Traurig in Sevilla (Wenzel)

Wir gingen zum Ostermarsch. Zu dritt. Wir fuhren von Oranienburg nach Berlin. Es würden nicht viele kommen. Obwohl doch viele, viele Zehntausend, eigentlich Hunderttausende für den bedrohten Frieden eintreten müssten. Vor dem traditionsreichen Theater hatte sich eine überschaubare Menge versammelt. 1000 Leute? Ein großes Sammelsurium von Organisationszeichen war zu sehen, auch etliche von Aufstehen. Es wurde geredet. Die Verstärkeranlage war schwach. Auch wer in der Nähe stand, konnte nicht alles verstehen. Die Redner sagten, dass ihnen die Worte wie Asche im Mund seien. Ein alt gewordener Liedermacher sang sein altes Lied. Ich traf einige Freunde und viele Bekannte. Ich erwarte mit Schrecken den Tag einer berlinweiten Demo, bei der ich nur noch Bekannte treffe. Ich teilte Informationszettel aus und nahm Informationszettel entgegen. Dann gingen wir durch die Straßen. Teils bildeten sich sehr große Abstände, so dass der Zug imponierend lang aber irritierend dünn wurde. An etlichen Straßenkaffees vorbeikommend, legte ich den Leuten Informationszettel – „Ostergeschenke“ – auf ihre Tische. Viele bedankten sich. Wir trugen unser Transparent und achteten darauf, dass der Stoff nicht schlapp durchhing. Es wurde unglaublich viel fotografiert und gefilmt. Manche Demoteilnehmer beeindruckten mich. Eine junge Frau, an deren Seite ein Blinder ging (offenbar ein Migrant), hielt die ganze Zeit mit schlanken, nackten Armen ein handgemaltes Schild hoch erhoben, dass auf die verderbliche Rolle der Geheimdienste aufmerksam machte. Wäre ein Diogenes aufgetaucht, mit der Laterne in der Hand, ich hätte mich nicht gewundert. Auch der Satz von Brecht von den Unverzichtbaren fiel mir wieder ein. Die Abschlusskundgebung empfand ich als zwiespältig. Ein Chilene, vorgestellt als in Viktor Jaras Tradition stehend, spielte auf der Gitarre und sang; natürlich auf spanisch, in der Solidaritätssprache meiner jungen Jahre.  Er spiele ein längeres, ziemlich kompliziertes, meditatives Stück. Es war wohl gute Musik, passte dort aber überhaupt nicht. Die Abschlussrede erschien mir als unerträglich lang. Vielen Anderen wohl auch. Die Menge wurde unaufhaltsam zum Häuflein. Die Rednerin sagte, dass sie immer wieder die Asche in ihrem Mund verspüre. Sie wiederholte, in wohlgesetzten Worten, was alle wussten und teilten. Zuspitzungen wusste sie zu vermeiden. Sie war blond und von Kopf bis Fuß rot gekleidet. Ich wunderte mich, dass die Leute um mich herum, obwohl kaum zuhörend, immer an den richtigen Stellen klatschten. Mich hat der Abschluss ermüdet und etwas ärgerlich gemacht. Mein Mit-Transparentträger wollte das nicht teilen. So stritten wir uns zum Schluss. Zu Hause verkündete ich, dass ich nach meinem 80. Geburtstag endgültig zu keiner Demo mehr gehen würde. Danach aber schränkte ich ein, dass aus besonderem Anlass vielleicht nochmal ’ne Ausnahme möglich wäre. Dann also definitiv nach dem 90.?

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Eine Antwort zu Traurig in Sevilla (Wenzel)

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