Mein 29. August in Berlin!

Meine Eindrücke von der Demo und der Kundgebung des demokratischen Widerstands am 29.8.2020 in Berlin

(Dies ist mein ganz persönlicher Bericht. Wer sich ein umfassendes „objektives“ Bild machen will, sollte die zahlreichen Livestreams verfolgen. Viele konkrete Fakten, besonders die Demobehinderung betreffend, sind hier, bei Peds Ansichten zu finden (einschließlich der Kommentare). Dort auch weitere Links.)

Gegen 9.30 Uhr stieg ich im Bahnhof „Brandenburger Tor“ aus der S-Bahn. Bis zum Demobeginn war noch eine Stunde Zeit. Ich wollte miterleben, wie sich die Menschen langsam sammeln. Von dem, wie ich annahm, ruhigen Straßenabschnitt vor der russischen Botschaft aus würde ich mich langsam dem Zentrum des Geschehens nähern.

Als ich die Bahnhofstreppe heraufstieg, erlebte ich die erste Überraschung: Hunderte, ja tausende Menschen spazierten in bester Laune die Linden auf und ab. Man hörte es, und viele zeigten es demonstrativ, dass sie aus allen Ecken und Enden unseres Landes gekommen waren und vor allem, WAS sie ins sonnige Berlin geführt hatte. Auf bedruckten T-Shirts, auf handgemalten Schildern, auf großen Spruchbändern – überall wurde der demokratische Protest gegen den Corona-Ausnahmezustand verkündet. Allen war die freudige Erwartung auf diesen Tag der friedlichen Entschlossenheit und demokratischen Willensbekundung anzumerken.

Ich schlenderte zum Brandenburger Tor, passierte es anstandslos. Auf der anderen Seite, Platz des 18. März, mit weitem Blick zur Siegessäule, dasselbe lebendige Bild. Da wir Freunde uns erst 10.15 Uhr treffen wollten, besuchte ich noch das nahe gelegene Mahnmal für die von den Faschisten ermordeten Sinti und Roma. Dort sollte es eine Antifa-Gegenkundgebung geben, doch ich konnte niemanden entdecken.

Zurück zum Brandenburger Tor schallten mit leidenschaftliche Sprechchöre entgegen: „Tor auf!“, „Tor auf!“ und „Widerstand!“, „Widerstand!“. Eine kleine aber stimmgewaltige Demonstrantengruppe (mit mehreren schwarz-weiß-roten Fahnen) empörte sich. Und tatsächlich: Das Tor war jetzt gesperrt, kein Durchkommen. Ich fragte einen Polizisten, was das solle. Er murmelte etwas von: „Die Menschengruppen sollen sich nicht so vermischen.“ und dass ich ja außen herumgehen könne.

Das war für mich ein Schulbeispiel, wie die Polizei durch kleine schikanierende Maßnahmen die Stimmung in kürzester Zeit anheizen kann. Man braucht dann nur noch ein, zwei Empörte (oder Empörung Mimende!), um schnell eine ganze Szene eskalieren zu lassen. Ein früher Versuch, die bald startende Demo durch eine künstliche Engstelle zu stören?

Jetzt, 10.15 Uhr, traf erst einmal unsere Gruppe zusammen – das „Freidenker Netzwerk demokratischer Widerstand“.

Welche Freude alte Freunde wieder zu begrüßen, welche Freude, dass neue Gesichter dazu gekommen waren – die unermüdlichen Helene und Ansgar aus dem fernen Aachen, Pater Theo und seine „Ministranten“ von der neuen „ecclesia corona“, die Arbeiterfotografen … ich will nicht alle aufzählen. Wir dachten auch an Elke, die wegen eines Sturzes nicht kommen konnte und auch an ältere und geschwächte Freidenker, die sich die Anstrengungen (ja, auch gewisse Gefährdungen) eines solchen Demotages nicht zumuten konnten.

Wir waren erfreut, uns mit unserer Freidenkerfahne präsentieren zu können:

  • Ganz im Sinne der Stellungnahme unseres Verbandes vom April 2020: „Freidenker unterstützen Initiativen, Proteste wieder auf die Straße zu tragen – seien es die Forderungen der Beschäftigten im Gesundheitswesen, seien es Proteste gegen Kriege und Forderungen zur Umlenkung der Rüstungsmilliarden in die Daseinsvorsorge, seien es Proteste gegen den Ausbau des Überwachungsstaates und die Aushebelung des Demonstrationsrechts.“
  • Aber in deutlicher Differenz zur seit Monaten anhaltenden „weisen Tatenlosigkeit“ so mancher Verbandsfunktionäre, von den diffamierenden Ausfällen einiger bekannter Freidenker gegen die Grundrechte-Demos ganz zu schweigen.

10.30 Uhr: Allmählich kam die Demo in Gang.

Wir waren nicht bei den Ersten, weil wir, wie erwähnt, das Brandenburger Tor erst „außen umgehen“ sollten. Man wählte nicht den Weg um ausgedehnte Gebäudekomplexe, sondern durch die öffentliche Passage neben einer gastronomischen Einrichtung. Zig Leute, hunderte, drängelten sich durch eine Tür. Die Verletzung der Abstandsgebote war unvermeidlich.

Ironie: Danke an die Polizei! Hier wollten sie uns aber noch nicht „Hopp nehmen“. Das geschah erst später mit der Spitze des Demonstrationszuges in der Friedrichstraße, Dieser Vorgang und seine Rechtswidrigkeit sind im Detail dokumentiert.

Während die Polizei den Zug gestoppt hatte, befanden wir uns Unter den Linden, etwa in Höhe des ZDF-Studios. Es ist nicht richtig, wenn behauptet wird, dass die Demo aufgelöst wurde. Zwar konnten wir die geplante Strecke nicht gehen, aber wir setzten uns auf die Straße, und so wurde aus dem Demozug eine Sitzdemo.

Bis gegen 13 Uhr blieben wir dort, und es wurde kein bißchen langweilig. Wie sollte es auch, wenn zig kreative Menschen (die über Musikinstrumente, Mikrofon, Malstifte verfügten) bei schönen Wetter in harmonischer Stimmung beisammen sind?

Gegen 13 Uhr wendeten wir uns zurück Richtung Brandenburger Tor (jetzt wieder offen) und Siegessäule. So näherten wir uns langsam dem Bereich, in dem ab 15.30 Uhr die Kundgebung starten sollte. Mit uns Abertausende….

Die Bilder zeigen nur die breite Straße des 17. Juni. Der Veranstalter forderte uns ständig auf, in die Park- und Waldanlagen zu beiden Seiten auszuweichen, um die Überfüllung der Straße zu vermeiden. Überall war für guten Lautsprecherempfang gesorgt, Videowände waren aufgestellt. Ich fand schließlich meinen Platz neben der Hofjägerallee, etwa 200 Meter vom großen Stern entfernt.

Die Kundgebung begann. Sie war immer wieder gefährdet durch Auflösungsdrohungen der Polizei wegen „Verletzung des Mindestabstands“. Immer wieder riefen die Veranstalter die Teilnehmer auf – sie flehten buchstäblich mit Engelszungen – in den Tiergarten und die Seitenstraßen am Großen Stern auszuweichen. Die Menschen folgten, doch es braucht einfach eine Zeit, bis solche Massen in Bewegung kommen.

Es gelang. Der Polizei wurde jeder Vorwand des Eingreifens genommen. Die große Kundgebung wurde erfolgreich durchgeführt. Ich stelle mir vor, dass „die Geisel von Berlin“ schäumte. (Aber es geht ja nicht nur um den Herrn Geisel. Der Demokratieverbieter-Senat ist ja eine Koalition der drei Parteien SPD, Grüne und Linke.)

Mich haben etliche Redner der Kundgebung stark beeindruckt. Es gab Zeichensetzungen, Positionen wurden vertreten, die ich nicht erwartet hatte.

Beispiele: Der mir bisher unbekannte Ralph T Niemeyer „outete“ sich doch tatsächlich und völlig stimmig als Sozialist und Marxist. Das ist bei Querdenken, wo sich manche mit antisozialistischen Spitzen profilieren, nicht selbstverständlich. Kennedy äußerte sich sehr klar gegen die mächtige Pharmaindustrie und dazu, wie Kriminalität gerade die „große Politik“ durchdringt. Er positionierte sich gegen jedes „totalitäre Regierungshandeln“ in westlichen Demokratien. Ballweg überraschte mich mit seinem Schwerpunkt „Verfassungsgebende Versammlung“. Mir scheint, dass damit strategisch historische Dimensionen angesprochen wurden. Bezüge zur jüngsten russischen Geschichtspositionierung (Putins umfangreicher Artikel zum 75. Jahrestag des Großen Sieges) liegen auf der Hand. Wirkliche Linke sollten sich auf den Hosenboden setzen und zu diesen  Fragen arbeiten, wenn sie nicht die Meinungsführerschaft dauerhaft an Willy Wimmer und die Bewunderer des Sozialistenfressers Bismarck abgeben wollen. (Auch der Verfassungsentwurf des Runden Tisches der DDR von April 1990 wäre in eine solche Diskussion einzubeziehen.) Beeindruckend auch Heiko Schöning. War er es, der sich offensiv mit AfD-Pazderski auseinandersetzte?

Ich breche hier ab, obwohl von der Kundgebung noch mehr zu sagen wäre…. Genauso war es auch am 29.. Gegen 17.30 Uhr war ich so erschöpft und hatte so viele Anregungen aufgenommen, dass ich einfach einen „break“ machen musste. Ab nach Hause! Erst wollte ich den kürzesten Weg zu einem öffentlichen Verkehrsmittel nehmen, S-Bahnhof Tiergarten. Aber schon nach wenige Schritten, als ich die vielen schönen Menschen in den Parkanlagen sah, konnte ich einfach nicht weggehen.

Spontan fasste ich den Entschluss: Jetzt gehst Du bis zu dem Ende, wo die Menschenmassen aufhören. Zwei Kilometer, drei Kilometer zurück zum Brandenburger Tor, zur Friedrichstraße. Rückblickend sage ich: „Diese anderthalb Stunden unter hunderttausend frohen Menschen – Ich habe sie alle gezählt! ;-)) – gehörten zu den eindrucksvollsten des ganzen Tages. Freundliche Gesichter, Aufgeschlossenheit, Rücksichtnahme, politische Wachheit, Selbtbewusstsein auf der sonnenüberfluteten Hauptstraße aber auch bis tief in die Erfrischung spendenden Parkanlagen.

Ein „repräsentatives“ Bild von der Fläche zwischen Bühne und Siegessäule:

Um die Revolution – Oh Schreck! – ging es im Hinterland:

Ein 360°-Blick:

Einige Statements habe ich fotografiert, die beweisen, dass durchaus auch „linkes Denken“ zum Ausdruck kam. Bemerkenswert, weil ja viele der traditionell bzw. ehemals linken Organisationen sich distanziert hatten, zumindest nicht aktiv unterstützten.

In der Nähe des Brandenburger Tores, es muss ungefähr 18.30 Uhr gewesen sein, kamen mir drei schwarz gekleidete, offenbar aufgeregte  Gestalten entgegen. Die eine, eine stattliche Frau mit Flüstertüte (ich weiß jetzt, dass es Tamara K. war), rief ständig wiederholend: „Die Polizisten haben ihre Helme abgelegt.“ Mit der Meldung konnte ich  nicht recht ‚was anfangen. Ob es heißen sollte, dass der Tag nun gelaufen sei und alles friedlich geblieben war?

Ich sah etwas skurrile Gestalten…

aber tatsächlich auch Polizisten im lockeren Gespräch.

An paar Polizisten, die sich Zigaretten anzündeten trat ich heran, fragte, ob sie nun froh seien, dass alles friedlich verlaufen sei. Sie drucksten herum. Einer meinte, dass er seit 9 Uhr im Einsatz sei und es nun endlich zu Ende gehe. Ob sie von den interessanten Reden etwas mitbekommen hätten? Davon würden sie nicht viel mitbekommen. Ich räumte ein, auch nicht alles verstanden zu haben aber man könne ja im Internet nachlesen. Sie bejahten. Man wünschte sich abschließend ’nen schönen Feierabend.

Paar Schritte weiter Unter den Linden waren Polizisten durchaus noch im Dienst.

Die Straße in meiner Gehrichtung war gesperrt. Aus der Gegenrichtung kamen noch viele Leute. Der Sinn blieb mir verborgen. So konnte ich mein Ziel, bis zum Ende der Teilnehmermenge zu laufen nicht erreichen. Es war mittlerweile fast 19 Uhr. Mein Weg führte nun zum Bahnhof Friedrichstraße. Dort würde ich den vielen, vielen Normalos mit Maulkorb begegnen (95% der Bahnfahrer). Einige hundert Meter weiter würde gerade ein theatralischer „Sturm“ um den Reichstag tosen und in der stillen Seitenstraße ein rätselhafter Spruch mich zum letzten Mal knipsen lassen.

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5 Antworten zu Mein 29. August in Berlin!

  1. elkezwinge schreibt:

    Eine engagierte, fundierte Zusammenfassung mit persönlichen, humorvollen Blickwinkeln.
    Bereichernd die Links.
    Hat mir sehr gefallen, auch die für den Spirit der Demo sprechenden Fotos.
    Leider bleiben in linken Redaktionen hockende Journalisten derart weltfremd, dass sie die gleichen Diffamierungen bringen wie der Mainstream, dieser aber mit dem Auftrag der neoliberalen, kriegstreibenden Staatsräson.
    Lieber Opa, so frisch und nah am Zahn der Zeit, das wird was Gutes bringen.

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  2. fidelpoludo schreibt:

    Lieber Kranich,
    auch mir hat die lebendige mit sprechenden Fotos begleitete Schilderung Deines Dich beglückenden Tages gut gefallen.

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  3. fidelpoludo schreibt:

    Danke auch für den erneuten Hinweis auf Ralf Niemeyer!

    Demonstration Berlin 29 08 2020 Ralf Niemeyer spricht Teil 1, 2 & 3:

    Für mich – neben der von Robert F. Kennedy, der eher den Zusammenhang einer globalen Agenda zu skizzieren versuchte, die beste Rede des Tages, weil sie die deutsche Situation und Perspektive überzeugend und in deutlichen und klaren Worten weitgehend zutreffend in den Mittelpunkt gestellt hat.


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  4. Pingback: „Freidenker Netzwerk demokratischer Widerstand“ | opablog

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