Freifreifrei!

Die Kinder auf den Plakaten zum Weltkindertag, die in den Hauptstraßen Jenas aushängen, halten Schilder hoch mit der Forderung: Meinungsfreiheit.

Genau genommen – wenn man ihren Spruch: „Wir dürfen das! Basta!“ wörtlich nimmt, fordern de drei Mädchen (oder doch eher die Plakatverantwortlichen?) die Freiheit der Entscheidung.

Befremdlich findet diesen Anspruch Niemand, seit die Mächtigen von Davos sich von Klein-Greta die Leviten lesen lassen und FfF demonstrative Medienbeachtung genießt.

Die Frage nach der Kompetenz der freien MeinerInnen stellen nur Alte, und die gehören abgestellt oder zumindest stumm gemacht.

Die Bekanntschaft mit einem Text von Katrin Askan und dazu die Erfahrungen unserer Urlaubsreise „zurück zu den Wurzeln“ geben Anlass, erneut und mehr über Freiheit und Grenzen und individuelle Bestimmtheit nachzudenken.

Nach Katrin Askans energischer Zuspitzung ihrer kleinen Geschichte auf eine existentielle Dimension war ich auf ihre weiteren Arbeiten gespannt, etwa den Roman „Aus dem Schneider“ (2000) oder das Bändchen Erzählungen „Wiederholungstäter“ (2002).

Ihr Schreibstil ist lakonisch präzise und sinnlich. Damit kann ich mich anfreunden. Doch Oh Weh!, wenn es um die Botschaft geht. Sie gleicht der obigen Kinderparole: „Frei, frei, frei!“.

Der Neoliberalismus, der Kapitalismus der Oligarchen, namentlich Finanzoligarchen, mit seiner Inwertsetzung noch der Atemluft, also auch der letzten natürlichen Produktionsbedingungen, ist längst aus dem Stadium einer einfachen, wenn auch global agierenden, Profitquetsche heraus. Er hat sich durch den ganzen Gesellschaftskörper gefressen und diesen von Grund auf transformiert bzw. zersetzt. (Der Diskurs der Ideologen geht um eine Transformation, die längst im Gange ist und bereits gravierende neue Tatsachen geschaffen hat.) Das betrifft die direkte politische Machtausübung, die u. a. mit dem offenen Kauf der Parteien und der Installierung der „Zivilgesellschaft“ samt des Systems „RHO“ (RegierungsHilfsOrganisationen) eine neue Qualität erlangt hat. Und es betrifft ebenso die indirekte Steuerung der Bevölkerungsmassen auf der Basis der Bewusstseinswissenschaften und der schnell voranschreitenden Digitalisierung (Soziale Medien, Big Data, neue Formate der MSM).

Der Neoliberalismus durchdringt auch die Psyche der Individuen, ihre „Seelenvorgänge“, was die Künstler, Seismographen der Zeit, „Ingenieure der menschlichen Seele“ (Stalin/Majakowski), aufdecken, gestalten und feiern. Katrin Askan beschreibt in aller Unschuld oder Ahnungslosigkeit die neoliberalen globalistischen Individualisten beiderlei Geschlechts; die menschlichen Monaden, mit denen wir es heute zu tun haben.

Dieser „moderne Mensch“, beispielhaft Judith, Kofferraum-Flüchtling aus der DDR im Roman „Aus dem Schneider“ ist wirklich nur Monade, beziehungslos, positiv nichts als ein Selbst. Das aber mit aller Leidenschaft. Für sie gilt wirklich nichts außer ihrer Freiheit. Wehe, man trägt diesem absoluten Selbst irgendeine Bindung an. Das gilt als unmenschliche Diktatur.

Nun, ein Roman ist keine App. Er kann nicht nur aus „0“ und „1“ bestehen. Dem Genre gemäß treten Vater, Schwester, Großvater, Onkel der Protagonistin auf. Ein Gehäuse wird beschrieben. Zeitereignisse werden benannt.

Doch nirgends eine innere Dynamik. Nirgends Auseinandersetzung und Widersprüchlichkeit der Protagonistin mit den anderen so verschiedenen Menschen und ihrem Treiben. Eine seltsam gefrorene Welt, die dem Selbst eine Abfolge von Bildern liefert, die das Selbst wahr nimmt, immer distanziert (nicht zu verwechseln mit kritisch) und, soweit es nicht die Familie, sondern die DDR betrifft, immer abgestoßen, verächtlich oder hasserfüllt.

Das Selbst ist das Selbst ist das Selbst, mit einer einzigen Bestimmung:

Freiheit!

Freiheit als Losgerissensein von der Gesellschaft, genauer: als schwebende Existenz in dem gesellschaftsfreien Raum massenhaft schwebender Existenzen.

Ohne In- und Außen-Halt ist diese Monade stets gefährdet, und es gehört zur Wahrhaftigkeit der Autorin, dass sie in vielen Variationen die Affinität der Protagonistin zum Fallen beschreibt. Eine Metapher der fundamentalen Instabilität, ja  Todesnähe jedes losgerissenen Partikels?

Askans Judith, die sich hinter der DDR-Mauer hervor in die FreiheitFreiheitFreiheit drängte, bereist nun den Globus. Wir treffen sie in Gomera, In Thailand, in Neuseeland.

Und immer ist sie die selbstbezügliche Monade im Nirgendwo.

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Dem zu schnellen Lesen könnte das Vorstehende als eine einzige Polemik gegen den großen Wert „Freiheit“ erscheinen.

Nichts liegt mir ferner.

Tatsächlich enthält die Freiheit das Moment der Willkür des Individuums. Auf dem beharren die Greta Thunberg-Helden ebenso wie die Katrin Askan-Helden. Und dieses Moment ist unverzichtbar! Doch zur Freiheit wird es erst, wenn es in der Fähigkeit der auf wahrer Erkenntnis beruhenden Entscheidung aufgehoben ist.

Keine Freiheit ohne Einsicht in die Notwendigkeiten des Subjektiven wie des Objektiven (um an das bekannte Engels-Wort zu erinnern) und keine Freiheit ohne die auf diesen Einsichten fußende Tat, wie Engels uns zugleich zu bedenken gibt.

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