„Elektronische Stellwerke töten“ – Kurzgeschichte von Frank Maranius

Die folgende Geschichte von Frank Maranius ist ein Kapitel aus seinem Kriminalroman „Unsere lieben Omas“, erschienen 2019.

Elektronische Stellwerke töten

Das Drama begann vor etwa 10 Jahren, als es hieß, die Strecke wird saniert. Allen Kollegen, es waren drei Stammpersonale auf dem Stellwerk in Zehdenick, fuhr der Schrecken in die Knie. Die wurden weich, ein jeder hatte das Gefühl, ihm würde der Boden unter den Füßen weggezogen.

Nicht so sehr, dass hier alles schick gemacht würde, neue Signale, wahrscheinlich HL-System, PZB, Punktförmige Zugbeeinflussung, Streckengeschwindigkeit auf mindestens 80 km/h erhöht, elektrisch beheizbare Weichen, moderne Überwegsicherung, nein das hieß Stellenabbau. Eigentlich hätten sie damit rechnen müssen, dass die Strecke entweder stillgelegt wird oder saniert.

Saniert hieß bei DB Netz, zurückgebaut, alles raus, was nicht unbedingt nötig ist, bis hin zur Sicherheit, nur beließ man nach dem Unglück von Hordorf die PZB oder man installierte sie. Die punktförmige Zugbeeinflussung würde einen Zug stoppen, der widerrechtlich fährt, auch zu schnell.

Alles was Geld kostet, musste weg und da waren zuerst die Personale dran. Humankapital war teuer, das konnte sich eine Staatsbahn, das heißt, was von ihr nach der Zerschlagung durch die Politik noch übrig war, das Netz., nicht mehr leisten, meinte man.

Alle drei Fahrdienstleiter waren nicht schützenswürdig, keiner war behindert, hatte Kinder, die klein waren und man war ostdeutsch, also bekamen alle die Änderungskündigung, aber jeder ging damit anders um.

Der Peter, der kam ohnehin aus Sachsen, der war nach der Wende hier hochgezogen, als die mit der Frühverrentungswelle den Personalstand von 8 für Zehdenick, auf 4 reduziert hatten und doch einer fehlte. Der wurde dort unten freigesetzt, war aber so frei und nahm das Angebot in Zehdenick an. Der hatte in Sachsen kein Haus, er zog hier in eine Wohnung, die die reichlich hinterließen, die wiederum vom Elektronikwerk entlassen wurden und in die BRD nach Arbeit suchen mussten.

Peter hatte nun ein Angebot nach Leipzig zu gehen in das ESTW, Elektronisches Stellwerk, am Hauptbahnhof. Der war erst knapp 45, der packte seine Sachen und ging.

Klaus hatte hier ein Haus, genau wie Harald, aber der war schon 63 und dem boten die die Frühverrentung an. Ohne Abschläge, noch gab es die unseligen Gesetze der Rentenreform nicht, noch studierte die Hales, die das mitverbrochen hatte, Rot/Grün.

Die Deppen, etwa 5 Jahre später suchten sie Leute, und heute fallen Züge aus, es fehlt überall an Personal.

Die Kollegen, die so dumm waren, ihre Gesundheit mit Schichtarbeit zu ruinieren, die sucht man heute vergeblich. Egal, der Klaus ging auch, aber in die Rente, nur Harald, er wohnte hier seit Generationen, viele Eisenbahner dabei, und seine Frau hatte hier Arbeit.

Gute Arbeit, die man nicht aufgab.

Das hätte beiden eigentlich schon gereicht, aber was macht ein Mann, der keine Arbeit hat? Fügt er sich in sein Schicksal, macht Haushalt und Garten, sowie das Haus. Kocht, putzt ein wenig und geniest sein Leben, mit 55?

2 Jahre arbeitslos, da kommt noch Geld und dann eben nichts mehr?

Nein, kann er gar nicht.

Bitte liebe Mütter, erzieht eure Buben anders.

Harald sollte nach Neuruppin gehen.

Das war von hier aus das letzte Ende, etwa 2 Stunden Autofahrt, quer durch Oberhavel, hin und zurück. Das sind nur etwa 50 km, es gab drei Wege, die ungefähr gleichweit waren und etwa gleich, zeitmäßig.

Er hatte mit seiner Frau lange darüber gesprochen, aber er wollte arbeiten.

Zu Hause lief das auch nicht mehr so gut, irgendwie war die Frau anders geworden, seit sie die 50 hinter sich hatte. Erst einmal wollte er das machen. Er fuhr, nachdem die Strecke gesperrt war, wegen des Umbaues, dann zur Ausbildung nach Leipzig, war über die Woche dort untergebracht.

Später, als die Strecke saniert war, musste er dorthin fahren, mit dem Zug wäre aber über 3 Stunden unterwegs. Er kam, wenn er um 4 Uhr losfuhr erst gegen 8 in Neuruppin an, mit der Bahn, nach 22:00 Uhr kam er gar nicht weg, also nach Hause, blieb dem Eisenbahner nur das Auto, von Kreuzbruch kam er eh nicht anders weg.

Also eine Stunde hin, eine zurück, nach 9 Stunden Dienst. Völlig platt kam er immer zu Hause an und fast pausenreif zur Arbeit. Das interessierte aber niemanden, er hatte zu funktionieren.

Achtsamkeit kennen selbst die Manager nicht, die sind oft Psychopathen in Nadelstreifen. Als die Strecke fertig war, nachdem er ein Vierteljahr in Neuruppin gearbeitet hatte, hatte er den ersten Zusammenbruch, klar über 1 Stunde Autofahrt hin und eine zurück. Früh 10 Stunden Dienst, sind 11 Stunden an jedem Tag Frühschicht, von um 4:00 Uhr, bis um 14:00, zur Nachmittagsschicht von 14:00 Uhr bis 23:30 Uhr, 9,5 Stunden, bei Wind und Wetter, Sonne, Regen, Schnee, fast immer in der Dunkelheit. Er hatte drei Wildunfälle, nach dem Zweiten warf ihn die Versicherung raus und er wurde hochgestuft, es wurde teurer.

Zusammenbruch, es ging nicht mehr, vier Wochen Klinik, dann 6 Wochen Reha. Und wieder ging es weiter. Nicht sehr lange, dann hatte er einen Zwischenfall zu verantworten, eben gerade, weil auf dem Elektronischem Stellwerk die Technik ihn nicht mehr absicherte. Er ließ einen Zug in ein besetztes Gleis einfahren. Die Lok, die dort stand, hatte er vergessen und die war auf seinem Gleisbild verschwunden. Später stellte sich heraus, der hatte gesandet, also Sand auf die Schienen gestreut, um die Wirksamkeit der Sandstreuanlage zu testen. Die brauchte man bei schwierigen Verhältnissen, feuchten Schienen und ein schwerer Zug, der Nachteil der Eisenbahn. Nun war seine Lok isoliert. Wenn ein Gleis besetzt ist, wie hier durch diese Lok, dann schließen die Achsen, beide Gleise kurz und der Fahrdienstleiter bekommt eine Rotausleuchtung des Gleises auf seinem Tisch, wo die Gleislage dargestellt wird.

Es ist besetzt.

Darf also nicht befahren werden.

Nun gehört zur Sicherheit aller aber auch eine elektrische Sperrung des Gleises, sodass der Fahrdienstleiter die Einfahrweiche nicht auf dieses Gleis legen kann und auch nicht die Signale dafür bedienen. Das kostet Geld, nicht viel, bestimmt nicht mehr als der Magnet am Gleis in Hordorf, der die 10 Toten verhindert hätte.

Aber Manager müssen sparen, koste es, was es wolle!

Harald Herwig bekam nun keine Anzeige des besetzten Gleises. Die Technik hätte jetzt Nein sagen müssen, du hast die Lok nicht weggefahren, vergewissere dich oder fahre auf Befehl ein. Das ist die letzte Rückfallebene, jetzt weiß jeder Lokführer, hier ist etwas gestört, hier muss man aufpassen.

Nein, das Einfahrsignal ließ sich ohne Probleme auf Fahrt stellen. Für den Lokführer war das Gleis also frei. Sicher hätte Harald sich dennoch vergewissern müssen, habe ich die Lok zur Seite gefahren und wenn er es nicht mehr zusammenbrachte, was er mit der Lok gemacht hatte, dann hätte er den Lokführer fragen können, anrufen und wir haben ja Handys heute, sodass der Bahnfunk ihn nicht verrät, denn hier wurden alle Gespräche aufgezeichnet.

Das hätte er früher auch getan, er hätte aus dem Fenster gesehen und bemerkt, Mist, die Lok steht noch da. Das geht heute nicht mehr. Aus dem Fenster sehen ging nicht mehr, er saß weit weg. Nicht einmal direkt an der Bahn, in Neuruppin.

Wenn er nur wüsste, was er den Lokführern indirekt angetan hatte, dann hätte er gleich gehandelt, so schickte man ihn erst einmal auf Kur.

Die Lokführer wurden nun mit völlig unsinnigen Vorschriften traktiert, obwohl die Verantwortung voll beim Harald lag und bei denen, die alles zurückbauen, nämlich die Sicherheit.

Oder nicht den heutigen Standard herstellen.

Es hätte bei Nichtbeachtung der Vorschriften, zur Kündigung kommen können. Manche Privatbahnen machen das Ganze, wenn sie eine Strecke verloren.

Warum: Bei einer Zwangsbremse durch eine technische Störung, hätte jetzt, ein Notruf abgegeben werden müssen, der den gesamten Verkehr erst einmal lahmlegt, in der Funkzelle, weil bei einer Zwangsbremsung die Technik Sand vor die Räder wirft. Stelle man sich das in Berlin Charlottenburg vor, dann ist bis zum Hauptbahnhof alles betroffen, der Verkehr wäre lahmgelegt. Dann muss ein Befehl eingefordert werden. Das kostet alles Zeit und viele Lokführer denken an die Reisenden, hinter ihnen.

Die Kur half nicht, Helmut schlief immer schlechter bis gar nicht mehr, grübelte nur noch, ging nicht mehr raus, zog sich zurück, wollte mit niemanden mehr reden, kurz, er wurde depressiv.

Mit seiner Frau lief gar nichts mehr, da die Beziehung schon lange erkaltet war und er keinerlei Hilfe annahm, sich immer tiefer in sich verkroch, zog sie irgendwann aus. Sie hatte es satt, sie wollte leben und ihre Eltern waren jetzt gerade verstorben, so hatte sie das Haus für sich, in Lehnitz.

Das zog ihn noch tiefer herunter, und bekommen sie mal Hilfe in der Pampa.

Nach einem Jahr Krankheit bekam er die Kündigung, da er nicht handlungsfähig war, kämpfte er nicht einmal um seine Gelder, die ihm zustanden. Arbeitslosengeld, dann ALG II. haben sie schon mal als Hausbesitzer in Oberhavel ALG II beantragt?

Versuchen sie es mal.

Die Weisung des Landrates, der jetzt Innenminister ist, war, nichts zahlen. Seine Frau sollte ihn ernähren, sie wären eine Bedarfsgemeinschaft, obwohl sie getrennt lebten, nachweislich. Er hatte keine Kraft zu kämpfen, er war am Ende und dann kam auch noch die Stromabschaltung. Eine Weile hatte er noch Gas, als das alle war, saß er im Dunkeln und als die Zwangsversteigerung anstand, der Brief kam an einem wunderschönen Morgen, da hatte er genug.

Er nahm sich den Golf III, den er als letztes gekauft hatte, nachdem er den BMW, der nur zwei Jahre alt war, verkaufte, um von dem Restgeld zu leben, bis heute.

Da war der Tank noch halb voll, Geld hatte er auch keines mehr, also fuhr er los und als die Reserve anging, war er gerade beim alten Stellwerk, dem Bahnhofsgebäude, und bog dann auf die gesperrte Straße, die illegal benutzt wurde, Richtung Templin ein. Als er Raminstich sah, die Havel war noch ein wenig weg, hielt er an.

Er war so müde, so schrecklich müde, von allen verlassen, ohne jede Hilfe, was sollte das Ganze noch. Er löste die Kopfstützen aus der Halterung der Vordersitze, dann legte er den Gang an, schnallte sich ab und gab Gas. Er hielt direkt auf den Stich zu, das Auto hob ab, und ihn überkam eine mörderische Angst nein, nein, kann das nicht zurückgespult werden. Den Film jetzt anhalten und zurückspulen.

Nein, das war kein Video, er stand fast auf dem Fahrersitz, als es platsch machte, das Auto hatte auf das Wasser aufgesetzt und lief sehr schnell voller Wasser. Angst, panische Angst überfiel ihn, aber er tat nichts, er sank auf den Grund des Raminstiches und blieb dort, bis man ihn und sein Auto barg. Und plötzlich stellte sich eine vollkommene Erleichterung ein, die Panik verschwand, er hatte es geschafft, es war zu Ende.

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