflücken bei Großbaum kennengelernt. Er hat den Krieg überlebt, weil er in einem kriegswichtigen Betrieb bei seinem Vater als unentbehrlich galt. Ein großes Glück. Er hat sich wohl in mich verliebt. Er ist nett, wirklich sehr nett. Aber er will mich mitnehmen in seine Heimat, nach Essen. Hier kann er nicht bleiben, sagt er. Der Vater brauche ihn. Seiner Mutter gehe es schlecht, sie benötigen Hilfe. Hierher hat es ihn verschlagen, als er in den allerletzten Kriegstagen doch noch eingezogen wurde. Aber sein Zug kam nur noch bis Berlin. Dann ging nichts mehr. Der Krieg war plötzlich aus. Um zu überleben, ist er aufs Land gegangen, hat sich bei den umliegenden Bauern hier im Berliner Umland ein bisschen was verdient. Er möchte möglichst bald nach Hause zurück. Aber er will mich mitnehmen. Und ich habe nein gesagt. Ich kann nicht von hier fort.

Er ist traurig und wütend. Und ich bin verzweifelt. Aber ich kann nicht. Ich bleibe bei Paul.

Das war die letzte Eintragung

……..

Beate legte das Heft weg. Sie hatte es in einem Zug durchgelesen. In der Wohnung war es schon seit Langem totenstill.

Von diesem Mann aus Essen hatte Beate noch nie etwas gehört, weder von ihrer Mutter Helga noch von Maria selbst. Später hatte sie ja dann Opa geheiratet, den Helmut. Ihr Vater war früh gestorben. Und ihr Mann Helmut akzeptierte, dass sie jede Woche nach Sachsenhausen pilgerte.

Ob sie später noch mal Tagebuch geschrieben hat? Jedenfalls hat ihr Wunsch, nah bei Paul zu sein und ihn immer wieder zu besuchen, auch in den folgenden Jahren nicht nachgelassen.
Neulich, bei der Beerdigungsfeier, konnte Beate sich nur noch an ihre Wut darüber erinnern, dass sie ständig und immer diejenige gewesen ist, die mit ihrer Großmutter zum Grab von Paul laufen sollte, Freitag für Freitag. Als sie schon älter war, erschien es ihr als Last, als Gemeinheit, ja als Fluch, dem sie nicht entkommen konnte. Aber sie wusste durchaus auch noch, dass sie als jüngeres Kind eigentlich ganz gerne jede Woche am Freitagnachmittag mit ihrer Großmutter nach Sachsenhausen gewandert war. Später fuhren sie mit dem Rad. Es war schön, mit der Oma zusammen zu sein. Aber wenn sie angekommen waren, hatte Maria dann jedes Mal dagesessen und traurig ausgesehen. Immer legte sie eine Blume unter das Kreuz, das inzwischen dort aufgerichtet war. Für ihre Enkelin hatte sie dann für eine Weile keine Zeit und keinen Blick. Aber Beate wusste sich zu beschäftigen. Aus den winzigen Blumen überall auf dem sandigen Grund flocht sie Sträuße oder kleine Kränzchen. Die verstreuten Krüppelkiefern konnte man erklettern und sich darin Verstecke bauen. Im Herbst lag der Duft der Sandlinge in der Luft. Im Winter baute sie Schneemänner oder stampfte mit ihren Füßen Muster in den Schnee. Maria ließ sie gewähren. Sie kümmerte sich erst wieder um ihr Enkelkind, wenn sie bei Paul fertig war. Später wurde die Anlage als kleine Gedenkstätte umgestaltet, mit Bänken, mit einer kleinen Informationstafel. Es gab inzwischen mehrere markierte Grabstellen. Aber nie hatte die Großmutter mit Beate über das Ereignis gesprochen, um das sie hier trauerte. Beate wusste immer nur, dass hier Omas Bruder Paul begraben war, der in den letzten Kriegstagen gefallen war.

Beate stand auf. Sie legt das Buch beiseite. Es waren inzwischen einige Stunden vergangen. Es war längst tiefe Nacht. Sie schlich in die Zimmer ihrer Kinder und sah sie lange an. Das Flurlicht drang schwach in die dunklen Räume, sodass sie die Gesichter ihrer beiden schlafenden Kinder erkennen konnte. „Was wäre, wenn die plötzlich meinen, ihr Leben für etwas opfern zu müssen, für etwas ganz und gar Verrücktes, etwas Abscheuliches, was sie aber völlig erfüllen würde, was ihnen heilig wäre?“, ging es ihr plötzlich durch den Kopf. Sie kannte Eltern, deren Tochter von einem Tag auf den anderen nach Syrien zur IS weggelaufen war.

Sie schloss die Türen lautlos und ging schlafen. Kurz bevor sie wegsackte, fiel ihr noch ein: ‚Hat Maria eigentlich jemals die Schuldfrage für sich beantworten können?‘ Sie seufzte und legte sich bequem auf die Seite. ‚Und jetzt ist das auch meine Frage‘, dachte sie noch, bevor ihr die Augen zufielen.

11. Mancher sieht das anders

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2 Antworten zu Gegen das Vergessen 2/10

  1. Pingback: Gegen das Vergessen 2/9 | opablog

  2. fidelpoludo schreibt:

    Warte händeringend auf die Fortsetzung!

    Gefällt mir

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