In welcher Epoche leben wir? – Weltherrschaftsstreben.

Überarbeitete Textfassung vom 16.1.2020, 12 Uhr

Fragen dieser Art haben sich die Menschen schon früh gestellt. Man befragte Orakel, Priester, Weise. Die Antworten konnten große mobilisierende Wirkung entfalten.

MarxEngels richteten den Blick auf die Triebkräfte der Gesellschaft (Basis; Produktivkräfte, Produktionsverhältnisse, zu Tage tretend in den historisch bestimmten  materiellen Interessen von Klassen; Überbau). Damit lösten sie eine geistige Revolution aus, die die Selbsterkenntnis der Menschheit einen großen Schritt voran brachte. Lenin identifizierte sich uneingeschränkt mit Leistung und Geist von MarxEngels und füllte bestehende Lücken der materialistischen Gesellschaftstheorie – immer den neuesten Entwicklungen des Kapitalismus auf der Spur – mit eigenen theoretischen Arbeiten, mit Verallgemeinerungen der revolutionären Praxis sowie mit seiner revolutionären radikalhumanistischen Intuition. So konnten bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein bedeutende gesellschaftliche Kräfte/Klassenkräfte ein grundsätzlich zutreffendes Epochenbewusstsein entwickeln  – „Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution.“

Nach dem Ableben von MarxEngels und Lenin bemühten sich die ihnen folgenden Revolutionäre und reflektierenden Theoretiker die neuen Fragen der Klassenkämpfe zu beantworten, auch die Fragen des Charakters der Epoche. Dabei gab es Erfolge (Zu Leistungen der Kommunistischen Internationale vergl. Heinz Karl in: „Geschichtskorrespondenz“ Juli 2019). Erinnert sei besonders an die mit Dimitroffs (aber auch Zetkins) Namen verbundene Faschismusdefinition. Sie ist bis heute ideologisch umstritten – weil sie eine gültige Erkenntnis ist.

Dennoch setzte sich durch bzw. wurde durchgesetzt eine Dogmatisierung der „Marxismus-Leninismus“ genannten, jetzt gleichsam staatsoffiziellen materialistischen Gesellschaftstheorie. Das schädigte in einem längerem Prozess ihre Fruchtbarkeit zutiefst und führte schließlich zu ihrem politischen Bankrott in Europa und weiten Teilen der Welt. Das war das Ergebnis des Stalinismus, Praxis und Ideologie eines deformierten Roh-Sozialismus. Er wurde nach Stalins Tod nicht überwunden. Ein Markstein dieses Niedergangs war die Bestimmung der Epoche in der Moskauer Erklärung von 81 kommunistischen Parteien aus dem Jahr 1960 – „Epoche des Triumphes des Sozialismus und Kommunismus im Weltmaßstab“ (Vergl.: Afred Kosing, „Epochen und Epochenwechsel in der neueren Geschichte“, Berlin 2018).

Heute, inmitten akuter gesellschaftlicher Krisen- und Umbruchsprozesse, sind die Schicksalsfragen der Menschen: „Wer sind wir?“, „Wohin gehen wir?“ mit Wucht zurück gekommen. Die „Diskurse“ sind geflutet von „neuesten“ Antworten, nicht selten Wiedergänger der ältesten. Antworten auf der Basis des Historischen Materialismus sind rar. Sie sind aus dem Zentrum der ideologischen Kämpfe weitgehend verdrängt – ein Grund mehr für mich, paar Überlegungen zu diesem Thema zu äußern.

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Der Untergang des Realsozialismus als Weltsystem bedeutete den „vorläufigen Endsieg“ (Fülberth) des Kapitalismus. Es war insbesondere der Triumph der im anglo-amerikanisch-zionistischen Kapital („Superreichtum“) formierten Machtballung. Diese Macht ging sofort daran, die erreichte Dominanz zur uneingeschränkten, dauerhaften Weltherrschaft auszubauen. Der Prozess schien vordergründig ein ökonomischer zu sein und wurde unverfänglich „Gobalisierung“ genannt. Extraprofite erzielten die Urheber durch die „freiheitliche“, sich über den ganzen Globus erstreckende Marktausdehnung (Schwerpunkt China), sowie durch großzügige „Modernisierungshilfen“, d. h. die Privatisierung des Staatseigentums (Schwerpunkt Russland). Obwohl ökonomisch begründet war diese Globalisierung von Anfang an mit aggressiver politischer Expansion verbunden (1. Irakkrieg, Zerschlagung Jugoslawiens).

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Der Erfolg der ersten Etappe dieser Globalisierung (etwa 1990 bis 2000) produzierte ihre 1. Krise. In Russland kam Putin an die Macht, und bald sorgten die „Silowiki“ dafür, dass „westliche Hilfe und Unterstützung“, wesentlich Raub des russischen Volksvermögens, gestoppt wurden. Chodorkowski, Liebling der deutschen „Elite“ bis heute, wanderte in den Knast. Chinas Führer, souveräner als seinerzeit die russischen, hatten die fremden Globalisierungsgewinnler ohnehin nur auf Zeit profitieren lassen, und diese Zeit begann abzulaufen. 2000 kam es zur Dotcom-Krise, zugleich Menetekel der Finanzkrise von 2008. Im Gegensatz zu diesen Misserfolgen gebremsten Erfolgen standen die neuen Internet-Konzerne zur Weltverwaltung und -steuerung bereit – GAMFA (von Werner Rügemer porträtiert in: „Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts“, Köln 2018). Kurz, die Strategen der anglo-amerikanisch-zionistischen Weltherrschaft hatten einer möglichen Stagnation zu begegnen und zugleich neu geschaffene Potentiale zu nutzen. Man entschied sich für eine Strategie des Schocks (Naomi Klein:“Die Schockstrategie“, 2007), des Chaos und des Staatsterrors. Sollte man so die zweite Etappe der Globalisierung bezeichnen? Startschuss war 9/11. Als prägende Ereignisse folgten der 2. Irakkrieg, der „arabische Frühling“, die Rekrutierung islamistischer Terrortruppen im großen Stil, sowie die Finanzierung der Krise von 2008 durch die Völker.

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Diese zweite Etappe/Katastrophenetappe (etwa 2000 bis 2015) der unter dem Label „Globalisierung“ laufenden Weltherrschaftsstrategie des anglo-amerikanisch-zionistischen Machtkomplexes forderte unzählige Opfer und verlief bis Mitte 2015 im imperialistischen Sinne erfolgreich. Wer „Kipppunkte“ liebt, mag den Eintritt Russlands auf der Seite Syriens in den gegen das Land seit 2011 geführten imperialistischen Krieg als solchen bezeichnen. Mit diesem „Kipppunkt“ entbrannte der (halb-)offene Kampf zwischen Hauptkräften der Multipolarität einerseits und den Kräften der anglo-amerikanisch-zionistischen Weltherrschaftsstrategie andererseits. Die Letzteren wurden auf dem Kriegsschauplatz Syrien getoppt. Derzeit erleben wir, wie sich in der 2015 begonnenen Phase der Globalisierung (3. Etappe?) eine wachsende Zahl geopolitischer Pole herausbildet, die in engen, widersprüchlichen Wechselwirkungen stehen und dabei zugleich zunehmend selbstbestimmt agieren. Die jüngste USA-Iran-Krise hat bestätigt, dass auch zweitrangige (im Sinne von: „regional begrenzte“) Mächte der US- und Israel-Militärmacht erfolgreich entgegentreten können, wenn sie von hoher Kampfmoral getragen und in der Lage sind, dem Aggressor „inakzeptablen Schaden“ zuzufügen bzw. dies glaubhaft machen können. Mir scheint, dass die multipolare Weltordnung begonnen hat, sich, trotz der anhaltenden Gegenwehr der alten Weltherrschaftsmächte, schrittweise durchzusetzen. Diese Wendung ist unter Vermeidung eines großen Krieges erreicht worden.  Drückt sich hierin bereits eine tiefe Wandlung des Charakters unserer Epoche aus?

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Ich meine, dass seit geraumer Zeit innere Differenzierungen der anglo-amerikanisch-zionistischen Weltherrschaftskräfte auszumachen sind und dass diese Tendenzen große Zukunfstbedeutung haben können. Dazu und zu Fragen der inhaltlichen Ausgestaltung der Multipolarität, sollen in einem zweiten Teil einige Überlegungen folgen.

Schließlich soll sich ein dritter Teil der „emanzipatorischen Seite“ zuwenden, den „Grundfragen“: Muss der Kapitalismus überwunden werden? Wer wird das wie tun?

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Eine Antwort zu In welcher Epoche leben wir? – Weltherrschaftsstreben.

  1. Freund des Hauses schreibt:

    Nun in erster Linie leben wir in einer Zeit in der die Vernunft und die Logik allgemein und individuell es schwer haben sich durchzusetzen. (1)
    Seit Jahren haben viele Bekannte das Gefühl, sie müssen in einem Akt der Notwehr sich selbst jeden Tag vergewissern, dass sie noch normal denken und nicht die Verlautbarungsorgane um uns herum. Also es geht jeden Tag existenziel darum festzustellen, welches Verhalten ist richtig was ist falsch, was ist gut und was ist böse.

    Wenn man viel Geld hat kann man sich seinen Frieden erkaufen. Alle anderen werden jeden Tag aufs neue, mobilisiert, gehetzt, (re-)traumatisiert, vereinzelt, ausgegrenzt, müssen funktionieren, leisten, konkurrieren, …Die Freude am Leben, sinnliche Bedürfnisse,. Liebe,… sind ein Utopie von früher.

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