Alter Hut (nicht Aluhut) Klassenanalyse (1)

Kann ich Dir nachfühlen, lieber Klassenstandpunkt.

Ja früher, da hatten Dich die Marxisten und Leninisten und ganz, ganz früher auch die Sozialdemokraten, immer auf dem Schirm. In Deinen Hoch-Zeiten, da warst Du buchstäblich der Universalschlüssel für alle Probleme auf dem Befreiungsweg der Menschheit.

Aber heute?

„Zivilgesellschaft“. Das klang viel besser als „Klasse“. Und inzwischen hat man die „Zivilgesellschaft“ in NGOs zerlegt. Eine Million davon – Gutwilligengesellschaft in handlichen, preisgünstigen Formaten.

Der eine Oligarch vertickt die Revolutionen als Meterware und den anderen bewundern Linke, äh, „taffe Menschen“, als größten Philanthropen. Es gibt aber auch die Glaubensstarken, die seit hundert Jahren sagen: „Einmal Sowjetunion, immer Sowjetunion!“ oder sich nach der Sicherheit eines chinesischen Quarantänelagers sehnen. Doch eine sorgfältige Klassenanalyse ist auch ihre Sache leider nicht.

So kommt es, dass sich kaum jemand für Daten interessiert, die eigentlich zur Klassenanalyse einladen. „Pandemie! Pandemie!“ eifert der brave Linke, „Solidarität über alles! Noch entschiedener als es Merkel tut!“ Dass die „Pandemie“ in Wahrheit ein goldenes Füllhorn über den Allerreichsten ist – das entgeht seiner Aufmerksamkeit. Solche Zufälle ignoriert er.

Mir ist eine interessante Tabelle begegnet. Diese ist gemeint.

Sie enthält u. a. die Namen von 2457 Vermögensmilliardären aus aller Welt, die Höhe ihres Vermögens, den Vermögenszuwachs zwischen März 2020 und März 2021, ihr Herkunftsland, sowie Angaben über Unternehmen und Branche. Das Ganze als große Excel-Tabelle mit freien Auswertemöglichkeiten. (Ich halte mich nicht mit der Frage auf, wie vollständig und zuverlässig die Daten sind. Namen wie, Saud, Windsor, Thurn und Taxis, Fink, der Vatikan fehlen, Rothschild mit Minimalangaben. Es geht nicht um absolute Genauigkeit, die ohnehin niemand garantieren kann. Es geht um grundsätzliche Trends.)

Die Hauptaussage ist, die es auch in manche Zeitungen geschafft hat, das im genannten Zeitraum, das Vermögen der analysierten Milliardäre um 54% zugenommen hat.

Wieso hat das Vermögen zugenommen, wenn doch überall Lockdown war? Weltweit gab es Wirtschaftseinbrüche. Die Zahl der Hungernden oder Unterernährten soll um 150 Millionen zugenommen haben. Aber das Vermögen der Superreichen sei gestiegen?

Und es ist nicht wenig gestiegen! Marx hatte bekanntlich nachgewiesen, dass der Arbeiter zwar seinen „gerechten“ Lohn ausgezahlt bekommt (im besten Fall), aber da er mehr schafft – den Mehrwert – bleibt für den Kapitalisten ein Sümmchen übrig. Gewiss, der Kapitalist hatte auch Kosten. Er musste ja erst einmal „den Arbeitsplatz schaffen“, für Aufträge, für Material sorgen usw. All das abgerechnet, bleibt ihm doch noch ein Sümmchen. Man nennt es Profit. Der ist ihm zwar immer zu niedrig, aber immerhin – wenn er jedes Jahr 10 % auf sein vorgeschossenes Kapital „verdient“, gibt’s eigentlich nichts zu meckern.

10%? – Versuch mal, lieber Leser, jedes Jahr 10% mehr aus Deinem Gärtchen zu ernten oder 10% mehr Pilze im Wald zu sammeln – soviel zum Respekt vor einer jährlichen Wachstumszahl.

Als Josef Ackermann, Boss der Deutschen Bank, vor zehn Jahren verlangte, dass jährlich 25% „Rendite“ rausspringen müssten, da hatte er die Latte hoch gelegt. Wie sollte das gelingen?

Doch heute, in einer Krisenzeit, werden ganz andere Dimensionen erreicht – 54%. Und das ist ein Mittelwert. Es gibt auch viele Milliardäre (rund 290 weist die Tabelle aus), die ihr Vermögen mindestens um 100% oder gar 200% vergrößert haben.

Kein Thema für Linke? Für Marx schon. Er zitierte (hier, Seite 788):

„Das Kapital hat einen Horror vor Abwesenheit von Profit, oder sehr kleinen Profit, wie die Natur von der Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv und waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens.“

Ich werde jedenfalls mal schauen, ob ich Interessantes in der Milliardärstabelle finde.

Mehr Alter Hut (nicht Aluhut) Klassenanalyse hier.

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Eine Antwort zu Alter Hut (nicht Aluhut) Klassenanalyse (1)

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