Gegen das Vergessen 1/4

Erzählungen zum Kriegsende 1945 in Oranienburg

von

Mathilda Seithe

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Teil 1- Das Haus mit dem spitzen Dach

Bisher erschienen: Kapitel 1 bis 3

4. Der Hauskauf

Den ganzen nächsten Tag sprachen die beiden kaum miteinander.

„Was haben die denn?“, fragte mich Bernd.

„Ach die haben sich gestritten, weil Mama uns nichts davon gesagt hat“, teilte ich ihm meine Interpretation des nächtlichen Streitgespräches mit. Wir warteten. Allmählich schien sich das Unwetter zu verziehen.

Beim Abendbrot am 2. Tag, an dem Elke bei uns zu Besuch war, kamen wir erneut auf das Thema. Wir hatten schon aufgegessen und ich wollte den Tisch abräumen. Meine Mutter blieb sitzen und hustete mehrfach.

„Warte mal, Karola, bleib doch noch hier!“.

Als sie sich der Aufmerksamkeit ihrer beiden Kinder und ihrer Schwester versichert hatte, lächelte sie erleichtert, holte tief Luft und meinte:

„Ihr denkt sicher, ich hätte mir die Entscheidung für diesen Hauskauf einfach gemacht. Das stimmt nicht. Ihr ahnt gar nicht, wie sehr mich diese blöde Geschichte schon beim Kauf des Hauses verfolgt hat. Ich suchte bereits eine ganze Weile, habe dann aber endlich einen Makler beauftragt. Allein, so glaubte ich, würde ich nichts finden. Das war so ein kleiner, quirliger Typ. Ich glaube, er bemühte sich wirklich, mir zu helfen. Er kannte ja unsere Geschichte. Ich habe sie ihm erzählt. Nun gut. Er schickte mir immer wieder Angebote. Die meisten waren viel zu teuer, oder wir hätten dann fast außerhalb der Stadt wohnen müssen. Das wollte ich auf keinen Fall. Als er dann mit diesem Haus kam, rief er mich an.

‚Wie gefällt ihnen das neue Angebot?‘ Ich konnte regelrecht hören, dass er sich freute, doch etwas vielleicht Geeignetes für uns gefunden zu haben.

‚Sieht recht gemütlich aus und der Preis ist annehmbar, denke ich,‘ sagte ich. ‚Ja, das kann man sagen. Die Gegend ist nicht die Schlechteste. Man ist in 10 Minuten im Zentrum und lebt doch schon ein wenig im Grünen.‘

Er zögerte. Ich dachte sofort, jetzt kommt der dicke Pferdefuß. Und irgendwie war es ja auch so.

‚Und?‘, konnte ich nur sagen.

‚Also, da Sie diese Häuser offensichtlich nicht kennen, Frau Wenning, muss ich es Ihnen direkt sagen. Manche Kunden finden das nicht so prickelnd. Anderen ist es egal. Also: es geht darum, dass diese Häuser ursprünglich zum KZ Sachsenhausen gehörten.‘

‚Was?‘, fragte ich. „Im ersten Moment reagierte ich entsetzt.“

‚Nein, nein, nicht so, wie sie jetzt denken! Es waren einfach die Wohnhäuser, die man für die KZ-Wärter und ihre Familien gebaut hat. Die haben da gewohnt. So hatten sie es nicht weit zur Arbeit. Er lachte. Ich konnte dieses Lachen nicht richtig einordnen.

‚Was heißt das denn?‘ fragte ich unsicher. ‚Merkt man das heute denn noch irgendwie?‘

Er beruhigte mich. Man sehe nichts und käme auch gar nicht auf die Idee, wenn man es nicht wüsste. Ich fragte mich, warum er mir diese Geschichte dann unbedingt erzählen musste. Ich war mich plötzlich nicht sicher, ob ich das so einfach vergessen könnte, wenn ich da wohnen würde.

Er erklärte mir, er müsse das tun, denn einige seiner Kunden würden ihm sonst vielleicht nachher Vorwürfe machen.“

Wir hörten gespannt zu. Also war es unserer Mutter genauso gegangen wie uns. Sie hatte also neulich nur so getan, als sei das für sie unwichtig, damit wir es so hinnehmen.

„Und dann kam es“, fing Mama wieder an. Der Makler kam ins Plaudern.

„‚Ach, wissen Sie‘, das war doch für die auch nur ne ganz normale Arbeit. Irgendwomit muss man halt sein Geld verdienen, nicht wahr? Man sollte das auch nicht so verbissen sehen, finde ich.‘ Ich sah ihn verwundert an.

‚Die alte Zeit ist vorbei, verdammt noch eins. Und wir können sowieso gar nichts dazu sagen, wie das so war für die Leute. Die hatten Krieg und man war dann eben nicht mehr so zimperlich“, fügte er hinzu, als er merkte, dass ich ihn irritiert anblickte.

‚Also wie auch immer,“ kam er dann schnell wieder aufs Geschäft zu sprechen. „Das Häuschen, Frau Wenning, ist eine Ringeltaube, genau das, was sie brauchen. Nicht zu groß, aber groß genug, dass ihre Kinder eigene kleine Zimmer haben, ein kleiner Garten, Abstellfläche auf dem Boden und im Keller, ein schönes Wohnzimmer mit Blick auf die Natur hinten raus… was wollen sie mehr? Und direkt vor der Nase das Strandbad am Lehnitzsee. Man muss nur ein paar Minuten durch den Wald laufen.“

„Er hatte ja Recht. Aber glaubt mir, ich habe es mir lange überlegt. Am liebsten hätte ich es mit euch besprochen. Aber ich dachte, ich sollte euch besser nichts sagen, tut mir leid. War vermutlich falsch. Ich habe hin und hergedacht, habe mit meiner Freundin Jenniffer darüber gesprochen, habe überlegt, was euer Vater dazu gemeint hätte.“

„Was hat denn Jennifer gesagt“, wollte Bernd wissen.

„Ach, die hat mich ausgeschimpft, dass ich solche albernen Bedenken hätte. Sie fände das völlig egal, und wenn in dem Haus einmal eine Bande von Verrückten gewohnt hätte, das, so sagte sie, würde sie nicht für zwei Cent jucken.

Auch als ich darauf hinwies, dass es sich aber hier um Nazis, SS-Männer, Hilfsschergen handelte, die jede Menge Menschen auf dem Gewissen hatten, ließ sie sich nicht beeindrucken.

‚Na und? Und wenn schon! Wenn ich mal nachforsche, wer in meinem Haus drüben alles gewohnt hat. Davon muss man sich frei machen. Vergiss es einfach!‘“

„Typisch deine Jennifer!“, warf Bernd ein.

So leicht habe ich es mir also wirklich nicht gemacht. Aber am Ende habe ich mich dann doch dafür entschieden. Der Makler hatte ganz recht, es ist genau das Richtige für uns. Oder?“

„Ja,“ gaben wir zu. „Das stimmt schon. Aber jetzt ist es nicht mehr so wie noch heute früh. Ich hoffe, das geht wirklich vorbei!“

Mama reagierte enttäuscht. Offenbar hatte sie geglaubt, uns durch ihre Erzählung beruhigen und ablenken zu können.

Ein wenig verärgert sagte:

„Es ist ja nun nichts mehr daran zu ändern.“

Und als alle schwiegen, fügte sie gereizt hinzu:

„Dank deiner Neugier, liebe Schwester, haben wir jetzt ganz schön zu schlucken. Was hast du dir bloß dabei gedacht, die Bombe hier so einfach beim Kaffeetrinken platzen zu lassen?“

Elke schwieg weiter.

„Kommt! Lasst uns nicht mehr daran denken. Was machen wir morgen?“, fragte Mama nach einer kleinen Pause unversehens. Ihr Gesicht strahlte plötzlich wieder die freundliche, aber auch harte Art aus, die eben unsere Mutter so an sich hat.

  1. Moderne Geister

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Eine Antwort zu Gegen das Vergessen 1/4

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