Stalins Tod

Die lange Besprechung des Dokumentarfilms „Abschied von Stalin“ lässt mich fragen: Wie habe ich eigentlich dieses Ereignis erlebt?

Immerhin war ich im März 1953 schon zwölfeinhalb Jahre alt und hatte begonnen, mich für Politik zu interessieren. (Zeitung zu lesen begann ich mit 11 Jahren und zwar die „Junge Welt“ meiner sechs Jahre älteren Schwester und zwar zuerst die Berichte von der Radfernfahrt für den Frieden Prag-Warschau (bei der „Lotte Meister I“ die ersten Heldentaten der DDR-Radrennfahrer vollbrachte)) Ich war zwölfeinhalb und doch wohl noch ziemlich kindlich. Vier Monate später starb unsere liebe Mutti, und sehr Vieles änderte sich.

An die eigentliche Nachricht von  Stalins Tod kann ich mich nur undeutlich erinnern. In den Tagen vorher gab es medizinische Kommuniques. Mein Vater bemerkte ziemlich nüchtern: „Nun wird er wohl bald sterben“. Das bremste meine spontane emotionale Anteilnahme. Auch meinte er: „Vielleicht ist er schon gestorben… Damals als Lenin starb, wurde sein Tod auch mehrere Tage lang geheim gehalten…. wohl um Panik zu verhindern“. Wenn man das tatsächlich so gemacht hatte, dann fand ich solche Gepflogenheit merkwürdig.

Die Todesnachricht selbst löste auch bei mir ein ernstes Gefühl aus: „Was soll nun werden?“ Doch ich kann nicht behaupten, dass es mich wirklich überwältigte oder lähmte. Es tröstete auch, dass die alten, berühmten Kampfgefährten, die Molotow, Kaganowitsch, Woroschilow, am Leben waren und den weiteren erfolgreichen Weg garantieren würden. (Die Namen Malenkow und Berija kannte ich bis dahin nicht.)

Wahrscheinlich war es noch zu Stalins Lebzeiten, dass mein Vater in einem Gespräch mit mir (oder in einem Gespräch mit meiner Schwester, an dem ich teilnahm), die überragende Bedeutung Stalins nicht direkt bestritt aber auf das Entschiedenste behauptete, dass Lenin der viel Größere, der wahrhaft Große gewesen sei.

Die personellen Verschiebungen nach Stalins Tod registrierte ich zunächst emotionslos (dachte mir nicht viel dabei – mein Vertrauen war nicht erschüttert). Die „Entlarvung“ und Hinrichtung Berijas im Dezember 1953 verwunderte mich. Dass er für westliche Geheimdienste gearbeitet habe, konnte ich mir nicht vorstellen. Auch registrierte ich, dass mein Vater der Ausschaltung Berijas „keine Träne nachweinte“.

Eine größere Erschütterung bei mir löste merkwürdigerweise erst die „Entlarvung der parteifeindlichen Gruppierung“  Malenkow-Kaganowitsch-Molotow im Juni 1957 aus. Ich geriet in eine heftigen Streit mit meiner „großen Schwester“, die ohne jede Problematisierung die neuen Beschlüsse entgegennahm und verteidigte, während ich ziemlich verzweifelt war: „Wem kann man denn überhaupt noch glauben?“.

Erst danach, glaube ich, mit dieser Enttäuschung, begann meine eigene geistige Entstalinisierung, die ein äußerst langwieriger Prozess war. Eigentlich wäre es lohnenswert, die Etappen dieses Prozesses einmal zu skizzieren; dabei auch der Menschen zu gedenken, die mir wesentliche Anstöße gaben. Ich glaube, dass dieser Prozess erst 2017 zum Abschluss gekommen ist.

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