Schöne deutsche Heimat – Dom zu Naumburg

Mit Ekkehard und Uta, den berühmtesten Stifterfiguren des Doms zu Naumburg, wurde ich 1954/55 bekannt. Dafür sorgte unser Geschichts- und Kunstlehrer, Herr Ihm. In dieser Zeit hatte ich mich längst für eine atheistische Weltanschauung entschieden und war ein jugendlich-leidenschaftlicher Feind der Institution Kirche geworden.

In derselben Zeit fiel mir dieses Bild auf, der Schutzumschlag eines Buches, das in der Rostocker Universitätsbuchhandlung im Schaufenster lag:

Bildergebnis für Paulus hinz naumburger meister"

Meine Abneigung gegen Religion und Kirche hinderte mich nicht, das Buch zu kaufen; von knappem Taschengeld und obwohl der Verfasser offenbar ein christlicher Theologe war. Im Sommer 1955 fuhr ich in den Ferien mit dem Fahrrad von Rostock nach Thüringen, und im Naumburger Dom begegnete ich den Stifterfiguren zum ersten Mal leibhaftig.

Seitdem habe ich sie immer wieder besucht, zuletzt im Urlaub letzten September.

Jetzt habe ich den alten „Paulus Hinz“ wieder hervor geholt. Der volle Titel des Buches lautet: „Der Naumburger Meister – ein protestantischer Mensch des XIII. Jahrhunderts“. Ich entdecke wieder und begreife tiefer als zuvor, welche Spannung in diesen Kunstwerken und im Dom überhaupt steckt und welcher Geist hier künstlerische Wirklichkeit geworden ist.

Der Naumburger Dom verkörpert nicht die zugleich hochreißende und erdrückende Glaubenswucht der späteren hochgotischen Tempel. Er hat viel von der alten Bodenhaftung des Romanischen, obwohl er sich dem gotischen Hochstreben nicht verschließt und sogar, meine ich (die Kunsthistoriker mögen das bestreiten), die helle Freundlichkeit und lebendige Gliederung der Renaissance vorwegnimmt.

Der Meister von Naumburg hat das Leben in all seiner Widersprüchlichkeit aber fern jeder Hysterie oder Manier zum tief nachdenklichen Ausdruck gebracht. Es geht um das pulsierende, konfliktreiche Leben des Hochmittelalters, 11., 12. 13. Jahrhundert, doch der Grund, den der Naumburger Meister berührt, erscheint mir ganz gegenwärtig. Es war die Zeit eines freundlichen Klimas, der mittelalterlichen Warmzeit.  „Klimaoptimum“ sagen die Einen, „Klimaanomalie“ sagt Wikipedia.

Hinz konzentriert sich in seinem Buch darauf, die Einflüsse der Waldenser/Albigenser im Wirken des Meisters aufzudecken. Wer weiß eigentlich heute noch, wie nah die Glaubenskämpfe der damals gegen die herrschende Lehre Aufbegehrenden dem heutigen Widerstand gegen verordnete Wahrheit sind? Auf der einen Seite die allmächtige, abgeschottete Welt- und Kirchenhierarchie mit Gottes Stellvertreter an der Spitze, auf der anderen Seite das Volk der Ausgebeuteten und Habenichtse, das die Quellen von gleicher Menschenliebe und Barmherzigkeit bei Jesus Christus spürte und gefunden hatte und ausleben wollte.

Es begann mit dem Kampf um das Recht, selbstständig die Bibel verstehen zu dürfen. Die ersten abschnittsweisen Übersetzungen ins Französische und Deutsche wurden erkämpft. Schriftkundige lasen vor, und Analphabeten erlernten, umfangreiche Texte im Gedächtnis zu behalten. Die Herren über Wahrheit und Gesetz ermahnten zunächst, von derlei frühkommunistischen sündhaften Eingriffen in die gottgewollte Ordnung abzulassen. Erst als sich die Waldenser als verstockt erwiesen, musste die erzieherische Einwirkung verschärft werden. So wurden in Straßburg 1211 etwa 80 Männer und Frauen verbrannt, während gegen 1230 Konrad von Marburg als päpstlich beauftragter Inquisitor wütete, bevor er 1233 erschlagen wurde – christlich-jüdische Tradition. All das geschah im Bistum Mainz, wo zur selben Zeit der nachmalige Naumburger am Dom arbeitete.

Der Innenraum des Naumburger Doms, seine beiden gegensätzlichen Lettner vor den Chören, sind der in Architektur fixierte Ausdruck der zwei gegensätzlichen Glaubensansätze. Der ältere Ostchor schließt die Laiengläubigen aus, speist sie mit einem billigen Laienaltar ab. Hinter verschlossenen Türen bleibt der Klerus, lateinisch kommunizierend, für sich:

Abbildung aus dem Buch von Paulus Hinz:

Ganz anders der Lettner vor dem Westchor, den der Naumburger Meister geschaffen hat. Unter den gleichsam segnenden Armen des Gekreuzigten hindurch, betritt der Gläubige (und auch der Ungläubige) den Westchor und befindet sich sogleich im spannungsvollen Zueinander der Stifterfiguren.

Abbildung aus dem Buch von Paulus Hinz:

Ob dort nur eine Anzahl beziehungsloser Figuren aufgestellt ist oder sich vielmehr ein theatrum mundi ereignet, ist umstritten. Und wenn Beziehungen, dann welche? Es bleibt  viel Raum für Interpretation und Spekulation. Quellen sind rar.

Ich finde es auffällig, dass im Chorrund, direkt in der Blickachse des Herankommenden und Eintretenden nicht die beiden Markgrafen-Stifterpaare stehen, die Hauptstifter, sondern die vier Figuren Dietmar, Sizzo, Wilhem und Timo.

Dabei ist bemerkenswert, dass zwei dieser Figuren, Dietmar und Timo, in dem erhalten gebliebenen Auftrag von Bischof Dietrich aus dem Jahr 1249, der die Namen der anderen Stifter aufführt, nicht genannt sind. Beide sind (wahrscheinlich) Sünder par excellence – Attentäter, mit Blutschuld beladen, im gerichtlichen Zweikampf (Gottesurteil) unterlegen. Hat der Naumburger Meister dafür gesorgt, dass auch diese Stifter dargestellt werden? Und wenn ja, warum?

Ich meine, dass hier, wie bei allen großen Kunstwerken, der Betrachter sich die Freiheit nehmen darf, das Werk für sich persönlich weiterzudeuten. Die intensive Beziehung dieser vier Figuren zueinander ist offenkundig. Es werden Fragen von Leben und Tod verhandelt (auf Dietmars Schild steht „wurde getötet“). Es geht um Wahrheit und Gerechtigkeit. Sizzo hält das Schwert des Richters. Doch der Zweikampf als Gottesgericht war seit 1235 verboten. Ist Dietmar der feige Verräter-Schurke oder ist er ein Opfer oder etwa beides? Ist Sizzo der edle zürnende Richter oder verkörpert er das alte sich überlebende Recht oder beides?

Welch ein 750 Jahre alter Schatz, ein Lebenszugang zu damaliger und heutiger Zeit, wartet dort, mitten in Deutschland, gehoben zu werden! (Und war auch mitten in der einstigen DDR zu finden!) Auch die Wilhelm-Figur will gedeutet sein und Timo. Und die anderen Stifterfiguren, namentlich die weiblichen, habe ich noch gar nicht betrachtet!

Eine letzte Bemerkung, bevor ich diesen ersten Teil der Urlaubserinnerung „Naumburg“ abschließe: Brecht ermahnte uns, auch dem Zöllner zu danken:

„Aber rühmen wir nicht nur den Weisen
dessen Name auf dem Buche prangt!
Denn man muss dem Weisen seine Weisheit erst entreißen.
Darum sei der Zöllner auch bedankt:
Er hat sie ihm abverlangt.“

Gedenken wir auch des Bischofs Dietrich II. von Wettin, der den Auftrag erteilte…. Allerdings erfahre ich aus der soeben verlinkten Quelle:

„Die herkömmliche Ansicht, Bischof Dietrich sei der Anreger und Stifter dieses großartigen Kunstwerkes (so vor allem Stöwesand, Der große Bastard
S. 99 -111), läßt sich jedoch nicht aufrecht halten, zumal die schwere Finanzkrise des Hochstifts seit dem Ende der fünfziger Jahre des 13. Jahrhunderts dem
Bischof ein solches Vorhaben aus wirtschaftlichen Gründen kaum gestattete.
Vielmehr muß der Markgraf Heinrich als der Initiator dieser Schöpfung betrachtet werden, ohne dessen Billigung auch das alte Marienstift schwerlich ersatzlos
hätte abgerissen werden können. Offenbar setzt der Markgraf, der 1259 im
Vettrag von Seußlitz das Hochstift unter wettinische Schutzherrschaft gebracht
hatte, den Stifterfigurenzyklus als eine künstlerische Demonstration dieser seiner
Schutzherrschaft durch (Einzelheiten bei Wießner u. Crusius S. 250 ff.), wodurch
zugleich das erstaunliche Vorhandensein von Laienstatuen im Chorinnern einer
Bischofskirehe verständlich wird.“

Schön, wie hinter jeder Wahrheit eine neue Wahrheit zum Vorschein kommt. Was es aber nun mit dem Markgrafen Heinrich auf ich hat, das erkunde ich beim nächsten mal. 

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