Die Geschichte vom Löwen, der keine Maus sein wollte und der Katze, die eigentlich keine Freunde brauchte – 6. Kapitel

Zurück unter die Tiere

Er ging zurück zu den Tieren, von denen er vor einem Jahr so verzweifelt fortgegangen war.
Als erstes begegnete er dem Pferd. Er grüßte es höflich und fragte, ob das Gras schon wieder richtig frisch schmecke in dieser frühen Jahreszeit. Das Pferd sah ihn verwundert an.
„Danke!“, kaute es und hob dann seinen großen Kopf. „Wir kennen uns doch, oder?“, fragte es interessiert. „Und jetzt sehe ich es, du bist ja auch ein Löwe. Na so was, war mir vorher gar nicht aufgefallen.“
„Macht doch nichts! Wir sind doch alle nur Tiere, nicht wahr?“, lächelte der Löwe großmütig.

Und dann kam der Moment, wo er an eine Gruppe von drei Löwen herantrat, die miteinander ins Gespräch vertieft waren. Er stellte sich wieder dazu und versuchte, an dem Gespräch teilzunehmen und in die kleine Gruppe aufgenommen zu werden. Es war zunächst alles genau wie im Vorjahr. Niemand bemerkte ihn, ja es war auch heute so, als rückten sie noch dichter zusammen, um ihn zu vertreiben. Aber dieses Mal würde er nicht klein beigeben!
Sie sprachen vom letzten Sommer und wie lange sie noch hatten jagen können, bevor der Wintereinbruch gekommen war. Ein anderer erzählte darauf hin, dass er mit seiner Frau im letzten Winter eine fantastische Höhle zum Überwintern gefunden hätte, in die er im nächsten Jahr unbedingt wieder einziehen wollte.
Und so ging es immer weiter. Niemand nahm von ihm Notiz. Der Löwe überlegte schon, ob er sich nicht doch einfach unbemerkt zurückziehen sollte. Da hörte er den einen Löwen erzählen, dass es jetzt im nahegelegenen Zoo freie Plätze für obdachlose Löwen im Winterhalbjahr gäbe und er sich das neulich einmal unverbindlich angeschaut hätte. „Gar nicht so übel“, bemerkte er. „Das Futter kommt garantiert und warm ist es auch“.
„Aber die Freiheit, mein lieber, wo bleibt da die Freiheit?“, fiel sofort ein anderer Löwe alarmiert ein.
Da kam ihm eine Idee.
„Ihre Freiheit ist ihnen also am wichtigsten, Kollege? Das finde ich äußerst interessant!“, wandte er sich an den Löwen, der es vorzog, seine Winter in einer zugigen kalten Höhle zuzubringen.
„Allerdings!“, betonte der sofort und blickte irritiert auf, weil er erst jetzt merkte, von wem diese Worte gekommen waren. „Sie ist mir über alles wichtig. Schließlich bin ich ein Löwe“, fügte er hinzu und sah unseren Löwen mit großem Nachdruck an. „Sie als Löwe müssten das doch genauso empfinden.“
„Sicherlich, natürlich“, sagte unser Löwe besänftigend. „Aber es gibt da offenbar ganz verschiedene Auffassungen von der Freiheit. Ich traf neulich einen Bären, der liebte ein kleines Mädchen und wollte nichts sein als ihr Teddybär. Also ließ er es sich gefallen, dass er nachts in ihrem Bett schlafen und den ganzen Tag auf einer Kommode im Kinderzimmer sitzen sollte.“
„Hört, hört! Und das fand er gut?“, fragte der andere Löwe ungläubig, aber interessiert.
„Ja, er war ganz entzückt von seinem neuen Leben und pries es als die neue Freiheit, von der er bisher noch nichts gewusst hatte.“
„Wie erstaunlich!“, meinte der dritte Löwe. „Aber schließlich war es ein Bär. Das ist kein Löwe“.
„Sehr richtig Herr Kollege, sehr richtig. Ich würde eine solche Definition von Freiheit für mich als Löwen strikt ablehnen“, bemerkte der erste.
„Aber wenn er doch glücklicher war als zuvor?“, gab der zweite der Löwen zu bedenken und wandte sich jetzt wieder an den neuen Löwen.
„Was meinen denn Sie, Herr Kollege, Sie scheinen ja in der Tierwelt herumgekommen zu sein. Wie sehen Sie das? Wären auch Sie bereit, ihre Freiheit für die Liebe eines kleinen Menschenmädchens aufzugeben?“
„Vielleicht“, sagte unser Löwe und wiegte seinen Kopf nachdenklich hin und her „Ich kenne da eine Katze, um es genauer zu sagen, wir sind befreundet…“
„Ach, kommen sie doch Herr Kollege, lassen sie uns dort hinübergehen, da sitzt man gemütlicher und ich spendiere eine Runde Kaffee. Und erzählen sie, was ist das für eine Katze, keine gewöhnliche Katze, oder?“
Nun gingen sie alle vier hinüber zum Tisch.
„Es ist eine Katze mit bernsteinfarbenen Augen“, nahm der neue Löwe den Faden wieder auf. Und sie fing Mäuse.“
„Interessant! Was sie nicht sagen. Aber tun sie das nicht alle?“
„Und dann?“ Sie hingen jetzt alle drei an seinen Lippen.
„Haben Sie mal beobachtet, wie Katzen das machen? Sehr elegant! Wirklich sehr effektiv auch. Einfach bewundernswert. Ich muss sagen, diese Katze hat mich beeindruckt.“
„Ja gut, das mag ja für eine Katze gelten. Aber Mäuse, Kollege, wer mag schon Mäuse?“, fragte einer der drei Löwen.
„Vielleicht war ich selbst mal eine kleine Maus?“, scherzte unser Löwe galant.
„Sie, aber um Himmelswillen, das wäre doch das Letzte was man so denkt, wenn man sie sieht mit ihrem prächtigen Fell und diesem Löwenkopf! Ein guter Witz, Kollege. Selten so gelacht!“
Sie schlugen sich auf die Schenkel und brüllten lauthals los. Als sie aufgehört hatten zu lachen sagte der neue Löwe:
„Im Grunde sind sie sehr niedlich und flink, die Mäuse. Aber ich gönne sie den Katzen“.
„Sehr großzügig von Ihnen, Herr Kollege, wirklich sehr großzügig! Das ist wirklich ein guter Witz!“

Und die Löwen lachten weiter und fanden, dieser neue Kollege sei doch wirklich ein wunderbarer Unterhalter.

 

Notiert von Paspa

Zu den anderen Kapiteln dieser Geschichte geht es hier.

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