Dummes Gerede und Anderes

Heutzutage wird viel über China geredet. Daran sind nicht zuletzt Menschen beteiligt, die sich seit eh und je und auch heute als Linke verstehen.

In der Vergangenheit waren Linke oft wortmächtige Intellektuelle und viele von ihnen auch ernstzunehmende Forscher und Denker. Freilich gab es auch schon lange eine Schwierigkeit, nämlich ein Bekenntnis zu linker Ideologie als einem System von Erkenntnissen und Lehren, um Macht zu erringen… mit dem Impuls, Erkenntnisse zu missachten (oder gar sie aktiv zu bekämpfen), wenn sie der eigenen Macht in die Quere kamen.

Mein Eindruck ist, dass der Anteil der linken Bescheidwisser, die mit einem überschaubaren Vorrat an Begriffen jedes Problem der Gesellschaft „einordnen“ und jede Frage abschließend beantworten können, im Laufe der Jahrzehnte größer geworden ist – vielleicht parallel zum Fortschreiten der Geschichte, also dem Anhäufen neuen geschichtlichen Stoffs, der eigentlich neu begriffen werden müsste.

Solche Leute wissen auch über China Bescheid. Und manchmal verblüffen sie mich mit der Oberflächlichkeit, um nicht zu sagen Schlampigkeit, ihrer Argumentation. Ein jüngstes Beispiel liefert Prof. Eike Kopf im Freidenker-Heft 1-21 in seinem Beitrag: „China – „mit sozialistischer Orientierung… oder sich entwickelndes sozialistisches Land?“.

Das systematische Defizit des Artikels besteht in der Reduzierung des Sozialismus auf ein System von Wirtschaftswachstum und damit verbundener Hebung elementarer Lebensverhältnisse (eigentlich: Überlebensverhältnisse) und deren Gleichsetzung mit Emanzipation.

Das in 40 Jahren staatskapitalistischer Modernisierung in China Erreichte ist nicht gering zu schätzen, und es bedarf einer gründlichen historisch-materialistischen Analyse. Doch wenn es um China geht, offenbar letztes sozialistisches Hoffnungsland gewisser „Linker“, ist keine historische Formel zu platt, um nicht ins Feld geführt zu werden. Eine der Beliebtesten dieser Formeln ist die von der vieltausendjährigen chinesischen Hochkultur gegenüber den barbarischen Zuständen, in denen unsere germanischen Vorfahren offenbar bis vorgestern verharrten.

Kopf bedient diese Erzählung, wenn er ausführlich über eine neue chinesische Ausgrabung aus der Bronzezeit berichtet (etwa 2500 Jahre alt) und diese mit dem Sumpfkrieg der Germanen ein „dreiviertel Jahrtausend später“ im Teutoburger Wald vergleicht. Über solche Art „Wissenschaft“ und Freidenkerei kann ich nur den Kopf schütteln. Und nur für den fachfremden aber interessierten Leser hier der Hinweis etwa auf das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle (derzeit natürlich geschlossen) und etwa auf die Veröffentlichungen von Harald Meller, auch Videos.

Dass es auch anders geht, hab ich gestern gefunden – einen Artikel von Kai Ehlers: „Herausforderung China – dem Zeitgeist auf der Spur“. Eine Kernaussage des mir vor allem als Russlandbeobachter bekannten Ehlers ist: „Der bipolaren, danach unipolaren folgt nach dem kurzen multipolaren Übergang jetzt eine tripolare Weltordnung, gebildet von Euro-Amerika, Russland/Eurasien, China-Südostasien. Um diese drei Schwerpunkte herum bilden sich zurzeit die neuen globalen Kraftlinien.“

Diesen Gedanken der Tripolarität finde ich interessant. Er ist für mich neu. So wird er weiter erläutert: „Längerfristig liegen die Chancen aber in der gegenseitigen Durchdringung, Anregung und Förderung der historisch gewachsenen Mentalitäten der drei genannten Kulturräume. In Stichworte gefasst sind das: Der individualisierte, vom selbstbewussten Ich getriebene Pioniergeist des Westens, die pragmatische Einordnung des Ich in die kosmische Ordnung im chinesischen, die intuitive Spontaneität des Ich zwischen diesen Extremen im russisch-eurasischen Raum.“

Beim ersten Lesen hatte ich Zweifel, insbesondere, was Spezifik und Rolle des russisch-eurasischen Kulturraums betrifft. Doch anregend ist es allemal, was Ehlers dazu schreibt. Und es lädt zum Weiterdenken ein – sehr wohl zum Bedenken harter ökonomischer Tatsachen und auch der Bedeutung naturräumlicher Bedingungen großer Gesellschaften, schließlich aber auch zum Nachdenken über große historische Traditionen und „Schicksale“. Welche einzigartigen und unvergleichlichen historischen Leistungen und Erfahrungen hat das russisch-sowjetische Volk in den letzten hundert Jahren erbracht!

Nichts verschwindet im Nichts.

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