Die Geschichte vom Löwen, der keine Maus sein wollte und der Katze, die eigentlich keine Freunde brauchte – 8. Kapitel, 9. Kapitel und Schluss

Die Katze mit den bernsteinfarbenen Augen

Immer öfter besuchte er jetzt die Katze mit den bernsteinfarbenen Augen. Sie empfing ihn immer ziemlich gnädig. Er sorgte dafür, dass die Dorfhunde ein bisschen mehr Respekt vor seiner Katze hatten und legte sich manchmal neben sie ins Gras und schaute ihr zu, wie sie Mäuse fing. Er lag dann auf dem Rücken und blickte in die Wolken und genoss es, einfach nur hier zu liegen und in die Luft zu gucken. Die Katze machte sich darüber lustig, denn sie war immerzu beschäftigt, obwohl man es ihr gar nicht ansah. Sie lag einfach da und schien zu schlafen, aber in Wirklichkeit lauerte sie mit großer Geduld den Mäusen in dieser Gegend auf.
„Ich kenne einen Fuchs, der frisst nur Mäuse, wenn er nichts anderes bekommt“, erzählte ihr der Löwe heute.
„Füchse sind widerliche Stinker. Ich möchte nicht mit ihnen verglichen werden. Ich bin eine Katze“, erwiderte die Katze stolz.
„Ja ich weiß,“ beteuerte der Löwe, „und eine sehr schöne Katze.“
Die Katze schloss die Augen und fing an zu schnurren. Der Löwe musste lächeln.
„Weißt du was? Ich habe neulich mit dir angegeben.“
„Wieso?“
„Ich habe gesagt, ich sei mit einer Katze befreundet, mit einer Katze mit bernsteinfarbenen Augen.
„So hast du das?“ Es klang misstrauisch „Und das stimmt, ich meine, das mit den bernsteinfarbenen Augen?“
Der Löwe bejahte heftig. Die Katze sah ihn lange an.
„Ich habe noch nie von einer Katze gehört, die einen Freund hatte. Wir sind Einzelgänger, weißt du.“
„Aber ich bin gerne hier bei dir. Ich wäre gerne dein Freund.“
„So, so“, sagte die Katze ein wenig spitz, legte ihren Kopf auf die Pfoten und schloss die Augen.

Es sah aus, als wollte sie einschlafen. Aber der Löwe blieb.
Nach einer kleinen Pause öffnete sie die Augen wieder, blinzelte den Löwen an und maunzte: „Gut, versuche es einfach mal. Kann ja nichts schaden.“ Und sie schloss die Augen wieder.

Der Löwe blieb ratlos sitzen. Was sollte er tun? Er war sich nicht sicher, ob sie ihn verstanden hatte. Vielleicht hatte sie wirklich kein Interesse an Freunden.
Schließlich ging er zögernd fort. Da sah er am Wegrand eine Maus sitzen. Mäuse würde er nie fangen, da wusste er Besseres. Aber diese hier war für seine Freundin. Er legte einfach seine mächtige Tatze auf die Maus, nahm sie auf, ging zurück und legte sie der Katze vor das Maul.

Als die Katze sah, was er ihr mitgebracht hatte, strich sie dem Löwen schmeichelnd um die Beine und meinte: „So ist das also, Freunde zu haben? Das lass ich mir gefallen Löwe.“

Nicht jeder Löwe ist auch ein netter Löwe

Auf der großen Wiese, auf der sich die Tiere alle trafen, hatten sich die Löwen eine Ecke abgeteilt, die für Löwen reserviert war. Dort trafen sie sich oft, unterhielten sich gelehrt und sehr laut. Andere Tiere wagten sich meist gar nicht erst in ihre Nähe.

Eines Tages, als unser Löwe bei den Löwen in der Löwenecke saß und mit ihnen Erfahrungen austauschte, näherte sich das Pferd dieser Wiesenecke. Es hatte seinen Löwenfreund von ferne dort gesehen und wollte ihn begrüßen.

Als es näherkam, bemerkte der Nachbar des Löwen, „Hey, guckt euch mal das Pferd an. Was will das hier. Ganz schön frech, das Tier!“
„Hallo Löwe“, rief das Pferd gut gelaunt, „Wie geht es dir? Ich habe dich von weitem gesehen und wollte dir nur guten Tag sagen!“
Die Löwen sahen sich befremdet an. Dass dieses Pferd es wagte, einen Löwen einfach so anzusprechen! „Wen meint es eigentlich?“ wollte der Löwe wissen, der das Pferd als erster gesehen hatte.
„Ich glaube, es meint mich!“, antwortete der Löwe schlicht, erhob sich und ging dem Pferd ein wenig entgegen.
„Hey, lange nicht gesehen!“, freute sich der Löwe. „Komm doch ein bisschen rüber zu uns!“, schlug er vor.
Das Pferd schüttelte seinen Kopf, dass die Mähne hin und her flog. „Lieber nicht Löwe, ich glaube, deine Kumpel wollen keine Pferde in ihrer Löwenecke haben. Ich sage dir nur schnell „Guten Tag!“ und verschwinde wieder“, flüsterte das Pferd.
„Ach was für ein Unsinn!“, lachte der Löwe. „Du bist doch auch ein Tier wie wir und auch ein ganz schön großes dazu!“
Aber das Pferd schüttelte besorgt seinen Kopf, verabschiedete sich und galoppierte wieder davon.
Unser Löwe trottete nachdenklich zu den anderen Löwen zurück.
Als er dort angekommen war, schwiegen die Löwen und sahen ihn herausfordernd an.
„Du bist mit dem befreundet?“, fragte schließlich einer der Löwen ungläubig.
„Warum denn nicht?“, meinte der Löwe unbefangen. „Es ist ein nettes Pferd. Wir hatten mal einen Streit, aber wir haben uns wieder vertragen. Ich wollte eigentlich, dass es mal herein kommt zu uns, ich hätte es euch gerne vorgestellt.“
„Was fällt dir denn ein, ein primitives Pferd hier in unserer Residenz!“, schimpfte jetzt einer der Löwen. Und auch andere Löwen brüllen empört auf.
„Habt ihr was gegen Pferde?“, fragte unser Löwe irritiert und erhob sich in ganzer Gestalt.
„Komm, Alter, reg dich nicht auf!“, beruhigte ihn ein anderer Löwe. „Der Norbert ist immer so empfindlich, wenn es um seinen Stolz geht.“

Aber unser Löwe konnte nicht verstehen, was in die brüllenden Löwen gefahren war.
„Ich habe so viele nette Tiere kennen gelernt, seit ich ein richtiger Löwe bin“, konterte er. „Wir können uns als Löwen doch hier nicht aufspielen, als wären wir die Könige der Tiere!“
„Hör mal gut zu, mein Lieber: Wir sind die Könige der Tiere!“, belehrte ihn Norbert mit erhobener Stimme.
„Ach, das ist doch nur so eine alte Sage“ , meinte ein junger Löwe, einer von denen, die nicht gebrüllt hatten und sich jetzt neben unseren Löwen stellten, als wollten sie ihn beschützen.
„Von wegen, Sage! Das gilt heute so wie schon immer. Was seid ihr doch für verweichlichtes Pack!“, brüllte Norbert jetzt empört.
Die Löwen stritten. Bald stellten sich noch andere Löwen auf Norberts Seite, einige wiederum unterstützten unseren Löwen. Es entstand ein ziemliches Gebrüll auf der Wiese, das man bis zum Dorf hören konnte. Die anderen Tiere verkrochen sich vor Schreck in die hintersten Winkel.
Aber schließlich waren auch die Löwen das Brüllen und Streiten leid und einer nach dem anderen ging seiner Wege.
Bevor er ging, trat Norbert noch einmal an unseren Löwen heran, hob seine Pranke und drohte:
„Was bist du eigentlich für einer? Kommt daher, macht hier den Schlauen und dann fängt er an, ganz neue Sitten einzuführen. Wer hier nicht König sein will, der ist auch kein Löwe, verstanden!“
Unser Löwe lächelte. Das konnte ihm keiner mehr erzählen! Er schaute Norbert nachdenklich hinterher und schüttelte seinen Kopf. Eigentlich hatte er gedacht, alle Löwen seien edle Tiere. Aber so einfach war die Welt wohl doch nicht. „Wie kann ein Löwe so dumm und gemein sein“, stellte er ernüchtert fest.
„Aber nicht alle denken so“, flüsterte der junge Löwe, der die ganze Zeit an seiner Seite gestanden hatte. Es gibt eben solche und solche Löwen. Aber du bist nicht alleine.“
„Danke,“ erwiderte der Löwe freundlich

Dann trennten sie sich für diesen Tag. Der Löwe wollte alleine sein und über sein Erlebnis nachdenken. Warum meinten die Löwen, sie seien was Besseres? Er hatte immer ein Löwe sein wollen, aber einfach nur deshalb, weil er im Spiegel sehen konnte, dass er einer war. Und nun kam auf einmal dieser Norbert daher, der meinte, er sei überhaupt kein Löwe, weil er nicht König der Tiere sein wollte! Wie merkwürdig!

Freunde können klein sein und auch groß.

Hauptsache es sind Freunde

Der Löwe hatte Sehnsucht nach seiner Katze.

„Hast du wieder eine Maus für mich“, empfing sie ihn.
„Nein, heute nicht, aber ich möchte dir etwas erzählen!“
„Na gut, dann erzähl mal. Ich höre“, schmunzelte die Katze, legte sich bequem hin und schloss die Augen.
Und er erzählte der Katze die ganze Geschichte mit dem Pferd und Norbert von vorne bis hinten.
Einmal unterbrach die Katze seine Rede und rief: „So eine Gemeinheit! Das Pferd ist doch auch ein respektables Tier“, und der Löwe nickte zufrieden.

Aber als er fertig war, öffnete die Katze nach einer kleinen Weile ihre bernsteinfarbenen Augen und fragte:
„Sind die anderen auch deine Freunde?“
„Wen meinst du denn?“, fragt der Löwe etwas verwirrt. „Meinst du etwa Norbert? Der wird sicher niemals mein Freund werden,“ versicherte er dann.
„Den meine ich doch nicht. Ich meine das Pferd und den jungen Löwen, der zu dir gehalten hat.“
Der Löwe dachte eine Weile nach. Dann sagte er bedächtig:
„Ich denke schon.“
„Ich dachte, ich wäre deine Freundin“, murrte die Katze.
„Aber das bist du ja auch, Katze mit den Bernsteinaugen, du bist meine allerliebste und beste Freundin“, strahlte der Löwe die Katze an. Und als er smerkte, dass die Katze enttäuscht war, fügte er hinzu: „Man kann doch mit mehreren Tieren befreundet sein, weißt du das nicht?“ Die Katze sah ihn überrascht an.
„Wirklich?“ jubelte sie dann und sprang auf die Beine. „Super, super, das ist ja toll! Weißt du, ich habe mir schon seit Tagen den Kopf zerbrochen, wie ich es dir beibringen soll: Stell dir vor, ich habe mich vor ein paar Tagen mit dem Welpen von unserem Hofhund befreundet. Sein Alter ist natürlich stink sauer, aber mein Freund entwischt immer wieder und wir treffen uns dann in einem Versteck hinter dem Stall und spielen dort fangen. Er ist so ein lustiger Kerl. Und er hat überhaupt nichts gegen Katzen.“

Der Löwe schwieg.

„Siehst du, jetzt bist du doch traurig“, seufzte die Katze.
„Ja, ein kleines bisschen“, gab der Löwe zu. „Aber nur ein bisschen. Kannst du mir auch mal das Versteck zeigen?“ fragte er dann.
„Gerne lieber Löwe, aber ich fürchte, der Eingang ist so klein, da passt nicht einmal dein Kopf durch“ gab die Katze zu bedenken.

Der Löwe dachte eine Zeit lang nach.
„Na, gut, dann lass ich euch beiden mal euer Versteck und wir beide, wir treffen uns eben immer hier. Oder hättest du vielleicht auch Lust, mit mir spazieren zu gehen? Ich kenne da eine Ecke, dort hinter dem Wald, da wohnen massenhaft Mäuse.“

Und die beiden zogen los.

 

Notiert von Paspa

Zu den anderen Kapiteln dieser Geschichte geht es hier.

Dieser Beitrag wurde unter Kunst, Leben, Literatur, Mensch abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s