aus China (1)

Mo Yan „Die Knoblauchrevolte“

„Der Festzunehmende heißt Gao Yang.“

„Was habe ich denn verbrochen?“

„Du warst am Mittag des 28. Mai dieses Jahres als Rädelsführer an der Verwüstung der Kreisverwaltung beteiligt.“

Der stotternde Polizist brachte das fließend heraus.

Gai Yang wurde schwarz vor den Augen. Er stürzte mit dem Kopf voran zu Boden. Als die Polizisten ihn hochzogen, verdrehte er die Augen und fragte mutlos: „Das soll ein Verbrechen sein?“

„Jawohl. Gehen wir.“

„Aber ich war nicht der einzige. Wir waren viele, sehr viele.“

„Uns wird keiner entkommen.“

Gao Yang senkte den Blick und wäre am liebsten mit dem Kopf gegen die Hauswand gerannt, um auf der Stelle tot zu sein. Aber die Polizisten hielten ihn an beiden Armen fest. Er konnte sich nicht bewegen. Erstaunt hörte er in der Nähe die Stimme des blinden Sängers, die ein aufpeitschendes und zugleich niederschmetterndes Lied vortrug. Gao Yan kannte den Text. Es war die Ballade von Gao Da-yi, der im Jahre zehn der Republik die heißblütigen Männer des Kreises dazu angestiftet hatte, die rote Fahne zu hissen und keinen Pachtzins mehr zu zahlen. Ihr Dorf wurde von den Soldaten umzingelt, und Gao Da-yi wurde auf den Richtplatz geschleppt, wo man ihm den Kopf abschlug. Bevor er starb, weitete sich seine Brust, und seine Augen sprühten Blitze. Wir Kommunisten, so schloß das Lied, sind wie Schnittlauch, der immer wieder nachwächst.

Als er das hörte, wurde Gao Yang warm im Bauch. Kraft schoß ihm in die Beine. Mit zitternden Lippen setzte er dazu an, eine Parole herauszubrüllen. Doch als er das Gesicht zur Seite drehte und das hellrote Staatswappen an der Mütze der Polizisten sah, fühlte er sich verwirrt und beschämt. Hastig senkte er den Kopf, streckte die Hände vor und ging mit den Polizisten weiter. 

(Mo Yan, „Die Knoblauchrevolte“, Reinbeck bei Hamburg, 1997, S13f)

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