„Neulich in der Eisenbahn“ – wurde diskutiert

Am 28.9.2020 hatte ich den kleinen Text „Neulich in der Eisenbahn“ gepostet. Hier im Blog hat er keine Kommentare ausgelöst. In dem halböffentlichen Raum jedoch, für den er ursprünglich geschrieben wurde, gab es durchaus eine kleine Diskussion. Die gebe ich im folgenden wieder, weil die geäußerten Meinungen das geschilderte Erlebnis von verschiedenen Seiten betrachten und so vielleicht insgesamt zum Verstehen beitragen. Außerdem bieten sie weitere Anregungen. Der halböffentliche Raum gehört zu einer traditionslinken Organisation, und so ist diese kleine Diskussion auch ein Anzeichen für eine gewisse Lebendigkeit dort. Alle Diskutierenden werden anonymisiert. Wegen der leichteren Lesbarkeit hier zunächst noch einmal der Ursprungstext:

„Neulich sitze ich in Gera im Zug. Am anderen Ende des Abteils sind zwei Frauen, die eine hat keine Maske auf. Kommt so ein Jüngelchen mit grüner Maske und blafft die Frau voll, sie soll die Maske aufsetzen. Die macht das, und die andere sagt, „bis gerade eben war ja noch niemand im Abteil“. (Mich haben die nicht gesehen, ich sie auch nicht, habe nur die Unterhaltung gehört. Das Jüngelchen hat mich aber auch nicht gesehen, wußte also nichts von mir, gar nichts.)
Weil Zurückweichen die Faschisten nur anstachelt, setzt der Typ nach: Das sei egal, daß niemand im Abteil war, das Masketragen sei gesetzlich vorgeschrieben.
Da sage ich laut: „Das ist kein Gesetz, sondern eine Verordnung. Da geht es doch schon mal los!“
Wie gesagt: Diese 14 Worte sind alles, was das Jüngelchen von mir weiß. Was sagt er? „Noch so ein Aluhutträger!“
Scheint so, als ob „Aluhutträger“ das neue Wort für „Jude“ sei.
Es kommt zu einem unerfreulichen Gespräch. Darin setze ich dieser Gestalt auseinander, wie die Covid19-Verordnungen die Grundrechte verletzen bzw. außerkraftsetzen. Sagt er, wieder wörtlich: „Wenn das die Grundrechte sind, dann pfeif ich drauf!“
Und das ist derselbe, der sich der Frau gegenüber so aufgeblasen hat wegen „gesetzlich vorgeschrieben“ und so. Keine Frage: ein echter Faschist, und nicht der einzige, den ich in der Bahn entdecke. Das Bahnpersonal verhält sich hingegen fair, bis auf maximal zwei, drei Prozent Überzeugungstäter, die nicht das Wesen der Eisenbahner ausmachen.
Der Kampf wird hart.
WF“
Diskutierender A, das bin ich, Kranich05, der opablogger: 
Danke für den Bericht.
Ob uns das irgendetwas lernt?
Ich fahre in zwei Wochen Eisenbahn Berlin-Hannover.
„Hals- und Beinbruch“ wünschte man im Zeitalter der Kutschfahrten.
Diskutierender B:
„Diese 14 Worte sind alles, was das Jüngelchen von mir weiß.“ Wie viel weißt denn DU über ihn? Aber für dich war gleich klar, dass er ein Faschist ist. woher willst du das wissen? Nur weil er verlangt, dass die beiden Frauen eine Maske aufsetzen? Was sicherlich zu kritisieren wäre, ist der Ton, den „das Jüngelchen“ angeschlagen hat. Wobei ich das nicht beurteilen kann, denn ich kenne die Situation nur aus Deiner Darstellung. Aber wir alle sollten etwas vorsichtiger sein mit der Verwendung des Faschismus-Begriffs. Selbst ich bin schon des öfteren in die Nähe des Fasch. gerückt worden, nur weil ich Ansichten vertrat, mit dem das Gegenüber nichts anfangen konnte, bzw nicht widersprechen konnte. Also Vorsicht. Der Faschismus-Begriff kann sehr schnell auch gegen die angewendet werden, die ihn zu bekämpfen glauben. Denn es interesssiert die meisten heute nicht mehr, ob man wirklich Faschist ist. Es geht meistens dabei nur um Rechthaberei oder moralische Empörung. Und was eignet sich da besser als der Faschismus-Vorwurf.
Diskutierender C:
Interessanter Text und Tatbestand, mit dem Faschismus ist es allerdings wirklich so eine Sache, er wird gern als Keule benutzt um den politischen Gegner zu treffen und das von jenen, welche eigentlich beständig faschistische Strukturen fördern. Nein, so leichtfertig sollten wir diesen Begriff nicht verwenden, auch wenn uns manches nicht gefällt, gerade im Umgang mit dem aktuellem Virusproblem, was eigentlich eher ein politischen Problem, denn ein medizinisches. Nun wird in Sachsen-Anhalt nicht gestraft, wenn jemand die Maske nicht trägt, allerdings pendelt WF ja durch mehrere Bundesländer und allein die Nichtstrafe hat Einfluss auf das Handeln von Menschen.
Jüngst war in der MZ zu lesen, dass die Landeregierung Gesetze verschärfen möchte, um extremistische Demonstrationen zu unterbinden, als Vorwand dient ein Faschist aus Halle, welcher seit längerem auf dem Markt dort Demonstrationen anmeldet und Reden hält. Das in diesem Zusammenhang jüngst Reichskriegsflaggen nützlich versteht sich von selbst, fraglich wer sie schwingt und warum? So gesehen wird die Gesetzlichkeit verschärft und es braucht dann irgendwann nur noch ein als Faschist ausgemachter, oder ein Reichskriegsflaggenschwinger auftauchen und der ganze Protest ist illegal. Ja der Faschismus, er ist gut zu gebrauchen für die imperialistischen Staat, er taugt zum ausschalten unerwünschter Gegnerschaft und ist so nützlich als erwünschte Gegnerschaft.
Und auch ohne faschistisch zu sein, gibt es Menschen, welche dem politischen und medialen Vorgaben folgend, meist im „guten Glauben“ gern aufpassen auf andere und vermeinen das Richtige zu tun, in dem sie letztlich funktionieren. Die herrschende Ideologie ist nach wie vor die Ideologie der Herrschenden und Bildung eine Frage der Macht, politisches Selbstbewusstsein wird heute gezeugt als Glaube und frei meistens der Erkenntnis vom ursächlich politischen Sein. Der Mensch wird nicht überzeugt, sondern gebeugt und ihm wird gelehrt, den Druck den er erfährt zu ertragen in dem dieser auf vermeintlich Schwächere weitergeleitet.
Diskutierender A:
In der Tat ist es wenig hilfreich den Faschismusbegriff leichtfertig zu verwenden.
So hat der deutsche Faschismus von Anfang an mit terroristischer physischer Gewalt gehandelt. Dies so sehr, dass sie buchstäblich zu einem hervorstechenden Markenzeichen wurde. Solche Gewalt hat „das Jüngelchen“ nicht angewandt, und so sträubt sich ein „objektiver Beobachter“ wohl mit einem gewissen Recht, diesen umstandslos „Faschist“ zu nennen.   
Nachdenkliche (oder „freidenkende“) Menschen haben aber sicher mehr über den historischen Faschismus nachgedacht und auch darüber, wie die reaktionären Machthaber heute mit faschistischen Methoden umgehen würden.
Ich erinnere mich, dass der Hitlerfaschismus gleichsam besessen war (bzw. sich so gab) von Hygiene und Reinheitsgedanken….
Ich erinnere mich, dass er – ursprünglich in formal/bürgerlich demokratischen Verhältnissen agierend – sich über alle rechtsstaatlichen Beschränkungen hinweg ermächtigte.
Aber auch den „kleinen Mann“ betreffend, gibt es so deutliche Parallelen von heute und damals, dass ich sie nicht einfach als Zufälle ignorieren mag.
Das betrifft den Denunzianten. Vermutlich haben die meisten Maulkorbverweigerer bereits ungute Erfahrungen mit dieser Spezies gemacht.
Und es betrifft den „Wadenbeißer“, den „Kettenhund“, den 150%igen, der freiwillig im Auftrag des Regimes aktiv wird und zwar aggressiv aktiv wird. Solch üble Type scheint mit dem beschriebenen „Jüngelchen“ durchaus am Werk zu sein.
Ja, auch im Faschismus gab es nicht nur den blutigen Terror, sondern auch den geistigen, den „kulturellen“, den psychischen. Und heute, in einer Zeit des Ausnahmezustands, ist dieser letztere durchaus anzutreffen, auch wenn es heute keinen „Faschismus an der Macht“ gibt.
Diskutierender D:
Also bitte Vorsicht!
Der Unterschied zwischen: „der versteckt Juden“ und „der hat keine Maske auf“ bzw. „die halten keinen Abstand ein“ ist nur, daß sich letztere im Moment noch nicht in Lebensgefahr befinden. Die Denunziation ist EXAKT DIESELBE, im Bereich zwischen Lust und Pflichtbewußtsein. Und wenn das Jüngelchen könnte, dann wäre das mit der Gewalt auch kein Thema mehr …
Oder, um es mit Fritz Erik Hoevels zu sagen: „Die Projektion führt IMMER nach Auschwitz, WENN SIE KANN.“
Übrigens, Diskutant A, weil Du die Links-rechts-Frage ansprachst: Ich empfehle dazu Hoevels‘ Vorträge „Die Rechts/Links-Verwirrung“ auf den Buchmessen in Leipzig und Ffm.:
Frankfurt am Main:
Rein theoretisch zweimal derselbe Vortrag, aber in Leipzig geht es mehr ums Thema, in Ffm um angrenzende Themen. Man kann beide Vorträge, am besten in dieser Reihenfolge, mit Gewinn hören. Oder natürlich das Buch lesen, habe ich aber nicht gemacht.
Diskutierender E:
Der Höhepunkt in dieser Angelegenheit dürfte wohl der Slogan „linker Aktivisten“ bei einer der letzten Querdenker-Verfassungs-Demos in FFM gewesen sein: “ Masken hoch, Nazis raus! Wir impfen euch alle!“ – „Wir kriegen euch alle“ haben die die SA- & SS-Posten vor den Wahllokalen gerufen, wenn über 65 % sich an der Volksabstimmung zur Enteignung der Fürsten und Kriegstreiber des WK 1 beteiligt haben, gegen den Aufruf des General-Feldmarschalls und Reichspräsidenten Hindenburg. „Wir wissen, wo ihr wohnt, wo ihr arbeitet, wo ihr Stempeln geht! Ihr werdet gekündigt, verliert eure Wohnungen, eure Stütze … und wir werden euch als Erste holen, wenn wir an der Macht sind!“
 „Wir werden euch alle impfen“ . das hat die FR berichtet…. 
Diskutierender A:
Hallo D,
da ich Abonnent von Hoevels‘ „Ketzerbriefen“ bin, ist er mir ganz gut bekannt. (Trotzdem kannte ich diese Videos nicht, danke für den Link.)
An den Positionen dieser Ketzer stört mich nur, das aber massiv, ihr zwingendes Beharren auf Bevölkerungsreduktion.
Das schmälert aber nicht ihr Verdienst und fast Alleinstellungsmerkmal unter allen Linken (einschließlich der Freidenker), dass sie die Oktoberrevolution und speziell Lenins Wirken in Differenz zu Stalin verteidigen.
Nie vergesse ich, dass ich in den Ketzerbriefen und zwar bei Peter Priskil erstmals einen Hinweis auf Wadim Rogowin fand und auf dessen 6-bändige Geschichte der sowjetischen Zeit von ca. 1923 bis ca 1945, also Stalinismus, Trotzkismus.
Es gibt nichts Besseres.
Rogowin hat auch Martemjan Rjutin dem Vergessen entrissen.
Diskutant F:
Danke für die interessanten Hinweise.
Friedliche, solidarische und umweltfreundliche Grüße aus Werder.
Diskutant E:
Das ist doch geradezu erfrischend, wenn es hier mal nicht nur um Rechenaufgaben geht. Ich werde mir die „Ketzerbriefe“ Mal ansehen und  dann kann ich auch endlich Gerd Koenens (vom KBW ((Regional-Leitung Mitte))über die Kommune , die TAZ zur FAZ)) Entdeckungen im wieder geöffneten Archiv in Moskau etwas relativieren. Seine anfänglichen Verdienste bei seinen Arbeiten über die Differenz zwischen zwischen Marx und Engels bezüglich des russischen Dorfes, des russischen Sonderweges und der asiatischen Produktionsweise finde ich nach wie vor sehr erkenntnisfördernd und ermöglicht neue Perspektiven … und die afrikanischen und viele asiatische Revolutionäre haben sich in dieses Fragen an Marx und nicht an Engels orientiert.
Diskutant A:
Hallo E,
Deine Hinweise auf Qualifiziertes zur asiatischen Produktionsweise sind nun wieder für mich äußerst interessant.
Mein Wissen diesbezüglich ist dünn. Meine Vermutung, dass dort sehr Wichtiges zum Verständnis der chinesischen Entwicklung (und darüber hinaus der Entw. im ganzen konfuzianischen Raum) zu finden ist, ist umso größer.
Wenn Du dazu konkrete Hinweise/Links hast, bitte her damit.
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Eine Antwort zu „Neulich in der Eisenbahn“ – wurde diskutiert

  1. Jean-Theo Jost schreibt:

    danke! finde ich in der tat spannend. ich bräuchte sooo viel mehr zeit… lg, j.

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