Die Geschichte vom Löwen, der keine Maus sein wollte und der Katze, die eigentlich keine Freunde brauchte – 7. Kapitel

Ein Löwe ist ein Löwe, und ein Fuchs ist ein Fuchs

Dem Löwen ging es immer besser. Allmählich vergaß er seine ständige Angst, die Leute könnten in ihm keinen Löwen sehen. Warum auch? Schließlich war er ja einer und damit war alles klar. Wenn er zu anderen Tieren kam, achtete er nicht mehr darauf, wie die anderen mit ihm umgingen. Er dachte auch nicht mehr darüber nach, was sie wohl über ihn dachten und er überlegte nicht mehr ständig, ob sie ihn bemerkten und ob sie ihn bewunderten. Dazu hatte er jetzt weder die Zeit noch Lust. Endlich konnte er in Ruhe die Welt und all die die anderen Tiere betrachten, ihnen zuhören und mit ihnen schwatzen.

Er lernte viele neue Tiere kennen und unterhielt sich mit ihnen. Bald kannte er auch alle ihre Sorgen, ihre Wünsche und geheimen Freuden. Früher hatte ihm nie jemand seine Geschichte erzählt.
Da war ein zotteliger, schwarzer Hund, der seinem Herrchen weggelaufen war, weil der ihm verboten hatte, aufs Sofa zu springen. Er war der Meinung, das sei sein gutes Recht, denn in der Familie, zu der er früher gehört hatte, durfte er das auch. Nun lebte er auf der Straße und hatte kaum etwas Vernünftiges zu beißen, niemand bürstete sein Fell und er musste sich Tag und Nacht mit anderen Hunden um das bisschen Fressen streiten. Er sehnte sich heimlich nach seiner Hundedecke in der Wohnzimmerecke, aber er wollte es nicht zugeben. Der Löwe hatte ihm lange zugehört und fragte dann: „War denn die Hundedecke nicht auch ein bisschen weich?“ Der Hund knurrte verächtlich: „Nicht so weich wie das Sofa.“ „Aber du bist traurig, dass du nicht mehr bei deinen Menschen sein kannst, das sehe ich dir doch an“, murmelte der Löwe. „Ich vermisse Tom, weißt du. Das ist der Junge in der Familie. Wir hatten so einen Spaß!“, seufzte der Hund. Der Löwe überlegte.
„Was ist dir wichtiger, Tom oder das Sofa“, fragte der Löwe schließlich und sah den Hund aufmerksam an. Der Hund machte vor lauter Nachdenken sein Maul ganz weit auf, dann wedelte er plötzlich mit seinem Schwanz, drehte sich um und verschwand hinter der Wegbiegung.

Einmal traf der Löwe eine Wildsau mit ihren Jungen. Er sah zum ersten Mal, dass die kleinen Wildschweine Streifen haben. Da musste er laut lachen. Die Sau sah ihn misstrauisch an. „Frisst du etwa kleine Schweine?“, fragte sie beunruhigt. Aber der Löwe erklärte ihr, dass er ihre Kinder nur niedlich fände, sie aber natürlich nicht essen wollte. Er sei ein gutmütiger Löwe und keiner müsse Angst vor ihm haben. Und er erzählte der Sau die Geschichte von dem verängstigten Maulwurf und sie lachten beide sehr. Seitdem kam die Sau mit ihren Jungen ganz zutraulich zu ihm, wenn sie sich sahen und sie schwatzten jedes Mal über die Kinder der Sau und das Wetter.

Auch das Pferd lernte er näher kennen und stellte fest, dass es gar nicht so dumm war, wie er immer gedacht hatte. „Weißt du“, vertraute es ihm an, als sie sich schon mehrfach draußen auf der Weide miteinander unterhalten hatten, „natürlich habe ich von Anfang an gesehen, dass du ein Löwe bist.“
„Und warum hast du so getan, als wäre ich keiner?“, fragte der Löwe interessiert.
„Du bist mir jetzt aber nicht böse, wenn ich das so sage: Ihr Raubtiere seid immer so arrogant. Jedenfalls dachte ich bei mir: ‚Dem will ich es mal zeigen!‘ Ich wollte dich nur ein bisschen ärgern.“
„Aber da bist du wirklich an den Falschen geraten“, schüttelte der Löwe sein Haupt. „Du weißt gar nicht, wie sehr mich das damals getroffen hat. Und er erzählte dem Pferd seine ganze traurige Geschichte. Und ich bin nicht wütend geworden, sondern war ganz verzweifelt, weil ich selbst gar nicht geglaubt habe, dass ich ein Löwe bin.“
„Tut mir leid“, hustete das Pferd. „Das konnte ich ja wirklich nicht ahnen.“
Der Löwe schwieg, aber er wunderte sich in seinem Innersten doch sehr, dass er sich von diesem Pferd hatte so sehr verunsichern lassen. Ganz schön frech, dieser vierbeinige Polstersessel, dachte er grimmig. Und plötzlich kam ihm eine Idee:
„Was ist das denn, Pferd, du hast ja fünf Beine!“ rief er plötzlich aus, als sei er furchtbar erschrocken. Das Pferd starrte ihn verwundert an.
„Tatsächlich?“, fragte es ungläubig. Es sah an sich herunter und fragte leise: „Ist das schlimm?“ Das Pferd wieherte traurig: „Vielleicht mag mich die Stute vom Nachbarhof deswegen nicht.“
„Rein gelegt, reingelegt“, der Löwe lachte schallend. „Jetzt sind wir quitt!“, rief er vergnügt aus. Dann aber sah er, was er angerichtet hatte und entschuldigte sich.
Das Pferd wiegte seinen großen Kopf hin und her und meinte: „Also stimmt es gar nicht? Da bin ich aber froh. Fünf Beine für ein Pferd, ich glaube, das wäre nicht so gut. Aber weißt du, ich kann sowieso nicht zählen.“ Und es grinste den Löwen freundlich an. Und sie blieben Freunde.

Einmal kam der Löwe dazu, als eine Gruppe Gänse auf einer fetten Wiese herumschnatterte. Als sie den Löwen kommen sahen, erhoben sie sich in die Luft und flogen mit lautem Gekreische fort. „Ich wollte euch doch nur kennen lernen“, rief er ihnen verärgert nach. Aber sie hörten ihn nicht. „Dumme Gänse!“ schimpfte er vor sich hin. Zu gerne hätte er sich auch einmal mit diesen interessanten Tieren unterhalten.
„Die sind überhaupt nicht dumm!“, hörte er hinter sich eine Stimme. Er drehte sich um. Hinter ihm stand ein Fuchs, der sich die Lefzen leckte. „Ich liege hier schon den halben Tag auf der Lauer. Bisher hatten sie mich nicht bemerkt. Aber dich haben sie natürlich sofort gesehen. Und da sie klug sind, sind sie auf der Stelle abgehauen! So ein Mist, jetzt habe ich nichts zu Abend zu essen“, schimpfte der Fuchs.
„Du frisst Gänse?“, staunte der Löwe.
„Du etwa nicht?“, konterte der Fuchs. „Du bist doch auch ein Raubtier und wir essen nun mal keine Butterblumen, Kollege.“
Der Löwe dachte an die blaue Glockenblume, die so gerne gelb sein wollte und erzählte dem Fuchs diese Geschichte. Der staunte. Vor allem aber staunte er wohl über den Löwen, der sich für blaue und gelbe Blumen interessierte. Aber dann meinte er, „Nichts für ungut. Ihr Löwen könnt vielleicht tagelang mit leerem Bauch herumlaufen, ich muss sehen, dass ich wenigstens noch ein paar Mäuse kriege.“

 

Notiert von Paspa

Zu den anderen Kapiteln dieser Geschichte geht es hier.

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