The Great Postset

Klaus Schwab reckt sich, gähnt. Er hat gut geschlafen. „Was ist das?“, verwundert reibt er sich die Augen. Über seinem Kopf eine schräge Wand. Plötzlich ist er hellwach: Das war ja seine erste Nacht, die erste Nacht im neuen 22 Square Meter Apartment. Endlich hatte ihm die Global Good Governance das ersehnte Heim zugewiesen. Endlich Schluss mit der weitläufigen Familienvilla und dem historischen Park drumherum.

Er schielt zur Duschecke hinüber. Hübsch anzusehen. Und erst der moderne rutschfeste Fußbodenbelag! Er greift zum Steuerdisplay. Die vielen bunten Tasten können verwirren, doch zielsicher drückt er auf ein Bechersymbol, und in der Kochnische wird der Automat aktiv. Eigentlich wollte er einen Morgenkaffee aber ein Häagen-Dazs mit Pralinen ist auch nicht zu verachten.

Der Raum ist fensterlos, doch der Raumstabilisator arbeitet zuverlässig. Das Display zeigt an, dass 40 Watt der nächtlichen Abwärme des Klaus zum Heizen des Duschwassers verwendet wurden. Die Virenzahl im Raum überschreitet nicht die Zahl vier. Alles im grünen Bereich.

Schwab setzt sich an den IKEA-Multifunktioner – Speise-, Arbeits- und Spieltisch in einem. Er blickt auf den riesigen Bildschirm, dort in die Wand eingelassen, wo früher in den Häusern ein Window war. Es erscheint das Bild, das er sich wünscht und zwar gesteuert – letzter Schrei! – durch seine Gedanken. Im Moment wünscht er nichts, und so ist das Standardbild eingeblendet: Der Blick ins saftige Grün des Parks vor seiner Haustür. Das ist der Park der Wohltäter der Menschheit. Auch Klaus ist ein kleiner Gedenkstein gewidmet. Der trägt die Initialen „K. M. Sch.“.

Schwab wird unternehmungslustig. Warum nicht den Bill besuchen? Der wohnt 180 m entfernt. K. M. Sch. ist im 129. Jahr. Er ruft das E-Scooter-Rollator-Sharing-System. Nach 24 sec kommt die Vollzugsmeldung. Klaus Schwab hat sich für das Unsterblichkeitsprogramm B entschieden, und so ist sein Verstand messerscharf wie eh und je; sein Corpus freilich entspricht dem einer lederbespannten Mumie. Die wenigen Schritte zum Gerät vor der Haustür bewältigt er ohne Hilfe, und „Hui!“ geht’s ab zu Billyboy.

Bills 22 Square Meter Zuhause erkennt jeder. An der Seite ist ein kleines Garagenimitat angebracht. An dessen Tür prangt das weltbekannte Jugendbild „Billy the Nerd mit dem Wuschelhaar“. Bill, man sieht ihm die 112 Jahre nicht an, steht vor der Tür und brüllt: „Schön, dass Du kommst, Du Sauerkrautfresser!“ Er ist ein Kerl wie ein Baum aber die Grütze im Kopf ist – höflich gesagt  – etwas eingetrocknet. Das kommt vom Unsterblichkeitsprogramm A (für das sich die meisten entscheiden). K. M. Sch. mag den B. H. G. III (so die korrekten Initialen), doch an die derbe Amiart wird er sich wohl nie ganz gewöhnen.

Bills Leidenschaft ist das Impfen, und K. Sch. freut sich schon auf die kleine Rache, dass an seiner Lederhaut wieder eine Impfnadel abbrechen wird. Dann flucht der Bill, während Klausis Haut irgendwie angenehm angeregt ist.

„Komm, wir besuchen Angie, das Trampel“, schlägt Bill vor. „Mein Akku ist alle!“, versetzt Klaus ärgerlich dem ungehobelten Klotz. Und so muss Bill zur Strafe den E-Scooter-Rollator (samt Klaus Federgewicht) zum etwas versteckten Häuschen der Raute schieben.

A. D. M. sitzt zufrieden grinsend vor ihrem 22 Square Meter Heim. Sie hat leider so zugenommen, dass sie nicht mehr durch die Tür passt. Jetzt freut sie sich, weil das Türverbreiterungskommando für nächste Woche sein Kommen angesagt hat. Angies Köpfchen auf dem unförmigen Leib ist außen sorgfältig frisiert, wie immer irgendwie zwischen „Mutti“ und „burschikos“. Drinnen ist nichts als Matsch aber mit eitel Sonnenschein darüber. Wenn sie dösend sitzt, rührend vergeblich bemüht, ihre Hände vor dem mächtigen Bauch zur Raute zu nähern, sind Vorbeigehende beeindruckt, und ihre Zustimmungswerte erreichen die gewohnten himmelhohen Höhen. Es wird gemunkelt, A. habe sich in beide Unsterblichkeitsprogramme A und B zugleich hineingemogelt. Schwamm drüber.

Jetzt hat Angie am Ende des Parks den Parkwächter erspäht. Liu Sching Schang hat die Hunde dabei, die in Windeseile alle Gedenksteine inspizieren und die Duftmarken erneuern. Es entspinnt sich die übliche Kommunikation:

Angie: „Hi, Schang!“

Liu Sching Schang: „Hi, Angie!“

Bill: „Hi, Sching!“

Liu Sching Schang: „Hi, Bill!“

Klaus: „Hi,… das klappt noch nicht!“

Liu Sching Schang (freundlich, doch nicht ohne Ernst): „Hi, Klaus, … das klappt morgen besser!“

Klaus: „Ja, Das klappt morgen bestimmt besser!“

Angie, Bill, Klaus: „Ja, Das klappt morgen bestimmt besser!““

Die Hunde haben genug gepisst, genug gekotet. Liu Sching Schang sagt, dass er jetzt gehen muss. Sein schwerer Schlüssel (pure Nostalgie!) dreht sich im schweren Torschloss (pure Nostalgie!) Angie, Bill und Klaus sind sich einig, dass der Parkwächter ein netter Kerl ist. Der strebt der Kantine zu. Heute ist irgendein bedeutender Jahrestag, und es gibt köstliches Fledermausfrikassee.

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2 Antworten zu The Great Postset

  1. fidelpoludo schreibt:

    Im Ganzen sehe ich in diesem „Post-Reset“-Szenario noch viel zu viel übrig gebliebene Individualitätsmerkmale (Schwabs Lederhaut, Bills „derbe Amiart“, Angelas Rautenzwang), die unbedingt abgeschafft gehören und in einem wahren „Post-Reset“-Szenario nicht auftauchen dürften, das erst – wenn überhaupt – veröffentlicht werden würde, wenn davon alle Spuren restlos beseitigt sind.

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