Schöne deutsche Heimat – Du, mein stilles Tal

Hier, in den Tälern des Thüringer Waldes liegen meine Wurzeln und hierhin bin ich jetzt in einem Urlaub zurück gekehrt, Manebach, Stützerbach.

Dieser Satz ist viel einfacher als die Wirklichkeit, und ich muss ihn erläutern, wenn nicht gar berichtigen.

In Wirklichkeit war ich viel zu selten „richtig“ in den Thüringer Wäldern und Bergen und Tälern.

1945/46, ich war fünf Jahre, wohnten wir in Wümbach, 3 km östlich Ilmenau, auf Omas Bauernhof. 1946 bis 1952 wohnten wir dann in Stadtilm. Das waren schon 18 km Entfernung von Ilmenau, dem „Tor zum Thüringer Wald“. Und erst die Höhenlage – kümmerliche 360 m! In Punkto Schneesicherheit war das fast schon Flachland. So lernte ich nicht Skilaufen, mit umso größerer Begeisterung aber Schlittschuhlauf auf der Ilm.

Trotzdem wurden mir die Thüringer Walddörfer vertraut. Weil mein Vater aus Möhrenbach stammte und Oma weiterhin in Wümbach wohnte, gab es viele Verwandten- und Bekanntenbesuche auf den Dörfern. Ab 1946/47 führte mein Vater ein kleines Bauunternehmen mit Baustoffhandel. Er war viel mit unserem alten DKW F8 unterwegs

Bildergebnis für dkw f8

oder dem Steyr-Lkw (mit Allradantrieb),

Bildergebnis für steyr 270

 

und oft durfte ich mitfahren. Überall auf den Dörfern wurde repariert und gebaut. Überall wurde Zement gebraucht. Und die Zementwerker brauchten Getreide und Fleisch und Öl.

Die Dörfer des Thüringer Waldes, die ich kennen lernte, waren keine armseligen „Kuhdörfer“. Überall war es interessant. Was hab ich nicht alles gesehen: Produktion von Thermometern, Spiegeln, Christbaumkugeln, Farben, Modelleisenbahnen, Spielzeug, Stabilbaukästen, Holzgeräten für die Küche, Leder und Schuhen, Tuff-Steinen, Arzneimitteln. Sägewerke, Getreidemühlen und eine Ölmühle, Glasschleiferei und -färberei und -bläserei, ich glaube, einmal auch eine Biberfarm, haben wir besucht.

Manchmal musste ich lange im Auto warten, und es war langweilig. Oft aber war es schön, und viel zu oft blieben wir nur kurz. Ich flog ein, und ich flog allzu schnell wieder aus: Langewiesen, Gehren, Großbreitenbach, Hohe Tanne, Neuhaus am Rennweg, Frauenwald, Allzunah, Schmücke, Katzhütte, Oberweißbach, Oberhof, Ohrdruf, Elgersburg, Oberpörlitz. Einmal haben wir von Verwandten in Manebach oder Stützerbach Blaubeeren abgeholt. Sie hatten Unmengen gesucht, einen ganze Kinderbadewanne voll! (Mit Oma gingen wir manchmal in die Blaubeeren. Ich hatte den Ehrgeiz, zumindest eine 1 l-Kanne voll zu kriegen. Oma hatte in derselben Zeit einen halben Eimer voll.)

Zentralort meiner Sehnsucht wurde aber Möhrenbach. Nicht nur wohnte dort ein lieber Onkel. Nicht nur gab es dort einen wunderbaren Bäcker. Dort wanderten wir durchs Tal der Wohlrose hinauf zum Silberberg. Dort gehörte meinem Vater ein Teilstück einer großen Bergwiese, ausgerechnet ein Stück, auf dem sich auch eine Quelle befand. Dort träumte sich mein Vater in eine Berghütte an seinem Lebensabend. Daraus wurde nichts. Der Silberberg wurde Staatsjagdgebiet der DDR. Dann änderten sich die Zeiten, und nun träumte ich meines Vaters Traum. Aber nicht mit der Entschiedenheit, mit der allein Träume wahr werden können.

Mein Thüringer Bergtal zieht sich allmählich, manchmal auch steiler, hinauf. Saftig grün sind die Wiesen und Weiden, niemals ausgetrocknet.

Den Talgrund entlang wachsen Büsche und Bäume und zeigen damit den Lauf eines Bächleins an. Bedrückende Enge und Finsternis gibt es in diesem Tal nicht, denn seine Weite und seine Tiefe sind in einem freundlichen Verhältnis. Fast nie wird es von schroffen Felswänden begrenzt. Manchmal ist das Bächlein zu einem Fischteich gestaut.

Solche Anlagen habe ich jetzt im Urlaub wieder gesehen aber sie sind seltener geworden. Früher gab es nicht so viel Fisch von Afrikas Küsten (und nicht so viel ruinierte afrikanische Fischer). Manchmal wird Wasser vom Talbächlein in ein Bassin zum Kneippschen Wassertreten geleitet. Oft speist es die Badeanstalten der Taldörfer.

Aber mehr noch liebe ich das Tal in seinem oberen Teil, wo der Wanderweg weniger benutzt wird oder ganz aufgehört hat, wo es manchmal, besonders in einer seitlichen Ausprägung, eng und geradezu intim wird…

oder umgekehrt ein freier Bergrücken nun alles bestimmt und es zu Recht heißt: „O Täler weit, o Höhen…“.

Der Himmel ist nah. Wenn Du kommst, machen die Vögel ein heiden Spektakel. Dann wieder sind sie ganz still. Nur die Luft ist immer unbeschreiblich leicht; wie von Silberfäden durchwirkt.

Wir sind ein gutes Stück gegangen. Jetzt ruhen wir uns aus, durchaus angestrengt aber nicht total erschöpft. Wenn wir uns gut vorbereitet haben, haben wir jetzt etwas zur Stärkung dabei. Wenn wir losgelaufen sind wie Spaziergänger, müssen wir nun noch ein ordentliches Stück durchhalten. Das Tälchen kühlt im Sommer und schützt im Winter. Und selbst in trockensten Zeiten ist lange Wasser gespeichert. Doch den Unbedachten erzieht der Berg. Ohne ihn zu erschrecken oder zu bedrohen. Ein Thüringer eben.

Dieser Beitrag wurde unter ökologisch, Bewußtheit, bloggen, Gesundheit Alter Tod, Leben, Mensch, Realkapitalismus abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Schöne deutsche Heimat – Du, mein stilles Tal

  1. Sven Thom schreibt:

    In Thürinen ist man der Natur am nächsten und wer da her kommt, der weis wie man wirklich gut lebt.

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    • Jo Bode schreibt:

      Und ich habe mir bisher eingebildet, dass es noch ziemlich viele Stellen gibt, wo man der Natur sehr nah kommen und sie ungestört geniessen kann.
      Sicher, ihre Zahl nimmt ab….

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  2. Wolfgang Oedingen schreibt:

    Vielen Dank für diesen wunderbaren Reisebericht.

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