Wie „übersterblich“ waren die Bundesbürger 2020? – mit Ergänzung 13.1.2021

„Übersterblichkeit“ ist ein deutschsprachiger Begriff. Anders als bei Anglizismen, wie dem irgendwie verlockenden „Lockdown“, dem Falschbegriff „Social Distancing“ oder dem Virologenlatein „7-Tage-Inzidenz“, kann man sich dabei etwas vorstellen – nämlich eine „übermäßige Sterblichkeit“. Und der Begriff regt zum Weiterdenken an, z. B. zu der Frage, mit welcher Sterblichkeit, also mit welchem Maß, die beobachtete Sterblichkeit des Jahres 2020 verglichen wird.

Oft wird die Webseite „euromomo“ angeführt, die Angaben zu Sterblichkeit und Übersterblichkeit vieler europäischer Länder liefert. Für Deutschland gibt es leider nur Daten aus Berlin und Hessen, so dass diese Quelle für Aussagen über Gesamtdeutschland ausscheidet.

Trotzdem mangelt es in Deutschland nicht an Zahlen über Sterbefälle. Allein das Robert Koch-Institut publiziert täglich drei Arten coronabedingter Sterbefälle. Leider wird die Beziehung dieser drei Datenreihen zueinander nicht deutlich. (Darauf komme ich in einem späteren Posting zurück.) Vor allem aber bleibt ein Vergleich dieser Werte mit Sterblichkeitszahlen aus „normalen Jahren“ aus. Viel mehr wird durch die tägliche Präsentation eine markanten Totenzahl (und ihre dramatische Verstärkung im Medienecho) der Eindruck erweckt, dass eine enorme Übersterblichkeit herrsche. Spätestens seit in den letzten Wochen Zahlen von 1000 und mehr täglich Gestorbenen gemeldet wurden (womit man sich einer  Größenordnung von 40% der durchschnittlich in Deutschland täglich Sterbenden genähert hat) sind Zweifel an der Brauchbarkeit dieser Zahlen für seriöse Aussagen zur Übersterblichkeit erlaubt.

Erfreulicherweise stellt das Statistische Bundesamt der Öffentlichkeit eine Sonderauswertung „Sterbefälle – Fallzahlen nach Tagen, Wochen, Monaten, Altersgruppen, Geschlecht und Bundesländern für Deutschland 2016 – 2020“ nach Wunsch als pdf oder Excel-Tabelle zur Verfügung. Diese Auswertung wird wöchentlich aktualisiert und befindet sich im zeitlichen Abstand von etwa vier Wochen zur aktuellen Woche. Die interaktive Grafik per 50. KW 2020 sieht so aus:

Die „unbestechlichen Daten“ (Es handelt sich um Rohdaten, die sich in den folgenden Wochen in der Regel leicht erhöhen.) zeigen seit der 43. KW eine wachsende Übersterblichkeit und generieren nun die Schlagzeile: „Sterbefallzahlen in der 50. Kalenderwoche 2020: 23 % über dem Durchschnitt der Vorjahre“.

Noch Fragen?

Der Beweis scheint vorzuliegen. Um ein Viertel gestiegene Totenzahlen! Oder geht diese statistische Aussage an der Wirklichkeit vorbei?

Fragen drängen sich auf:

  • Mit welchem Recht wird das Jahr 2020 dem Durchschnitt der Jahre 2016-21019 gegenübergestellt? Würde etwa der Vergleich mit den letzten 10 Jahren anders ausfallen?
  • War die Bevölkerungszahl und -struktur in den verglichenen Jahren dieselbe? Wenn nicht: Hat man Äpfel mit Birnen verglichen?
  • Die Übersterblichkeitswerte stimmen seit der 46. KW erstaunlich gut mit den vom RKI veröffentlichten Zahlen der Gesundheitsämter überein. Das ist aber, wie erwähnt, nur  EINE von drei Datenreihen. Gelten die anderen beiden nicht?
  • Schließlich: Sind Menschen an der Corona-POLITIK und nicht am Corona-VIRUS gestorben? Wenn ja, welche Größenordnung hat diese Zahl der „Kollateraltoten“? (Mehr zu diesem Problem hier.)

Ich habe mich schon einmal mit einigen dieser Probleme beschäftigt („Zur Frage der Übersterblichkeit“) und führe meine Gedankengänge weiter:

  • Ja, die Auswahl der Vergleichsjahre ist von Bedeutung. Nicht nur, dass eine Einbeziehung des Jahres 2015 den Durchschnitt der Jahre angehoben hätte. Viel wichtiger ist ein langfristiger Trend, den Prof. Gill hier beschrieben hat:

„Der Anteil der Generation 80 plus an der Gesamtbevölkerung ist nach Angaben des Bundesamts für Statistik in den letzten zehn Jahren um 36 Prozent angestiegen. Wenn man bedenkt, dass die Mehrheit der Todesfälle auf die Altersgruppe 80 plus entfällt, dann wird man bei sonst ungefähr konstanter Bevölkerungsstruktur einen deutlichen Anstieg der Todesfälle in diesem Zeitraum erwarten.“

Die folgende Tabelle weist die erwarteten und die tatsächlichen Todesfälle in Deutschland von 2011 bis 2020 aus. Quelle: Statistisches Bundesamt Bevölkerungszahlen und Sterbefälle, eigene Berechnungen von Prof. Gill:

Der Faktor „Dynamik der Altersstruktur der Bevölkerung“ erklärt insgesamt die gestiegene Sterblichkeit des Jahres 2020 und lässt auch für 2021 eine Steigerung erwarten. Steigende Lebenserwartung kann diesem Trend zeitweilig entgegenwirken. Sie kann aber nicht bis zur Unsterblichkeit der Menschen fortgesetzt werden, sondern im Gegenteil: Sie erhöht den Anteil der Altersgruppen, deren Wahrscheinlichkeit zu Sterben („Sterbeziffer“) weit über dem Durchschnitt liegt (80 Jahre und älter). Oft sind es Hitzewellen oder Grippewellen, die ihre Opfer fordern. Der Tod tritt ein als das unvermeidliche Ereignis, das sich aus dem physisch-sozialen Dasein des Menschen ergibt. Aber auch solche Ereignisse können, obwohl sie nicht ausgeschaltet werden können, durch gezielte Schutzmaßnahmen für die besonders verletzlichen Gruppen gemindert, verzögert und vor allem würdig gestaltet werden.

„Corona“ ist nicht die Geisel, die Leichenberge produziert, indem sie die Menschen in der Blüte ihrer Jahre dahinrafft. „Corona“ kann eine der Formen sein, in die der Bogen des Lebens eines Menschen gefasst ist.

Eigentlich wissen es die Menschen, dass es gilt, selbstbestimmt zu leben und selbstbestimmt zu sterben, und sie unterstützen sich dabei. Keiner hilft, der Angst schürt und zur Panik aufheizt. Es hilft das ruhige Nachdenken in guter Zeit, es hilft das Gefühl der Geborgenheit, das aus der Nähe und der Berührung entsteht.

 

Ergänzung 13.1.2021:

Bei HaBE ist zu Corona im allgemeinen und zu Fragen der Übersterblichhkeit im besonderen eine Fülle von Daten, Analysen und Überlegungen zu finden. Hier entlang.

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3 Antworten zu Wie „übersterblich“ waren die Bundesbürger 2020? – mit Ergänzung 13.1.2021

  1. Erika schreibt:

    Hier https://www.covid19.statistik.uni-muenchen.de/newsletter/index.html gibt es Newsletter zum Thema Übersterblichkeit.
    Zitat aus Bericht Nr. 6:
    Anders ausgedrückt, ​ etwa die Hälfte der zur Zeit beobachteten Übersterblichkeit in Sachsen kann nicht direkt mit einer registrierten COVID-19 Erkrankung in Verbindung gebracht werden​ . Dieses Ergebnis überrascht und verlangt nach weiteren differenzierteren Analysen ​ von Seiten der statistischen Landesbehörden​ , ob und warum in Sachsen eine ​ extreme nicht-COVID-19 bedingte Übersterblichkeit besteht oder ob diese durch fehlende Post-mortem Tests, falsch ausgestellte Todesursachen, reine Datenfehler oder anderweitig begründet werden kann.
    Neben den Newslettern gibt es auch täglich aktualisierte Karten über positive Testergebnisse mit erhobenem und imputiertem Krankheitsbeginn.

    Liken

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