„Schlamastik“

Eigentlich wollte ich mein Posting „Zwickmühle“ betiteln. Doch mir erschien der Begriff zu abgenutzt, und so hielt ich nach einem Synonym Ausschau: DilemmaKalamitätMisslichkeit, Not[lage], Problemsituation, Schwierigkeiten, VerlegenheitZwangslage; (gehoben) Bedrängnis; (bildungssprachlich) MalaiseMisere; (umgangssprachlich) BredouilleKlemmePatscheSchlamassel, Schwulitäten; (österreichisch, sonst landschaftlich) Schlamastik. Bei „Schlamastik“ konnte ich nicht widerstehen.

Neuerdings finden wir Humanisten (umgangssprachlich: „Gutmenschen“) uns immer wieder in Zwickmühlen. Wie sind wir da ‚reingetaumelt? Oder von „der Politik“ hinein geritten worden?

Beispiel eins –  das Thunberg-Dilemma:

Sie stehe für die Rettung des Klimas, der Menschheit, der Welt. Keiner dürfe dagegen sein. Sie stehe für Manipulation, Panikmache, den politischen Missbrauch Minderjähriger. Keiner dürfe dafür sein.

Der Humanist möchte beides: In Harmonie in einer gesunden Umwelt leben und zugleich frei von aller Manipulation sein. Doch genau das scheint nicht möglich zu sein, wenn  man im Thunberg-Dilemma gefangen ist .

Beispiel zwei –  das Jeanne d’Arc-Rackete-Dilemma

Sie stehe für die Rettung Schiffbrüchiger, ein leuchtendes Vorbild heroischer Menschlichkeit. Keiner dürfe dagegen sein. Sie stehe für Anarchie, Missachtung von Demokratie, Förderung von Schleuserkriminalität. Keiner dürfe dafür sein.

Der Humanist möchte beides: Für alle Menschen eine gute Lebensperspektive und zugleich Gesetzestreue in der lebendigen Demokratie. Doch genau das scheint nicht möglich zu sein, wenn  man im Sea-Watch-Dilemma gefangen ist.

Beispiel drei –  das Willkommenskultur-Dilemma

Man erinnert sich: Das hatte uns – damals zitterfrei – Kanzlerin Merkel 2015 beschert. Sie stehe für Menschlichkeit und Flüchtlingshilfe. Jeder müsse dafür sein. Wer nicht „Willkommen!“ tanzt, ist Nazi.

Der Humanist möchte beides: Flüchtlingen helfen und zugleich Schmarotzer oder gar Verbrecher abweisen. Doch genau das scheint nicht möglich zu sein, wenn  man in Merkels Willkommenskultur-Dilemma gefangen ist.

Mir fällt manche Gemeinsamkeit der drei Beispiele auf. (Und ich meine nicht, dass in allen drei Fällen die holde Weiblichkeit im Zentrum steht.) Muster wiederholen sich:

A – Es gibt ein dringendes humanitäres Problem. Ich, „Gutmensch“, spüre vielleicht mein Gewissen, tue aber nix.

B – Jemand ergreift offenbar/anscheinend eine persönliche Initiative, prescht vor, entschließt sich (ohne Rücksicht auf persönliche Kosten) zur moralischen Tat.

C – Aus seiner/ihrer ehrenwerten Aktion wird ein Fanal. Wie das? Der Zufall oder wer auch immer treibt Mächtige Multiplikatoren auf den Plan. Keine Thunberg ohne Davos, kein Rezo ohne Schroer, keine Heroine Rackete ohne Tagesschau und Böhmermann und und und.

D – Auf allen Kanälen, von allen Seiten, mit den Stimmen der honorigsten Leute (und mit Bildern, Bildern, Bildern), drischt eine ausgefeilte Erzählung auf mich ein. Die Falle ist sperrangelweit geöffnet. Nun könnt ihr mühelos aktiv werden, ihr Millionen Guten! Flott hineinspaziert!

Das Muster noch einmal verkürzt dargestellt: A – passiver Humanismus + B – aktivistisches Beispiel + maximaler Identifikationsdruck = wirklicher Scheinhumanismus.

Die Wurzel des Übels liegt in der ursprünglichen Passivität des Humanismus. Volker Brauns Frage nach dem Wirklichgewollten stellt er sich nicht. Eine Welt trennt ihn von Radikalität. Er ist in Wahrheit ein bürgerliches Meinen, dessen Hauptsorge die Verschönerung der keinesfalls zu verändernden Verhältnisse ist.

Die Verhältnisse der Menschen bewegen sich immer tiefer in die Krise. Sie brauchen immer dringender revolutionäre Erneuerung. Diese scheint nicht zu gelingen. Es scheint, dass die Zukunft eine langwährende Agonie bringen will. Manche Parallele zum Untergang des antiken Rom zeichnet sich ab.

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9 Antworten zu „Schlamastik“

  1. fidelpoludo schreibt:

    Zum „See-Watch-Dilemma“:

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  2. Detlev Matthias Daniel schreibt:

    Ich greife mal eine Aussage heraus: „Keine Thunberg ohne Davos, kein Rezo ohne Schroer…“ ?

    Oh doch. Oder willst du tatsächlich sagen, daß diese Menschen komplett fremdgesteuert oder gar fiktive Erzählungen sind, statt daß sie selbst etwas erzählen? Wollen wir uns darauf einigen, daß es beides gibt – deren Geschichte und die Geschichten, die uns andere über sie erzählen und dabei nicht selten nicht nur ihre Interpretationen sondern auch ihre Interessen da mit hineinpacken?

    Jeder Mensch ist beides: funktionierendes Rädchen im System und – zumindest potentieller – Störfaktor. Ich halte gegen diesen moralischen Rigorismus, der uns sagen will, du kannst nur eines sein – richtig oder falsch, und der jede autonome Entscheidung mittels dieser Generalisierung abschießen kann. Für den Erfolg dieser Strategie ist es egal, ob man Menschen durch Heraushebung ihrer Schwächen diskreditiert, oder ob man sie zu Helden heraufstilisiert. Denn es ist diese Betrachtungsweise, diese Art, die Menschen in Gänze einzuordnen und zu werten, die dafür die Munition liefert.

    Wer bereit ist, Idolen zu folgen und Unpersonen anzufeinden, ist zumindest eines: steuerbar. „Angenehmer“ Nebeneffekt ist, daß die normalen Menschen in dieser Perspektive überhöhter Leitbilder in ihrem eigenen Selbstverständnis politisch-gesellschaftlich unbedeutend und wirkungslos sind – und das sollen sie wohl bleiben.

    Ersetze die Formulierung „sie stehe für…“ durch „sie kämpft/handelt für…“ oder ein anderes, weniger zuschreibendes Verb und fort ist das Dilemma. Stattdessen kan man das eine würdigen und das andere ggf. kritisieren bzw. verbessern.

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    • kranich05 schreibt:

      Ein Unterschied unser beider Gedankengänge scheint mir zu sein, dass Du im wesentlichen EINE Qualität/Begrifflichkeit vor Augen hast – die menschliche, im Sinne von individuelle.
      Ich hantiere dagegen mit zwei VÖLLIG verschiedenen Qualitäten/Begrifflichkeiten – 1. der menschlichen, individuellen und 2. der sozialen oder politischen, jedenfalls überindividuellen.
      Das sind für mich VÖLLIG verschiedene Ebenen – die Person Greta Thunberg versus das soziale Ereignis oder das politische Phänomen namens „Greta Thunberg“.
      Mit der Lust zur Überspitzung möchte ich sagen: Beides hat so gut wie nix miteinander zu tun.

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      • Detlev Matthias Daniel schreibt:

        Interessanter Einwurf. Ohne mit Sicherheit sagen zu können, daß ich vollständig verstanden hätte, was genau du hier unterscheiden willst, würde ich zunächst aus meiner Sicht entgegnen, daß ich Dinge erst dann verstanden habe, wenn ich erkenne, was sie miteinander zu tun haben. Daß sie „so gut wie nix miteinander zu tun haben“, kann ich „so gut wie“ ausschließen.

        Welche Qualität der sozialen/politischen Ebene läßt sich nicht mit dem Begriff „Erzählung“ in meine – freilich etwas andere – Perspektive projizieren? Gesellschaftliche Ereignisse werden immer von Menschen, also von Individuen betrieben. Deren Bewußtsein mag unterschiedlich fokussiert sein (privat, politisch), ihr Handeln aber ist immer auch politisch in seinen Auswirkungen. Genau darum geht es mir, daß die Überzeichnung der politischen Bedeutung einer Person zugleich die Bedeutung der anderen schmälert, ob beabsichtigt oder nicht.

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        • fidelpoludo schreibt:

          Wenn das nicht der „moralische Rigorismus“, den Du zu kritisieren vorgibst! Wer überzeichnet denn die „poltische Bedeutung“ der Person? Die Mainstream-Medien & Davos oder wir? Lies doch bitte einmal „ihr“ Buch, bzw. das Buch ihrer Mutter über sie und mit ihr!
          https://vera-lengsfeld.de/2019/06/12/das-buch-zum-greta-phaenomen-eine-serie/

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        • fidelpoludo schreibt:

          https://vera-lengsfeld.de/2019/06/16/das-buch-zum-greta-phaenomen-svante-gretas-vater-der-eigentliche-schurke-im-stueck/
          „Zumindest eine ganz klar: Svante ist der Mastermind hinter der Greta-Kampagne. Malena beschreibt dies ziemlich plastisch. Auf dem Weg im Elektroauto mit Beata von Stockholm nach London und zurück – wegen Gretas (und Malenas) Anti-Flug-Obsession darf die Familie ja nicht mehr fliegen – beschallt von der Lieblingsband – Little Mix – seiner jüngeren Tochter, zu deren Konzert nach London der kleine Ausflug geht, hat Svante genug Zeit über seine Situation nachzudenken. Und er beschließt, dass es ihm reicht, dass er nur der Hausfrauenonkel im Hintergrund ist, der mit dem Geld seiner Frau den Weltrettungslebensstil seiner autistischen Tochter leben muss – in London beschließt Svante eine globale Weltklimarettungsbewegung loszutreten und die westliche Wohlstandswelt in die Mitverantwortung zu nehmen. Das nötige Rüstzeug hat er an der Hand: Trainiert durch die Erfahrungen mit dem doppelmoraldurchtränkten globalen Jet-set und die daraus erwachsenen persönlichen Katastrophen und mit der genialistischen Präzision seiner autistischen, älteren Tochter an der Hand, die im praktisch täglich erzählt, was die alarmistischen Szenarien der Klimaforschungsaktivisten konkret bedeuten müssten und als erfahrener Theater- und Opernmann erkennt er die ungeheurere Schwäche der momentanen westlichen Klimadiskussion – man kann nicht ständig vom Weltuntergang fabulieren und in der Realität alles praktisch unverändert weiterlaufen lassen.

          Und er hat auch ein massives finanzielles Interesse, eine Dimension, die bei Malena mit keinem Wort erwähnt wird. Svante hat die üppigen finanziellen Ressourcen der Familie dafür genutzt, als Investor in die Erneuerbare-Energie-Szene einzusteigen – genau die Szene, die ihm dann auch die noch nötigen Kontakte zur aktivistischen Klimaforschung und zu den NGO-Großkampagnenführern dieser Welt bringen.

          Und der Dürresommer 2018 gibt ihm eine super Steilvorlage. Und die anstehenden Wahlen in Schweden passen perfekt zum konkreten Alter, der Situation und den Wünschen seiner Tochter.“

          Er zögert keinen Moment, dieses Fenster der Gelegenheit zu nutzen.“

          Der „Mastermind“ hat – wie wir heute wissen – bei in der sozialen Hierarchie weit höher angesiedelten „Masterminds“ offene Türen eingetreten, was in den vorhergehenden Teilen der Besprechung des Buches nicht nur angedeutet wird.

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  3. fidelpoludo schreibt:

    „Aus seiner/ihrer ehrenwerten Aktion wird ein Fanal. Wie das? Der Zufall oder wer auch immer treibt Mächtige Multiplikatoren auf den Plan. Keine Thunberg ohne Davos, kein Rezo ohne Schroer, keine Heroine Rackete ohne Tagesschau und Böhmermann und und und.“

    Dazu passend Rainer Mausfeld:

    „Angsterzeugung ist ein Herrschaftsinstrument, und Techniken zum Erzeugen von gesellschaftlicher Angst gehören zum Handwerkszeug der Macht.“

    in:
    Angst und Macht – Herrschaftstechniken der Angsterzeugung
    https://kenfm.de/standpunkte-%e2%80%a2-angst-und-macht-herrschaftstechniken-der-angsterzeugung/
    dort auch:

    „Die Organisation einer »kapitalistischen Demokratie« ist also auf die Entwicklung geeigneter Techniken von Propaganda, Meinungsmanagement und Demokratiemanagement angewiesen, durch die sich die unaufhebbaren Widersprüche zwischen Kapitalismus und Demokratie verdecken lassen. Eine kapitalistische Demokratie kann es ohne massive Beeinflussung der öffentlichen Meinung und ohne systematische Erzeugung von Angst nicht geben. (…)
    In seinem 1995 erschienenen Klassiker „Taking the Risk out of Democracy“ stellte der bereits 1987 verstorbene Sozialpsychologe Alex Carey fest: »Das zwanzigste Jahrhundert war durch drei Entwicklungen von großer politischer Bedeutung gekennzeichnet: das Wachstum der Demokratie, das Wachstum der Unternehmensmacht und das Wachstum der Unternehmenspropaganda als Mittel zum Schutz der Unternehmensmacht vor der Demokratie.«[ix]“

    Ist Rainer Mausfeld jetzt frei nach Rüdiger Lenz (KenFM- Tagesdosis mit Gegengift gegen Mausfeld) ein „politischer Beeinflusser“, der „das freie Denken tötet“? Schon allein weil er es wagt, Karl Marx – den so schlimmen Finger nach Rüdiger Lenz – in dem höchst passenden Zusammenhang zu zitieren, weil er die Grundlinien der herrschenden Misere zu skizzieren wagte?

    „Die parlamentarische Republik war mehr als das neutrale Gebiet, worin die zwei Fraktionen der französischen Bourgeoisie, Legitimisten und Orleanisten, großes Grundeigentum und Industrie, gleich- berechtigt nebeneinander hausen konnten. Sie war die unumgängliche Bedingung ihrer gemeinsamen Herrschaft, die einzige Staatsform, worin ihr allgemeines Klasseninteresse sich zugleich die Ansprüche ihrer besonderen Fraktionen wie alle übrigen Klassen der Gesellschaft unterwarf.« (Marx, 1852, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte).“

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