Gegen das Vergessen 1/5

Erzählungen zum Kriegsende 1945 in Oranienburg

von

Mathilda Seithe

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Teil 1- Das Haus mit dem spitzen Dach

Bisher erschienen: Kapitel 1 bis 4

5. Moderne Geister

Als ich abends schlafen gehen wollte – wir hatten sehr lange zusammengesessen, ich durfte heute bis nach 22.00 Uhr aufbleiben und war nun hundemüde – da kamen mir die Geschichten von damals wieder in meinen Kopf. Ich öffnete die Tür zu meinem kuscheligen Zimmer und prompt überfiel mich die Frage, wer wohl in diesem Raum gewohnt hatte. Die Kinder des KZ-Wärters? Wussten sie, welchen Beruf ihr Vater hatte? Ich legte mich aufs Bett, sah beunruhigt die Wände an. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Mir kam es so vor, als wäre ich nicht allein, als läge ich hier und beobachtete die Familie des KZ-Wärters, ihn, also den Vater, seine Frau, die Kinder. Wie war es damals? Ich belauschte, was sie sagten, wie sie sich bewegten. Und auf einmal konnte ich ihre Gedanken hören.

Ich stand auf und trat ans Fenster. Draußen war es stockdunkel. Ich sah geradeaus in die Dunkelheit hinter unserem Garten. Da also war das KZ gewesen. So nah! Ob man die Menschen bis hierher hatte schreien hören? Und: Wussten die Kinder, wer schrie und warum?

Vorsichtig schlich ich mich ins Wohnzimmer nach unten, wo Tante Elke auf dem Sofa schlafen sollte. Sie hörte mich kommen und richtete sich auf. Ich denke, sie hatte schon geschlafen, war aber trotzdem ganz freundlich zu mir.

„Karola, was ist? Kannst du nicht schlafen?“.

Ich nickte.

„Ich muss immerzu an die Familie denken, die damals hier … du weißt schon, …,“

Elke seufzte tief.

„Meine Güte, was habe ich angerichtet! Das wollte ich nicht. Deine Mutter wird mir böse sein.“

„Aber ich finde das richtig, das zu wissen. Mama will uns immer nur schonen. Dabei müssen wir doch mit der Realität klarkommen lernen, oder? Aber ich bin tatsächlich total schockiert.“

„Tut mir leid Karola, vielleicht sollten wir einfach nicht mehr über all das sprechen?“

„Doch, Tante Elke, ich möchte, ich muss darüber reden. Ich kriege es sonst nicht mehr aus dem Kopf. Was waren das für Leute? Waren sie sich ihrer Schuld bewusst? Fanden sie es überhaupt schlecht, was sie da taten oder war es für sie eine Arbeit wie jeder andere?“

„Das kann ich dir auch nicht sagen. Willst du es wirklich herausfinden?“

Ich nickte bestimmt.

„Wir könnten mal ins Museum gehen, jetzt in den Tagen, wo ich noch hier bin. Es ist gar nicht weit. Von hier aus kann man sogar hinlaufen. Wir könnten schauen, ob wir über die Leute hier in diesen Häusern mehr in Erfahrung bringen. Aber ich fürchte, du wirst dann nicht mehr hier wohnen wollen.“

„Das wäre schrecklich, vor allem für Mama. Sie hat sich solche Mühe gegeben und sie war so stolz auf diesen Kauf. Es sollte der Anfang sein für ein neues, wieder unbeschwertes Leben, ein Neuanfang für uns drei ohne Papa. Du weißt es ja. Aber ich möchte es trotzdem wissen!“

Ihr konnte ich alles erzählen. Mama hätte sich gewundert, wenn sie mich gehört hätte. Elke nickte nachdenklich.

„Deine Mutter hat mir eben noch gesagt, dass sie traurig ist über das Ganze. Sie fürchtet, es wird euch beide belasten.“

„Aber es ist doch belastend! Mama ist echt gut! Da kann man doch nicht einfach drüber wegsehen. Ich gehe mit dir ins Museum. Das ist eine super Idee! Vielleicht geht ja Bernd auch mit. Aber wenn ich mich nicht damit befasse, weißt du, dann wird es mich sicher ewig verfolgen. Ich will den Tatsachen ins Auge sehen, Tante Elke. Dann kann ich sie vielleicht innerlich für mich wieder loswerden.“

„Machen wir, abgemacht. Und“, sie hielt mich am Arm zurück, „du kannst gerne Elke zu mir sagen, von Frau zu Frau sozusagen.“ Ich nickte erfreut. Sie schickte mich ins Bett.

Ich schlief erstaunlicherweise sofort ein. Traumlos. Zumindest konnte ich mich morgens an keinen Traum mehr erinnern.

Dennoch fiel mir nach dem Aufwachen alles wieder ein.
Ich ging zum Fenster. Zum ersten Mal betrachtete ich die Gegend hinter unserem Garten genau, suchte durch die noch fast kahlen Büsche und Bäume hindurch nach irgendwelchen Hinweisen und Zeichen, dass dort einmal ein KZ gewesen war. Man konnte kaum etwas erkennen. ‚Das sollte ich mir direkt vom Garten aus mal ansehen‘, dachte ich.

Es war Sonntag, die anderen schliefen noch. Ich zog mir was an. Dann schlich ich durchs Haus, die Treppe runter, zur Gartentür hinaus. Dieses Mal hatte ich keinen Blick für unsere ersten Gartenversuche, die neu gepflanzten Stauden, die neu abgesteckten Blumenbeete für die Sommerblumen. Ich habe sie noch im alten Haus angezogen. Sie sollen raus, sobald die Eisheiligen herum sind.

Ich lief bis an den hinteren Zaun. Dort starrte ich in das Gewirr von Zweigen und Büschen. Man sah nichts, außer ein paar Schuppen, die aber noch zu unseren Häusern gehörten. Ich ging am Zaun entlang ein Stück weiter. Plötzlich hörte ich ein Geräusch neben mir. Ich schrak zusammen und sah mich um. Mir war, als sähe ich dort zwei Kinder, beide ein wenig jünger als Bernd und ich. Sie standen genau da am Zaun, wo ich eben noch gewesen war. Sie beugten sich, so weit sie konnten, hinüber.

„Hörst du was?“, fragte der Junge das Mädchen. „Papa hat heute früh gesagt, dass sie wieder einige von denen bestrafen werden, weil die nicht ordentlich arbeiten. Er hat nicht lustig dabei ausgesehen.“

„Was machen besonders die denn mit denen?“, fragte das Mädchen neugierig.

Der Junge antwortete nicht gleich, so, als müsse er sich überlegen, ob er sprechen sollte. „Ich weiß, was die mit denen machen“, brüstete er sich schließlich doch.

„Wirklich? Dann sag es doch, Werner! Bitte!“

Das kleine Mädchen stand mit den Füßen auf der ersten Stufe des Zaunes, hielt sich am oberen Rand fest, ließ ihren Körper nach hinten fallen und schaukelte ihn hin und her. Der Bruder antwortete nicht.

„Ach, du weißt es ja doch nicht!“, provozierte sie ihn. Sie warf ihm einen herausfordernden Blick zu.

„Doch. Ich weiß es, wirklich Lucie. Ich habe mal gelauscht, als Vater es der Mutter erzählte. Sie werden in einen Raum geschickt. Man sagt ihnen, sie würden gemessen oder so. Und dann …“

„Was dann? Nun sag schon!“

„Vater hat es nur angedeutet. Er hat gesagt: ‚Aber wie groß die sind, das will eigentlich gar keiner wissen.“

„Was denn?“

„Keine Ahnung. Aber man will sie doch bestrafen.“

„Ob wir mal fragen?“

„Bloß nicht, Vater will doch nicht, dass wir über seine Arbeit reden. Er würde uns böse anfahren und wissen wollen, woher ich das weiß. Nee, lieber nicht.“

„Aber in meiner Klasse, die sind gemein zu mir, die nennen mich manchmal „Toten-Lucie“. Da kommt die Toten-Lucie, sagen sie. Was meinen die damit?

„Vielleicht sterben die dann an der Bestrafung, ich meine die, über die Vater erzählt hat. Vielleicht meinen die so was.“

„Ja, vielleicht. Ich sage zu denen in meiner Klasse immer, dass sie aufhören sollen. Und dann lachen sie und sagen: „Frag doch mal deinen Vater!“

„Da darfst du dir nichts draus machen, Lucie. Vater macht hier eine wichtige Arbeit, weißt du. Es geht um Deutschland und darum, dass die Juden Deutschland nicht kaputtmachen.“

„Heil Hitler!“, kicherte Lucie altklug und lachte.

„Da gibts nichts zu lachen, Lucie. Das ist ganz ernst. Da geht es um Leben und Tod. Und Vater weiß da genau Bescheid. Die Kinder in deiner Klasse, die sind einfach blöd, weißt du!“

Werner hatte sich seiner Schwester zugewandt, legte seinen Arm um sie, zog sie vom Zaun herunter.

„Lass mich!“, rief Lucie. „Ich kann das alleine!“

„Hörst du nicht? Da ruft Mutter zum Essen, komm, schnell ins Haus“!

Es entstand eine kleine Pause. Dann sagte der Junge:

„Wir haben eben nicht über das – du weißt schon – wir haben nicht darüber geredet, verstehst du!?“.

„Großes Ehrenwort. Das ist unser Geheimnis! Ist doch klar!“

Ich hatte dem Gespräch der Kinder wie gebannt gelauscht. Nun waren sie wohl weg. Ich stand wieder allein am Zaun. Ich hörte nur noch die Vögel in den Bäumen, dann das Geräusch eines Autos weiter oben auf der Straße. Mich fror auf einmal. Langsam schlich ich zurück, ging durch die Gartentür wieder ins Haus. In der Küche war Mama dabei, das Frühstück vorzubereiten.

„Wo warst du?“

„Ach, nur im Garten.“

„So früh?“

„Der Garten ist schon so schön,“ sagte ich.

Ja, ich würde mit Elke in das KZ Museum gehen.

6. Das alte Foto

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