Gegen das Vergessen 1/2

Erzählungen zum Kriegsende 1945 in Oranienburg

von

Mathilda Seithe

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Teil 1- Das Haus mit dem spitzen Dach

Bisher erschienen: Kapitel 1

2. Tante Elke hat gegoogelt

Tante Elke kam per Auto. Sie hatte angerufen, als sie gerade von der Autobahn abgefahren war. Wir warteten also schon am Tor, als sie kam. Es stand weit auf, damit sie ohne Probleme zu uns aufs Grundstück fahren konnte.

Das Auto, mit dem Tante Elke vorfuhr, erstaunte uns.
„Was ist das denn für ne alte Kutsche?“, murmelte Bernd ein wenig enttäuscht. Ich stutzte auch: Ich mache mir nichts aus Autos, kenne mich da auch nicht so aus. Aber das hier kannte ich: Ein alter VW Bus, der Lack an einigen Stellen ausgebessert.

„Das ist ja schon fast ein Oldtimer!“, rief Bernd nach dem ersten Schreck. Tante Elke stieg aus und lachte über diesen Ausruf. Sie ist schlank. Sie trug Jeans und eine flatternde Bluse darüber, was sie lebendig und ein wenig rastlos aussehen ließ. Die leuchtend rote Bluse zu der weißen Jeans stand ihr ausgezeichnet. Aber ich hatte sie gar nicht so blond in Erinnerung. Jedenfalls sah sie für mich anders aus als vor 2 Jahren. Sie erkannte mich aber gleich. Und obwohl sie mir im ersten Moment irgendwie fremd vorkam, rannte ich gleich auf sie zu.

Für sie schienen wir offenbar unverändert. Erstaunlicherweise kam nicht der übliche Spruch: „Was bist du groß geworden!“. Bernd und ich hatten darauf gewettet, dass das das Erste sein würde, was sie sagt.
Elke umarmte ihre Schwester, sehr fest, sehr lange. Ich sah erschrocken, dass Mama in Tränen ausbrach, aber sie lachte auch:

„Komm doch rein!“ Sie wischte sich mit einer entschlossenen Handbewegung übers Gesicht. Als wir reingingen, bemerkte ich den interessierten und ein wenig überraschten Blick, den Elke auf unser Haus warf. Aber sie sagte nichts.

Sie lobte Mamas Entscheidung, begutachtete alle Zimmer. Mein Raum gefiel ihr am besten, vertraute sie mir an. Wir waren hier für einen Moment allein. Bernd half Mama unten, den Kaffeetisch decken. Elke ließ sich in meinen einzigen Sessel fallen und fragte unvermittelt:

„Wisst ihr eigentlich, wer früher in diesem Haus gewohnt hat?“
Ich sah sie verwundert an und schüttelte den Kopf.
„Warum?“

Sie antwortete nicht. Es entstand eine kleine Pause, die sie dadurch beendete, dass sie sich erhob und zu meinem Fenster hinüberging. Nach ein paar Sekunden sagte sie dann etwas über unseren Garten, was Nettes natürlich.

Bei Kaffeetrinken ging das Erzählen hin und her. Wir berichteten von der Schule. Sie sprach über ihren aktuellen Arbeitsauftrag, eine Fotoserie über die Unternehmerfamilie Nefke.
Wir fragten nach Tante Elkes zwei Jungen, die beide noch in die Grundschule gehen. Sie erzählte von ihrem Mann, den wir kaum kannten und der uns damals vor zwei Jahren sehr gebildet, aber uninteressant vorkam. Einmal berührten ihre Worte vorsichtig den Tod meines Vaters. Mama blieb gefasst. Dann ging es wieder ums Haus, um ihren Eindruck davon, wie wir es zu unserem Haus gemacht hätten, wie sie sich ausdrückte. Sie hatte ein paar tolle Vorschläge für den Flur, der auch uns noch ein wenig eng und düster erschien. Dann auf einmal schaute sie meine Mutter an, sah ihr offen ins Gesicht und fragte mit einer leichten, aber doch bedeutungsvollen Stimme:
“Sag mal, Christa, wisst ihr eigentlich, wer hier früher gewohnt hat“.
Ich blickte wie elektrisiert auf und starrte meine Mutter an.

„Der vorige Besitzer arbeitete bei den Stadtwerken, soviel ich weiß. Seine Frau war schon vor ein paar Jahren gestorben. Er wollte lieber in einer altersgerechten Wohnung leben.“ Was sie sagte, klang locker. Aber irgendwas an ihrer Stimme machte mich unruhig. Sie rutschte auch ein wenig auf dem Stuhl hin und her. Was war los?

„Ich meine früher, als sie neu gebaut wurden“, setzte Tante Elke nach.

„Wann war das, noch vor dem 2. Weltkrieg?“

„So ist es. Die Häuser wurden damals nämlich für die Aufseher im KZ Sachsenhausen gebaut. Sie hatten ja alle Familie, und es gab eine ganze Menge KZ-Aufseher, denke ich. Von hier war es nicht weit zum Eingang. Aber das ist dir doch sicher bekannt, oder?“

Mama schaute etwas betreten in unsere Richtung.

„Was?“, rief Bernd. „Woher weißt du das, Tante Elke?“

Elke lächelte ein wenig verlegen. „Ich habe vor meiner Reise ein bisschen gegoogelt, über Oranienburg und über eure Wohnadresse hier“.

Schweigend saßen wir alle da. Was sollten wir sagen?

„Aber ihr wisst doch, dass hier in dieser Stadt eines der schlimmsten Konzentrationslager war, in dem die Nazis Menschen sich zu Tode schuften ließen und sie zum Teil auch unmittelbar getötet haben. Viele Menschen …“

Tante Elke sah nun uns Kinder fragend an.

„Natürlich wissen sie das“, antwortete Mama eilig und zupfte nervös an der Tischdecke, die sie über den hellen Tisch im Wohnzimmer gelegt hatte.

„Das hatten wir doch schon in der 2. Klasse“, meinte jetzt Bernd.

„Und das war hier in der Nähe?“, fragte ich irritiert. Elke nickte.

„Wir haben vor zwei Jahren mit beiden Kindern das Museum besucht. Sie sollten über die Vergangenheit dieser Stadt und ihres Vaterlandes informiert sein,“ erzählte Mama auf einmal. Ich dachte angestrengt nach, ob ich mich daran noch erinnern konnte. Doch, jetzt fiel es mir ein. Aber ich hatte damals nicht wirklich begriffen, dass das alles hier in unserer Stadt passiert war. Und dann war ich noch mal mit der Klasse da.

„Wir sind auch mit der Schule mal da gewesen, vor 2 Jahren glaube ich, aber ich wusste nicht, dass das hier in der Nähe war“, meinte ich.

„Na seht ihr. Dann seid ihr ja doch im Bilde“, sagte Elke und grinste zu mir herüber. „Oder doch nicht so richtig? Ist euch nicht klar, dass die Büsche, die man von der Gartenseite aus sieht, und die Bäume hinter den Häusern schon zum KZ Sachsenhausen gehört habe müssen? Es war hier ganz in eurer Nähe. Deswegen wohnten ja auch die KZ Wärter hier in diesen Häusern.“

„Du verdirbst uns die Freude an unserem neuen Heim“, meinte meine Mutter. Ihre Stimme klang vorwurfsvoll. „Das war damals“, sprach sie weiter. „Inzwischen haben hier viele verschiedene Besitzer gewohnt, nichts erinnert mehr an die Nazizeit. Ich wusste es natürlich, aber ich finde, es sollte uns nicht die Freude kaputtmachen!“

„Du hast es gewusst?“, fragte ich fassungslos. „Warum hast du es uns nicht gesagt?“

„Ich wollte nicht, dass ihr deswegen vielleicht nicht hierher ziehen wollen würdet. Ich dachte, in ein paar Jahren, wenn ihr älter seid, bekommt ihr es sowieso mit. Aber dann werdet ihr anders damit umgehen können.“ Mir kam es so vor, als versuchte Mama sich zu verteidigen.

Ich sprang ihr zur Seite:

„Ach Mama, ich glaube nicht, dass es so wichtig für uns ist. Damit haben wir doch gar nichts zu tun. Das war lange vor uns. Und Häuser sind Häuser, sie nehmen nicht den Charakter der Menschen an, die sie bewohnen.“

Mama lächelte mich dankbar an. Aber mir wurde in demselben Moment klar, dass ich selbst nicht glaubte, was ich da gesagt hatte.

Jetzt versuchte Tante Elke, das Thema zu wechseln. Sie dehnte sich ein wenig, richtete sich in ihrem Sessel wieder bequem ein, schlug die Beine übereinander und fragte:

“Und wie kommt ihr von hier in eure Schule?“

Wir waren alle dankbar, dass wir nicht mehr darüber reden mussten.

3. Die Schwestern

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2 Antworten zu Gegen das Vergessen 1/2

  1. Pingback: Gegen das Vergessen 1/1 | opablog

  2. Ilona Emmerich schreibt:

    Kommentar:

    Der Schreibstil gefällt mir sehr gut. Das geistige Auge bekommt viel Raum zum selbst gestalten.

    Ich freue mich auf die Fortsetzung.

    Vielen Dank sagt Ilona

    >

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