Überraschung

Der Engländer, der mich gefragt hatte, wie es denn nun in der DDR gewesen sei, war von  meiner Antwort: „In der DDR habe ich gut gelebt“ kein bisschen überrascht. Die Überraschung war bei mir als er lebhaft erklärte: „Das sagen die auch alle“.

Unser Gespräch fand beim Frühstück in der schönen „Herberge am Jakobsweg“ in Pettstädt statt. Er hatte erzählt, dass er Oldtimer-Fan sei und sich speziell für das Motorrad „AWO 425“ begeistere.

Da konnte ich mitreden. Immerhin hatte ich meine Hochzeitsreise 1960 mit einer „AWO Sport“ gemacht. 

In Weißenfels, erzählte er mir, gebe es einen AWO-Fanclub, und er habe seit Jahren regelmäßige Kontakte zu den Kumpels dort, und die hätten eben dasselbe über die DDR gesagt.

Ich räumte natürlich ein, dass man 40 Jahre DDR (heute, 7.10.2019, wären es übrigens 70) nicht in einem Satz zusammenfassen könne, und es ergab sich eine längere Unterhaltung.

Was hat mein Leben in der DDR, summarisch gesprochen, charakterisiert?

Da war zuerst das Gefühl der Sicherheit. Sicherheit nicht nur in Bezug auf Kriminalität, das auch, sondern Sicherheit in Bezug auf die Arbeit, die berufliche Perspektive, das Gefühl, gebraucht zu werden. Sicherheit auch in den materiellen Verhältnissen der Versorgung, wenn auch mit vielen Mängeln behaftet. Schließlich auch Sicherheit, weil der Staat eine friedliche Außenpolitik betrieb und die Solidarität mit anderen Völkern Gebot war und praktiziert wurde.

Die alltäglichen Rechtsverhältnisse des Staates waren, verglichen mit dem, was ich in der BRD beobachte, erfreulich unbürokratisch, ja menschlich. Ich habe es in zwei Gerichtsverfahren erlebt. (Das war nicht so, wenn es um „die Frage der Macht“ ging oder zu gehen schien.) Steuererklärungen z. B. waren vom Normalbürger nicht einzureichen. Es gab ’ne Menge Gleichberechtigung und Gleichbehandlung. Obdachlose gab es nicht, Bettler, Papierkorbfilzer. Die waren undenkbar.

Das geistig-kulturelle Leben war vielseitig. Für den, der sich bemühte, konnte es sehr reichhaltig sein. Die Preise stellten keinen Hinderungsgrund für kulturelle Betätigung dar, wie es heute ist. Das wissenschaftliche Leben empfand ich in meinen akademischen Jahren (ab 1960 ein Jahrzehnt) als sehr offen. Später zunehmende Enge.

Nicht zuletzt einige wesentliche Grundtatsachen (selbstverständliche, immergültige, für die man nicht tägliche Bestätigung brauchte) prägten mein Gefühl. Dazu gehören der konsequente Antifaschismus, Antichauvinismus ohne Geringschätzung der Nation, die strikte Trennung von Kirche und Staat, die Hochschätzung von Aufklärung und deutscher Klassik und die der marxistischen (also dialektisch-materialistischen) Weltanschauung eigene Orientierung auf das Tätigsein, auf das Prozesshafte des Sozialen, in dem Widersprüche auftreten und zu lösen sind. All das speiste ein positives Grundgefühl.

Hiermit beende ich meine Laudatio. Es sind Worte, wie man sie zum Geburtstag einer Siebzigjährigen oder an ihrem Grab spricht. Diese Worte sind kein bisschen falsch. Aber natürlich würde eine in die Tiefe gehende Analyse der DDR, eine Analyse ihrer inneren Widersprüche, die schließlich auch ihren Untergang erklären muss, anders aussehen. Dazu beizutragen, war heute nicht mein Ziel.

*****

Übrigens war ich nur kurzzeitig AWO-Fahrer. Zuvor hatte ich bereits MZ gefahren – meine geliebte rote RT 125/2. (Sie durfte man schon ab 16 Jahre fahren.)

Später fuhr ich wieder MZ, die komfortablen ES-Modelle. Ich erwähnte in unserem Gespräch die legendäre „BK 350“ mit dem Zweitakt-Boxermotor, von der er nichts wusste. Doch als wir uns am nächsten Tag wieder trafen, hatten ihn seine Kumpels über die BK aufgeklärt.

 

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3 Antworten zu Überraschung

  1. Hartmut Barth-Engelbart schreibt:

    HaBE an Dich die Frage: Darf ich diese Überraschung bei mir reinposten?

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  2. fidelpoludo schreibt:

    Geile Maschinen – dagegen war meine einzige Vespa westlich dekadent. (Aber wer guckt einer geschenkten Maschine schon ins Maul?)

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